„Mikrobetrügen“: Wenn kleine Illoyalitäten echte Nähe verhindern

  • Dass es falsch ist, in einer Beziehung fremdzugehen, ist klar.
  • Aber wo fängt Illoyalität in einer Partnerschaft eigentlich an?
  • Das Problem am „Mikrobetrügen“ ist, dass es echte Nähe verhindert, erklärt Paartherapeut Christian Hemschemeier in dieser Folge der Kolumne „Auf der Couch“.
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Immer noch ist das Thema Loyalität in meiner Arbeit als Paartherapeut und Autor der absolute Dauerbrenner. Ich denke, das hat auch schon frühere Generationen ordentlich auf Trab gehalten. Wenn es um das „große“ monatelange oder jahrelange Fremdgehen geht, kann man das zumindest leicht als problematisch identifizieren.

Nicht nur dem „Opfer“, sondern auch dem „Täter“ sollte absolut klar sein, dass mit solchem Verhalten Grenzen überschritten sind und dass es nicht gerade beziehungsfördernd ist. Oft regt sich der oder die Betrogene massiv darüber auf – zu Recht natürlich. Aber wie loyal sind wir selbst, wenn es um scheinbar „kleine“ Dinge geht? Nehmen wir amouröse Aufmerksamkeit von anderen gern mit? Damit kommen wir in das Feld des „Mikrobetrügens“. Finden wir mal ein paar Beispiele für diese alltägliche Form der Illoyalität:

Menschen sind leider nicht perfekt

  • Eine alte Bekannte oder ein alter Bekannter von dir steht auf dich. Obwohl du selbst in einer Beziehung bist, führst du einen schlüpfrigen Chat mit der Person, um sie dir ein bisschen warmzuhalten – für alle Fälle.
  • Du bist vergeben, aber auf deinem Instagram-Account ist davon nichts zu sehen. Nach außen gehst du als Single durch die mediale Welt.
  • Deine Zweifel über deine bestehende Beziehung besprichst du nicht mit deiner Partnerin oder deinem Partner, sondern baust Vertrautheit zu einer neuen Person auf.
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Energiesystem der Beziehung wird verändert

Sicherlich fallen Ihnen beim Lesen dieser Zeilen noch viel mehr Beispiele ein. Es geht diesmal nicht darum, den erhobenen Zeigefinger auszupacken. Natürlich ist solch ein Verhalten nicht fair, aber wir Menschen sind nun mal leider keineswegs perfekt. Aber in dieser Kolumne wollen wir mal eine andere Seite der „Mikrobetrügerei“ beleuchten.

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Es ist nämlich so, dass man sich damit einer sehr wichtigen Erfahrung beraubt: der Erfahrung des hundertprozentigen Commitments, des wirklichen Jasagens zu einer Person. Sich wirklich auf einen Menschen einzulassen ist etwas Besonderes, aber das kann man erst erfahren, wenn man es auch wirklich tut, und zwar nicht nur für die ersten drei Wochen einer Beziehung. Ja, man kann sich eine Tür offenhalten und man kann das sogar jahrzehntelang machen. Aber es wird immer die Frage bleiben, was man verpasst hat dadurch, sich mal nicht in die Breite des Beziehungslebens zu geben, sondern in die Tiefe.

Man denkt vielleicht, man würde etwas verpassen, wenn man sich nicht alle Optionen offenhält. Tatsächlich verpasst man dadurch aber das Beste, was monogame Beziehungen zu bieten haben: wirklich miteinander wachsen, auch an und in Konflikten. Auch wenn einem mal langweilig ist in langen Beziehungen oder wenn mal alles nicht so richtig rundläuft. Auch hier sollte das Gegenüber der/die Erste sein, der/die diese Gedanken erfährt. Vielleicht denkt man, das macht doch nichts und merkt auch keiner, wenn ich meine kleinen „Geheimnisse“ habe. Doch. Es macht was. Es ändert nämlich das ganze Energiesystem einer Beziehung, so wie jede Sache, die man tut oder unterlässt. Diese Energieverschiebung merkt die Partnerin oder der Partner auf jeden Fall – und sei es nur unbewusst.

Gleiches Recht für alle

Niemand muss sich für monogame Beziehungen entscheiden, wenn man es aber tut, dann sollte man es ganz und gar machen und nicht zu 80 Prozent. Dann ist es besser, entweder weiterzusuchen oder klar zu sagen, dass man keine feste Beziehung möchte, sondern ein offenes Konzept. Dann hat auch die Partnerin oder der Partner die Chance, sich alle Optionen offenzuhalten. Gleiches Recht für alle.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein aktuelles Buch „Vom Opfer zum Gestalter – raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben“ ist online und in allen Buchhandlungen erhältlich.

In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Fachleute zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit.

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