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Zwischen Provokation und Zerbrechlichkeit: Kristen Stewart verwandelt sich in Jean Seberg

  • Verwandlung in eine Ikone: Kristen Stewart spielt auf der Kinoleinwand Jean Seberg.
  • Das Drama “Seberg" erzählt davon, wie das FBI die Amerikanerin psychisch zerstörte.
  • In Stewarts starkem Spiel liegen Provokation und Zerbrechlichkeit nah beieinander.
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Nach der Landung des Flugzeugs taucht plötzlich eine junge Frau zwischen den Black-Panther-Aktivisten auf. Ein größerer Gegensatz als auf diesem Rollfeld in Los Angeles ist kaum denkbar: hier die Typen im Afro-Look mit Wuschelhaaren und in Lederklamotten, dort die zierliche blonde Frau mit dem Streichholz-Haarschnitt im gelben Kostüm.

Die junge Frau tut das, was auch die anderen tun, und versucht dabei, ihren Auftritt selbstverständlich aussehen zu lassen: Sie ballt die Faust zum Black-Power-Salut und schaut möglichst selbstbewusst in die Kameras der Zeitungsfotografen. Aber was hat sie dort auf dem Rollfeld in dieser Gruppe verloren?

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Das fragt sich auch der Mann, der sie aus dem Flughafengebäude heraus beobachtet. Jack O’Connell (Jack Solomon) arbeitet fürs FBI. Sein älterer Kollege Carl Kowalski (Vince Vaughn) weiß mehr: “Das ist eine Schauspielerin. Ihr Name ist Jean Seberg, eine ganz große Nummer in Frankreich.”

Das kann man so sagen. Die ganze Welt kennt Jean Seberg als die jungenhafte Zeitungsverkäuferin Patricia auf den Champs-Élysées im Ringel-T-Shirt, die unermüdlich “New York Herald Tribune!” ruft – bis der Kleinkriminelle Michel, gespielt von Jean-Paul Belmondo, sich in sie verliebt.

Der Film von Jean-Luc Godard hieß “Außer Atem”. Mit ihm begann 1960 der Siegeszug der Nouvelle Vague – er machte Seberg in Frankreich zur Stilikone.

Auf keinen Fall will “America’s Sweetheart”

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1968 kehrt Seberg – in diesem Film gespielt von Kristen Stewart – in die USA zurück, wo die in Iowa geborene Amerikanerin ihre Karriere in Filmen von Regisseur Otto Preminger begann. Sie will auch in den USA Erfolge feiern, aber eines will sie nicht – das sein, was alle in ihr sehen: “America’s Sweetheart aus dem mittleren Westen.”

Seberg will raus aus dem goldenen Käfig. Sie will Teil von etwas Größerem sein, von einer Revolution. Sie will die schwarze Bürgerrechtsbewegung unterstützen, finanziell sowieso, aber auch ideell. Sie nimmt die Sache ernst. Die Frage ist nur: Wie ernst wird dieses Luxusgeschöpf genommen?

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Feuer ist das Leitmotiv

Die Annäherung an die radikalen Black Panthers ist alles andere als selbstverständlich für einen Kinostar, bei dem es bislang eher auf die Frisur ankam und der sich nun auf gefährliches politisches Terrain begibt. Um es mit den Worten des Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie) zu sagen, mit dem die mit einem französischen Schriftsteller verheiratete Seberg eine Affäre beginnt: “Du spielst mit dem Feuer.”

Das ist Seberg egal. Zunächst jedenfalls.

Das Feuer ist das Leitmotiv im Biopic “Jean Seberg – Against All Enemies” von Regisseur Benedict Andrews. Dies hier ist, um Céline Sciammas Filmtitel aus dem Vorjahr zu zitieren, das Porträt einer jungen Frau in Flammen.

Damit das von Beginn an klar ist, inszeniert der Australier Andrews mit Kristen Stewart noch einmal den Flammentod nach, den die gerade 19-jährige Seberg in Premingers Drama “Die heilige Johanna” (1957) als Jeanne d’Arc starb. Damals ging bei den Dreharbeiten auf dem Scheiterhaufen etwas schief. Seberg zog sich schwere Verbrennungen zu.

Im Fadenkreuz des FBI

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Diese Verletzungen sind vernarbt – und nichts gegen das, was ihr nun angetan wird. Sie gerät ins Fadenkreuz des obersten FBI-Chefs Edgar Hoover. Er hat das Counterintelligence Program aufgelegt, dessen Ziel es ist, Psychoterror auszuüben, besonders auf linke Prominente. Der FBI-Mann O’Connell soll Hoovers Auftrag exekutieren.

O’Connell ist eine fiktive Figur. Sie eröffnet dem Regisseur die Chance, einen hautnahen Blick auf die angehimmelte Seberg zu werfen – bis hinein in deren Schlafzimmer. Der Verfolger gerät in den Bann seines Objekts. Man könnte von einer Liebesgeschichte sprechen, wenn auch von einer einseitigen. Für ein paar Eifersuchtsszenen von O’Connells Ehefrau reicht es allemal.

Die engmaschige FBI-Überwachung Sebergs mit abgehörten Telefonen und verwanzten Wohnungen hat es gegeben. Die Hetzjagd gipfelt in einer Schlammschlacht: Seberg sei von dem schwarzen Black-Panther-Aktivisten Jamal schwanger – ein sowohl gefundenes als auch erfundenes Fressen für die Presse. Die von Alkohol und Tabletten angeschlagene Seberg verliert endgültig den Boden unter den Füßen.

Verständlich, dass Kristen Stewart diese Rolle spielen wollte. Lange war sie das Vampir-Sweetheart Bella Swan in den “Twilight”-Filmen. Von diesem Image wollte sie sich unbedingt befreien. Spätestens mit den Filmen von Olivier Assayas (“Die Wolken von Sils Maria”, “Personal Shopper”) ist ihr dies gelungen. Inzwischen gilt sie als profilierte Charakterdarstellerin.

Auch hier gibt sie eine glänzende Vorstellung in einem überdeutlich ausbuchstabierten Film. In Stewarts Spiel liegen Provokation und Zerbrechlichkeit nah beieinander. Die Hauptdarstellerin sieht dem Seberg-Original auch nicht so ähnlich, als dass man Kristen Stewart vergessen würde – und das gibt ihr Raum, die Rolle zu entfalten.

“Seberg”, Regie: Benedict Andrews, mit Kristen Stewart, Jack Solomon, Jack O’Connell, 103 Minuten, FSK 12

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