„Selbstwertzwerge“: Ein Sexualpsychologe erklärt, warum Männer ungefragt Dickpics verschicken

  • Frauen, die ungefragt ein Dickpic erhalten, sind meisten schockiert, gar angeekelt.
  • Und sie haben Fragen – allen voran: Warum tut er das?
  • Ein Sexualpsychologe erklärt im RND-Interview, warum das Verschicken von Penisfotos mit einem gestörten Selbstwert und mit kindischen Verhaltensweisen zu tun hat.
Alice Mecke
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Hannover. Das Internet ist mitunter ein seltsamer Ort, der Menschen zu seltsamen Dingen antreibt. Besonders fragwürdig: Wenn Männer ungefragt Bilder ihres Penis verschicken. Das Phänomen ist nicht vollkommen neu, erreicht dank technischer Möglichkeiten aber ganz neue Dimensionen. Was in den Köpfen der Männer vorgeht, die so etwas tun, erklärt Dr. Christoph Joseph Ahlers im RND-Gespräch. Ahlers ist Sexualwissenschaftler und Klinischer Sexual­psychologe. Er leitet die Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie am Institut für Sexualpsychologie Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch: „Himmel auf Erden und Hölle im Kopf: Was Sexualität für uns bedeutet“.

Herr Dr. Ahlers, was veranlasst Männer dazu, ihren Penis zu fotografieren und dieses Bild ungefragt an Frauen zu verschicken?

Dr. Christoph Joseph Ahlers: Da müssen zunächst zwei motivationale Hintergründe unterschieden werden. Es gibt zum einen sexuelle Präferenzstörungen, wie Exhibitionismus oder Voyeurismus. Während früher im Park der Mantel geöffnet und der Penis präsentiert wurde, werden diese sogenannten Paraphilien seit der Verbreitung des Internets über digitale Kommunikationstechnologien zum Beispiel in Form von sogenannten Dickpics ausagiert.

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Bei der digitalisierten Form des Exhibitionismus verschicken Männer Fotos von ihrem erigierten Penis und beobachten dann auf dem Schulhof, im Hörsaal oder im Büro die Reaktion der Empfängerinnen. Denn das ist das, worum es Exhibitionisten geht: die Reaktion der Frau. Sie wollen sichtbaren Schrecken, Empörung und Erregung bei den Empfängerinnen auslösen. Die innere Fehlverarbeitung lautet: „Wenn die einen solchen Schreck bekommt, wenn sie meinen Penis sieht, dann muss an mir ja wohl was dran sein.“ Exhibitionismus ist allerdings eine seltene sexuelle Präferenz, die die Häufigkeit von Dickpics nicht erklären kann.

Viel häufiger gibt es Männer, die Dickpics verschicken, aber keine Exhibitionisten sind, sondern eine sexuelle Verhaltensstörung aufweisen. Hier geht es zunächst darum, dass diese Männer eine starke Identifikation mit ihrem eigenen Genital erleben. Das findet sich sogar in der Sprache: Wenn ein Mann keine Erektion bekommt, dann wird das formuliert als „ich werde nicht hart“.

Die fehlende Perspektivenübernahme

Wieso ist das verhältnismäßig oft der Fall?

Das hat zunächst damit zu tun, dass die eigenen Genitalien eine Quelle von Erregungs- und Wohlgefühlen sind. Sie verkörpern positive, affektive Zustände. Hinzu kommt, dass Männer ihren eigenen, erigierten Penis in der Regel toll finden. Sie wollen damit angeben und etwas gelten. Und, wie Menschen so sind, schließen sie gerne von sich auf andere – und liegen damit immer daneben.

Also denken Männer, die Dickpics verschicken, schlichtweg, dass die Empfängerinnen ihren Penis genauso toll finden?

Männer projizieren ihre eigene sexuelle Erregung auf Frauen. Sie unterliegen der Fehlvorstellung, wenn sie ihren eigenen, erigierten Penis präsentieren, dass das bei den Adressatinnen Eindruck macht und sexuelles Begehren auslöst. Sie wollen mit ihrer Erektion Potenz demonstrieren und dadurch imponieren. Deswegen wird ja auch nur der erigierte Penis fotografiert – nicht der entspannte.

