Gefährden Frauen, die zu Hause bleiben, eine Beziehung?

  • Heide Sommer hat für viele berühmte Männer als Sekretärin gearbeitet.
  • Einen ihrer Chefs hat sie geheiratet.
  • "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein hatte sie gewarnt.
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Frau Sommer, Sie leben in Wacken. Waren Sie schon mal auf dem berühmten Heavy-Metal-Festival?

Ja, das war ich. Wir Einwohner bekommen hier ja von den Veranstaltern ein Armbändchen und Aufkleber fürs Auto und dürfen das Festival kostenlos besuchen. Wir bekommen aber natürlich auch so sehr viel mit. So bevölkern jedes Jahr rund 80.000 Menschen hier die Gegend, und Tausende flanieren durch die Hauptstraße, an der ich wohne – alle in Schwarz. Ich finde das lustig.

Ist Ihnen das nicht zu laut?

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Nein. Die Bühnen werden mit dem Rücken zum Dorf aufgestellt, sodass der Schall in Richtung Felder und Wälder geht. An der Nordsee hört man wahrscheinlich mehr davon als bei uns im Ort. Für mich klingt das Ganze so, als ob der übernächste Nachbar eine dolle Party feiert. Wenn mich das stören würde, wäre ich nicht hergezogen. Das wusste ich ja vorher, dass es das Festival hier gibt.

Sie waren Sekretärin bei zahlreichen berühmten Männern, unter anderem bei Rudolf Augstein, Helmut Schmidt, Carl Zuckmayer, Fritz J. Raddatz, heute bei Klaus von Dohnanyi. Für wen haben Sie denn am liebsten gearbeitet?

Ich habe für alle gern gearbeitet. Aber am liebsten für Augstein. Und natürlich für Theo in meinen Anfangsjahren …

Theo Sommer, den späteren „Zeit“-Chefredakteur, den Sie ja auch geheiratet haben.

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Genau.

Und warum Augstein?

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Er war ein ganz besonderer Mensch. Als ich Anfang der Siebzigerjahre für ihn gearbeitet habe, war er noch nicht der, über den man in späteren Jahrzehnten auch viel Schlechtes gehört hat. Ich habe ja schon 1974 bei ihm aufgehört. Danach hat er auch schwierige Phasen gehabt, aber zu meiner Zeit war er nett, freundlich und großzügig. Und er hat sehr gute Artikel geschrieben, was ja später auch nicht immer der Fall war, weil er sich zunehmend vollgedröhnt hat mit seinem ewigen Bier.

Rudolf Augstein krabbelte über die Straße

Sie beschreiben in Ihren Erinnerungen, wie Rudolf Augstein einmal betrunken aus dem chinesischen Restaurant, in dem er häufig zu Mittag aß, zurück in die Redaktion torkelte.

Ja, da ist Rudolf Augstein auf allen Vieren über die Ost-West-Straße gekrabbelt, weil er nicht mehr geradeaus gehen konnte. Das fand ich schrecklich, er tat mir leid. Das sprach sich im Hause herum wie ein Lauffeuer. Alle Mitarbeiter haben sich auf der einen Seite des „Spiegel“-Hochhauses die Nase plattgedrückt, an den Fenstern gestanden und das Schauspiel beobachtet. Wäre das Haus ein Schiff gewesen, wir wären gekentert.

Theo Sommer haben Sie 1963 kennengelernt. Daraus ist eine sehr lange Liebesbeziehung geworden …

Oh ja, wir waren zwölf Jahre lang ein fest liiertes Liebespaar, ich war seine Geliebte. Später haben wir zwei Kinder bekommen und lebten auch zusammen. Erst danach haben wir geheiratet, aber nach wenigen Ehejahren habe ich ihn verlassen.

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Mit ihm war Heide Sommer länger als ein Jahrzehnt liiert: Der "Zeit"-Journalist Theo Sommer, hier kurz vor seinem 80. Geburtstag.

Als Sie endlich heirateten, kühlte sich Ihre Beziehung schnell ab. Warum?

