Kritisch mit sich selbst sein: Geht’s ums Ego, oder ist es wirklich Liebe?

  • Wer frisch verliebt ist, fühlt sich manchmal wie im Drogenrausch, meint Christian Hemschemeier.
  • Dabei fällt es schwer, objektiv zu sein, schreibt der Paartherapeut in der Kolumne „Auf der Couch“.
  • Dennoch sollten wir uns selbst überprüfen: Empfinden wir tiefe Gefühle für unseren neuen Partner oder unsere neue Partnerin – oder lieben wir nur, dass er oder sie in uns verliebt ist?
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Verliebt sein ist eines der schönsten Gefühle, die wir kennen! Wir sehnen uns danach oder denken mit Freude an die Zeit der anfänglichen Verliebtheit zurück. Wenn wir verliebt sind, befinden wir uns im Ausnahmezustand. Unter anderem der Dopamin-Level steigt und wir fühlen uns manchmal entsprechend wie im Drogenrausch.

Dieser Ausnahmezustand kann aber auch unendlich anstrengend und kräftezehrend sein. Wir können nicht mehr schlafen, essen unregelmäßig, arbeiten nicht mehr konzentriert und sind gedanklich die ganze Zeit bei dem oder der anderen. Dabei haben wir das Gefühl, nur noch mit diesem einen Menschen Zeit verbringen zu wollen.

Das idealisierte Ich

Aber geht es wirklich um den Menschen selbst? Wir kennen uns doch anfangs kaum. Es gibt wenige verbindende Erlebnisse. Wir haben noch keine Krisen durchgestanden, haben uns noch nicht wirklich unterstützt oder wurden unterstützt.

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Ich stelle mal die These auf, dass man beim Verliebtsein immer auch ein wenig verliebt in sich selbst ist. Oder, anders gesagt: In keiner Zeit sonst wird das Ego so sehr gefüttert wie in der Zeit, in der jemand in uns verliebt ist. Wir lieben es, dass der andere uns liebt oder in uns verliebt ist! Wir werden durch das Gegenüber gespiegelt und erfahren unendlich viel Wertschätzung. Wenn nicht gleich, wie in toxischen Beziehungen, die Kritik kommt, wird man idealisiert und vom anderen so gesehen, wie man sich vielleicht selbst gerne sehen würde.

Jeder hat Ecken und Kanten

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Damit will ich das Verliebtsein natürlich nicht schlechtmachen. Es ist wichtig, dass wir anfangs richtig verknallt sind. Es sollte sich richtig und gut anfühlen! Man sollte den Menschen wollen und gewollt werden. Diese Gedanken sollen uns nur davor schützen, diesen Zustand – und letztlich auch den Menschen, in den wir verliebt sind – nicht überzubewerten.

Wir sind alle Menschen und haben unsere Ecken und Kanten. Oder, wie ich auch gerne sage: Irgendwo gibt es sicher einen Ex oder eine Ex, der oder die froh ist, dass er oder sie nicht mehr in einer Beziehung mit diesem Menschen ist. Ob eine Beziehung wirklich Bestand hat, zeigt sich erst deutlich später, nämlich etwa nach 200 Tagen.

Passt es wirklich?

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Vorher geht es darum, den Partner richtig kennenzulernen und auch zu testen, ob es wirklich passt. Wenn die Verliebtheit zu sehr „reinknallt“, übersehen oder entschuldigen wir zu schnell toxische Verhaltensweisen. Geht es wirklich um das Gegenüber oder fühlt es sich so vertraut an, weil wir diese Charakterzüge oder Verhaltensweisen von Menschen aus der Vergangenheit kennen?

Wenn es sich aber um ein Verliebtsein handelt, welches im Idealfall zu einer längeren, schönen Beziehung führt, kann einen das gute Anfangsgefühl ewig tragen. Die Erinnerungen an die Geschichte des Kennenlernens, an die verrückten Aktionen oder Unternehmungen in der Verliebtheitsphase können auch nach Jahren und in Krisen heilsam und versöhnlich sein.

Man erinnert sich gemeinsam daran, wie alles angefangen hat. Wie harmonisch man im Umgang miteinander war und theoretisch sein kann. Daran können Paare dann gegebenenfalls wieder anknüpfen.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Vom Opfer zum Gestalter – Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist in allen Buchhandlungen erhältlich. In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Experten zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit.

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