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  • Freundschaft, Beziehung und Corona: Welche Spuren hat die Pandemie hinterlassen? Ärztin und Psychotherapeutin Mirriam Prieß im Interview

Die Zeit nach Corona: Werden Freundschaften und Beziehungen je wieder so wie früher?

  • Knapp eineinhalb Jahre Corona-Pandemie haben ihre Spuren hinterlassen.
  • Die belastende Zeit im Lockdown kann auch in Freundschaften und Beziehungen nachwirken, meint die Ärztin und Psychotherapeutin Mirriam Prieß.
  • Im Interview erklärt sie, wie sich das soziale Miteinander in der Krise verändert hat – und wie wir verloren geglaubte Werte wiedererlangen können.
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Treffen sich Freunde nach langer Corona-Pause wieder, kann das für alle Beteiligten ein etwas komisches, ungewohntes Gefühl sein. Auch Singles haben womöglich mit Anlaufproblemen zu kämpfen, bevor sie wieder ihr Datingleben starten oder gar eine neue Beziehung eingehen. Denn nach der langen Zeit im Corona-Lockdown mit nur wenigen sozialen Kontakten kann es eine enorme Umstellung sein, im Zuge der Lockerungen vieler Corona-Maßnahmen wieder unter Menschen zu gehen. Haben wir es verlernt, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten? Die Ärztin und Psychotherapeutin Mirriam Prieß erklärt, was sich seit Beginn der Pandemie in unserem sozialen Miteinander verändert hat.

Frau Prieß, seit fast eineinhalb Jahren leben wir mit den coronabedingten Veränderungen in unserem Alltag. Lange Zeit hatten viele Menschen dabei nur wenige soziale Kontakte. Vor welchen Herausforderungen stehen wir jetzt, nachdem viele Maßnahmen gelockert wurden und wir nun wieder mehr Kontakt zu anderen haben können?

Je nachdem, wie jeder Einzelne die Krise erfahren und bewältigt hat, sind die Herausforderungen, vor denen er steht. Einige haben die Zeit für sich positiv nutzen können, während andere schwer belastet wurden. Wenn Unterstützung gefehlt hat oder die wenigen sozialen Kontakte zu Überforderung und Verunsicherung geführt haben, dann stehen sie jetzt womöglich vor der großen Herausforderung, Misstrauen abzubauen und sich anderen wieder anzunähern. Das alles belastet Beziehungen natürlich – und erschwert es auch, mit anderen Menschen wieder in Kontakt zu treten.

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Woher kommt dieses Misstrauen gegenüber anderen?

Misstrauen entsteht immer aus Angst. Je nachdem, wie stark die Angst in einem Menschen und einer Gesellschaft ausgeprägt ist, desto misstrauischer ist er oder sie. Ein zentraler Punkt, der in der Krisenbewältigung gefehlt hat, war die Berücksichtigung der psychologischen Seite – im Umgang mit der Krise und dabei insbesondere im Finden einer Balance zwischen der Aufklärung zur vernünftigen Vorsicht und der Vermittlung von Angst.

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So war beispielsweise die Botschaft, sich vorzustellen, dass jedes Gegenüber eine potenzielle Ansteckungsgefahr darstellt, aus virologischer Sicht verständlich, aber aus psychologischer Sicht eher fatal. Wenn ich jeden meiner Mitmenschen als potenzielle Bedrohung wahrnehme, dann ziehe ich mich zurück – und so entstehen Isolation und Misstrauen. Damit Beziehung konstruktiv bleibt – und dazu gehört sowohl die Beziehung zum System, in dem wir leben, als auch zum Leben an sich –, ist Vertrauen das entscheidende Fundament.

In der Corona-Krise ist bei vielen Menschen das Misstrauen gegenüber anderen stärker geworden – und diese Entwicklung kann wiederum Beziehungen belasten, meint Mirriam Prieß. © Quelle: Dr. Mirriam Prieß
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Haben wir das soziale Miteinander durch die Pandemie also ein Stück weit verlernt?

