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Zwischen Cancel Culture und Schwarz-Weiß-Denken: Von der Sorge über die Freiheit des Sagbaren

  • Genderdebatte, Identitätspolitik, Rassismus: Linke Gesellschaftserneuerer und rechte Beharrer stehen sich unversöhnlich gegenüber.
  • Der Ton wird rauer. Eine Jugendsünde reicht inzwischen, um eine Karriere zu zerstören.
  • Dabei gleichen sich beide Seiten in ihrer Unbarmherzigkeit. Droht auch Deutschland eine Kultur des politischen Petzens?
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Es ist nur ein Gefühl, ein diffuses Unbehagen. Es mischt sich mit der Sorge, missverstanden zu werden. Es geht um einen Verdacht, ein kleines Störsignal, ausgelöst von der Frage, ob eine im Grunde fruchtbringende Bewegung für eine gerechtere Gesellschaft möglicherweise auf dem Weg ist, sich durch moralischen Absolutismus in ein zerstörerisches Zerrbild ihrer selbst zu verwandeln. Mit bitteren Folgen für die kulturelle Zukunft.

Es geht um die Debatte über Cancel Culture – um jenen konservativen Code also, der das vermeintlich systematische Ausblenden und Diffamieren unliebsamer Personen und Positionen beschreiben soll, das vor allem das rechte politische Lager dem linken unterstellt. Es geht um Denkfreiheit und Identität, um kollidierende Weltbilder, hartnäckige Vorurteile und ideologische Scheuklappen. Kurz: um politischen Sprengstoff.

Im Kern sind es Macht- und Gerechtigkeitsfragen, die in dieser Debatte verhandelt werden. Aber es geht auch darum, was einen Menschen am Ende ausmacht: allein die Farbe seiner Haut, seine Religion und sein kultureller Hintergrund? Oder auch die Summe seiner Erfahrungen, sein moralischer Kompass und seine Fähigkeit zur Empathie?

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Dogmatischer Kampf um die Denkmuster

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Vor allem in den USA ist der mit dogmatischer Inbrunst geführte Kampf um die (Nicht-)Zulässigkeit bestimmter Denkmuster eskaliert, längst auch innerhalb des linksliberalen Lagers selbst. So veröffentlichte das Magazin „Harpers Bazaar“ einen flammenden Appell namhafter Autoren von Salman Rushdie bis Daniel Kehlmann, von Margaret Atwood bis Noam Chomsky, die um die offene Debattenkultur fürchten. Auch Joanne K. Rowling unterschrieb.

Sie war 2020 das Ziel eines Boykottaufrufs, nachdem sie ihre Meinung zum Thema Geschlechtsidentität geäußert hatte und der Transphobie geziehen worden war.

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Flammender Appell für eine offene Debattenkultur: „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling wurde nach Äußerungen über Identitätspolitik zur Zielscheibe eines massiven Shitstorms. © Quelle: Imago/Landmark Media

Die einen überfordert dieser Kulturkampf, und zwar massiv. Sie fühlen sich zu Unrecht diskreditiert und durch ihre Identität als vermeintlich privilegierte Weiße aus der Mittelschicht automatisch als „Schuldige“ angeprangert. Den anderen ist der Kampf um die Codes nach Jahrhunderten der Ungerechtigkeit längst nicht radikal genug. Sie wollen auch mittels vorsätzlicher Spracheingriffe und Bilderstürmerei nivellierte Machtverhältnisse zwischen Geschlechtern, Mehr- und Minderheiten und Menschen verschiedener Hautfarben und Geschlechtsidentitäten erreichen. Dabei treibt sie die Überzeugung an, dass die Sprache das Denken mehr prägt als das Denken die Sprache. Und dass die Identität eines Menschen ihn von bestimmten Erkenntnissen automatisch ausschließt.

„Eine quasireligiöse Weltanschauung ersetzt die Debattenkultur“

Aber es gibt noch eine dritte Gruppe in diesem Tohuwabohu der Deutungen. Und sie wächst. Es ist die Gruppe all jener, denen der Gedanke an eine erneuerte, gerechtere, kulturell vielfältige Welt gefällt – die aber Unwohlsein verspüren angesichts der kalten Unbarmherzigkeit, mit der alte Sünden oder marginale moralische Verfehlungen inzwischen genügen, um von digitalen Räumbataillonen verfolgt und bestraft zu werden.

