Atypisch, aber romantisch: Als Asperger-Autistin in einer Beziehung

  • Asperger-Autistin Elisa Carow ist sich sicher: „Wenn ein Autist eine Beziehung hat, an der ihm was liegt, tut er alles dafür.“
  • Mit ihrem Mann Ron ist sie seit 21 Jahren zusammen.
  • Das wiederum bedeutet längst nicht, dass er sich an jede Eigenart seiner Frau gewöhnt hat.
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Wenn Elisa und Ron Carow ein Gespräch führen, ist es wie bei vielen Paaren, die sich lang und gut kennen: Sie beenden ihre Sätze gegenseitig, unterbrechen sich gelegentlich, gucken sich vertraut in die Augen – und auch mal weg. Auf zwei Stühlen sitzen die beiden rund einen Meter voneinander entfernt vor dem Kamin. Sie sind einander zugewandt, nur ein kleiner Couchtisch trennt die Eheleute. So haben sie es geübt. Denn aufzubauen, was klingt wie eine einfache, alltägliche Konversation, hat Elisa in der Vergangenheit Zeit und Mühe gekostet.

Elisa ist 38 Jahre alt. Vor zwölf Jahren bekam sie nach langer Ungewissheit die Diagnose Asperger-Syndrom. Zu diesem Zeitpunkt waren die gelernte Fremdsprachen­korrespondentin und ihr elf Jahre älterer Mann bereits seit neun Jahren ein Paar. Ihr Alltag aber hat sich mit dem Wissen um die Störung gewandelt. Denn Elisas „besondere Fähigkeiten“, wie der Informatiker sie nennt, erfordern häufig eine Extraportion Feingefühl und Verständnis.

Menschen mit Autismus wünschen sich soziale Beziehungen – zu ihren Bedingungen

Wer unter einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) leidet, empfindet seine Umwelt als chaotisch und unvorhersehbar. Das wirkt sich oft negativ auf soziale Beziehungen aus. Der Dachverband Österreichische Autistenhilfe (ÖAH) beschreibt das Problem so: Einerseits wissen Betroffene häufig nicht, wie sie Gefühle und Wünsche anderen Menschen kommunizieren können.

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Andererseits ist die „theory of mind“ – also die Fähigkeit, Gefühle und Gedanken bei sich und anderen zu erkennen, einzuschätzen und vorherzusagen – bei vielen eingeschränkt. Ein Gespräch zu beginnen, Ironie zu erkennen oder Freundschaften zu schließen stellt für einen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung deshalb oft eine große Herausforderung dar.

„Wir stellen viel mehr Rückfragen“, sagt Elisa Carow. Das sei nicht selten unangenehm. „Manche, die ihr Gegenüber nach der dritten Rückfrage immer noch nicht verstanden haben, geben irgendwann auf und schweigen.“ Andere Menschen nähmen sie dadurch als nicht kommunikativ wahr.

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Trotzdem eint die allermeisten Autistinnen und Autisten der Wunsch nach sozialen Kontakten und einer Partnerschaft, da ist sich die 38-Jährige sicher. „Ich habe auch Bekannte, die mögen keinen Körperkontakt, leben asexuell oder ziehen sich zurück“, sagt sie. „Meist fehlt aber nicht der Wunsch, sondern das Können, ihn zu kommunizieren.“

Betroffene sehnten sich nämlich durchaus nach Nähe – aber eben zu ihren Bedingungen. Immerhin bedeuten soziale Interaktionen auch immer viele Reize. Sie stellen für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ein Problem dar, denn sie nehmen ihre Umwelt intensiver wahr als andere.

Häufig lösen daher etwa laute Geräusche oder Stimmen oder das Gefühl eines Kleidungsstücks auf der Haut ein heftiges Unwohlsein aus. Manchmal werden diese Reize von Betroffenen sogar als schmerzhaft empfunden.

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Dabei funktioniert das Kennenlernen häufig noch sehr gut, sagt Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Christine Geschke. „Autistinnen und Autisten reden viel und benennen, was sie möchten“, sagt Geschke. „Das hat auch etwas Authentisches und Verlässliches.“ Aus ihrer Sicht bedeuten Situationen wie Dates für Betroffene jedoch viel Übung und Mühe. So sei es für sie kaum möglich zu flirten, wie es andere tun.