Ich würde es so formulieren: Das Empfinden von Unsicherheit ist stärker geworden. Hinzu kommt, dass viele in der Krise mit unbewältigten eigenen Konflikten zu kämpfen hatten. Durch die Kontaktbeschränkung wurden wir auf uns selbst zurückgeworfen und mit den eigenen, vorher kompensierten Schwächen konfrontiert. Dazu gehörte auch das Aufbrechen von unbewältigten früheren Krisen und damit verbundenen psychischen und emotionalen Belastungen. Gleichzeitig ist vielen in der Zeit mit sich selbst bewusst geworden, dass sie vor Corona ein kompensiertes Leben geführt haben und im Grunde nicht viel mit sich selbst anfangen und manchmal sich überhaupt nicht aushalten können.

Die Corona-Krise hat also als eine Art Katalysator gewirkt, wodurch unbewältigte Krisen deutlich wurden.

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Ja. Jede Krise legt den Finger in die Wunde – und wenig überraschend ist in der Pandemie die Zahl der Suchtkrankheiten und psychischen Erkrankungen gestiegen. Das ist auch deshalb problematisch, weil das Gesundheitssystem schon vor der Corona-Krise überlastet war. Therapieplätze sind jetzt durch die Auswirkungen der Pandemie noch stärker überlastet und Therapiesuchende müssen noch längere Wartezeiten hinnehmen.

Das zeigt, wie wenig selbstverständlich eine gesunde Beziehung zu sich selbst und damit verbundene psychische Widerstandskraft ist, die wir für die Krisenbewältigung brauchen. Wie auch auf anderen Ebenen wurde vor der Pandemie kompensiert, anstatt ursächlich zu leben. Die Corona-Krise hat diesen Stecker gezogen und wirft den Menschen wie das System auf die eigene Nacktheit zurück.

Gibt es denn aber auch Menschen, die gestärkt aus dieser schwierigen Zeit hervorgehen und die mangelnde Ablenkung genutzt haben, um an ihren Problemen zu arbeiten?

Natürlich. Krisen sind an sich erst mal gar nicht negativ – sie fordern uns auf, uns zu bewegen. Krisenbewältigung bedeutet, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Gerade das zeichnet Resilienz aus. Wer die Krise dafür genutzt hat, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, Unabänderliches angenommen, Altes losgelassen und sich Neuem zugewendet hat, geht gestärkt aus dieser Zeit hervor und natürlich auch ganz anders an das menschliche Miteinander heran. Mit diesem Selbstvertrauen bin ich im gesunden Bereich von Vorsicht und Offenheit und kann konstruktiv Beziehung gestalten.

Haben es die Menschen, die die Krise besser bewältigt haben, somit jetzt einfacher?

Grundsätzlich schon – aber auch sie sind Teil der Gesamtheit. Insofern müssen wir schauen, dass sich die Gräben nicht weiter vertiefen. Auf Extrembelastungen folgen häufig Extreme – manchmal im Gegenteil, manchmal im selben. Auf Unterdrückung folgt Rebellion, auf Verzicht exzessives Feiern – oder die Belastung hat so tiefe Einschnitte bewirkt, dass der Rückzug bleibt und die Situation sich verhärtet. All das sind Symptome dafür, dass keine Situationsbewältigung stattfindet.

Gerade jetzt braucht es die Wiederherstellung von gemeinsamer Augenhöhe und das Finden von richtigem Maß. Für Beziehungen aller Art brauchen wir nicht nur das Miteinander, sondern auch genügend individuellen Raum und Rückzugsmöglichkeiten. Wenn wir also diese in der Pandemie neu gewonnene Zeit für uns selbst in Teilen beibehalten, profitieren auch unsere Beziehungen davon.

Menschen haben die Pandemie also bislang unterschiedlich gut gemeistert und haben dementsprechend ein individuell anderes Bedürfnis nach sozialem Miteinander. Was heißt das langfristig für den Dialog in Zeiten nach Corona?