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Das ist ein Phänomen, das stammesgeschichtlich immer existierte und bis heute bei Primaten zu beobachten ist: Mit der Präsentation des erigierten Penis sollen Macht und Dominanz demonstriert werden. Es geht auch um eine Drohgebärde. Deswegen sind Dickpics auch ein Ausdruck von Aggression und genau diese spüren die Opfer – sogar durchs Telefon.

Diese ganze Besetzung des eigenen Penis findet allein in den Köpfen der Männer statt, und daran erkennt man schon auf erschütternde Weise: Eine Befassung mit der Frage, was das für die Adressatinnen bedeutet, findet so gut wie gar nicht statt. Perspektivenübernahme Fehlanzeige.

Kindisches Verhalten: Finde ich das toll, musst du das auch toll finden

Das ist wohl wahr – die meisten Frauen finden Fotos von wildfremden Penissen, die ihnen unvermittelt zugeschickt werden, nicht gerade erregend, sondern abstoßend.

Das ist Teil der Fehlvorstellung dieser Männer, dass ein erigierter Penis für eine Frau ein automatischer Sexualstimulus ist. Männer reagieren sexuell stärker visuell reizgebunden und gelegenheitsorientiert. Brüste, Scheide, Po, das sind Sexualstimuli, die automatisch zu Aufmerksamkeit und Erregung führen. Und auch das projizieren Männer auf Frauen, bei denen es eben nicht so ist. Frauen sind in ihren sexuellen Reaktionen viel stärker personen-, interaktions-, kommunikations- und beziehungsgebunden. Das zeigt sich beispielsweise auch darin, dass drei Viertel aller Pornografie- und Prostitutionskonsumenten männlich sind.

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Die meisten Frauen erleben ein unvermitteltes Bild eines steifen Penis einer ihnen fremden Person mitnichten als Sexualstimulus, sondern im Gegenteil mindestens als Belästigung. Sie sind davon – gelinde gesagt – genervt, wenn nicht sogar abgestoßen und angeekelt. Außerdem geht es dabei natürlich um die Grenzüberschreitung, nämlich, dass ich nicht gefragt werde, sondern denke: „Irgendein Arschloch schickt mir hier scheiß Pimmelbilder, ohne dass ich darum gebeten habe.“

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Sex-Vlog mit Ann-Marlene Henning: Das männliche Genital ist mehr als nur der Penis
2:22 min
Jeder kennt es, aber die wenigsten wissen wirklich Bescheid: Das männliche Genital ist mehr als bloß der Penis. Und alles hat einen Einfluss aufeinander.  © RND/Agnieszka Krus

Und wieso verstehen das die Männer, die ungefragt Dickpics verschicken, nicht?

Die Abscheu und den Widerwillen antizipieren die Absender nicht, weil das genau Teil ihres Problems ist: eine eingeschränkte Fremdwahrnehmung und Perspektivenübernahme. Männer können per se schlechter soziale Perspektiven übernehmen als Frauen, auch da haben wir geschlechtertypische Unterschiede. Und von Sexualstraftätern ist bekannt, dass sie in sozialer Perspektivenübernahme besonders schlecht sind.

Darüber hinaus findet ein kindischer Rückschluss statt, vom Selbsterleben auf die Erlebnisweise des anderen: „Wenn ich meinen steifen Penis toll finde und geil, dann findet die Frau den auch toll und geil.“ Es findet eine realitätsverkennende Fehlvorstellung statt, dass die Frau reagiert und sagt: „Oh, so ein toller Penis. Da möchte ich gerne mal näher mit zu tun haben.“

In der Regel findet aber genau das nicht statt, sondern das Gegenteil. Es gibt mittlerweile, Gott sei Dank, einige Frauen, die das zur Anzeige bringen, weil es einen Straftatbestand erfüllt, nämlich den der exhibitionistischen Handlung, auch, wenn die Täter im klinischen Sinne keine Exhibitionisten sind.

