Aufklärungsspiel für Mädchen: „Es gibt keinen Grund, sich für seinen Körper zu schämen“

  • Über den eigenen Körper Bescheid zu wissen sollte für Mädchen und Frauen normal sein – doch oftmals werden aufklärende Gespräche als peinlich empfunden.
  • Das muss nicht sein, glauben Stephanie Renz und Tania Hernández.
  • Im Interview erklären die Erfinderinnen des Aufklärungsspiels „Oh Woman“, warum Wissen Macht ist und welche Erinnerungen sie an ihre erste Periode haben.
Michèle Förster
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„Oh Woman“ ist ein Spiel, das dabei helfen soll, über den weiblichen Körper aufzuklären und Wissenslücken zu schließen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Stephanie Renz: Tania und ich reden häufig über Themen wie die Periode oder unseren Körper. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir viele Dinge selbst gar nicht wissen. Eigentlich sind wir ja erwachsene Frauen, trotzdem erfahren wir immer wieder Neues über uns. Als wir uns an unseren Sexualkunde­unterricht zurückerinnert haben, in dem nur erklärt wurde, wie ein Kind entsteht, aber andere genauso relevante Dinge eben nicht, haben wir beschlossen, dass etwas getan werden muss.

Stephanie Renz (25) und Tania Hernández (29) sind die Inhaberinnen einer Designagentur. Im Lockdown hat das Strategiespiel „Kalaha“ sie auf die Idee gebracht, wie Wissen über den weiblichen Körper ohne Scham vermittelt werden kann. © Quelle: Oh Woman/Lisa Hantke
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Wie kann der spielerische Ansatz bei der Aufklärung helfen?

Renz: Bei einem Spiel entsteht eine entspannte und sichere Atmosphäre, die besonders für Themen, die vielleicht als peinlich oder unangenehm empfunden werden, geeignet ist. Ein Spiel ist ein großartiger Türöffner für Konversationen.

Tania Hernández: Unser Ziel ist, dass „Oh Woman“ mit der besten Freundin, der Mutter oder dem alleinerziehenden Vater gespielt werden kann, der vielleicht nicht weiß, wie er mit so einem Thema umgehen soll. Ein Spiel macht es einfacher, über solche Themen so sprechen. Aufklärung sollte auch mit Spaß verbunden sein, weil sie etwas ganz Normales ist.

Ist das Spiel auch eine Chance für den Aufklärungs­unterricht in der Schule?

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Renz: Absolut. Uns haben schon viele Sexualpädagogen und Lehrer geschrieben, dass es eine tolle Idee sei, das Spiel über Workshops in den Unterricht zu integrieren. „Oh Woman“ soll eben nicht nur ein Spiel sein, sondern vor allem aufklären.

Über Sex wird unter Freunden gesprochen, über die Periode hingegen so gut wie nicht. Wieso ist eine natürliche Sache eigentlich so schambehaftet?

Renz: Wenn etwas gesellschaftlich nicht thematisiert wird, warum sollte es dann normal sein, unter Freunden darüber zu reden? Das typische Beispiel für Perioden­shaming ist Werbung für Menstruations­produkte, in denen das Blut als blaue Flüssigkeit dargestellt wird und Frauen in weißen, reinen Kleidern über Wiesen hüpfen. Aber das entspricht nicht der Realität. Viele Frauen haben während ihrer Periode wahnsinnige Schmerzen, auch das wird nicht gezeigt. Ich glaube, dass diese Scham so tief verankert ist, dass viele Frauen nicht mal mit ihren Freundinnen darüber sprechen.

Haben Sie solche Erfahrungen auch selbst gemacht?

Hernández: Ich erinnere mich noch, dass es mir peinlich war, als ich zum ersten Mal meine Tage bekommen habe und einen Blutfleck in der Hose hatte. Wenn wir an diesen Moment in der Pubertät zurückdenken, stellt sich automatisch ein Schamgefühl ein. Auch in der Schule hat man seine Freundinnen so heimlich nach einem Tampon gefragt, als wären es Drogen – und nicht etwas ganz Normales.

Das Aufklärungsspiel „Oh Woman“: Die 40 Spielkarten mit Fragen wurden in Zusammenarbeit mit der Augsburger Hebamme Maxi Wenninger erstellt. © Quelle: Oh Woman/Rosi Offenbach

Auf einer Spielkarte wird nach dem Unterschied zwischen Vagina und Vulva gefragt, eine andere beschäftigt sich mit der Zusammensetzung des Menstruationsbluts. Wieso ist dieses Wissen so wichtig?

Renz: Wenn man in einem weiblichen Körper steckt, ist es unheimlich wichtig zu wissen, was darin vor sich geht. Im Spiel geht es nicht nur um die Periode, sondern auch darum, wie das weibliche Geschlechtsorgan aufgebaut ist oder wo die Klitoris liegt. Dieses Wissen kann eine Frau selbstbewusster werden lassen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es keinen Grund gibt, sich für seinen Körper zu schämen. So verschieden wie unsere Gesichter sehen auch unsere Vulven aus.

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Hernández: Wir wollen, dass Mädchen und junge Frauen mehr über ihren Körper erfahren und auch mehr Sicherheit im Umgang damit haben. Wir sind überzeugt, dass Frauen mit diesem Wissen ein größeres Selbstbewusstsein bekommen und es schaffen, die Scham zu überwinden.

Die Infos zum Spiel

„Oh Woman“ ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet. Die 40 Spielkarten mit Fragen wurden in Zusammenarbeit mit der Augsburger Hebamme Maxi Wenninger erstellt. Unter ohwoman.de kann man sich bereits für die Bestellliste vormerken lassen. Von den 35,50 Euro pro Spiel werden 1,70 Euro an die Organisation Periodensystem gespendet, die obdachlose Frauen mit Menstruationsartikeln versorgt.

Über eine Crowdfunding-Kampagne konnten die Münchnerinnen Stephanie Renz und Tania Hernández 20.000 Euro sammeln, um die ersten 350 Spiele lokal und nachhaltig produzieren zu lassen.

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