Gefangen zwischen Elternrolle und Partnerschaft

  • Marga Bielesch und Daniel Konermann arbeiten als Paartherapeuten.
  • Im neuen Format "Eltern sein, Paar bleiben" beantworten sie die Fragen unserer Leserinnen und Leser rundum Familie, Elternrolle und natürlich Beziehung.
  • Zum Auftakt haben wir mit den beiden über die Liebe, ewige Streitereien und wesentliche Beziehungstipps gesprochen.
Birk Grüling
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Wie arbeiten Paartherapeuten?

Daniel Konermann: Im Prinzip ähnlich wie Einzeltherapeuten auch, alles beginnt mit den Anliegen - die Paare müssen erst einmal ein gemeinsames Ziel finden. Ist das formuliert, gibt es verschiedene Möglichkeiten dorthin zu gelangen - Übungen und Musterunterbrechungen, mit denen Paare auch zu Hause etwas Neues ausprobieren können. Für viele ist das Experiment, auch einmal die Perspektive des Partners einzunehmen, schon herausfordernd. Die Wahl der Mittel ist individuell, ein Ziel ist dabei immer das Gleiche: Wir wollen Paare wieder in den Austausch bringen. Und dafür müssen sie miteinander darüber sprechen, was ihnen wirklich am Herzen liegt, und aufhören, sich ständig zu rechtfertigen.

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Marga Bielesch: Ich finde es wichtig, nicht nur wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, sondern auch wieder ins Fühlen. Dafür gibt es ganz viele Übungen, die ermöglichen, die eigene Gefühlswelt auszudrücken und die seines Partners wieder besser wahrzunehmen.

Wie ausweglos ist die Situation, wenn die Paare zu Ihnen kommen?

Marga Bielesch: Meistens kommen Paare zu mir, die ihre Konflikte nicht mehr konstruktiv lösen können und nur noch mit Vorwürfen um sich werfen. Auslöser kann ein Vertrauensbruch wie ein Seitensprung sein, aber auch ein chronischer Konflikt, der immer wieder auftaucht. Meistens sind die Paare schon so festgefahren, dass sie gar nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen. Impulse von außen sind dann oft die einzige Chance, die Beziehung noch zu retten. Paare, die einfach zum Paartherapeuten gehen, um an ihrer Beziehung zu arbeiten, sind eher selten.

Zur Person: Marga Bielesch ist Paartherapeutin und lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Weimar. In ihrer Praxis begleitet sie Paare und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Sie ist Mitgründerin der THEKLA -Thüringer Eltern Kind Lern und Aktivkurse. © Quelle: Susann Mueller
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Daniel Konermann: Das ist eigentlich schade, denn die Paare die eher früh und „ohne große Not“ zum Therapeuten gehen, haben oft sehr gute Verläufe. Ich erlebe es aber immer wieder, dass häufig die Frauen lange auf ihren Partner einreden müssen, bis sich das Paar endlich Hilfe holt. Nach ein, zwei Sitzungen wird dann manchmal klar, dass die Frau im Laufe des langen „vor die Wand laufens" schon innerlich mit der Beziehung abgeschlossen hat und eigentlich nicht mehr mit im Boot ist. Dann kommt auch eine Paartherapie zu spät.

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Marga Bielesch: Das stimmt. Gleichzeitig ich habe aber das Gefühl, dass wir gerade einen gesellschaftlichen Wandel erleben. Ich sehe viele junge Paare, die aktiv an ihrer Beziehung arbeiten und viel in eine stabile und langfristige Bindung investieren – auch wenn sie nicht immer zu einem Paartherapeuten gehen.

Einen Umbruch erlebt jede Beziehung, wenn aus Paaren Eltern werden. Worin bestehen die Herausforderungen?

Daniel Konermann: Eine große Umstellung ist die „Verknappung der Ressourcen“. Wir bekommen weniger Schlaf, sprechen seltener mit anderen Menschen, verlieren ein wenig den Anschluss zur Welt dort draußen. Man lebt mit einem Baby oft in seinem Mikrokosmos. Auch gemeinsame Zeit wird weniger. Man hat keine inneren Kapazitäten, um sich wieder als Paar zu fühlen oder geschweige denn Lust aufeinander zu haben.

Zur Person: Daniel Konermann ist psychologischer Psychotherapeut und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Heidelberg. Er hat eine Praxis für Einzel- und Paartherapie und gibt regelmäßig Fortbildungen zum Thema Achtsamkeit & Burnoutprophylaxe. © Quelle: Thilo Ross

Marga Bielesch: Wie ein Paar mit dieser neuen Lebenssituation umgeht, ist sehr unterschiedlich. Viele gehen voll in der neuen Elternrolle auf. Für andere ist das Gefühl, keinen eigenen Raum mehr zu haben, fast unerträglich. Daraus entstehen schnell Konflikte und Streitigkeiten. Dazu kommt die große Unsicherheit. Niemand kann einem auf der Elternsein vorbereiten. Ein kleines Kind stellt uns fast täglich vor Herausforderungen. Auch die Rolle als Papa oder Mama ist neu und man weiß nie, wie man selbst reagiert.

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Daniel Konermann: Die Elternrolle bringt oft auch eigene frühkindliche Erfahrungen zu Tage, die man selbst lange verdrängt hat. Wenn Paare entdecken, wie unterschiedlich diese Prägungen und Wertvorstellungen in Sachen Familie und Erziehung sind, führt das auch zu Irritationen.