Selbstwertstörung, die narzisstisch kompensiert wird

Gibt es Merkmale, die die Männer gemeinsam haben, die so etwas tun?

Was man sagen kann, und das gilt nicht nur für diese Form der grenzüberschreitenden Bildzusendungen, sondern für alle Sexualstraftaten, ist, dass der Kern der Problematik eine klinisch relevante Selbstwertstörung der Täter ist. Das kann man sich auch schon aus dem gesunden Menschenverstand heraus vorstellen, dass ein Mann, der mit sich selbst im Reinen ist, keine Selbstzweifel hat und sich nicht mit der Frage quält, ob er in Ordnung ist, ein solcher Mann kommt gar nicht auf die Idee, eine Frau auf diese Art zu adressieren, indem er ungefragt und ungebeten Erektionsfotos versendet, sondern würde immer den Weg einer freiwilligen und einvernehmlichen Kontaktaufnahme wählen.

Wenn ich aber eine Selbstwertstörung habe – nicht ein Selbstwertproblem, das haben fast alle –, sondern eine klinisch relevante Selbstwertstörung, dann ist mir der Weg einer konventionellen, sozial verträglichen und einvernehmlichen Kontaktaufnahme erschwert. Weil ich nämlich im tiefsten Innersten nicht der Überzeugung bin, dass ich gut ankomme und angenommen werde.

Gleichzeitig wird diese Selbstwertstörung narzisstisch kompensiert. Das bedeutet, eigentlich fühle ich mich als Selbstwertzwerg, aber indem ich mich erhebe, also erigiere, und von meinem steifen Penis ein Bild verschicke, blase ich mich auf zu einem vermeintlichen Potenzprotz.

Doch diese innere Rechnung geht nicht auf und das realisieren die Männer nicht, sondern bleiben in diesem Kompensationsmodus, häufig eingebettet in sexuelle Selbstbetätigung mit Pornografiekonsum, womöglich unter Rauschmittelenthemmung. Und das kulminiert dann darin, dass Fotos der eigenen Erektion gemacht und nicht einvernehmlich versandt werden.

Warum Prominente häufig betroffen sind

Könnte man darin auch einen grundsätzlichen Hass auf Frauen verstehen?

Wenn Dickpics an Prominente versandt werden, an Frauen, die gesellschaftlich exponiert sind, dann wird darin oft auch genau die aggressive Komponente spürbar, bei der es eben nicht nur um die Fehlvorstellung geht, da könnte eine sexuelle Kontaktanbahnung entstehen, sondern darum, diese Frauen mit diesen Bildern einzuschüchtern, ihnen zu nahe zu treten. Und darin kommt dann genau die oben beschriebene Aggressivität zum Ausdruck. Vermutlich herrscht in den Köpfen der Täter ein affektives Mischgeschehen aus Sexuell-angezogen-Sein und Bedrohungserleben durch die als mächtige erlebte, weil prominente Frau. Die Gedankenwelt könnten wir uns wie folgt vorstellen:

„Die Frau ist schön und berühmt und würde sich mit jemandem wie mir niemals abgeben, geschweige denn sich auf jemanden wie mich je einlassen. Und deshalb zeige ich es ihr jetzt mal, indem ich sie zwinge, meinen Ständer zu sehen. Das wird sie beeindrucken.“ Aber dieser innere Prozess betrifft überwiegend Prominente. Bei realen Opfern aus dem sozialen Umfeld der Täter ist das nicht in der gleichen Weise der Fall.

Fühlen sich Männer mächtig?

Denken Männer, dass sie durch das Verschicken von Dickpics Macht über die Frauen haben?