Wir erleben, wie die Freiheit der Kunst und auch die intellektuelle Debattenkultur zunehmend abgelöst werden durch eine quasireligiöse Weltanschauung, in der sich alles um den Kampf gegen Machtstrukturen dreht.

John McWhorter, Professor für Linguistik an der New Yorker Columbia University, im „Spiegel“

Jüngst warnte der französische Präsident Emmanuel Macron vor einem linken Dogmatismus, der aus akademischen Kreisen in den USA nach Europa gelange und eine Gefahr für die Meinungsfreiheit darstelle. Auch John McWhorter (55), Professor für Linguistik an der New Yorker Columbia University, sorgt sich um die freie Gesellschaft: „Wir erleben, wie die Freiheit der Kunst und auch die intellektuelle Debattenkultur zunehmend abgelöst werden durch eine quasireligiöse Weltanschauung, in der sich alles um den Kampf gegen Machtstrukturen dreht“, sagte er dem „Spiegel“.

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„Das ist gefährlich, weil es an den Kern der Aufklärung geht. Diese neue Religion misstraut der Vernunft zutiefst und stellt an ihre Stelle die Gefühle und Betroffenheit von Menschen, von denen gesagt wird, sie seien Opfer eines repressiven Systems.“

Kopf abgeschlagen: Statue des Bildhauers Arminius Hasemann in der Leuchtenburgstraße in Berlin-Zehlendorf. © Quelle: picture alliance / Wolfram Steinberg

Es geht nicht nur um den „Südseekönig“

Die Frage ist längst nicht mehr, ob der „Negerkönig“ in „Pippi Langstrumpf“ jetzt „Südseekönig“ genannt wird oder wie das Schnitzel bitte heißen soll. Die Frage ist vielmehr, ob auch Deutschland eine wuchernde Kultur des politischen Petzens droht, ein giftiges Klima der gegenseitigen Diffamierung bis hin zur persönlichen Zerstörung, das längst auch jene zu irritieren beginnt, die sich als liberal denkend verstehen und denen an sprachlicher Präzision und politischer Gerechtigkeit durchaus gelegen ist.

Die Liste fragwürdiger Auswüchse einer solchen Unkultur in den USA und Deutschland wird länger. Beispiele:

