Als Homosexueller zum Bund? – “Muss mich nicht vorstellen mit ‘Hallo, ich bin Sven und ich bin schwul’”

  • Sven Bäring ist Soldat – und schwul.
  • Der 25-Jährige ist Vorsitzender des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr.
  • Er erzählt von positiven und negativen Erfahrungen als schwuler Soldat und davon, was in der Zukunft noch passieren muss.
Lilly von Consbruch
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Schwul sein und trotzdem bei der Bundeswehr dienen? Lange Zeit war das unmöglich. Doch die Bundeswehr hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem offenen Arbeitgeber gewandelt, findet Sven Bäring. Der 25-Jährige ist seit 2019 Vorsitzender des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr (AHSAB, jetzt QueerBw). Er erzählt von positiven und negativen Erfahrungen als homosexueller Soldat und davon, was der Verein in Zukunft noch erreichen möchte.

Herr Bäring, seit wann sind Sie bei der Bundeswehr?

Seit 2013. Ich habe dort im Sanitätsdienst als Sanitätsoffiziersanwärter angefangen und an der Universität Greifswald für die Bundeswehr Medizin studiert. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich 2017 die Laufbahn wechseln und bin jetzt bei der Luftwaffe im technischen Dienst in München. Hier studiere ich an der Universität der Bundeswehr Elektro- und Informationstechnik.

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War es schon immer ein Wunsch von Ihnen, zur Bundeswehr zu gehen?

Als Jugendlicher war ich sehr pragmatisch. Ich wollte Medizin studieren, das wusste ich. Und auch wenn mein Abitur sehr gut ist, reichte es in Deutschland nicht aus, einen Studienplatz zu bekommen. Den Vorteil hatte die Bundeswehr, dort konnte ich sofort anfangen zu studieren. Das war letztlich auch der entscheidende Punkt, ich wollte nicht zwei oder drei Jahre auf einen Studienplatz warten.

“Habe mich zunächst nicht geoutet”

Hat Ihre sexuelle Orientierung bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt?

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Ja und ich muss ehrlich sein: Die Bundeswehr hat damals nicht sonderlich gut abgeschnitten. Ich erinnere mich noch gut an meine Mutter, die zu mir meinte, dass ich aber wüsste, dass ich das dort niemandem sagen kann. Das gäbe nur Probleme.

Sie haben sich aber trotzdem dazu entschlossen. Warum?

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Für mich hat das Argument für den Studienplatz überwogen. Und mittlerweile, durch meinen Laufbahnwechsel, habe ich mich ja auch nochmal aktiv für die Bundeswehr als Arbeitgeber entschieden. Am Anfang war die Sorge definitiv da, dass ich unter den jungen Leuten nicht akzeptiert werde und Probleme aufgrund meiner sexuellen Orientierung bekomme. Ich habe mich deshalb auch zunächst nicht geoutet.

Mit Schweigen erreicht man aber doch keine Akzeptanz?

Das stimmt. Ich war damals erst sehr zurückhaltend, weil ich noch sehr jung war. Mittlerweile weiß ich: Du musst erst über etwas sprechen, um aktiv schweigen zu können. Das Thema umgehen kann man nicht. Denn spätestens wenn man gefragt wird, was man am Wochenende gemacht hat, muss man sich entscheiden: Entweder ich oute mich jetzt und erzähle, dass ich mit meinem Freund unterwegs war, oder aber ich entscheide mich aktiv dazu, diesen Teil von mir zu verschweigen und weiche aus. Das geht allerdings nicht lange gut, spätestens wenn man lange mit Menschen zusammenlebt und arbeitet, wie hier in der Bundeswehr, kommen diese Themen auf. Und es geht an die Substanz, wenn man sich ständig eine Ausrede suchen muss.

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Wann kam denn bei Ihnen dieser Punkt, wo Sie gesagt haben: “Ich möchte meine Sexualität jetzt nicht mehr aktiv verschweigen”?

