Kampf mit dem inneren Kind: Warum wir gerade bei Beziehungsstreit in alte Muster zurückfallen

  • Alle kennen ihn, keiner mag ihn, und letztendlich gehört er irgendwie dazu: Streit in Liebesbeziehungen.
  • Unter der Annahme, jeder Mensch hat zwei Gesichter, sind es wohl diese Momente, in denen wir unsere schlechten Seiten offenbaren: Wir fluchen, schreien und wüten, die Türen knallen.
  • Das innere Kind übernimmt in diesen Momenten die Kontrolle.
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Wenn in einem Film die Lautstärke des Gesprächs langsam, aber sicher zunimmt, die Türen knallen und schlimmstenfalls die Teller fliegen, dann sind das für gewöhnlich Szenen einer Liebesbeziehung. Wieso aber zeigen wir uns ausgerechnet vor unserer besseren Hälfte immer wieder von unserer schlechtesten Seite, wo ein respektvolles Miteinander in einer Partnerschaft doch so eine große Rolle spielt? Und warum setzen sich schlechte Verhaltensmuster oft jahrelang durch, obwohl der Wille, den Teufelskreis zu stoppen, so groß ist?

Zum einen bedeutet eine langjährige gemeinsame Streitkultur keineswegs, dass das, was dabei schlussendlich rauskommt, eine produktive und ausgefeilte Art der Kommunikation ist, erklärt Paartherapeutin und Sexologin Ann-Marlene Henning: Schlechte Verhaltensmuster manifestieren sich, die Konflikte drehen sich im Kreis und gären weiter. Daraus ergebe sich früher oder später eine Belastung für Beziehung und Liebesleben.

Zum anderen resultiere aus solchen Strukturen häufig ein triggergesteuertes Verhalten: Mit dem „richtigen“ Reiz bedeuten so auch Lappalien laut Henning zumindest ein hitziges Wortgefecht. Die Chancen auf ein Gespräch auf Augenhöhe stehen schlecht.

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Wenn das innere Kind das Steuer übernimmt

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„Die Kindheit ist on“, nennt Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning diesen Zustand im RND-Podcast „Ach, komm!“. Heißt: Das limbische System übernimmt das Steuer, mit all seinen Glaubenssätzen und schlechten Angewohnheiten. Es wird auch als unser „inneres Kind“ bezeichnet, denn was hier zum Vorschein kommt, sind die Erlebnisse, Gefühlsreaktionen und Verhaltensmuster, die das Hirn beim Heranwachsen abgespeichert hat. „Sind hier Nöte entstanden, zum Beispiel durch mangelnde Zuwendung, Gerechtigkeit und Liebe, dann äußert sich das häufig in Streitsituationen“, erklärt Henning. Denn das innere Kind kenne keine Vergangenheit oder Zukunft, sondern nur das „Jetzt“. Wenn hier eine „Not-Situation“ entsteht, werde instinktiv reagiert, der Zugang zur Vernunft sei versperrt. Das Gegenüber werde durch bestimmte Trigger zum roten Tuch.

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Das Ergebnis seien Vorwürfe und Kritik. Betroffene distanzierten sich emotional, reagieren hysterisch oder schweigen. „Das eigene Funktionsniveau fällt viel geringer aus als sonst“, erklärt Henning. „Das ist der ideale Weg, um nicht zu bekommen, was man will.“ Wer seine Trigger allerdings kennt, sei in der Lage, am eigenen Streitverhalten zu arbeiten.

Nicht zielführende Streittypen: Vier gängige Verhaltensweisen

Die Verhaltensmuster wirken vielfältig, die Gründe für Kommunikationsschwierigkeiten sind komplex. Nichtsdestotrotz sind in Partnerschaften aus Sicht der Expertin vier gängige nicht zielführende Streittypen erkennbar:

Zur ersten Gruppe zählen demnach all jene, die in Konfliktsituationen, meist unterbewusst, alles schlecht und negativ auffassen. „Hier startet die Fehlersuche zwar bei einem selbst, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass sich Menschen schnell angegriffen fühlen“, sagt Henning. Denn sie werteten sich selbst bei der Fehlersuche ab und spiegelten das ihrer Partnerin oder ihrem Partner. Ein typisches Beispiel: „Du hast doch bestimmt eine Affäre!“

Die zweite Gruppe bildeten diejenigen, die quasi andersherum handeln, sich selbst also auf- und andere abwerten. Wer seinem Gegenüber dauernd schlechte Eigenschaften zuschreibt, greift dabei laut Henning häufig auf Sätze zurück, die mit „Du warst schon immer ...“ und „Du konntest noch nie ...“ anfangen. Die „Schuld“ werde so schnell wie möglich auf die andere Person geschoben.

Wer mitten in einem Konflikt mehr Öl ins Feuer gießt und absichtlich provoziert, gehört Henning zufolge zur dritten Personengruppe. Ob ein fieser Kommentar zum Sex oder eine unangebrachte Bemerkung über einen Elternteil: Hier würden absichtlich Trigger des Gegenüber bedient. Die Folge: Keine der beiden Parteien komme zur Ruhe, da die Diskussion immer wieder aufflamme.