Wie seid ihr persönlich mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Daniel Konermann: Auch bei uns schrumpfte die exklusive Paarzeit zeitweise auf ein Minimum und wir mussten uns neu organisieren. Als Selbstständiger kann ich gut über meine Zeit bestimmen. Das war eine große Hilfe. Zum Beispiel gab es einen freien Vormittag. Wir konnten mal in Ruhe zusammen frühstücken, in die Natur gehen oder einfach wichtige Dinge in Ruhe besprechen. Das war wertvoll, gerade weil man vormittags tendenziell noch wacher ist als abends wenn die Kinder im Bett sind.

Marga Bielesch: Wie viele Mütter war ich anfangs unsicher und ängstlich. Irgendwann entstand eine gewisse Routine. Auch in Sachen Streiten waren wir ziemlich normal. Bei uns flogen die Fetzen, lagen die Nerven manchmal blank. Aber wir haben es gut hinbekommen, in dem wir viel über unsere Vorstellungen gesprochen und Konflikte nicht ewig mit uns herumgetragen haben. Das ist gerade in den ersten Monaten mit Kind sehr wichtig.

Daniel Konermann: Wir haben uns ein Zitat aus einem Ratgebermagazin ausgeschnitten und an den Kühlschrank gehängt. Sinngemäß stand darin, dass man kurz nach der Geburt keine abschließenden Urteile über den Charakter des Partners oder die Zukunft der Liebe treffen sollte. Im Streit wurde das oft zitiert oder auf den Kühlschrank gezeigt. Wenn es gut lief, war danach das Eis gebrochen und wir konnten darüber lachen …

Verändern sich die Paarkonflikte, wenn die Kinder größer werden?

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Marga Bielesch: Es gibt sicher eine Orientierungsphase, in der die Eltern erstmal ihren Platz finden müssen und es auch mal mehr Konflikte geben kann. Aber auch danach bleibt das Familienleben sehr dynamisch, unabhängig vom Alter der Kinder. Rollenverteilungen und Absprachen ändern sich und man muss neue Routinen für sich finden. Wie gut das gelingt, hängt auch von der Bereitschaft ab, die Meinungen und Werte des Partners zu respektieren.

Daniel Konermann: Genau. Deshalb ist es wichtig, regelmäßig miteinander über die eigenen Ideen und Vorstellungen zu sprechen und sich auch mal zu fragen, ob die aktuelle Routine immer noch zur Lebenssituation passt oder ob etwas verändert werden muss. Dabei wird es auch wieder mal zu Konflikten kommen. Das liegt in der Natur der Sache. Die Frage ist eher, wie gestärkt ein Paar aus „Krisen“ hervorgeht.

Marga Bielesch: Ich würde sogar sagen, dass zu einer langen Beziehung einfach Krisen und Durststrecken dazugehören. Sie sind sogar wichtig, um sich als Paar und als Familien weiterzuentwickeln.

Wie gelingt es, trotz Kindern Paar zu bleiben?

Marga Bielesch: Viele junge Eltern legen größeren Wert auf eine langfristige Partnerschaft. Das finde ich sehr positiv. Eng damit verbunden ist nämlich eine wichtige Beziehungsgrundlage – Kompromissbereitschaft und Austausch über Sorgen, Wünsche und Vorstellungen. Doch dafür braucht es gemeinsame Momente. Nur wenn man Zeit miteinander verbringt, gibt es auch die Chance sich nahe zu kommen, emotional und körperlich.

Daniel Konermann: Ein wichtiger Faktor ist auch die individuelle Zufriedenheit. Es kann uns in der Partnerschaft nur dauerhaft gut gehen, wenn wir auch nach uns selbst schauen. Wenn sich einer oder beide Partner in einem chronischen Überlastungszustand befinden, gibt es einfach keinen Raum sich füreinander zu interessieren. Deshalb kann ich jungen Eltern nur raten, Geld für Unterstützung auszugeben - für Babysitter, für eine Putzkraft, für einen Lieferservice. Kurz, alles was für Entlastung sorgt. Die daraus entstehende Zeit ist viel wertvoller als ein Luxusurlaub oder die teure Babyausstattung.

Marga Bielesch: Es muss auch nicht immer ein Date mit Theater und Restaurantbesuch sein. Auch wenn dieser Ausbruch aus der Komfortzone des Sofas manchmal wirklich gut tut. Viel wichtiger ist der Austausch und der kann auch mit Pizza und in Jogginghose stattfinden.

Daniel Konermann: Genau, man kann nicht erwarten, dass die gemeinsame Zeit ein ständiges Gefühlsfeuerwerk ist. Es kann immer wieder Phasen geben, in denen man sich nicht so nah fühlt und sich nicht viel Neues zu sagen hat. Trotzdem ist es wichtig, sich selbst immer wieder neu mitzuteilen und bewusst etwas in die Beziehung zu investieren, und das kostet manchmal Überwindung. Auch wenn das unromantisch klingt - es lohnt sich wirklich!

Sie haben Fragen an Marga Bielesch und Daniel Konermann? Dann schreiben Sie uns an service@rnd.de. Wir leiten Ihre Fragen an die Paartherapeuten weiter!

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