Das Urteil gegen Boateng – und was toxische Beziehungen mit allen Beteiligten machen

  • Die ehemalige Lebensgefährtin von Fußballer Boateng ist Opfer häuslicher Gewalt geworden.
  • Die Staatsanwältin Stefanie Eckert hob in diesem Fall aber auch hervor, dass nicht nur sie Opfer geworden sei, sondern auch Boateng – „Opfer ihrer gemeinsamen toxischen Beziehung“.
  • Unser Kolumnist, der Paartherapeut Christian Hemschemeier, blickt auf den Fall.
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Sobald unter anderem psychische und/oder physische Gewalt in einer Beziehung vorkommen und man diese nicht verlässt, spricht man von einer toxischen Beziehung. Jede Form von Gewalt ist eine giftige Verhaltensweise. Es gibt nach so einem Vorfall und so einer Vorgeschichte immer zwei Ebenen – die rein faktenbasierte Ebene, wo jemand, wie in dem Fall auch juristisch, Verantwortung übernehmen muss. Und dann gibt es das psychische Chaos, was auf beiden Seiten Spuren hinterlässt.

Toxische Beziehungen holen immer das schlechteste aus einem heraus, während gesunde Beziehungen aus uns die beste Version machen. Dabei ist nicht jede konfliktreiche (beendete) Beziehung per se toxisch. Der Begriff wird in den letzten Jahren fast inflationär benutzt. Es handelt sich bei dem Begriff keinesfalls um eine offizielle Diagnose.

Extreme und äußerst problematische Dynamik

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Der gängigen Definition nach gelten toxische Beziehungen aber dennoch als Beziehungen mit einer extremen und äußerst problematischen Dynamik, die mindestens einem Partner, und im Fall von Boateng und seiner Ex Freundin auch beiden, extrem schadet. Toxische Beziehungen sind oft von einer On/Off-Dynamik geprägt, wie auch in diesem Fall. Nach jeder Off-Phase wird die Beziehung immer schlimmer und es kommt zu weiteren Eskalationen.

Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Diese Dynamik wird häufig gefüttert von nicht kompatiblen Bindungsstilen. Obwohl in diesen Beziehungen oft Abwertung und auch physische Gewalt im Spiel sind, gelingt der Schlussstrich nicht oder erst nach mehreren On/Off-Phasen. Der Kick des Anfangs, die Versprechungen, die Hoffnung und Versöhnung lassen einen süchtig werden vom Anderen. Die „Liebessucht“ ist dabei fast vergleichbar mit der Sucht nach echten Drogen.

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Traumatische Beziehungserfahrungen werden wiederholt

Allerdings lässt auch hier die Wirkung immer mehr nach beziehungsweise sie hält kürzer an und wird somit immer zerstörerischer. Die Wurzeln liegen in den frühen Beziehungserfahrungen, dem alte Bindungstraumata zugrunde liegen. Oft sind dann beide Partner unsicher und wiederholen traumatische Beziehungserfahrungen.

Jérôme Boateng wurde, wenn auch noch nicht rechtskräftig, zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen je 30.000 Euro verurteilt. Auch bei einer gerechtfertigten Verurteilung sollte man sich vor einer einseitigen Bewertung der Situation hüten. Im Falle von toxischen Beziehungen verschwinden oft beide Partner in einem Sog von Lügen, Manipulation und Liebessucht – es gibt keine Gewinner – nur Verlierer.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein aktuelles Buch „vom Opfer zum Gestalter- Raus aus toxischen Beziehungen. Rein ins Leben“ ist online und in allen Buchhandlungen erhältlich. In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Experten zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit.

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