Beziehung, Kinder, Hochzeit: Akzeptiert unsere Gesellschaft keine Singles?

  • Kann man in dieser Gesellschaft Single sein?
  • Vor allem über 30 Jahre alte Singles würden vom persönlichen Umfeld kritisch beäugt, sagt Paartherapeut Christian Hemschemeier.
  • Dabei sei es wichtig, sein Gegenüber zu akzeptieren und auch die Single-Vorteile zu kennen.
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Hannover/Hamburg. Ist Single-Dasein gesellschaftsfähig? Eine etwas ketzerische Frage, ich weiß. Singles sehen sich dieser jedoch häufig gegenübergestellt. Das beginnt in ihrem direkten Umfeld wie etwa bei verheirateten oder in Beziehung lebenden Freunden, der eigenen Familie oder den Arbeitskollegen und zieht sich bis zum gesellschaftlichen Ansehen. Ab einem gewissen Alter sollte man eben vergeben oder noch besser verheiratet sein.

Das rundet das in unserer Gesellschaft gängige Bild einer gelungenen Lebensführung ab. Fehlt eine der Komponenten wie beispielsweise der Job, die Beziehung, die Kinder oder das Eigenheim, kann wohl “etwas nicht stimmen.”

Alltag: Singles haben es schwerer

Das Alter, ab dem Mann und Frau mit diesem vorherrschenden Bild konfrontiert werden, ist unterschiedlich. Männern traut man wohl zu, auch noch mit Mitte 30 die Frau oder den Mann fürs Leben zu finden. Bei Frauen sieht das anders aus. Ab Anfang 30 wird das Unverständnis über das Single-Dasein immer größer. “Willst du etwa keine Familie gründen und Kinder bekommen?” Bei Männern ist die Frage ähnlich gelagert, hier schwingt oft noch der materielle Aspekt mit. “Wie sieht es denn mit einer Familie und einem Eigenheim aus?”

Doch auch abseits vom persönlichen Umfeld werden Singles oft benachteiligt. Als Single alleine im Urlaub darf man sich auf viele skeptische Blicke oder ungläubige Fragen gefasst machen. “Was Sie reisen alleine? Ist das nicht wahnsinnig langweilig/gefährlich/frustrierend?” Und auch im Geldbeutel ist es spürbar. Einzelzimmer sind deutlich teurer als Doppelzimmer – Ausflüge sind zu zweit pro Person meist günstiger. Und selbst beim Einkaufen, ob zu Hause oder im Urlaub, werden die meisten Dinge in für Singles zu großen Einheiten angeboten.

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Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. © Quelle: Privat/Patan

Kein Druck: Entscheidungen anderer akzeptieren

Jeder Faktor für sich alleine mag nicht ausschlaggebend sein, aber in ihrer Gesamtheit können sie für Singles belastend werden. Hinzu kommt, dass die meisten gar nicht freiwillig Single sind. Sprich sie hadern oft mit sich selbst und ihrer aktuellen Situation und müssen sich darüber hinaus noch im Außen rechtfertigen. Auswirkungen hat dies übrigens auch auf Menschen, die in unglücklichen Beziehungen leben. Oft scheuen sie sich vor einer Trennung aus eben genannten Gründen. Häufig bekomme ich zu hören: “Ja, was werden wohl die Nachbarn und Freunde sagen?” “Und was soll ich denn alleine mit mir anfangen? Dann muss ich alleine in den Urlaub fahren oder Weihnachten alleine verbringen.”

Natürlich spielt hier nicht nur der Druck von außen eine Rolle. Veränderungen werden von uns Menschen immer mit größter Skepsis betrachtet. Oft verharren wir lieber in ungesunden oder unglücklichen Beziehungen als uns Neuem zuzuwenden. Doch generell ist jeder für sein Leben selbst verantwortlich. Für Außenstehende gilt, unser Gegenüber zu respektieren und seine Entscheidung zu akzeptieren. Das heißt nicht, dass wir unsere Meinung nicht sagen dürfen. Doch jemanden aus einer Beziehung heraus- oder in eine hineinzerren zu wollen, wird nicht funktionieren.

Single-Sein hat Vorteile – die muss man nutzen

Mitleid mit Singles ist übrigens ebenso wenig angebracht – denn es gibt auch eine andere Seite. Singles sind unabhängig, können ihren Leidenschaften in vollem Umfang frönen und haben meist mehr Zeit und Energie, um sich um ihre berufliche oder persönliche Weiterentwicklung zu kümmern. Und auch ein Urlaub alleine kann reizvoll sein. Tendenziell lernt man alleine mehr neue Menschen kennen als zu zweit. Zudem gehört einiges an Mut dazu, alleine zu verreisen. Ein Push für das Selbstbewusstsein, wenn man es dann getan hat. So hat eben alles zwei Seiten und es liegt an uns, immer beide zu betrachten.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch “Der Liebescode” ist 2019 im Handel erschienen.

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