Moderner Mythos: Was es mit dem „Jungfernhäutchen” wirklich auf sich hat

  • Auch heute gibt es noch Kulturen, in denen es wichtig ist, dass die Frau vor der Hochzeit "Jungfrau" ist.
  • Am so genannten "Jungfernhäutchen" lässt sich dies allerdings nicht erkennen.
  • Denn bei weniger als 50 Prozent der Frauen blutet der Hymen beim ersten Geschlechtsverkehr.
Heidi Becker
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Allein die Frage dürfte hierzulande für viele ziemlich absurd erscheinen: Hängt der „Wert" einer Frau davon ab, ob sie noch Jungfrau ist oder nicht? Auch heute noch ist in einigen Kulturkreisen die Unversehrtheit einer Frau, beziehungsweise ihres „Jungfernhäutchens", so wichtig, dass in der Hochzeitsnacht nach der Entjungferung ein Bettlaken mit Blut als Beweis für die Ehre einer Frau steht. In Deutschland scheint dieser Brauch schwer vorstellbar, oder nicht?

"Kranzgeld" sollte eine Frau für ihren Verlust entschädigen

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Weit gefehlt: Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) beschreibt ein so genanntes „Kranzgeld". Hierbei handelt es sich um eine Geldsumme, die eine Frau in Deutschland einklagen konnte, wenn sie mit ihrem Verlobten Geschlechtsverkehr hatte und dieser danach die Verlobung gelöst hat. Das entsprechende Gesetz wurde erst im Jahr 1998 abgeschafft - nachdem im Jahr 1968 zuletzt das Kranzgeld noch einer Frau zugesprochen worden war.

Ein Grund für die Abschaffung soll die Entwürdigung der Frau gewesen sein. Stand das Kranzgeld doch immerhin dafür, dass die Frau nach dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit weniger wert war.

Und auch heute noch scheint es viele Männer zu geben, die Wert darauf legen, die Ehe nur mit einer Frau einzugehen, die noch „jungfräulich" ist. Die dänische Psychologin, Sexologin und Autorin Ann-Marlene Henning meint, dass damit die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau gewahrt werden sollen. „Das macht doch gerade den Unterschied", sagt Henning, „die Frau soll warten und 'rein' bleiben und der Mann kann machen, was er will".

Der Hymen zeigt nicht, ob eine Frau schon Sex hatte

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So viel Rummel also um eine dünne Haut, die ... Ja welchen Zweck erfüllt das „Jungfernhäutchen" eigentlich? Und genau an dieser Stelle sollte sich jegliche Diskussion über den Wert des „Jungfernhäutchens" erledigen, denn: Dieses sagenumwobene Häutchen gibt es nicht. Man kann an dem Hymen, der weniger eine Haut, als mehr ein Gewebesaum ist, definitiv nicht erkennen, ob eine Frau schon Sex hatte oder nicht.

Warum manche Frauen beim ersten Mal trotzdem bluten? „Wenn man mir, seitdem ich klein bin, immer wieder erzählt, dass das erste Mal Sex weh tun wird, dann liege ich doch da und warte auch auf einen Schmerz", sagt Ann-Marlene Henning. Die Frau sei angespannt und dadurch könne auch kein Vaginalsekret fließen, welches nur bei guter Durchblutung und Erregung entsteht. „Jede Frau, die schon einmal Schmerzen beim Sex hatte, kennt das: Man ist dann total trocken", erklärt die Autorin. Und das sei eben auch beim ersten Mal Sex so.

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Im Mutterleib bildet sich der Hymen vor der Geburt zurück

Der Bundesverband pro Familia informiert, dass der Hymen beim weiblichen Embryo ein sehr dünnes Häutchen ist, dass die Scheide von Mädchen im Mutterleib verschlossen hält. Im Laufe der Entwicklung bildet sich diese Haut kurz vor der Geburt zurück. Manche Mädchen haben daher gar kein Hymen. Bei denen, die einen Hymen haben, umsäumt das Gewebe den Scheideneingang.

Auch kann dies ganz unterschiedlich aussehen. Übrigens gibt es tatsächlich Hymen, die sich nicht zurückgebildet haben und die Scheide noch verschließen. Diese Mädchen werden aber noch als Neugeborene operiert, da die Öffnung im Hymen wichtig ist, damit die Menstruationsflüssigkeit später abfließen kann.

Bei weniger als 50 Prozent der Frauen blutet der Hymen beim ersten Sex

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Aber gerade weil es in manchen Kulturen so wichtig ist, einen Blutfleck nach der Hochzeitsnacht vorweisen zu können, werden manche Frauen zu unglaublichen Taten gedrängt. Die Organisation „Terre des Femmes", die sich für die Menschenrechte von Frauen einsetzt, berichtet, dass die Nachfrage nach Rekonstruktions-Operationen, bei denen das Hymen wiederhergestellt wird, immer mehr wächst.

Diese Operationen sind nicht nur sehr teuer und riskant. Die Wiederherstellung des Hymens garantiert keine Blutung in der Hochzeitsnacht. Denn: Bei weniger als 50 Prozent der Frauen blutet der Hymen beim ersten Geschlechtsverkehr, da es einfach nur ein äußerer Gewebesaum ist.

Tampons haben keinen Einfluss auf den Hymen

Eine Frau kann weder beeinflussen, ob sie überhaupt einen Hymen hat, noch ob dieser beim Geschlechtsverkehr blutet. Auch der Gebrauch von Tampons hat keine Risse oder Verletzungen im Hymen zur Folge, wie eine Studie zeigt.

Schluss mit den Märchen und Mythen

Wichtig ist, mit dem Märchen vom "Jungfernhäutchen" Schluss zu machen. "Wir müssen diesen Mythos beenden, denn auch die jungen Männer machen sich Sorgen, dem Mädchen weh zu tun, weil sie glauben, irgendwo durchstoßen zu müssen", sagt die dänische Sexologin. Der Glauben an ein "Jungfernhäutchen" würde für jeden Neuling einen negativen Start in die sexuelle Welt bedeuten.

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Wer also in der heutigen Zeit noch behauptet, eine Frau für die Ehe zu bevorzugen, die ihr "Jungfernhäutchen" noch hat, zeigt damit nur, dass er von der weiblichen Anatomie keine Ahnung hat. Interessant: Die Schweden haben das Wort "Jungfernhäutchen" sogar aus dem Duden gestrichen, weil es dies nun mal nicht gibt. Und wer bis jetzt immer noch an den Mythos "Jungfernhäutchen" geglaubt hat, keine Sorge: Sie sind nicht der/ die Einzige.

Ann-Marlene Henning geht in ihrem neuen Buch "Sex verändert alles: Aufklärung für Fortgeschrittene" (Rowohlt Verlag) genau auf dieses Thema ein und räumt mit Vorurteilen auf.