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  • Alexi McCammond (27), designierte Chefredakteurin der Zeitschrift „Teen Vogue“, verzichtete kurz vor Amtsantritt unter massivem Druck auf den neuen Job. Der Grund: Sie hatte vor zehn Jahren, also als 17-jähriger Teenager, in einem Tweet unter anderem geschrieben, sie sei „mit geschwollenen, asiatischen Augen“ aufgewacht. Kritiker warfen ihr Rassismus und Homophobie vor. Der Verlag Condé Nast knickte ein.
  • Der Wissenschaftsreporter Donald McNeil Jr. von der „New York Times“ verlor seinen Job, weil er 2019 auf einer Studienreise in einem Zitat nicht den Neologismus „N-Wort“, sondern das Wort „Nigger“ verwendet hatte.
  • In Berlin-Zehlendorf schlugen Unbekannte im Sommer 2020 einer Steinskulptur des Künstlers Arminius Hasemann den Kopf ab. Das Bildnis aus den Zwanzigerjahren mit dem Werktitel „Hockende Negerin“, das eine kniende Frau zeigt und rund 25 Jahre in der Leuchtenburgstraße zu sehen war, war zuvor als rassistisch bezeichnet worden.
  • Die feministische Autorin Teresa Bücker kritisierte jüngst bei Twitter die Janosch-Geschichte „Die Tigerente und der Frosch“. Beim Vorlesen sei ihr aufgefallen, dass „der Frosch ein Schweigen der Ente als ‚Ja‘ zum Küssen auslegt“, schrieb sie. Sie habe sich „wahnsinnig geekelt und gedacht: ‚What the f*ck did I just read?‘“ Bückers Kritik an der sexuellen Übergriffigkeit einer allseits geliebten Holzente löste heftigen Widerspruch aus.
  • Die stets kampfeslustige Tierschutzorganisation Peta provozierte heftige Abwehrreflexe mit dem Vorschlag, nicht länger Grausamkeiten an Tieren mit Redensarten zu verharmlosen: Statt „ein Hühnchen mit jemandem zu rupfen“, solle man lieber „mit jemandem Weinblätter rollen“. Statt den „Stier bei den Hörnern zu packen“ solle man lieber „mutig wie eine Kuhmutter“ handeln.
  • Die Berliner Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch (52) sagte in einer Parteitagsrede, sie wäre als Kind gern „Indianerhäuptling“ geworden. Einzelne Parteifreunde empörten sich über die „rassistische“ Vokabel. Die Grünen schnitten die Passage hinterher aus dem Video der Rede.
  • Leslie Neal-Boylan, Dekanin für die Ausbildung von Krankenpflegern an der Universität Massachusetts Lowell, verlor ihren Job, weil sie in einer E-Mail nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen US-Polizisten geschrieben hatte: „Black lives matter, but also, everyone’s life matters.“ Der Vorwurf: Verharmlosung des schwarzen Leids.
  • Im Februar beklagte der SPD-Politiker Wolfgang Thierse in einem „F.A.Z.“-Gastbeitrag und in einem Radiointerview demokratiefeindliche Entwicklungen in identitätspolitischen Debatten, die von der linken Seite des politischen Spektrums vorangetrieben würden. „Die Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver“, warnte er. Und mit Blick auf die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße schrieb er: „Die Reinigung und Liquidation von Geschichte war bisher Sache von Diktatoren, autoritären Regimen, religiös-weltanschaulichen Fanatikern.“ SPD-Chefin Saskia Esken und Parteivize Kevin Kühnert beklagten derart „rückwärtsgewandte“ Positionen. Hamburgs früherer Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi stand Thierse zur Seite: „Eine Demokratie zerstört sich selbst, wenn sie demokratische Minderheitsmeinungen unterdrückt. Das gilt auch für die innerparteiliche Demokratie.“
  • Der Verlag der Dichterin Amanda Gorman (23), die die Welt bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden am 20. Januar 2021 mit dem hoffnungsgeladenen Gedicht „The Hill We Climb“ die halbe Welt berührt und begeistert hatte, ließ die Übersetzung des Werkes durch den katalanischen Übersetzer Victor Obiols stoppen, weil sein „Profil“ nicht passte. Auch in anderen Fällen gab es Proteste gegen die Übersetzung durch Weiße. Die Vorwürfe: zu wenig Verknüpfungen in die Slam-Poetry-Kultur, falsche Hautfarbe, falsches Geschlecht. Die preisgekrönte niederländische Autorin Marieke Lucas Rijneveld etwa legte die Arbeit nieder, nachdem sie im Internet massiv kritisiert worden war: Als weiße Frau sei sie nicht die richtige Wahl.
  • Die Stadt Hannover sagte erst vor wenigen Tagen eine Diskussionsveranstaltung über die Kolonialzeit ab. Eine Anti-Rassismus-Initiative hatte zuvor die geplante Teilnahme des renommierten Afrikaexperten Helmut Bley kritisiert. Als weißer Mann sei er ungeeignet für das Thema.

Nach dieser Denklogik sind Mitglieder dominanter Gruppen aus Debatten um dominierte Gruppen automatisch ausgeschlossen. Nur wer dazugehört, darf mitreden. Identität zählt also mehr als Argumente. Das ist tödlich für jede freie Debatte. Und nach dieser Logik können auch nur weiße Männer Goethe und nur schwarze Frauen Toni Morrison übersetzen. Das ist kultureller Unfug. Sind das noch zielführende kulturelle Korrekturen? Oder ist es verkrampfte gesellschaftspolitische Übergriffigkeit?

Denn wer ist wirklich der Feind im Kampf für eine bessere Welt: ein 17-jähriges Mädchen, das Unsinn twittert – oder gewaltbereite Rechtsradikale?

