Besserer Sex: Warum Feministinnen seltener einen Orgasmus vortäuschen

  • Ein Drittel der Frauen erlebt ihn praktisch nie, mehr als die Hälfte täuscht ihn aber hin und wieder vor: den Höhepunkt.
  • Laut Forschern existiert eine gewaltige “Orgasm-Gap” zwischen den Geschlechtern.
  • Doch auch das Frauenbild hat einiges damit zu tun, warum der Höhepunkt vorgespielt wird.
Michèle Förster
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Traurig, aber wahr: Knapp 60 Prozent der Frauen haben schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht. Überwiegend, weil sie das Ego ihres Partners nicht verletzen wollten. Dabei haben genau diejenigen, die keinen Höhepunkt vorspielen, häufig den besseren Sex. Das liegt vor allem am eigenen Frauenbild. Denn laut einer Studie haben Feministinnen den besseren Sex.

Gespieltes oder echtes Vergnügen?

Wie Befriedigung, Kommunikation und vorgetäuschte Höhepunkte zusammenhängen, haben Wissenschaftler der Indiana University in Bloomington untersucht. Für ihre repräsentative Studie befragte das Team mehr als 1000 Frauen aus den USA zwischen 18 und 94 Jahren zu ihrem Sexleben. 58,8 Prozent der Frauen gaben dabei an, schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben. Ein Drittel davon tut dies sogar regelmäßig.

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Die Gründe dafür sind so verständlich, wie ärgerlich. Die Befragten gaben an, den Orgasmus vorgetäuscht zu haben, weil sie die Gefühle ihres Partners nicht verletzen wollten. Zudem fiel es ihnen leichter, einen Orgasmus vorzutäuschen, als mit ihrem Partner über ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse zu reden. Dazu kommt, dass es offenbar besonders Frauen schwerfällt, ihrem Partner zu erklären, wie der Sex auch für sie lustvoll sein kann. Eine größere sexuelle Zufriedenheit hängt also mit einer angenehmen sexuellen Kommunikation zusammen, schlussfolgern die Forscher.

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Nur zwei Drittel der Frauen kommen regelmäßig

Davon einmal abgesehen, können viele Frauen von befriedigendem Sex und Orgasmen nur träumen. In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2017 wurden mehr als 50.000 Frauen und Männer zwischen 18 und 65 Jahren zu ihren Höhepunkten befragt. Dabei zeigte sich, dass ein Drittel der Frauen in einer heterosexuellen Partnerschaft überhaupt nicht kommt.

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Ganz im Gegensatz zu den Männern, von denen 95 Prozent regelmäßig einen Orgasmus haben. In der Wissenschaft gibt es für dieses Ungleichgewicht sogar einen Fachbegriff. Ähnlich wie bei „gender pay gap ", der ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen, spricht man hier von „orgasm gap”. Die Aussage ist klar – hier stimmt die Orgasmus-Bilanz nicht.

Feministische Ansichten verbessern das Sexleben

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Woran das liegt, wollte ein australisch-kanadisches Forscherteam wissen. Für die im Fachmagazin „Archives of Sexual Behaviour” veröffentlichte Studie wurden 462 heterosexuelle britische Frauen im durchschnittlichen Alter von 38 Jahren zu ihren Gründen für das Vortäuschen eines Orgasmus befragt. Dabei zeigte sich: „Je stärker die Frauen der Überzeugung waren, der weibliche Orgasmus sei nötig für die sexuelle Befriedigung des Mannes, desto wahrscheinlicher war es, dass sie wenigstens einmal im Leben einen Orgasmus vortäuschten", schreiben die Autoren.

Weil ein großer Teil der Frauen durch Selbstbefriedigung aber durchaus zum Höhepunkt kommt, spielen sie lieber einen Orgasmus vor, um ihren Partner nicht vor den Kopf zu stoßen. Indem die Frauen das Ego ihres Partners schonen und ihm das Gefühl geben, ein guter Liebhaber zu sein, verleugnen sie jedoch ihre eigene Sexualität. Feministinnen würden hingegen keinen Orgasmus vortäuschen, „weil dies gegen ihren Glauben an das Recht einer Frau auf Vergnügen und ihr Recht, darüber offen zu sprechen, verstößt”, erklärt die Hauptautorin der Studie, Emily Harris, gegenüber „PsyPost”.

Hilfreich: Den Druck rausnehmen

Laut Forschern könnte der Unterschied daran liegen, dass Frauen, die in einer traditionellen oder repressiven Geschlechterrolle leben, „eher zögerten, offen und ehrlich zu kommunizieren, wenn es um Sex, sexuelle Präferenzen und Orgasmusschwierigkeiten geht”, heißt es weiter. Eine vertrauensvolle Kommunikation ist in der Beziehung wichtig – in Bezug auf das gemeinsame Sexleben aber unerlässlich.

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Doch der Druck, eine Orgasmus bekommen zu müssen, ist hoch. Übersteigerte Erwartungen führen nur selten zu wirklich befriedigendem Sex, sondern sie verursachen nach Auswertung der Wissenschaftler Stress. Ist Sex am Ende nur die konsequente Weiterführung der allgegenwärtigen Leistungsgesellschaft? Vielleicht muss es gar nicht immer die größte Erregung oder der beste Orgasmus sein – vielleicht reicht manchmal auch das Mittelmaß.

Zu klären bleibt auch, welche Folgen ein gefälschter Orgasmus hat. „Wie fühlt sich die schauspielernde Frau dabei?", fragt sich Harris. „Und wie fühlt sich ihr Partner, wenn er es herausfindet?”

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