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Zwischen Sexismus und Cancel Culture: Wohin mit all der Rapmusik?

  • Wegen seiner frauenfeindlichen Songtexte aus den 2000er-Jahren soll der Rapper Eminem boykottiert werden.
  • Dabei gäbe es genug Negativbeispiele auch in den aktuellen Charts.
  • Die Debatte offenbart eine bemerkenswerte Doppelmoral.
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Hannover. Textzeilen des Rappers Eminem haben kürzlich für mächtig Ärger gesorgt. Ja, dieser Satz klingt wie einer aus den frühen 2000er-Jahren – tatsächlich ist genau das aber vorige Woche passiert. Und aufgeregt haben sich nicht etwa, wie damals, unentspannte Eltern, die Eminem als schlechtes Vorbild für ihre Kinder sehen – sondern die Kinder selbst.

Teenies auf der Plattform Tiktok hatten dazu aufgerufen, Eminem zu „canceln“, also dessen Musik zu boykottieren. Anstoß für die Kampagne sind elf Jahre alte Lyrics des Rappers aus dem Song „Love The Way You Lie“, den er seinerzeit zusammen mit der US-Sängerin Rihanna aufgenommen und veröffentlicht hatte. In dem Song fantasiert der heute 48-Jährige explizit über Gewalt gegen Frauen.

Aus der Ich-Perspektive beschreibt Eminem, dass er seine Partnerin nie mehr gehen lassen werde. Im Zweifel fessele er sie dafür sogar ans Bett und zünde das Haus an. Im Originaltext klingt das so: „If she ever tries to fucking leave again / I’mma tie her to the bed and set this house on fire“. Eine Tiktok-Nutzerin hatte zuerst auf die problematischen Lyrics hingewiesen, viele weitere schlossen sich an. Ein besonders prominentes Video auf der Plattform erhielt Hunderttausende Aufrufe, wurde jedoch inzwischen gelöscht.

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Eminem löst Generationenkonflikt aus

Inzwischen tobt wegen Eminem ein echter Generationenkonflikt – und zwar zwischen zwei Generationen, die sich bislang eigentlich immer ziemlich einig waren: der Generation Y und der Generation Z. „Warum verwandelt sich die Generation Z zu Boomern?“, fragt beispielsweise ein Nutzer ironisch auf Twitter. Hier und auch auf Tiktok eskalierte zeitweise ein echter Memekrieg, bei dem Kinder der Neunziger- und 2000er-Jahre ihr Idol Eminem verteidigten, während Teenager der Generation Z immer weitere problematische Textzeilen auspackten.

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Der Streit um das Werk von Eminem ist auf vielen Ebenen bemerkenswert. Zum einen, weil der Song „Love The Way You Lie“ einer der vergleichsweise harmloseren Eminem-Tracks ist. Schon auf dem Debütalbum „The Slim Shady LP“ (1999) rappte der damals 26-Jährige im Song „97 Bonnie & Clyde“ darüber, wie er seine Ex-Frau Kim auf brutalste Weise ermordet und anschließend mit seiner damals vierjährigen Tochter Hailey im Meer entsorgt. In „Cleaning Out My Closet“ wünscht er seiner eigenen Mutter den Tod. Viele Werke des Rappers sind nicht nur frauenfeindlich, sondern auch in weiten Teilen homophob.

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Bemerkenswert ist die Debatte aber auch deshalb, weil sie eine merkwürdige Doppelmoral offenbart. Denn auch die Lieblingsmusik der Generation Z ist weit von einer weißen Weste entfernt. In Sachen Frauenfeindlichkeit stehen viele Texte der Musik von Eminem in nichts nach, manche sind sogar schlimmer. Der in der Diskussion oft angesprochene „Mumble-Rap“ ist ein prominentes Beispiel dafür.

