„Alles Liebe“: Eine Familie mit Anfang zwanzig stand nicht auf der Agenda

  • Mit 23 Jahren Frau und zwei Kinder: So hatte Jochen sich sein Leben eigentlich nicht vorgestellt.
  • Doch seit mehr als dreißig Jahren wird die Liebe zwischen ihm und Herta noch jeden Tag größer.
  • Was sie auf diesem Weg gelernt haben: Mit Distanz gehen manchmal Sehnsucht, Erleuchtung und Mut einher.
Andrea Mayer-Halm
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Es ist Anfang der Achtziger: Jochen ist ein ambitionierter Student in München und politisch aktiv bei den Jusos. Von der Partei wird er gefragt, ob er den Kommunalwahlkampf mitorganisiert. Er will – und kümmert sich fortan um Flugblätter und Veranstaltungen. Bei einer solchen Veranstaltung lernt er Herta kennen. Sie kandidiert selbst in einer Gemeinde. Und abends beim Bier kommen die beiden ins Gespräch. Herta erzählt, dass sie sich von ihrem Mann trennen will. Und als guter Genosse bietet Jochen ihr auch sofort seine Nummer und Hilfe an. Tatsächlich macht er es aus sozialer Überzeugung, nicht aus leidenschaftlicher Absicht. Herta steckt die Nummer ein, die beiden trinken noch etwas und gehen vorläufig getrennte Wege.

Eine Familie mit 23 Jahren stand nicht auf der Agenda

Jochens Liebesleben ist dieser Tage eh aktiv genug. Er hat ein paar Beziehungen parallel laufen, verliebt ist er in keine der Frauen. Aber das ist auch gut so, denn die eine große Liebe sucht er gerade nicht. Als das Telefon klingelt und Herta ihn um dringenden Unterschlupf für sich und ihre zwei Kinder bittet, zögert er nicht. Herta flieht also mit Sack und Pack vor ihrem Mann zu Jochen in seine sehr große bunte Wohngemeinschaft. Platz gibt es genügend, und so kommen die drei Neuankömmlinge erst mal in einem Gästezimmer unter. Jochen wird schnell klar, dass Herta mehr will als nur eine vorübergehende Bleibe. Schon am ersten Abend rutscht sie näher. Jochen macht ihr klar, dass sie zu nichts verpflichtet ist. Aber das muss er gar nicht. Herta ist trotz ihrer ganzen Schwierigkeiten schon über beide Ohren in Jochen verknallt.

Die beiden kommen sich also näher: körperlich wie emotional. Irgendwann ist da aber der Zeitpunkt, dass Herta zurück muss in ihr altes Leben, um noch gewisse Dinge zu regeln. Sie lösen die Situation mit einer Fernbeziehung, die Herta schwer zusetzt. Schon samstags ist ihre Laune im Keller, wenn die Abreise am Sonntag bevorsteht. Es ist offensichtlich, dass Herta mit ihren Gefühlen weit tiefer in der Beziehung steckt als Jochen. „Ich kann mich nicht in dich verlieben, weil du zwei Kinder hast“, knallt er ihr eines Tages vor den Latz. Herta ist fürchterlich verletzt und Jochen wenig stolz auf seine Äußerung. Grundsätzlich will er schon eine Freundin. Aber Familie mit gerade mal 23 Jahren ist es nicht, was für ihn auf der Agenda steht.

Jeden Tag wird die Liebe größer

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Den Sommerurlaub verbringt Jochen samt Kumpel in Jugoslawien. Und mit der Distanz gehen manchmal Sehnsucht, Erleuchtung und Mut einher. Mir nichts, dir nichts packt Jochen seinen Rucksack zusammen und fährt zurück nach Deutschland, weiter in Hertas Gemeinde und steht mitten in der Nacht braun gebrannt und außer Atem vor ihrer Tür. Jochen hat begriffen, dass er mit Herta mehr will als eine unverfängliche Liebelei. Und weil es in der WG von Jochen eh ständig Knatsch gibt, schlägt er Herta vor, zusammenzuziehen. Es ist der Sprung eines ungebundenen Quergeistes hinein in ein Familiendasein mit zwei Kindern. Die Jungs sind von dem, was ihnen in den letzten Monaten widerfahren ist, noch ziemlich verstört und traurig. Mit Zaubertricks und Humor gewinnt Jochen das Herz der beiden. Und obwohl Herta noch nicht so recht an das neue Familiensystem glauben will und auf der Hut ist, zu viel Hoffnung zu schöpfen, ist für Jochen alles klar. Er hat einen Haken an seine Entscheidung gemacht. Ab jetzt gehören zu seiner Lebenswirklichkeit zwei Kinder plus Mutter.

Jeden Tag wird die Liebe größer. Die Kinder sind ganz selbstverständlich mit dabei. Und als Herta ein Baby von Jochen erwartet, beschließen die beiden, zu heiraten. Nicht als Ausdruck ihrer Verbundenheit. Es ist ein rein administrativer Entschluss, um das gemeinsame Sorgerecht zu sichern. Dass sie sich lieben, muss nicht symbolisch beteuert werden. Die Liebe ist immer da. Was sie dennoch feiern, ist der Tag ihres Findens. Es war ein Tag im Hochsommer, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Diesen Tag feiern Jochen und Herta seit drei Jahrzehnten.

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