Dass dieser immer wichtiger wird. Dazu gehört das Schaffen von gesunder Atmosphäre. Und die besteht aus Interesse, Offenheit, Augenhöhe, Empathie, Respekt und Wertschätzung. Genau diese Werte gilt es konsequent in den gemeinsamen Alltag zu bringen und zu leben. Augenhöhe, um wieder zu einem gradlinigen Miteinander und zu einer realistischen Situationseinschätzung zu kommen. Ehrliches Interesse und notwendige Offenheit, um sich nicht in dogmatisches Silodenken zu isolieren und andere auszugrenzen. Und die Bereitschaft, sich in die Lage des Gegenübers einzufühlen. Das bedeutet, sich füreinander auch wieder emotional zu öffnen. Wenn wir uns diese für Beziehungen wichtigen Werte wie Augenhöhe, Empathie und Respekt anschauen, dann sind sie während der Krise ganz häufig verloren gegangen.

Wie konnte das passieren?

In der Corona-Krise sind gesellschaftliche Gräben entstanden, die durch die vielen verschiedenen Meinungen zu den Corona-Maßnahmen entstanden sind. Es können allerdings keine Gräben entstehen, wo die ehrliche Bereitschaft zum Dialog besteht. Wir sind vielerorts offensichtlich nicht bereit dafür – das zeigt die Pandemie und das zeigt sich auch bei anderen Themen, wie zum Beispiel Klima, Glauben oder Genderfragen. In der Verschiedenheit nach genügend wesentlicher Gemeinsamkeit zu suchen und die Verschiedenheit nicht als persönliche Beleidigung oder gar Bedrohung zu sehen – diese Kultur leben wir momentan nicht.

Das beste Spielfeld für diese gegenseitige Verwahrlosung bieten die digitalen Plattformen. Nirgendwo geht es leichter, Beziehung zu leben, ohne in menschliche Beziehung zu treten. Gerade im digitalen Raum geht das Gespür für menschliche Grenzen und Notwendigkeiten leicht verloren. So erleben viele, wie schnell der Respekt fallen gelassen wird, weil das Gegenüber entweder gar nicht sichtbar ist oder man den anderen nur noch als Bildschirm wahrnimmt.

Hat uns diese coronabedingte Verlagerung der Kommunikation ins Netz also mehr geschadet als genutzt?

Einerseits ist das Internet in Zeiten der Corona-Krise ein guter und wichtiger Weg, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Andererseits kann Begegnung nicht dauerhaft an der Oberfläche stattfinden. Beziehung ist viel weniger ein kognitiver als ein intuitiver und emotionaler Prozess. Wir brauchen den unmittelbaren, persönlichen Kontakt, bei dem wir den anderen verkörpert sehen und fühlen können. Den anderen unmittelbar in Mimik und Gestik zu erleben, ihn zu „fühlen“ und zu „riechen“ führt auf den Boden der Tatsachen zurück und schafft den Raum für richtige Nähe und Distanz. Wenn wir den anderen digital auf dem Bildschirm sehen, dann vermittelt sich noch keine richtige Atmosphäre. Die rationale Ebene wird hier mehr bedient als die emotionale Ebene erfüllt.

Wie können wir die Beziehungs- und Dialogkultur wieder aufbauen?

Indem wir uns bewusst machen, was es dafür konkret braucht, und dies im Alltag dann konsequent umsetzen. Beziehung zu leben ist eine bewusste Entscheidung. Dazu gehört unter anderem auch anzuerkennen, was für eine belastende Zeit wir hinter uns haben, und Mitgefühl für die durch Corona aufgebaute Frustration unserer Mitmenschen zu zeigen. Wir kommen nicht zu einem Miteinander, wenn wir nicht dazu bereit sind, uns auch auf den Platz des anderen zu setzen.

Wenn wir fähig sind, den anderen in seinem Leid zu sehen und dahinter die Angst zu sehen, dann können wir uns befriedet gegenüberstehen. Mitgefühl meint nicht, alles gutzuheißen, es meint aber, den Menschen hinter seiner Position als Mensch anzuerkennen. Je größer die Verschiedenheiten sind, umso entscheidender sind genau diese Empathie, Augenhöhe, Wertschätzung und Respekt – für alle Beteiligten. Dann können wir unsere Beziehungen stärken und gemeinsam wachsen.

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