Nicht sofort natürlich. Ich hatte ja die Erwartung, dass sich mit der Eheschließung eine neue Ebene unserer Beziehung öffnet. Aber Theo hatte damals schon eine Ehe mit zwei Kindern hinter sich, und für ihn war es wohl nicht mehr so etwas Besonderes. Ich war enttäuscht, ich hatte mir mehr erwartet. Ich habe zu Hause die Kinder gehütet, das Haus betreut und nichts mehr erlebt, ich war ja nicht mehr berufstätig. Wenn man arbeiten geht, hat man auch etwas zu erzählen und befindet sich auf Augenhöhe. Das war ich dann aber nicht mehr und verlor als Hausfrau an Attraktivität.

Sie sagen, Sie hätten einander nichts mehr zu erzählen gehabt. Denken Sie, dass die Konstellation arbeitender Mann und nicht arbeitende Frau (oder andersherum) ein Beziehungskiller ist?

Nicht unbedingt, das kommt auf die einzelnen Persönlichkeiten an. Es gibt Ehen, da findet der Mann es großartig, wenn die Frau die ganze Zeit zu Hause ist, und er würdigt sie, wenn sie im Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Aber uns ist das nicht gelungen. Ich habe gemerkt, dass mich die Situation im Haushalt nicht befriedigt, weil ich nicht gewürdigt wurde.

"Alle Männer hatten damals ein Gspusi"

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Ein großer Teil, den Sie in Ihrem Buch beschreiben, spielt in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Wie sah es damals in Ihrem Umfeld mit freier Liebe aus?

Gut! Sehr gut!! (lacht) Alle Männer, die ich kannte, hatten damals ein Gspusi. In der „Stern“-Redaktion, in der „Zeit“-Redaktion, beim „Spiegel“, überall war es dasselbe. Bei mir nicht, ich bin Theo treu geblieben. Aber es war wirklich lustig. „Stern“ und „Zeit“ haben damals gemeinsame Betriebsausflüge unternommen. Da hat wirklich niemand an die Ehefrauen und Ehemänner zu Haus gedacht. Das war wie eine Klassenfahrt, ein super Lebensgefühl.

Sie beschreiben, wie der Schriftsteller Carl Zuckmayer manchmal auf der Wendeltreppe seines Hauses „die Finger nicht bei sich behalten konnte“, wie Sie es ausdrücken.

Wir saßen auf der Wendeltreppe, und er hat die Arme um mich gelegt und wollte ein bisschen mehr, das spürt man ja als Frau. Aber ich habe mich dem entzogen, ich habe Nein gesagt, und er hat das respektiert. Es kommt ja immer darauf an, mit welchen Männern man es zu tun hat. Männer versuchen es bei den Frauen, das ist ihr gutes Recht. Und manche Frau möchte ja auch, dass etwas passiert, und wäre dann auch auf ein solches Angebot eingegangen. Aber ich habe mich geschützt und habe das abgebogen. Anständige Männer wie Zuckmayer haben das auch akzeptiert.

Haben Männer damals ihre Machtpositionen ausgespielt, um Frauen ins Bett zu bekommen?

Das habe ich nicht erlebt. Wir waren ja alle nicht abhängig. Es war Arbeitskräftemangel, Boomzeit. Jeder, der arbeiten wollte, bekam auch eine Anstellung. Es war ja nicht wie bei Harvey Weinstein, der die jungen Damen, die eine Rolle haben wollten, erst einmal aufs Sofa legte. Wir konnten uns einlassen – oder eben nicht. Das hatten wir selber in der Hand.

Männer müssen begreifen, dass sich die Frauen sexuelle Übergriffe und Belästigungen nicht mehr bieten lassen.

Heide Sommer

Ein absoluter Machtmensch war Helmut Schmidt, für den Sie von 2006 bis 2009 arbeiteten. Wie haben Sie ihn erlebt?

Ich habe ihn schon sehr früh kennengelernt, als Theo Sommer ein halbes Jahr auf der Hardthöhe – also dem bundesdeutschen Verteidigungsministerium in Bonn – arbeitete, um für Schmidt das Weißbuch zu schreiben. Später haben wir die Schmidts dann öfter besucht.Männer müssen begreifen, dass sich die Frauen sexuelle Übergriffe und Belästigungen nicht mehr bieten lassen.

