Fremdgehen in der Familie: „Der Partner des Kindes sollte tabu sein“

  • Wenn der Vater dem Sohn die Freundin ausspannt oder die Mutter mit dem Ex-Freund der Tochter schläft.
  • Für Psychotherapeut Wolfgang Krüger ist das ein No-Go.
  • Die Beziehung sei nachhaltig gestört und die Kränkung des Kindes massiv.
David Sander
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Hannover. Schmetterlinge im Bauch. So richtig verliebt sein. Für viele gibt es nichts Schöneres und nicht selten freuen sich Außenstehende für die Verliebten. Doch was ist, wenn es der Vater ist, der plötzlich eine Affäre zur Freundin des Sohnes offenbart? Oder die Mutter, die gesteht, dass ihr neuer Freund der Ex-Partner der Tochter ist?

„Vater hat Beziehung zur Ex vom Sohn", „Freund schläft mit meiner Mutter", „Mein Vater hatte etwas mit meiner Freundin", „Mein Mann hat mich mit meiner Mutter betrogen". All das sind echte Überschriften von Threads in Online-Foren bei Seiten wie „gofeminin", „beobachter.ch", „hilferuf.de" und „Brigitte". In der Süddeutschen Zeitung heißt es 2012 „Wenn der Vater mit dem Sohne denselben Frauengeschmack teilt" – Hintergrund war die Vermählung von Bryan Ferry mit der Ex-Affäre seines Sohnes.

Die Kränkung des Kindes ist massiv

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Überhaupt gibt es in der Welt der Schönen und Reichen häufiger Gerüchte über Techtelmechtel innerhalb von Familien. Was an solchen Gerüchten wirklich dran ist, wissen wohl nur die Betroffenen selbst und auch der Wahrheitsgehalt mancher Geschichten in Online-Foren ist nur schwer zu überprüfen. Fakt ist jedoch, dass solche Familien-Dramen polarisieren und Menschen - gerade in Foren - mit den oft unbekannten Betrogenen regelrecht mitleiden. Trotzdem sind wenig verifizierte Fälle bekannt. Woran liegt das? Ist die Scham einfach zu groß?

„Die Liebe einer Mutter zum Partner der Tochter ist selten, beinhaltet aber eine riesige Problematik – die massive Kränkung der Tochter", sagt der Psychotherapeut Wolfgang Krüger. Und über Kränkungen sprechen nur wenige Menschen öffentlich. Es sei peinlich für die Tochter. „Die Beziehung hat nicht funktioniert und nun lebt die Mutter vor, dass eine Beziehung mit diesem Mann sehr wohl funktionieren kann." Der Eindruck entsteht: Das Problem müsse dann bei der Tochter liegen.

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Verrat der Eltern-Kind-Beziehung

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„Der Partner des eigenen Kindes sollte tabu sein. Man hat so viel mitbekommen, intime Infos – also, im Normalfall: Finger weg!", meint Krüger. Wer solche Fälle nicht kennt, kann sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, dass so etwas überhaupt passieren kann. Hat doch jeder eine Art gesunden Menschenverstand, der einem Schranken aufweist. „Wird eine solche Schranke aber überschritten, ist das für mich ganz klar ein Verrat der Eltern-Kind-Beziehung", so Krüger.

Gerade wenn die Beziehung des Kindes gescheitert ist, sollten sich die Elternteile auf die Seite des eigenen Kindes stellen und Unterstützung zusichern. „Normalerweise sagt man etwas wie 'der passte eh nicht zu dir' oder 'der war aber auch schwierig'. Wenn man nun aber selbst eine Beziehung mit dem Ex aufnimmt, drückt man aus 'der ist toll, ich liebe den'", erklärt der Experte.

Die Beziehung in der Familie ist nachhaltig gestört

Kommt eine solche Situation im Freundeskreis vor („Meine beste Freundin spannte mir den Mann aus“), können Betroffene verhältnismäßig leicht eine gewisse Distanz herstellen. Das ist innerhalb der Familie kaum möglich. „Mit der eigenen Mutter ist man emotional verbunden, da kommt man in Teufels Küche, wenn so ein Vertrauensbruch vorliegt." Die Beziehung sei nachhaltig gestört – unter Umständen gar ein Leben lang.

So berichtete kürzlich der englische „Mirror" von Lauren Wall. Ihr Ehemann zeugte nur kurz nach der Hochzeit ein Kind mit der Mutter von Lauren – später kam er mit dieser zusammen und nach erfolgter Scheidung von Lauren heiratete er die Mutter auch noch. Gegenüber dem „Mirror" sagte Lauren: „Zeit heilt viele Wunden und meine Mutter und ich haben versucht, eine normale Beziehung zu haben. Aber wir werden uns nie mehr so nahe sein und ich werde ihr nie wieder voll vertrauen können."

Warum fällt die Liebe dahin, wo sie hinfällt?

Die Frage nach dem „Warum" beschäftigt wohl die meisten Betroffenen. Wie kann mir meine eigene Mutter so etwas antun? Findet meine Freundin meinen Vater etwa attraktiver als mich? „Antworten darauf sind lediglich hochspekulativ", sagt Krüger. „Ich kenne keine Fälle aus der Therapie oder der Literatur." Ob es also der Reiz des Verbotenen ist, weil ein jeder eigentlich weiß „das tut man nicht" oder es schlichtweg die Begierde nach vertrauter Nähe ist, bleibt ungeklärt.

Klar ist hingegen: „Wer eine solche Beziehung beginnt, sollte sich vorher bewusst machen, dass es ein Misstrauensantrag an das eigene Kind ist und eine Kränkung sondergleichen", so Krüger.