„Diskriminierung keine Bühne bieten“: Demonstration gegen eine Veranstaltung mit der Komikerin Lisa Eckhart im August 2020 in Dresden. © Quelle: imago images/Future Image

Eine freie Gesellschaft muss auch Dieter Nuhr aushalten

Wenn nur noch moralische Unfehlbarkeit von der Wiege bis zur Bahre dazu qualifizieren soll, sich öffentlich äußern zu dürfen, ist die Freiheit am Ende. Eine wirklich freie Gesellschaft aber muss auch Dieter Nuhr und Lisa Eckhart nicht nur aushalten, sondern noch dazu jederzeit ihr Recht verteidigen, sich zu äußern – selbst wenn einem die politische Stoßrichtung ihrer Comedy ein Gräuel ist. Und selbst wenn er oder sie damit Applaus von rechts provoziert.

Die Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver.

Wolfgang Thierse (SPD), früherer Bundestagspräsident, in einem „F.A.Z.“-Gastbeitrag

Zur Komplexität des Problems gehört, dass praktisch jeder, der öffentlich auch nur die Existenz einer Cancel Culture befürchtet, sich durch die Verwendung dieses Kampfbegriffs sofort dem Verdacht einer rechtstendenziösen Attacke auf eine vermeintlich bessere Welt aussetzt. Ganz so, als sei jedes Unbehagen ein Ausweis für trotzig-dumpfe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Stammtischdünkel. McWhorter spricht gar von „identitätspolitischen Truppen, die mit dem rhetorischen Baseballschläger durch das Internet ziehen und jeden als Rassisten niederknüppeln, der ihnen widerspricht“.

Am Ende wollen alle Opfer sein und niemand Täter

Umgekehrt ernten linksliberale Genderaktivisten außerhalb der akademischen Welt Hohn und Spott als übersensible Problematiker, die sich in ideologischen Schützengräben verschanzt und den Blick für die wahren Probleme der Welt verloren hätten. Aber nur, weil rechte Mobs von „Rassismus gegen Weiße“ faseln, bei jeder Kritik „Zensur!“ schreien und ohne Gnade über jene herfallen, die sich für marginalisierte Randgruppen einsetzen, ist nicht jeder Protest von links sakrosankt.

Gewiss ist die Hauptschuld an der Radikalisierung der Debatte ohne Zweifel reaktionären Kreisen anzulasten. Das liegt auch daran, dass die clevereren Kämpfer in der Regel links zu finden sind. Das eigene sprachliche Unvermögen schürt die rechte Wut. Aber der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Denn das Problem ist: Beide Seiten neigen gleichermaßen zu einer radikalen Verengung des Diskurses auf zwei bestürzend oberflächliche Positionen. Die eine lautet überspitzt: „Wer Cancel Culture beklagt und weiter ‚Zigeunerschnitzel‘ sagen will, kann nur ein Rassist und Nazi sein.“ Die andere lautet überspitzt: „Wer radikale politische Korrektheit fordert und Denkverbote erteilt, will das nicht linke Lager zensieren.“ Am Ende wollen alle Opfer sein und niemand Täter.

Falsche Hautfarbe, falsches Geschlecht: Die Dichterin Amanda Gorman – hier bei ihrem Auftritt zur Inaugurationsfeier von US-Präsident Joe Biden am 20. Januar 2021 – hat strenge Kriterien für die europäischen Übersetzer ihres Werkes. © Quelle: imago images/Lagencia

Kritik als aggressive Attacke auf die eigene Lebenswirklichkeit

Tatsächlich missverstehen links wie rechts legitime Kritik als aggressive Attacke auf die eigene Lebenswirklichkeit. Aber wer ernsthaft meint, weiße Menschen dürften schon aufgrund ihrer Hautfarbe nicht auf Podiumsdiskussionen über Rassismus gegen Schwarze sprechen, begeht denselben Fehler wie jene, die ernsthaft glauben, Angehörige von Minderheiten dürften in einer „taz“-Kolumne nicht die deutsche Polizei attackieren: Beide wollen denen, die ihnen aus diversen Gründen nicht in den Kram passen, den Mund verbieten. Und beide reduzieren die von ihnen Kritisierten auf ihre Angehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.

Wenn du in Fragen der Identitätspolitik auf der falschen Seite stehst, irrst du nicht nur, sondern du bist bösartig.