Jeder wusste von Helmut Schmidts Affären

Wussten Sie damals, dass Helmut Schmidt Affären hatte?

Ja, das wusste ich, und das wusste jeder. Das war bekannt. Die hatte er ja schon, als er noch Innensenator war.

Hat Loki Schmidt mal mit Ihnen darüber geredet?

Ja, doch, sie hat uns in unserem Haus besucht und mir schon ein bisschen ihr Leid geklagt. Als Kanzlergattin hat sie sich dann auf Forschungsreisen mit der Max-Planck-Gesellschaft oder auch mit Heinz Sielmann in exotischen Gegenden dieser Erde auch mal ihre Freiheiten genommen. Das habe ich sehr gern gehört. Ich finde, das stand ihr auch zu, ein bisschen Glück und sich ein bisschen umschmeichelt zu fühlen.

Gleiches Recht für alle?

Unbedingt!

Was halten Sie von der #MeToo-Debatte?

Ich halte davon sehr viel. Die Männer müssen begreifen, dass sich die Frauen sexuelle Übergriffe und Belästigungen nicht mehr bieten lassen. Wichtig ist, dass man den jungen Menschen – und auch Kindern – beibringt, sich zu wehren. Die Mädchen müssen lernen, die Gefahr zu wittern und Nein zu sagen. Und sie müssen lernen, sich ihren Eltern oder ihrem Lehrer oder auch ihrem Konfirmationspastor anzuvertrauen.

"Frauen müssen lernen, sich zu wehren"

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Ich bin überzeugt davon, dass weibliche Wesen in einer seriös anmutenden Umgebung meistens durch eigenes Verhalten steuern können, wie weit ansonsten niveauvolle Männer sich in ihrer Gegenwart vergessen oder bemitleidenswert miserabel aufführen. Man darf und muss nicht alles mit sich machen lassen.“ Wollen Sie damit sagen, dass Frauen, denen sexuelle Belästigung etwa am Arbeitsplatz widerfährt, selbst schuld sind?

Nein! Auf keinen Fall. So weit würde ich niemals gehen. Aber sie müssen lernen, sich zu wehren. Ich finde nicht, dass jemand selber Schuld hat, wenn er angetatscht wird. Aber die Frauen müssen sagen: Mit mir geht das nicht, ich will das nicht. Und müssen sich dann entsprechend verhalten und auf den Tisch hauen oder weggehen.

Aber manchmal lassen die Strukturen das nicht zu. Was macht denn eine Frau, wenn es der Chef ist, der sie belästigt?

Dann muss sie zum Personalrat gehen oder kündigen. Ich habe so etwas glücklicherweise nicht erlebt. Aber ansonsten galt für mich immer: Wenn mir etwas nicht gepasst hat, bin ich weggegangen. Ich habe immer gesagt: Wer mich einstellt, kauft meine Loyalität mit. Aber wenn ich die nicht mehr leisten kann, dann gehe ich weg, dann kündige ich. Dazu gehört ja auch ein gewisses Selbstbewusstsein, dass man sich nicht einfach abfindet und leidet.

Zurück in die Vergangenheit: Sie sind Trauzeugin von Rudolf Augstein geworden. Wie kam es denn dazu?

Rudolf Augstein machte damals Wahlkampf für die FDP im tiefschwarzen Paderborn. Und mit einer Lebensgefährtin, mit der er nicht verheiratet und die von ihm schwanger war, hätte er in diesem katholischen Ländle seine Kandidatur vergessen können. Da hat er dann lieber rasch geheiratet. Ich kam morgens ins Büro, und meine Kollegin sagte zu mir: „Zieh gar nicht erst den Mantel aus, wir fahren an die Elbe.“ Ich habe wirklich nicht gewusst, worum es geht. Dann fand ich mich im Blankeneser Rathaus wieder, und die Ehe wurde geschlossen. Und meine Kollegin und ich waren Trauzeuginnen.

Rudolf Augstein ist dann auch Ihr Trauzeuge geworden.

