“Beschleunigen zum richtigen Zeitpunkt” – Die Fahrschule fürs Flirten

  • Dating funktioniert heute vor allem über Apps wie Tinder, Lovoo und Co.
  • Die Kunst, andere Menschen im Alltag anzusprechen und ihr Interesse zu wecken, beherrschen aber nur wenige.
  • Nachhilfe gibt Flirtcoach Horst Wenzel von der Flirt-University in Köln.
Isabella Hafner
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Ist es möglich, Flirten wie eine Fremdsprache zu lernen? Ja, sagt der Gründer der Kölner Flirt-University, Horst Wenzel. Im Interview erklärt er, wie Sie Ihre Chancen als Single erhöhen und auf welche Fähigkeiten es beim Flirten ankommt.

Herr Wenzel, Sie haben 2012 die Flirt-University in Köln gegründet. Braucht man jetzt schon ein Studium zum Flirten, weil das eine Wissenschaft für sich ist?

Eigentlich ist es eher eine Fachhochschule – oder noch praktischer. Wir gehen mit unseren Kunden raus und sorgen dafür, dass sie positive Erfahrungen machen. Viele von ihnen fühlen sich in einer Mangelsituation, was soziale Beziehungen angeht. Sie sind im Berufsleben gefangen, haben nicht mal Zeit für Freundschaften: Informatiker, Ingenieure, Ärzte, Juristen… Mit Mitte 30 stellen sie dann fest: Mein Sozialleben ist eingeschlafen, seit zehn Jahren hatte ich keine Beziehung mehr. Da geht es nicht nur um Sexualität.

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…seit zehn Jahren keine Frau oder keinen Mann mehr?

Bei manchen noch länger. Es kommen auch die, die man im Volksmund “Jungfrau” nennt, auf Sex bezogen. Die sind zwischen 30 und 40 und haben vielleicht einmal herum geknutscht, sonst nie Zärtlichkeiten abbekommen. Wir haben uns unter anderem auf solche “absoluten Beginner” und “echte Härtefälle” spezialisiert. Auf der anderen Seite haben wir den Manager, der gerade seine zweite Ehe beendet hat und schauen will, wie sein Marktwert ist, aber keine Lust auf Online-Dating hat. Er hat vielleicht das spielerische Flirten verlernt, weiß nicht mehr, wie er auf lockere Weise Kontakt zum anderen Geschlecht herstellt. Wir sind eine Fahrschule fürs Flirten. Im zwischenmenschlichen Bereich passieren Unfälle, weil viele die Verkehrszeichen nicht lesen können. Schüchterne müssen nicht zu Rennfahrern werden, aber es schaffen, aus der 30er-Zone heraus zu tuckern. Gefällt ihnen jemand, müssen sie in der Situation beschleunigen können. Das Problem: Oft warten sie zu lange aus Angst vor Ablehnung, reden sich ein, beziehungsunfähig zu sein. Wir krempeln die Leute von ihrer Denkweise her um. Viele haben eine negatives Bild von sich selbst und der Welt. Nach einem Coaching sehen unsere Kursteilnehmer das Leben positiver und starten voller Motivation in neue Beziehungen.

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Wie kamen Sie auf die Idee?

Wir haben festgestellt: “Wer mit wem” ist ein omnipräsentes Thema und hochspannend. Ständig wird darüber geredet. Nach dem “Wie” wird aber selten gefragt. Also habe ich 2012 ein paar Leute zusammen getrommelt – von der Stylistin bis zur Psychologin – und die Flirt-University gegründet. Wir haben uns gefragt: Was müsste man machen, damit Menschen erfolgreich im Liebesleben werden? Auf 50 Glaubenssätze sind wir gekommen, die wichtig sind. Beispielsweise: “Menschen genießen meine Gesellschaft”oder “Wenn ich einmal ins Gespräch gefunden habe, läuft dieses wie von selbst” oder “Ich traue mich beim Flirten spielerisch Berührungen aufzubauen und Empathie zu zeigen”. Sie sollen optimistisch von sich und anderen denken lernen, das erhöht den Erfolg beim Kennenlernen.

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Wie sieht das in Ihren Wochenend-Seminaren konkret aus?