James Miller, konservativer Wirtschaftsprofessor am Smith College in Northampton im US-Bundesstaat Massachusetts

Das führt zu Unfreiheit, zu einer Verstümmelung der Debatte, die Aspekte wie Expertise, Kunstfreiheit, Gedankenfreiheit oder persönliche Erfahrungen und Lebensklugheit völlig außer Acht lässt. „Wenn du in Fragen der Identitätspolitik auf der falschen Seite stehst, irrst du nicht nur, sondern du bist bösartig“, beklagt James Miller, konservativer Wirtschaftsprofessor am Smith College in Northampton im US-Bundesstaat Massachusetts.

Am Ende wollen alle Opfer sein und niemand Täter: Der Komiker und Moderator Dieter Nuhr stand vor allem nach Scherzen über die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg und einem schlampig recherchierten Beitrag über die Autorin Alice Hasters im Mittelpunkt eines Shitstorms. © Quelle: Henning Kaiser/dpa

Die Formel für Gerechtigkeit ist nicht so simpel

Wenn es am Ende nicht mehr auf Argumente und Fakten ankommt, sondern nur noch auf die Identität und die blütenreine Weste desjenigen, der Klage führt, hat das mit einer offenen Diskussionskultur wenig zu tun. Denn die Identität eines Menschen bemisst sich nicht allein nach Äußerlichkeiten und kulturellen Wurzeln. So simpel ist die Formel für Gerechtigkeit nicht. „Wenn ein weißer Arbeiter, der gerade seinen Job verloren hat, von einer akademischen Elite erklärt bekommt, er genieße ‚weiße Privilegien‘, die ein schwarzer Professor nicht hat, dann nimmt er das verständlicherweise übel“, sagt McWhorter. „Die Weißen stecken in einer Zwickmühle: Was sie auch machen, es ist falsch.“

Natürlich nutzen jene, die alte Privilegien als Selbstverständlichkeiten verstehen, den Begriff „Cancel Culture“ gern vorschnell als pauschale Wortwaffe gegen all die lästigen Angriffe auf ihre Denkgewohnheiten. Doch mitunter ist eben auch das, was liberalere Aktivisten der nichtakademischen Öffentlichkeit zumuten, der guten Sache nicht dienlich, weil es einerseits trotziges Beharren provoziert („Ich meine ‚Zigeunerschnitzel‘ doch nicht rassistisch!“) - und andererseits Karrieren mit einem konzertierten Shitstorm oder einem Anruf im Dekanat beenden kann.

„Politisch korrekt“ – das „Morsezeichen der Denkfaulen“

Mit der pauschalen Diffamierungsformel „politisch korrekt“, diesem „Morsezeichen der Denkfaulen“ (Carolin Emcke), diskreditieren digitale Mobs gern all jene, die die Frechtheit haben, universale Grundrechte für jedermann einzufordern und an das Gute im Menschen zu appellieren. „Gutmensch“ – das ist die pervertierte Kampffloskel für vermeintlich naive Träumer, die ihre Idee von einer besseren Welt gegen reaktionäre digitale Truppen verteidigen müssen. Ganz so, als sei Zynismus die coole Attitüde der Stunde und nicht Idealismus. Aber wer wäre ernsthaft gerne ein „Schlechtmensch“?

Das ist nichts anderes als Cancel Culture von rechts. Darüber kann niemand verwundert sein. Denn „wenn die Revolution zu drakonisch wird, wenn sie zu sehr Robespierre nacheifert, dann gibt es eine Gegenbewegung, die zu den gleichen hässlichen Methoden greift“, wie McWhorter warnt.

Das Gift der Gnadenlosigkeit

Aus dem rechten Lager ist unversöhnliche Verbissenheit nichts Neues. Der Tugendfuror aber, der zunehmend auch das linke Lager befällt, irritiert. Was wurde aus „Das weiche Wasser bricht den Stein?“ Wo sind all die Blumen hin?

In der hochnervösen Gegenwart mit all ihren Zumutungen sickert das Gift der Gnadenlosigkeit noch leichter auch in jene wichtigen Debatten, für die man sich mehr Sachlichkeit und Ruhe wünschen würde. Denn es ist ein massiver Unterschied, ob man im Umgang miteinander falsche Meinungen bekämpft – oder gleich die „Falschmeinenden“ selbst.

Die Chancen für eine Deeskalation freilich sind gering. Es wird die Welt aber nicht nachhaltig voranbringen, wenn alle immer bloß beleidigt sind.

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