Ich sehe das generell so: Ich muss mich nicht vorstellen mit “Hallo, ich bin Sven und ich bin schwul”. Aber wenn ich mit jemandem viel Kontakt habe, dann kann ich darüber reden und auch selbstbewusst damit umgehen. Im Studium war das schon ziemlich locker, da habe ich kein Geheimnis daraus gemacht. In der Grundausbildung kam ich mit ein paar Leuten besser klar, denen habe ich es am Ende der drei Monate auch erzählt. Und spätestens mit dem steigenden Engagement im Verein kam das dann sowieso zur Sprache.

Es gibt aber auch Situationen, da bringe ich meine sexuelle Orientierung absichtlich nicht zur Sprache. 2017 zum Beispiel, da war ich als Ausbilder eingesetzt. Da habe ich mir gesagt: “Ich bin in einem reinen Vorgesetztenverhältnis, privat muss ich gar nichts von mir preisgeben.” Vor allem, weil junge Menschen damit ja manchmal etwas unreif umgehen.

Und Ihre Kameraden und Vorgesetzten – wie gehen die damit um?

Aktuell habe ich gar keine Probleme. Ich lebe geoutet in einer Gemeinschaftsunterkunft und werde von meinen Kameraden und Kameradinnen respektiert.

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Uniform ändert persönliche Einstellung nicht

War das immer so oder hatten Sie auch schon unangenehme Erlebnisse?

Natürlich. Speziell erinnere ich mich an zwei Fälle. Einmal hat ein Chef zu mir gesagt, dass er wisse, dass ich schwul bin. Ich solle darüber aber bitte nicht reden. Er hat mich also tatsächlich aufgefordert, darüber zu schweigen.

Und das zweite Mal war, als ich noch im Sanitätsdienst war und eine Unterkunft in der Kaserne brauchte. Mein Spieß wollte mir erst keine Stube geben, hat es dann aber doch getan. Wie sich im Nachhinein rausstellte, ist er jedoch vorher zu meinem Nachbarn gegangen und hat gesagt, er habe zwei schlechte Nachrichten: Erstens, er kriegt einen Stubennachbarn und zweitens, schwul ist der auch noch.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe das persönliche Gespräch mit meinem Vorgesetzten gesucht, um zu klären, warum es völlig unangebracht ist, das so abwertend darzustellen und es generell inakzeptabel ist, über die sexuelle Orientierung anderer zu reden und sie öffentlich zu machen.

Das klingt so, als würden homosexuelle Menschen in der Bundeswehr auch heute noch diskriminiert werden?

Ich bin davon überzeugt, dass es keine institutionelle Diskriminierung mehr gibt. Solche Geschichten erlebt man heute auch noch, ja, aber das sind Einzelfälle. Zugegeben, es sind genug Einzelfälle, dass man weiterhin dagegen vorgehen muss.

Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir eine deutschlandweite Organisation mit über 250.000 Mitarbeitenden sind. Die Bundeswehr ist ein Spiegel der Gesellschaft, mit dem kleinen Unterschied, dass der linke Rand uns ablehnt und sich daher nicht bewirbt und wir – glücklicherweise – rechts aussortieren. Und wenn ich jetzt in München 1000 Leute befrage, werde ich auch den ein oder anderen finden, der mit dem Thema unsensibel umgeht. Die persönliche Einstellung eines Menschen ändert sich nicht, nur weil er Uniform trägt. Es kann Ihnen bei jedem zivilen Unternehmen passieren, dass Sie einen Chef haben, der mit dem Thema nicht so umgeht, wie Sie es sich wünschen. Man kann sich nirgendwo 100 Prozent sicher sein, nicht diskriminiert zu werden.

Bundeswehr muss queere Geschichte aufarbeiten

Sie engagieren sich schon einige Jahre in dem Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, der kürzlich in QueerBw umbenannt wurde. Was sind die größten Errungenschaften der letzten Jahre?

Der Auftakt dafür, dass überhaupt noch mal so viel Schwung in die Thematik kam war 2017 der Workshop “Sexuelle Orientierung und Identität” von Ursula von der Leyen. Das war das erste Mal, dass das Thema wirklich proaktiv angesprochen wurde. Im gleichen Jahr wurde auch noch abgeschafft, dass HIV ein generelles Ausschlusskriterium ist. Und ganz wichtig ist natürlich, dass jetzt im Jahr 2020 die Rehabilitierung von Annegret Kramp-Karrenbauer angesprochen wurde. Die Aufarbeitung der queeren Geschichte, die die Ministerin nun angestoßen hat, ist ein wichtiger Schritt. Das sehen wir jetzt auch als Projekt für die nächsten Monate.