Beziehung mit einer Autistin: „An manche Eigenart gewöhnt man sich nie“

Das erste Treffen liegt für Elisa und Ron Carow weit zurück: Kurz nach der Jahrtausendwende haben sie sich auf einer Anime-Convention in Koblenz kennengelernt und festgestellt, dass sie beide aus Berlin kommen. Drei Monate dauerte es, bis die Asperger-Autistin und ihr späterer Mann eine Beziehung eingingen, sechs weitere, bis sie zusammenzogen. Mittlerweile sind sie seit elf Jahren verheiratet, haben einen gemeinsamen Sohn. Und dennoch: „An manche Eigenart gewöhnt man sich nie“, sagt Ron und muss lachen.

Eigenarten, die das Zusammenleben mit einer Partnerin oder einem Partner mit einer Autismus-Spektrum-Störung erschweren, sind zum Beispiel repetitive oder stereotype Verhaltensweisen. Heißt: Bestimmte Handlungen, ob Bewegungen oder Abläufe im Alltag, werden immer wieder auf dieselbe Art und Weise wiederholt. „Es macht mich zum Beispiel fertig, wenn ich die Wäsche aufhänge und die Wäscheklammern nicht die passende Komplementärfarbe zum Kleidungsstück haben“, berichtet Elisa. „Zum Glück“ habe sie eine zusätzliche Aufmerksamkeits­defizitstörung (ADS) – die verhindere, dass ihr Leben sich ausschließlich nach Strukturen richtet.

Ihr „Kreativzimmer“ dekoriert Asperger-Autistin Elisa Carow mit einer Vielzahl an Zetteln. Manche sind auch dazu da, den Überblick zu behalten. © Quelle: Jessica Orlowicz/RND

Was viele Autistinnen und Autisten eint, ist laut ÖAH außerdem ein übermäßiges Interesse an bestimmten Themen. Auch die 38-jährige Elisa geht zahlreichen Hobbys und Talenten nach: Drei Sprachen spricht sie fließend, eine weitere gut, vier lernt sie aktuell. Hierzu zählen zwar auch Sprachen, die als besonders schwierig gelten, zum Beispiel Japanisch und Polnisch. Ihr Ziel sei allerdings, irgendwann noch Finnisch und Hebräisch dazuzunehmen.

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Ähnlich divers fallen Elisas Hobbys aus: Sie malt gern und spielt unter anderem Gitarre und Kalimba. Aktuell lernt die Asperger-Autistin Geige – autodidaktisch, versteht sich. Dazu kommen ihre täglichen Aufgaben: „Ich habe Termine, den Verlag, einen dazugehörigen Youtube-Kanal, den Garten, den Haushalt und einen Sohn“, zählt Elisa auf.

Das Problem: „Mein Gehirn priorisiert das alles gleich.“ Hat sie am Tag sechs Aufgaben, fange sie oft alle an, aber beende keine von ihnen – oder sie erledige zwei und komme nicht mehr zu den übrigen. Den gemeinsamen Alltag der Familie zu planen stelle daher oft eine Herausforderung dar.

Die Asperger-Autistin lebt in ihrer eigenen Welt – das erfordert Verständnis in der Partnerschaft

Ron versucht, einen Ausgleich zu schaffen, verständnisvoll und geduldig zu sein. Doch auch nach all der gemeinsamen Zeit rückt der Autismus seiner Frau manchmal unfreiwillig in den Hintergrund: „Bei uns ist der Hauptkonfliktpunkt, dass ich regelmäßig vergesse, dass ich an Elisa nicht die Erwartungen stellen darf wie an mich selbst“, sagt der 50-Jährige.

Wenn er ein Problem anspricht, erreiche er sie häufig nur mit viel Mühe: „Um in ihre kleine Welt vorzustoßen, sehe ich mich manchmal gezwungen, an das Maximum zu gehen.“ Das Maximum, das ist bei Elisa und Ron, dass er ihr droht, auf der Couch zu schlafen. Nur dann lenke sie meistens ein. „Wenn ich das nicht mache, passiert nichts“, sagt Ron.