Die vierte Gruppe umfasst vor allem Männer, die dieses Verhalten häufig in der Kindheit von ihren Vätern gelernt haben, etwa durch Sprüche wie „Männer zeigen ihre Gefühle nicht“: Sie verstummen, sie „muten“, und lassen auch der Partnerin oder dem Partner dadurch in Konfliktsituationen keine Möglichkeit zum Sprechen. „Diese Menschen antworten nicht, verlassen zum Beispiel das Zimmer und ergreifen die Flucht“, erklärt Henning. „Sie machen – auf welche Art und Weise auch immer – deutlich, wenn sie nicht interessiert an einem Gespräch sind.“ Eine Konversation, wenn es hitzig wird, zu beenden, sei zwar nicht per se schlecht. Doch wer geht, müsse auch dafür sorgen, dass die Situation im Nachhinein noch besprochen wird.

„Die menschliche Biologie lässt ein Gespräch bei einem Puls über 95 nicht zu“

Dass es in mancher Streitsituation zielführender ist, das Gespräch zu beenden, als sich mit scharfen Worten im Kreis zu drehen, findet auch Single- und Paarberater Christian Thiel: Er rät sogar dazu, im Zweifelsfall das Weite zu suchen – ebenfalls unter der Voraussetzung, dass anschließend über die Probleme geredet wird: „Die menschliche Biologie lässt ein sinnvolles Gespräch nicht zu, wenn einer von beiden einen Puls über 95 hat.“

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Darüber hinaus gebe es oft Situationen, in denen eine der Parteien aus der eigenen Unsicherheit heraus versuche, ihr Gegenüber zum Gespräch zu zwingen – eine Herangehensweise, die aus Sicht des Experten wenig Erfolg verspricht: „Niemand muss weiterreden, wenn er oder sie nicht will.“

An der eigenen Streitkultur arbeiten: Diese Verhaltensweisen sind produktiv

Nichtsdestotrotz: „Das Hirn mag neue Muster eher weniger und greift lieber auf alte zurück, auch wenn die Auswirkungen schlechter sind“, sagt Ann-Marlene Henning. Sich schlechte Verhaltensmuster abzugewöhnen sei daher ein langwieriger Prozess, der in mehreren Stufen abläuft.

Das Gute: Mit dem Lesen dieses Artikels ist der erste Schritt getan. Denn wer weiß, was uns dazu bringt, Konflikte auf eine bestimmte Art und Weise auszutragen, packt das Problem laut Henning bei seiner Wurzel. Ein nächster Schritt sei, die eigene Situation, die eigenen Anteile des inneren Kindes anzuerkennen. Hierbei spiele es eine große Rolle, der Partnerin oder dem Partner zuzuhören, nicht zu blockieren, und „dann auch mal ein bisschen Good Will rüberzuschieben und anzuerkennen, dass er oder sie vielleicht doch recht hat“, sagt Henning.

Bevor es zu solch einem produktiven Gespräch kommen kann, sei meist ein längerer vorangehender Prozess nötig, in dem sich das eigene problematische Verhalten eingestanden wird. Das bedeute einerseits, Streitmuster regelmäßig zu reflektieren. Andererseits gehe es darum, sich in Konfliktsituationen produktivere Auswege zu suchen. „Das heißt auch: Meine Partnerin oder mein Partner darf mir sagen, wenn ich mich wieder so verhalte“, betont Henning. Am Ende ginge es aber auch darum, „dem inneren Kind zu geben, was es braucht“, sagt sie. Das bedeute, den Nöten dahinter, also beispielsweise mangelnder Zuwendung oder Aufmerksamkeit, Gehör zu schenken. Und: mit dem Partner über die eigenen Wünsche sprechen, so etwas wie eine Gebrauchsanweisung vermitteln.

Wer einen langfristigen Wandel seiner Streitkultur will, muss nicht nur an sich selbst arbeiten, sondern auch Interesse und Offenheit für die Ansichten des Gegenübers zeigen. „Die Frage ist: Wie siehst du das und warum? Wenn uns das nicht interessiert, sondern nur ärgert, wird es schwer“, sagt Thiel. „Wir haben es leichter, wenn wir um den anderen werben, wenn wir neugierig sind, warum sich unsere Auffassungen unterscheiden.“

Schlechte Streitmuster: Die Lösung ist, sich gut zu kennen

Für diese Erkenntnisse braucht es ein Erwachsenen-Ich, das die Trigger der kindlichen Anteile kennt: Hierbei spielt vor allem die Frage „Wieso reagiere ich auf bestimmte Charakteristika meiner Partnerin oder meines Partners immer so gereizt?“ eine Rolle.

Schlussendlich geht es Henning nach also darum, einen neuen, bewussteren Blick auf sich selbst zu finden, und eine Partnerschaft als „Wachstumsgemeinschaft“ zu sehen. Denn sich und seine Verhaltensweisen an einen anderen Menschen anzupassen sei immer ein gemeinsamer Prozess, und damit mit Höhen und Tiefen verbunden. Sie gilt es der Expertin nach zu überwinden. „Und selbst wenn das Ergebnis eine Trennung ist, dann kommt diese Erkenntnis auch viel eher im Erwachsenen-Ich.“

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