Frauen als Feinde

Im Lieblingsgenre der Generation Z singen traurige Rapper liebend gern über ihre verflossenen Lieben und legen dabei nicht nur veraltete Rollenbilder, sondern in einigen Fällen auch gefährliche Gewaltfantasien an den Tag. Exemplarisch für diese schaurig-traurige Emo-Rapmusik ist beispielsweise der 2019 verstorbene Rapper Juice WRLD. Er wird auf Plattformen wie Tiktok als Idol verehrt – und das trotz Textzeilen wie dieser: „Es ist ihr Körper oder niemand, ich weigere mich, Kompromisse einzugehen. Wenn sie also geht, werde ich sie töten, oh, sie wird sterben“, singt er beispielsweise in „Fine China“.

In vielen seiner Texte zeigt der Rapper auf Frauen, macht sie für das eigene Scheitern verantwortlich. Einer seiner erfolgreichsten Tracks heißt passenderweise auch „All Girls Are The Same“ („Alle Frauen sind gleich“). In anderen Tracks sind Frauen für den Rapper nur Symbole der Begierde und Verachtung.

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Man könnte fast sagen, in gewisser Weise ist die Haltung dieses Mumble-Raps sogar ein bisschen gefährlicher als die von Oldschool-Hip-Hop. Die Vertreter des Genres zeigen sich allesamt als gebrochene Teens, junge Männer, die sich als Opfer sehen. Ihre Texte beschreiben Frauen – anders als etwa im Gangster-Rap – nicht als Objekte, sondern als Feinde in ihrem schlimmen Teeniealltag.

Frauenfeindlichkeit an der Spitze der Charts

Und während sich diese Verachtung bei Juice WRLD nur in lyrischen Fantasien bemerkbar macht, so tat sie das bei einem anderen Idol der Generation Z offenbar auch ganz real. Der 2018 verstorbene Rapper XXXTentacion war mit Vorwürfen konfrontiert, Gewalttaten gegen seine schwangere Freundin begangen zu haben. Eine Medien zugespielte Audioaufnahme legt das nahe. Wegen seines plötzlichen Todes kam es jedoch nie zu einem Strafverfahren gegen den Rapper. Heute gilt XXXTentacion ähnlich wie Juice WRLD als unsterbliche Legende.

Die Beispiele zeigen, was für ein großer blinder Fleck Gewalt gegen Frauen in der Kultur der Rapmusik ist. Eine Musikrichtung, bei der selbst die „woke“ Generation Z mehrere Augen zudrückt und lieber im Eminem-Archiv kramt. Dabei müsste man gar nicht so tief graben, es bräuchte nicht einmal den Blick über den großen Teich.

Schaut man sich allein auf den vorderen Plätzen der deutschen Singlecharts um, so handelt praktisch jeder zweite Raptrack von heißen Babes mit trainierten Körpern und allen erdenklichen Fantasien, was man mit diesen anstellen könnte. Im Song „Peppermint“ (aktuell Platz drei) zieht Luciano Frauen an den Haaren, in „Aventador“ (Platz vier) hat Capital Bra „so viel Bitches, die mir schreiben / Treff‘ ich mich mit Anna oder Melanie? / Oder treff’ ich mich mit beiden?“. Und Kasimir1441 (Platz fünf) träumt derweil vom Sex mit minderjährigen Mädchen: „Ich nehm’ dich mit, Girl, ich nehm’ dich mit zu mir nach Haus. Und wenn du 18 bist, dann geb’ ich dir ein aus.“

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Gewaltfantasien im Gangster-Rap

Auf den ersten Blick harmlose Tracks wie „Keine Liebe“ von RIN und Bausa liefen vor einigen Jahren auch im Mainstreamradio rauf und runter. Doch auch sie erzählen dieselben Geschichten, wie sie in amerikanischen Mumble-Rapsongs tausendfach erzählt worden sind – Stichwort: „All Girls Are The Same“. Wenn RIN über seine Verflossene singt, dann tut er das drei Minuten lang und kommt zu dem Schluss: „Du bist eine Bitch, doch ich glaub‘ nicht, dass du’s weißt.“