Ja, das habe ich mir gewünscht. Er sagte: Ich kann dich nur warnen, alle Ehen, die ich bezeugt habe, sind schiefgegangen, bis auf die von Horst Ehmke. Aber das war mir egal. Ich habe nicht erwartet, dass ich mich trennen würde. Ich wollte eine beständige Ehe – und Glück bis ans Lebensende. Das habe ich nun woanders gefunden.

Wo denn?

Das ist ja mittlerweile wohl klar, dass ich mein Lebensglück – außer in meinen Kindern – verlässlich in meiner Arbeit gefunden habe. Die hat mich nicht enttäuscht, sondern weitergebracht.

Nicht zu arbeiten ist langweilig

Sie haben auch für den ehemaligen Rowohlt-Cheflektor und „Zeit“-Feuilletonchef Fritz J. Raddatz gearbeitet. Er hat sich 2015 das Leben genommen. Wussten Sie davon?

Ja, das wusste ich, kannte aber das genaue Datum nicht. Das habe ich dann kurz vorher noch erfahren.

Haben Sie nicht versucht, ihn abzuhalten?

Schon Jahre zuvor, als die ersten Reisen in die Schweiz anfingen, hat er mit mir über das Thema gesprochen. Dieser Wunsch, das Leben zu verlassen, war bei Raddatz so echt, so stark, ich habe nicht versucht, ihm das auszureden. Ich neige dazu, Menschen in solchen Situationen zu unterstützen.

Sie arbeiten heute für Klaus von Dohnanyi. Warum genießen Sie nicht einfach den Ruhestand?

Meine Rente ist nicht so üppig, ich verdiene mir gern etwas dazu. Außerdem finde ich es langweilig, zu Hause zu sitzen. Natürlich freue ich mich, wenn ich meine Enkelkinder sehe. Aber mein Eigenleben, das ist es, was mich aufrecht hält.

Werden wir denn noch ein Buch von Ihnen lesen?

Da ich nun Feuer gefangen habe, hoffe ich das sehr stark. Es drängt mich schon lange, meine Erlebnisse als Übersetzerin zu erzählen. Der innere Dialog mit dem Original, bei lebenden Autoren auch der direkte Kontakt, sind beglückend. Die Lesereise mit Vanessa Redgrave, eine Woche durch das damals gerade erst wiedervereinigte Deutschland, und so vieles andere, das dürfte genauso spannend sein wie meine Jahrzehnte mit den berühmten Männern.

Eigentlich wollte sie niemals ein Buch schreiben. Doch der Ullstein-Verlag konnte sie doch davon überzeugen, ihre unglaubliche Zeit als Sekretärin aufzuschreiben. Denn Heide Sommer war nicht irgendeine Sekretärin, sondern hat für Männer wie „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein und den Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, Günter Gaus, genauso gearbeitet wie für Theo Sommer und Fritz J. Raddatz von der „Zeit“ oder den Schriftsteller Carl Zuckmayer und Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Theo Sommer war es, den Heide Sommer 1962 bei einer Veranstaltung auf dem Podium sah. Sie fand ihn und in der Folge auch die „Zeit“, bei der er arbeitete, so spannend, dass sie auch in diese Redaktion wollte. Wie es in der damaligen Wirtschaftsboomzeit nicht ganz unüblich war, stellte sie sich nur kur vor und hatte den Job. Eingestellt hat sie die berühmt-berüchtigte Marion Gräfin Dönhoff. Von Theo Sommer war sie aber so fasziniert, dass sie nicht nur mit ihm arbeitete, sondern auch ein Stück ihres Lebens mit ihm teilte.

In ihren Erinnerungen „Lassen Sie mich mal machen. Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer“ (Ullstein, 256 Seiten, 22 Euro) erzählt die heute 79-Jährige ihr Leben an der Seite ihrer wichtigen, mächtigen Chefs. Sie verhält sich ihren Chefs gegenüber noch heute loyal, was sich auch dadurch äußert, dass sie in diesem intelligenten, schönen, warmen Buch keine Schmutzwäsche wäscht. Sie bleibt diskret, was das Buch aber nicht langweilig macht. Im Gegenteil.