Beziehungskiller Kommunikation: Warum Frauen und Männer unterschiedliche Sprachen sprechen

  • Eine neue Studie der San Francisco State University zeigt, dass sich der Sprachstil von Frauen und Männern gravierend voneinander unterscheidet.
  • Während Männer dazu tendieren, abstrakter zu sprechen, fokussieren Frauen sich auf Details.
  • Grund dafür sei die unterschiedliche Sozialisation und Prägung von Frauen und Männern.
Josephine Andreoli
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Rund 16.000 Wörter gehen uns am Tag über die Lippen. Der Raum für Missverständnisse zwischen Männern und Frauen ist da groß. Eine von der Professorin Priyanka Joshi von der San Francisco State University angeführte Studie aus dem Jahr 2019 untersucht die Sprachmuster von Männern und Frauen und kommt zu dem Schluss: Die unterschiedliche Ausdrucksweise beider Geschlechter basiert nicht lediglich auf kulturellen Sprachbildern, sondern auf einer grundverschiedenen Sprechweise von Frauen und Männern.

Frauen und Männer nutzen Sprache unterschiedlich

In ihrer Studie fanden die Wissenschaftler heraus, dass Männer dazu tendieren, abstrakter zu sprechen, während Frauen sich vermehrt auf Details konzentrierten. Zwar waren sprachliche Unterschiede wie diese bereits vor Joshis Studie festgestellt worden, jedoch gelang es den Forschern um Joshi, diese Annahme in sechs Studien tatsächlich nachzuweisen.

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Männer sprechen abstrakter als Frauen

So untersuchten Psychologen die Sprachmuster und Gewohnheiten von Frauen und Männern sowohl in mehr als 600.000 Blogbeiträgen als auch in mündlicher Form. Dabei katalogisierten die Forscher rund 40.000 oft genutzte Wörter der englischen Sprache wie beispielsweise „Tisch“ oder „Stuhl“ als wenig abstrakt, Wörter wie „Gerechtigkeit“ und „Moral“ hingegen als abstrakt. Schon die Untersuchung der Blogposts zeigte: Männer machten häufiger Gebrauch von abstrakten Worten.

Ein weiterer Teil der Studie war die Untersuchung von mehr als 500.000 Protokollen und Niederschriften des US-amerikanischen Kongresses aus den Jahren 2001 bis 2007. Hierbei untersuchten die Wissenschaftler Sprachmuster von über 1000 Abgeordneten aller Parteien – und kamen zum selben Ergebnis: Auch in der Politik war die Wortwahl der Männer weitaus abstrakter als die der Frauen.

Woraus resultieren die verschiedenen Sprachstile?

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Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass die unterschiedliche Art von Männern und Frauen zu kommunizieren insbesondere daraus resultiert, dass Männer Frauen gesellschaftlich überlegen sind. Eine weitere Studie zeigt jedoch auf, dass sich Sprachmuster auch verändern können. Laut den Wissenschaftlern machten Studienteilnehmerinnen, sobald sich das Machtgefüge verschob, ebenfalls Gebrauch von abstrakter Sprache.

Priyanka Joshi und die anderen Autoren der Studie glauben, dass es keine klare Tendenz für Männer und Frauen gäbe, in Form bestimmter Sprachmuster zu kommunizieren. Abhängig sei Sprachgebrauch vor allem auch vom Kontext.

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Häufige linguistische Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Auch Christina Muderlak, Coach und Trainerin für internationale Unternehmen mit dem Schwerpunkt Stimme und Kommunikation, erklärt, dass es aufgrund von geschlechterspezifischen Unterschieden in der Sprache schnell zu Missverständnissen zwischen Männern und Frauen kommen kann. So hätten Frauen generell einen größeren Wortschatz mit einem hohen Anteil an emotionalem, empathischem Vokabular. Männer hingegen hätten häufig einen geringeren Wortschatz. Auch Klang, Melodie und Lautstärke der Stimme würden stark voneinander abweichen. Insbesondere jüngere Frauen würden meist leiser, höher und melodischer sprechen.

Auffällig sei laut Muderlak auch, dass Frauen häufig Gebrauch vom Konjunktiv machten, Männer hingegen direkter sprächen. Diese Gewohnheit würde vor allem im beruflichen Kontext häufig zu Missverständnissen führen, da Männer die höflich formulierte Nachfrage im Konjunktiv als weniger wichtig einschätzen und „die wenig nachdrückliche“ Kommunikation als kaum führungsfähig wahrnehmen, wie Muderlak beispielhaft in der Zeitschrift „Manager Seminare“ ausführt.

Brauchen Männer und Frauen Übersetzer, um Missverständnisse zu vermeiden?

Die deutsche Kommunikations- und Humortrainerin sowie Keynote-Speakerin Margit Hertlein führt den unterschiedlichen Sprachstil von Männern und Frauen auf eine unterschiedliche Sozialisation und Prägung als auch auf eine kulturelle Rollenzuweisung, wie Männer und Frauen zu sein und zu sprechen hätten, zurück. Allerdings würden auch die Hormone eine Rolle spielen. Gegenüber der „Kölnischen Rundschau“ sagte Hertlein, dass ein Überschuss des Sexualhormons Testosteron die männliche Sprache direkt und aggressiv mache. Bei Frauen hingegen dominiere insbesondere während der Geburt und Stillzeit das Bindungshormon Oxytocin, das auf eine eher vertrauensvolle Kommunikation setzen lasse.

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Einen Übersetzer zwischen Frauen und Männern brauche es laut Margit Hertlein dennoch nicht unbedingt. Wichtig sei nur das Bemühen um eine klare Kommunikation. Gerade bei privaten Beziehungen, bei denen es weniger um den Weg zum Ziel als um das gegenseitige Verständnis füreinander gehe, sei die klare Formulierung von Wünschen wichtig.

Paare glauben, die Gefühle des Partners auch ohne Worte zu verstehen - häufig ein Irrtum

Insbesondere bei längeren Beziehungen gehen die Partner davon aus, über die Gefühle des anderen in den meisten Situationen Bescheid zu wissen. Ein Irrtum, wie Paarberater und Singlecoach Eric Hegmann im Onlinemagazin „Beziehungsweise“ schreibt. Beim Coaching stelle er häufig fest, dass die Erwartungshaltungen von Paaren erst dann aufgelöst wurden, wenn sie diese klar aussprachen und miteinander abglichen. Nicht klar formulierte Wünsche und Erwartungen könnten also schnell zum Beziehungskiller werden – die unterschiedliche Art zu kommunizieren erschwere das nur.

Hegmann spricht auch von „inflationärem sprachlichem Minimalismus“ – einer Mischung aus Wunsch und Bestätigung, sprich: die Erwartung an den Partner, die eigenen Gedanken und Wünsche auch ohne das Aussprechen derer zu kennen. Mehr Respekt voreinander würde hier aber bereits helfen, so Hegmann. Denn nur weil der Partner nicht die Gedanken lesen könne, sei das kein Zeichen mangelnder Zuneigung. Hier helfen liebevollere und fürsorglichere Umgangsformen – und das klärende Gespräch miteinander.