Happy-End im Altenheim: Als sich Annemarie und Josef endlich wieder küssen durften

  • Wegen der Corona-Pandemie galt in vielen Senioren- und Pflegeheimen ein strenges Besuchsverbot.
  • Nicht einmal Angehörige und Lebenspartner durften sich sehen. Umso größer ist nun die Freude über die ersten Lockerungen.
  • Die Geschichte von Annemarie und Josef - der Liebe ihres Lebens.
Isabella Hafner
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Josef Kufner wartet vor einem Ulmer Seniorenheim. Im Klappstuhl, der in den letzten Wochen sein Begleiter geworden ist. Er hat sich in Schale geschmissen für seine Annemarie, trägt Trachtenanzug und Tirolerhut. Und ist ziemlich aufgeregt vor dem großen Moment gleich. Nach Wochen der Corona-Abstinenz darf er – außerhalb des Seniorenheims – seine Frau heute zum ersten Mal wieder berühren. Das ist nämlich jetzt wieder erlaubt.

Auf Niederbayerisch (er ist im Bayerischen Wald aufgewachsen, aber wegen Bäckereiverkäuferin Annemarie in Ulm kleben geblieben), sagt er: „Das ist mir abgegangen und das bringt mich schier um. Das belastet mich unheimlich – wenn man so viele Jahre beieinander ist. Das liegt mir im Magen, mir hat’s den Hals zu geschnürt, ich hab keinen Hunger, keinen Appetit. Das ist meine Natur. Weil, ich habe ja so eine empfindliche Natur.“

„Kriegst a Kusserle!“

Nennen wir es Liebe. Josef Kufner ist über 80, genauso wie seine Annemarie. Seit 1952 halten sie zusammen. Da haben sie geheiratet, vor 68 Jahren. Weil sie pflegebedürftig ist, liegt sie jetzt im Seniorenheim, gleich bei ihm ums Eck. Auch wenn er sie daheim jeden Tag vermisst.

Und dann ist es endlich soweit. Jetzt könnte man sich die Melodie aus „Herzblatt“ dazu als Untermalung vorstellen. Die Türe geht auf und seine Frau rollt ihm mit ihrem Rollator entgegen. Er strahlt und sie sagt: „Kriegst a Kusserle!“ Dicke Schmatzer landen auf den Backen. „Das ist schon lange her, dass wir uns ein Kusserle geben konnten. Richtig fesch ist er heute!“ Ja, dass er fesch ausschaut, das war ihr schon immer wichtig. Weiß er ja. Josef Kufner war’s zu wenig Gebusserl. Nachschlag bitte! „Hab ja viel zum Nachholen.“ Also nochmal. Aber auch sie möchte mehr und zeigt ihm, wohin bitte. „Dankeschön!“, sagt sie und lacht.

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Tag für Tag am Balkon

Die letzten Wochen hat Josef Kufner aber trotzdem alles getan, um seiner Annemarie nahe zu sein, seit sie nicht mehr zueinander durften.. Oder besser seiner Julia - denn ein wenig erinnert die Geschichte an Shakespeare.

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Jeden Tag gegen 16 Uhr kam Kufner nämlich zum Altenheim. Annemarie wartete dann schon auf ihrem Balkon, wann er um die Ecke kam, an der Stelle, wo der Bäcker ist. Dann postierte sich der Ulmer Romeo mit seinem Klappstuhl vor ihrem Balkon. Und zog alle Register. Er erzählt: „Durch das Denken an die Belastung bin ich auf die Idee gekommen mit dem Klappstuhl: Das ist die Möglichkeit!“ Er zeigt zum Balkon. „Da vorn haben wir miteinander geredet und ich habe oft Mandarinen mitgenommen oder Bananen. Im Rucksack hatte ich immer eine Tasche und schmiss ihr das Obst dann hoch.“

Im Gegenzug warf sie ihm Felix runter. Ihr gemeinsames Kuscheltier. Mit dem spielte er dann irgendwelche Szenen. Dann lachte Annemarie. Dieses Schauspiel amüsierte immer auch die Autofahrern an der roten Ampel. Denen signalisierte dann Annemarie mit den Händen: Der Romeo da, das ist ihrer. Und dann war er glücklich. Weil sie glücklich ist, dass er es ist, weil sie es ist, dass er es ist…

„Das freut sie schon, wenn ich komme. Sie geht zufrieden wieder rein und winkt mir dann immer noch, wenn ich gehe und ich winke ihr.“ Dann schluckt er, reißt die Augen auf und sagt: „Meine größte Angst ist, dass ich meine Annemarie verliere.“

Ein Maibaum für Josef

Am ersten Mai, da hatte Annemarie Kufner gedacht, er kommt nicht. Es regnete nämlich ziemlich. Dabei hatte sich die Altenheimchefin Beata Türk mit ihrem Team etwas Besonderes überlegt. Sie erzählt: „Nachdem der Herr Kufner immer kam und seiner Annemarie nette Küsschen und Gesten sendet, haben wir uns gedacht: Ok, es ist jetzt Schaltjahr. Das heißt, die Frauen müssen für die Männer einen Maibaum stellen.“ Und nicht, wie es sonst Tradition ist, die Männer heimlich nachts ihrer Angebeteten. „Dann haben wir kurzerhand – auch heimlich – von der Annemarie einen Maibaum aufgestellt.“

Und dann war es kurz nach vier und Josef Kufner kam um die Kurve, bei der Bäckerei. Über seinen Maibaum mit die vielen bunten Bendeln freute er sich sehr. Nur das Schild in Herzform, das konnte er nicht richtig lesen. „Bis die geguckt haben, bin ich schon auf den Klappstuhl hinauf gestiegen. Die haben eine Mords Angst bekommen, denen ist die Luft weggeblieben.“

Auf dem Schild stand: Für die Liebe meines Lebens, Seppe - deine Annemarie.

Ein herzliches Wiedersehen: Josef Kufner darf seine Frau Annemarie wieder küssen. © Quelle: Isabella Hafner
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