Wenn Sie schauen, was in den Medien zu dem Thema auftaucht, ist sehr oft die Rede von Macht als Motiv und dass es um patriarchische, misogynistische Einstellungen gehe. Es sei brutale narzisstische Dominanz im Spiel, Männer, die Frauen unterdrücken wollen. Das ist eine feministische Perspektive, die ich theoretisch nachvollziehbar finde, die sich aber auf der Grundlage der klinischen und forensischen Sexualforschung nicht bestätigen lässt. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass es sich bei den Tätern um Legionen von Selbstwertzwergen handelt. Eben nicht um monströs dominante Narzissten mit frauenfeindlicher Lust an Unterdrückung, sondern um selbstwertgestörte Männchen mit Minderwertigkeitskomplexen, die durch narzisstische Größenvorstellungen ihren Selbstwertdefekt zu kompensieren versuchen. Und das ist ein ganz anderer Typus als der brutale misogynistische antifeministische Dominator. Diese Differenzierung finde ich für den gesellschaftlichen Diskurs wichtig.

Wenn Frauen ein Dickpic erhalten haben, wie können sie damit umgehen?

Es gelten dieselben Regeln wie bei allen Straftaten: Man sollte die Opfer dazu ermutigen, Strafanzeige zu erstatten – in jedem Fall, auch wenn es sich um einen anonymen Absender handelt. Dann erst ist es möglich, dass Ermittlungsbehörden tätig werden und dann auch den seriellen Charakter dieser Taten aufdecken können. Und das ist ja auch für die Frauen selber tröstlich und hilfreich, wenn rauskommt: Ich war nicht die Einzige. Das heißt ja übersetzt auch: Es ging nicht um mich persönlich, sondern ich war eine Adressatin, der das widerfahren ist, neben anderen.

Und wie kann man jene Männer dazu bringen, ihr Allerheiligstes in der Hose zu behalten?

Zunächst einmal geht es ja Gott sei Dank nicht um die Männer im Allgemeinen, sondern um eine selbstwertgestörte Minderheit. Normale Männer können ja auch andere Dinge allerheiligst erleben als ihren eigenen Penis. Was die Täter angeht, gibt es keine globale Erziehungsmöglichkeit. Die einzige Möglichkeit, auf Sexualstraftäter verhaltensverändernd einwirken zu können, ist eine sachverständige, psychotherapeutische Heilbehandlung, hier also eine spezialisierte, sexualpsychologische Therapie.

Warum Behandlungen bedrohlich erscheinen

In eine solche Behandlung wollen sich diese Männer aber gerade ungern begeben, weil ihre Selbstwertstörung eine solche Behandlung als bedrohlich erscheinen lässt. Denn es wäre ja klar, dass im Rahmen einer psychologischen Therapie beziehungsweise Psychotherapie diese Problematik zutage tritt: „Ich habe eine Selbstwertstörung und ich kompensiere sie durch sexuelle Größenfantasien, die ich dann auch noch anderen zumute, indem ich ihnen mein erigiertes Genital aufdränge.“ Diese ganze Problematik würde dann aufgedeckt und dann würde das Kartenhaus des vermeintlichen Potenzprotzes zusammenfallen, das sich solche Täter oft aufbauen.

Darum ist es trivial aber wahr, dass die meisten Sexualstraftäter erst eine Bereitschaft entwickeln, sich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben, wenn das gerichtlich verfügt wird, das heißt, wenn von Gerichten Strafen verhängt werden, die mit einer Therapieauflage verbunden sind.

Ist es nicht verrückt, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der wir überhaupt über so etwas wie Dickpics sprechen müssen …

Wie gesagt: Nicht einvernehmliche Penispräsentation gab es schon immer. Neu ist nur die Häufigkeit, mit der das heute via Internet geschieht. Weil es die technischen Optionen gibt. Hätten wir nicht die Möglichkeit, selbst gemachte Bilder und Filme per Smartphone zu versenden und weiterzuleiten, dann gäbe es das Phänomen auch nicht in diesem Umfang. Das ist dasselbe wie mit Pornokonsum: Gäbe es nicht das Internet, gäbe es auch nicht diese Nutzungsdimensionen. Wenn die Täter mit einer analogen Kamera Fotos ihres Penis machen und den Film dann entwickeln lassen müssten, das fertige Foto in einen Briefumschlag stecken, frankieren, einwerfen und analog an eine Adressatin versenden müssten, dann gäbe es das gesamte Phänomen nicht in dieser Größenordnung.

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