Das Grundproblem: Vielen fehlen die Vorbilder, ein Vater, ein Freund oder Bruder, der zeigt, wie man selbstbewusst und verführerisch auf Frauen zugehen kann. Dabei hat unser Flirtverhalten viel mit Imitieren zu tun. Sie stellen, etwa in der Bar, eine Verlegenheitsfrage nach der anderen: Bist du öfter hier? Wo kommst du her? Was machst du sonst so? Statt Gesprächsthemen zu bringen, bei denen man anfängt, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, etwa über ausgefallene Partynächte, verrückte Lehrer, abenteuerliche Reisen. Viele Singles hören ihrem Gegenüber nicht richtig zu und vergessen beim Monologisieren, an Antworten anzuknüpfen. Im Seminar gehen wir mit den Teilnehmern raus und üben das Flirten in Praxis-Situationen. Oft heißt es nach danach: “Ich komme ja doch gut an!” Viele bekommen so endlich wieder ein Date. Sich attraktiv zu fühlen, ist eine wichtige Erfahrung, die viele lange nicht mehr gemacht haben. Sie lernen auch, dass es nicht schlimm ist, einen Korb zu bekommen, wenn man höflich und charmant ist. Dann reagieren Frauen nämlich ebenfalls freundlich, sagen: “Lieb von Dir, aber ich bin leider schon vergeben. Viel Erfolg noch!” Selbst 50-Jährige haben manchmal noch ein Trauma von früher.

Und wie hoch ist die Vermittlungsquote?

Etwa sieben von zehn unserer Kunden befinden sich, nachdem sie einen Workshop besucht haben, innerhalb von drei Monaten in einer glücklichen Partnerschaft. Allgemein geht es uns aber nicht darum, sich beim erstbesten Date zu verlieben, sondern sich auszuprobieren und Spaß auf diesem Weg zu haben. Gleichzeitig sind die Ansprüche an eine Partnerschaft so gestiegen, dass viele in Großstädten On-Off-Beziehungen haben. Diese Unverbindlichkeit wird durch Dating-Apps gefördert. Wir wollen entgegenwirken.

Flirten: Männer- oder Frauensache, wer hat Nachholbedarf? Lehnen sich zu viele Frauen zurück und wollen erobert werden?

Beide Geschlechter haben beim Dating ihre Defizite, an den Workshops nehmen aber häufiger Männer teil. Ihnen fehlt oft die Empathie, sie trauen sich nicht, die Frau zu berühren oder sie kommen nicht aus der Freundschaftszone heraus; werden als “netter Typ” abgestempelt. Bei Frauen ist Bindungsangst ein großes Thema oder, klassischer Fall, sie hat eine Affäre und möchte, dass eine Beziehung daraus wird. Manche buchen auch Coachings bei uns, weil ein Herzensmensch ihnen plötzlich nicht mehr zurückschreibt. Oder – besonders heikel – sie haben sich in einen Arbeitskollegen verliebt. Da sprechen wir gut durch, wie eine Situation zu zweit geschaffen werden kann und man zum ersten Kuss kommt. Häufig werden unsere Seminare von Menschen gebucht, die sehr logisch ticken und beim Flirten zu verkopft sind.

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Warum trauen sich Italiener mehr zu flirten? Lernen die das im Kindergarten?

Bei Südländern ist das Flirten und Aufbauen von Berührungen kulturell bedingt verspielter. In Norwegen etwa wahren Männer allerdings einen noch größeren Abstand als in Deutschland, oder rennen ganz an der Frau vorbei.

Wo spricht man sein Objekt der Begierde am einfachsten an?

Bei uns üben Singles verschiedenste Kennenlern-Situationen. Sei es am Bahnsteig, in Parks, Cafés oder am Weinregal im Supermarkt.

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Ist die Dating-App “Tinder” ein gutes Trainingsstudio?

Online-Dating kann ein Weg sein, auf dem wir Singles durch unsere Dienstleistung auch gerne zum Erfolg verhelfen. Die meisten Teilnehmer der Flirt-University-Kurse wollen allerdings lieber ihre Flirt-Fähigkeiten in Alltagssituationen oder nachts in Bars und Clubs verbessern.

In seinen Seminaren hilft Flirtcoach Horst Wenzel Menschen dabei, sich zu überwinden und erfolgreich zu flirten.
“Staat, Sex, Amen”
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