Eigentlich lebe er zwei Leben, erzählt der Informatiker. „Mein eigenes und das von Elisa – weil ich das mit manage.“ Würde er das nicht machen, ginge sie baden. Das klingt zunächst hart. Doch Ron ist kein Mann, der die „besonderen Fähigkeiten“ seiner Frau gegen sie verwenden würde: „Ich frage sie oft: ‚Willst du das überhaupt?‘, weil das für einen selbst auch unangenehm ist, so viel in das Leben eines anderen Menschen einzugreifen.“

Das sei, was Außenstehende oftmals nicht sehen – und dann entstehe der Eindruck, der 50-Jährige würde seine Frau unterbuttern. Elisas Wahrnehmung entspricht das nicht: „Wenn ich meinen Mann aber in solchen Momenten verteidige, heißt es: Und du entschuldigst ihn auch noch!“

Liebe und Autismus: „Wie eine Sprache, die erst gelernt werden muss, damit man einander versteht“

Die Carows zeigen: Das Zusammenleben mit einem autistischen Menschen stellt oft eine Herausforderung dar – und bedeutet einen langen Lernprozess, vor allem für neurotypische Gegenüber, also all jene, deren neurologisches Entwicklungs­stadium dem der Mehrheit entspricht. „Es erfordert viel Geduld und Verständnis, wenn man einen Beziehungswunsch mit einem Autisten hat“, unterstreicht Psychologin Geschke. „Das ist wie eine Sprache, die erst gelernt werden muss, damit man einander versteht.“

Diese Sprache lernen Elisa und Ron auch nach 21 gemeinsamen Jahren noch. Wie für den 50-Jährigen ist es auch für seine Frau jeden Tag eine Herausforderung, auf die Wünsche und Erwartungen eines anderen Menschen einzugehen – gleichzeitig aber immer wieder das Gefühl zu haben, ihnen nicht gerecht zu werden: „Manchmal sitze ich nachmittags da und heule, weil ich weiß: Er kommt nach Hause und sieht alles, was ich nicht geschafft habe“, erzählt Elisa, hält kurz inne, und sagt: „Aber diesen Kampf, dass ich davor zum Teil nicht genug gegessen und getrunken habe oder gewartet habe mit dem Aufs-Klo-Gehen, bis ich fast explodiere, den sieht er nicht.“

Das Problem: Elisa vergleicht sich in mancher Situation mit anderen, neurotypischen Menschen. „Und dann sehe ich, dass es 9 Uhr ist und wie viel ich schon hätte schaffen müssen“, sagt sie. „Das ist ein täglicher Kampf.“ Einen Rollstuhlfahrer animiere schließlich auch keiner zum Laufen. „Da helfen nette und motivierende Worte wenig, der kann das einfach nicht.“

Die Vorteile einer Beziehung mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung

Trotz einiger Hürden im Alltag wissen die Eheleute auch um die Vorteile, die eine Beziehung mit einem autistischen Menschen mit sich bringt. „Ich beobachte in meinem Freundeskreis, dass viele sehr loyal sind“, erklärt Elisa. Das bestätigt auch Christine Geschke: „Autisten verhalten sich in der Regel treu. Das ist von Vorteil, es gibt dem Gegenüber Sicherheit.“ Die Partnerin oder der Partner wisse, woran sie oder er sei. In dieser Hinsicht gestalte sich eine Beziehung mit jemandem mit einer neurologischen Entwicklungsstörung oftmals sogar einfacher als eine Partnerschaft zwischen zwei neurotypischen Menschen: „Da kommen einem häufig Konflikte aus der Kindheit entgegen, so was passiert mit Asperger nicht unbedingt.“

Von Vorteil sind für Elisa und Ron auch die erlernten Gesprächsregeln: Sie sind etwa bei der Erziehung des gemeinsamen zehnjährigen Sohnes hilfreich. Denn wer selbst nach einem Drehbuch lebe, vermittle gesellschaftliche Leitlinien besser. „Ich zische ihm im Restaurant zum Beispiel zu, wenn er vergisst, sich zu bedanken“, sagt die 38-Jährige. Das sei ihr ein großes Anliegen, „denn es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck“.

Psychologin Geschke fasst zusammen: „Entwickelt ein Paar eine Struktur miteinander, die auf beiden Seiten funktioniert, lohnt sich das durchaus, darein zu investieren.“ Elisa und ihr Ron sind sicher: Ihr Ziel ist, auch nach 21 Jahren weiter ineinander zu investieren. „Das ist mein Traummann. Und ich tue wirklich alles für ihn, auch wenn es mal schwierige Momente gibt“, sagt Elisa. Wieder schaut sie strahlend in Richtung ihres Mannes, und ergänzt: „Mein Ziel ist, mit ihm alt zu werden. Wenn der Autist eine Beziehung hat, an der ihm was liegt, tut er alles dafür.“

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