Und das Genre des Gangster-Raps haben wir an dieser Stelle noch nicht einmal gestreift. Im Song „Sex & Gewalt“ von Finch Asozial heißt es etwa: „Du bist ’ne F*tze, die nach zwei Bier schon auf der Theke tanzt. Also laber uns nicht voll mit deinem Mädelskram. Eine Frau bleibt auf Ewigkeit ein Gegenstand.“ GZUZ rappt in „Was hast du gedacht?“ folgende Zeilen: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt. Ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz.“ Und Kurdo & Majoe meinen in „Charlie Cheen“: „Die Bitch muss bügeln, muss sein. Wenn nicht, gibt’s Prügel, muss sein.“

Die Liste ließe sich ewig fortsetzen – doch eine „Cancel Culture“ ist im Bereich Rapmusik praktisch nicht existent. In den vergangenen Jahren überließ man Kritik an diskriminierenden Deutschraptexten eher den Medien: 2018 etwa, als ein Antisemitismusskandal um die Nominierung von Kollegah und Farid Bang sogar den langjährigen Musikpreis Echo zu Grabe trug.

Keine Konsequenzen

Gelegentlich gab es in den vergangenen Jahren kleinere lokale Ereignisse, die kaum Beachtung fanden, wie etwa 2018 das Sommerfestival an der Uni Paderborn. Hier hatte der AStA den Auftritt der eigentlichen Headliner 187 Strassenbande abgesagt, nachdem Studierende Kritik an deren frauenfeindlichen Texten erhoben hatten.

Eine Kampagne der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes im vergangenen Jahr wurde derweil von Fans der Rapszene regelrecht niedergebrüllt und Unterstützerinnen massiv eingeschüchtert. In einem Kampagnenvideo hatten Frauen gewaltverherrlichende Textzeilen bekannter deutscher Rapper vorgelesen, unter anderem auch vom selbst ernannten „Deutscha Bad-Boy“ Fler. Eine Frau, die Fler daraufhin in einer Instagram-Story verlinkt hatte, wurde von dem Rapper massiv beleidigt und bedroht, auch andere Userinnen wurden angegangen. Schließlich setzte Fler sogar via Instagram ein Kopfgeld auf eine der Frauen aus.

Bemerkenswert ist, dass all das niemals Konsequenzen hat und vielleicht auch niemals haben wird. Fler rappt heute noch auf Nummer-eins-Alben bei großen Major Labels, wie etwa dem von Katja Krasavice. Hip-Hop-Blogs und -Magazine berichten wie eh und je wohlwollend über die musikalischen Hatespeech-Ergüsse, und schaurig-traurige Mumble-Rapsongs, in denen Frauen, die die Liebe nicht erwidern, zu „Bitches“ degradiert werden, dudeln rauf und runter im öffentlich-rechtlichen Jugendradio.

Alles bleibt wie immer

Im Falle von Eminem gibt es am Ende des Tages übrigens einen eindeutigen Gewinner – und das ist nicht der Boykottversuch der Generation Z. Der Rapper bekam in den sozialen Netzwerken massiven Support von seinen Fans. Eine Nutzerin schrieb eigenes einen Disstrack an die Generation Z, ein anderer machte sich in einem Sketch über den neumodischen Mumble-Rap lustig und schließlich meldete sich auch Eminem selbst zu Wort: mit einem Lyric-Video zu seinem Song „Tone Deaf“.

In den Lyrics heißt es übersetzt: „Ich werde nicht aufhören, auch wenn meine Haare grau werden (ich bin taub) / Weil sie nicht aufhören werden, bis sie mich gecancelt haben“. Und: „Es ist okay, meinen Scheiß nicht zu mögen. Alles okay, trink deinen Wein, Bitch, und geh offline, hör auf zu jammern, es ist nur ein Reim.“ Für die Reaktion wird der 48-Jährige nun weltweit gefeiert.

Für US-Medien steht die Debatte um Eminem nun stellvertretend für einen Generationenkonflikt. Dabei unterscheiden sich Rap von damals und Rap von heute allenfalls an ihrer Verpackung. Und nach einigen Tagen Memekampf in den sozialen Medien dürfen sowohl Eminem als auch die Idole der Generation Z (sofern sie denn noch leben) weiter rappen.

Die Thematik Frauenfeindlichkeit in Rap-Lyrics wird derweil – wie auch schon in den vergangenen 30 Jahren – nicht weiter diskutiert.

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