Alles Liebe: Freigelegte Gefühle im WG-Zimmer

  • Fragmente einer alten Liebe im neuen WG-Zimmer – aus einer Spurensuche wird über weitere Erkundungen eine Beziehung.
  • Sie ist wie elektrisiert. Aber der Lauf der Jahre lässt sein Feuer erkalten.
  • Doch am Ende lernt sie, dass es nicht das kurze Strohfeuer ist, das für Wärme sorgt, sondern das wohlige Gefühl der Dauer.
Isabella Hafner
|
Anzeige
Anzeige

Erster Job, neue Stadt, WG-Casting: Zwei Frauen und ein Mann führen sie durch die Wohnung mit den Jugendstiltüren und den knarzenden Dielen. Der vierte Mitbewohner ist wegen Job und Urlaub weg. Die drei sind nett, sie sagt zu. Den vierten würde sie schon ertragen.

“Ich war sauer”, verrät er später. Er war zum WG-Casting nicht per Skype zugeschaltet worden. Per Zufall erfuhr er von der Neuen. “Wir waren uns sicher, die gefällt dir.”

Sie riss den vergammelten Teppich aus ihrem Zimmer. Zum Vorschein kam ein Fischgrätparkett. Und: ein Zettelchen. “Ich liebe, du liebst, er/sie/es liebt, wir lieben …” Wer hatte wen hier mal geliebt? Wie eine Archäologin kam sie sich vor! Wie sie da so unter dem verratzten Teppich eine Geschichte freilegte. Vor 2001 musste die sich abgespielt haben, denn sie fand auch einen Pfennig.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Schließlich spitzelte sie ins Zimmer des Unbekannten. Alles, was sie wusste: Promoviert und zwei Monate weg. Die Jalousien waren unten, überall lag Kleidung und mit dem Anblick all der geöffneten Schubladen steckte auch sie ihn in eine davon. Sicher ein Computer-Nerd mit dünnem Zopf, der den ganzen Tag im Zimmer zockt. Blass. Verklemmt.

Dann stand er im Türrahmen. Es durchfuhr sie komplett. Braun gebrannt, aufgeweckte Augen, sonnengebleichtes Haar: “Hallo!” Aber hallo.

Sie hatte einen Freund – er eine Freundin … Fernbeziehung.

Anzeige

Er strich mit seiner Mitbewohnerin die Wände, montierte den Schrank und stieg auf die Leiter. In ein Löchlein über dem Fenster stopfte er Zettel und Pfennig, spachtelte alles zu und schrieb mit der Tube die Initialen von ihnen beiden drauf. Würde darüber auch irgendwann mal jemand rätseln? Nein. Jahre später zog ein anderer ins Zimmer, renovierte alles und sagte nur: “Ich wusste nicht, was das sollte.”

Damals aber scharwenzelten der Mitbewohner und die Mitbewohnerin umeinander herum. Wie läufige Katzen. Sie aßen zusammen, gingen zusammen laufen. Putzten zusammen die Zähne. Die anderen lächelten nur, wenn sie die beiden bei ihrer Zeremonie auf dem Badewannenrand sitzend sahen. Berührten sich ihre Arme war’s, als fassten sie in die Steckdose.

Anzeige

Nach einem halben Jahr musste er ihr unbedingt etwas sagen. “Ich habe mich getrennt.” Hatte sie ihre Gesichtszüge im Griff? Was sagt man da? “Das tut mir leid”? Es sei alles so kompliziert gewesen mit seiner Freundin. Dann trennte sich auch die Mitbewohnerin.

Es folgten sechs Jahre voller schöner Momente, voll Drama und Anziehung. Er zog in seine Heimat. Neue Stelle. Sie nahm sich ein Sabbatical und lebte ein Jahr mit ihm dort. Sollte sie ihren alten Job kündigen und ganz zu ihm ziehen? Er wusste es nicht. Er könne diese Verantwortung nicht tragen. Sie ging erst mal zurück, ihre Sachen ließ sie da. Dann kündigte sie.

Als der letzte Tag im Job vorüber war, rief sie ihn an, um ihm zu sagen, welchen Zug sie nehmen würde. Er: “Besser, du kommst nicht.” Ihr Leben fiel in sich zusammen. Kein Job, kein Freund, keine Wohnung. Einen Sommer lang war sie wie betäubt. Wieso waren die Tage so lange so beschissen hell?

Ein einziges Mal sah sie ihn noch. Als er ihr die Möbel brachte – die Rechnung für den Transporter wollte er akkurat teilen. So kannte sie diesen normalerweise so großherzigen Menschen nicht. Ihr Platz in seinem Herzen war wohl schon komplett zusammengeschrumpft. So schnell. Nach sechs Jahren. Er lachte viel, war hibbelig. Der Theaterworkshop wartete. Da verstand sie.

Er hatte ihr vor Monaten erzählt, von einer Theaterübung. Da musste man seinem Gegenüber lange in die Augen schauen. Fand er interessant. Sie spürte Eifersucht. Darf man nicht haben in einer Fernbeziehung. Sagt man. Vertrauen!

Was er der neuen “ihr” wohl gesagt hat? “Es ist gerade so kompliziert”?

Er fragte nicht mehr, wie es ihr ging, ob sie zurechtkam. Er spachtelte das gemeinsam erlebte Leben weg. Ihr blieb ein Loch. Als wäre er gestorben. Wäre er aber gestorben, hätte sie wenigstens denken dürfen, er habe sie bis zum Schluss geliebt.

Ein paar Jahre vergingen, dann lernte sie einen anderen Mann kennen. Es fühlte sich nicht an wie der Griff in die Steckdose. Sie zweifelte erst. Musste das nicht so sein? Nein. Plötzlich durchströmte sie etwas Gleichmäßigeres. Warmes. Kein Kampf, keine Kontaktstörung. Dieser Mann knipste sie an und wollte zusammen mit ihr leuchten.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen