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Zweites Buch des Reemtsma-Sohns erschienen: Er berichtet vom Aufwachsen unter Dauerbewachung

  • Vor drei Jahren hat Johann Scheerer über seine Erinnerungen an die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma geschrieben.
  • Nun, wo der Entführer seines Vaters erneut festgenommen wurde, liegt quasi die Fortsetzung vor.
  • Sie liest sich wie ein Tagebuch übers Erwachsenwerden unter den Augen von Personenschützern.
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Hamburg. „Wie übermächtig musste die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?“, fragt sich Johann Scheerer. Auch wenn der Name es nicht sofort vermuten lässt: Er ist der Sohn des Hamburger Literaturwissenschaftlers und Millionenerben Jan Philipp Reemtsma, der im Frühjahr 1996 entführt wurde. In seinem neuen Buch „Unheimlich nah“, das ungefähr zum gleichen Zeitpunkt erschienen ist wie die erneute Festnahme des Entführers seines Vaters, schildert der Filius, wie seine Jugend nach der Entführung des Vaters von einem Sicherheitsapparat bestimmt war, wie er erwachsen wurde in einem System der Dauerüberwachung.

Ob beim Gassigehen mit dem Hund, auf dem Weg zur Schule, während Nächten mit Freundinnen oder Bandproben - immer war mindestens ein Sicherheitsmann in der Nähe. Ungefähr das exakte Gegenteil dessen, was ein Teenager mitten in der Pubertät möchte. „Ich bewegte mich in einem Ring professionell organisierter Sicherheit, den ich immer weiter zu dehnen versuchte“, schildert Scheerer.

Ambivalentes Verhältnis zu den Bodyguards

Dabei wird sein ambivalentes Verhältnis zu den Bodyguards deutlich. Einerseits möchte er entkommen, lässt sie nicht bis zum Ziel fahren, sondern steigt lieber ein paar Straßen vorher aus und läuft den Rest. Auch schleicht er sich mal heimlich davon. Andererseits werden sie so etwas wie Freunde und Familienmitglieder. Einer steckt ihm Kondome zu, als Johann mit einem Mädchen anbandelt. Andere bringen ihm Kampfkunst oder Schießen bei. Personalwechsel empfindet er mitunter als Verlust und versucht dem schlechten Gefühl vorzubeugen: „Wenigstens das Sie anstelle des Du sollte zwischen uns stehen.“

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Es ist der sprichwörtliche goldene Käfig. Und während Johann immer wieder damit hadert und hin und wieder bei Freunden und seiner Cousine darüber lamentiert, können die es immer weniger verstehen. Auch beim Lesen bekommt man im Laufe der gut 320 Seiten irgendwann das Gefühl, das Problem jetzt verstanden zu haben - und nicht das x-te Beispiel zu benötigen, um die Beklemmung nachzuvollziehen.

Dennoch ist die Situation Scheerers natürlich völlig außergewöhnlich und damit spannend. Wer wird schon im fremden Land per Polizeieskorte zum Urlaubsdomizil chauffiert? Wer muss beim Nachhausekommen durch eine Schleuse an Wachleuten vorbei? Wer teilt das äußert seltene Schicksal eines jugendlichen Kindes von einem Entführungsopfer?

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Erstes Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

In seinem ersten Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ hat Scheerer 2018 seine Erinnerungen an jene Wochen 1996 geschildert. Nun hat er gewissermaßen die Fortsetzung vorgelegt. Sie ist als Roman ausgezeichnet, liest sich aber eher wie ein hochwertig ausformuliertes Tagebuch. Als „Laie meines neuen Lebens“ bezeichnet sich der Autor zu Beginn. Ein Leben, das er mit den Personenschützern planen muss. Und eine Pubertät, in der offenbar diese Männer eine viel größere Rolle für den Jugendlichen spielen als sein Vater. Das distanzierte Verhältnis skizziert Scheerer immer wieder exemplarisch. Und erst mit dem Epilog wird der Buchtitel vollends verständlich.

Eindrücke bekommen die Leser auch von den ersten Karriereschritten des heutigen Musikproduzenten Scheerer: die Gründung einer Band, das erste Album, Deutschlandtour, Plattenvertrag. Doch der Schwerpunkt liegt auf alledem nicht. Und ganz nebenbei gibt der Roman Einblicke in eine längst vergessene Zeit, in der Handys noch keine Smartphones waren, T9 eine große Revolution bei der Texteingabe, und im Radio No Doubt, Blink-182 oder auch „1100101“ von Das Modul liefen.

RND/dpa

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