Was fordert der QueerBw in diesem Zusammenhang?

Die Rehabilitierung muss durchgesetzt werden, damit diesen Menschen der Makel entfernt wird. Ihnen hängen ja teilweise rechtskräftige Urteile wegen einvernehmlicher sexueller Handlungen an. Dazu muss es eine angemessene Entschädigung geben. Wir sprechen uns da ganz klar gegen eine pauschale finanzielle Entschädigung aus. Das wäre durchaus ein symbolischer Akt, aber wenn die Bundesregierung jetzt wirklich anerkennt, dass das damals unrecht war, dann müssen auch alle Konsequenzen getragen werden.

Und die wären?

Manche Soldaten leiden noch heute enorm darunter, dass sie nach Bekanntwerden ihrer sexuellen Orientierung nicht mehr befördert wurden. Teilweise wurden sie ganz aus dem Dienst entlassen, manchen stand ein viel höheres Gehalt zu, das sie aber nie bekommen haben. Das zieht sich bis in die Gegenwart. Diese Soldaten haben ja nun auch eine viel geringere Rente. Man sollte sie also nachträglich in die Besoldungsgruppe einstufen, die ihnen zugestanden hätte. Das wäre eine individuelle und gerechte Entschädigung.

Sven Bäring hat sich trotz seiner Homosexualität aktiv für die Bundeswehr als Arbeitgeber entschieden. © Quelle: privat

Weibliche Homosexualität wird mehr akzeptiert als männliche

Was sind Punkte, wo Sie sagen: Hier muss sich dringend noch etwas ändern?

Das Diversity Management muss einen ganzheitlichen Ansatz bekommen. Man kann nicht immer nur einzelne sexuelle Orientierungen oder Männer und Frauen betrachten, Alter und Migrationshintergrund.

Wir sind auch der Meinung, dass jeder in der Bundeswehr eine Ausbildung dazu bekommen muss. Der Offizier natürlich deutlich intensiver, aber auch der Mannschafter oder der Unteroffizier muss wissen: Was bringt es mir, wenn ich jemanden nicht diskriminiere? Welche Werte vertrete ich? Und warum gehört es mit zum Bild eines Soldaten, dass ich die Werte unseres Grundgesetzes auch selbst respektiere? Daneben ist die transmedizinische Versorgung noch ein großes Thema und der Eintrag des dritten Geschlechts.


Ihr Verein vertritt ja auch homosexuelle Frauen. Haben die die gleichen Probleme in der Bundeswehr wie Männer?

Nein, die meisten Konflikte, die wir mitbekommen, finden unter Männern statt. Weibliche Homosexualität führt meiner Einschätzung nach zu deutlich mehr Akzeptanz und weniger Problemen. Zu mir hat mal jemand gesagt: Die Angst von Männern vor Schwulen ist die Angst, von einem Mann so behandelt zu werden, wie man selbst Frauen behandelt. Auch aus einer privaten Erfahrung heraus weiß ich: Wenn man sich outet, ist häufig die erste Reaktion “Ja, aber ich steh nicht auf dich”. Das finde ich total interessant, weil es ja suggerieren würde, dass jeder heterosexuelle Mann auf absolut jede Frau steht. Dieses Problem ist unter Männern offensichtlich deutlich ausgeprägter als bei Frauen.

Was würden Sie sagen: Werden homosexuelle Menschen in der Bundeswehr nur toleriert oder respektiert und anerkannt?

Respekt und Anerkennung sind natürlich individuell und wir müssen genauso wie jeder andere durch unsere Leistung zeigen, dass wir unseren Platz in der Bundeswehr verdienen. In einem Großteil der Bundeswehr spielt die sexuelle Orientierung nur noch eine kleine bis gar keine Rolle mehr, insofern können wir da von Anerkennung reden. Und für mich persönlich kann es auch nur darum gehen, mir reicht Toleranz nicht aus. Ich will als selbstbewusster Teil dieser Streitkräfte dienen und möchte mich dafür in keinem meiner Lebensbereiche verstecken müssen.


“Staat, Sex, Amen”
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