Zum Welttag des Buches: Lesen ist Kunst

  • Heute wird der Welttag des Buches gefeiert.
  • Doch die Buchbranche steckt wegen Corona in der Krise.
  • Aber es gibt auch schöne Seiten: Zwei Kunstbände zeigen zum Welttag des Buches, dass Lektüre in diesen Tagen aufbauen kann.
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Es gibt Zeiten, da scheint es Wichtigeres zu geben als die Lektüre von Büchern. “Das Buch gehört augenblicklich zu den entbehrlichsten Gegenständen des alltäglichen Lebens.” Das Zitat könnte aus diesen Tagen stammen, in denen der Internetversandhändler Amazon keine Bücher mehr bei Verlagen kauft und nur die Schriften ausliefert, die er noch auf Lager hat – und stattdessen in erster Linie Alltagsgegenstände verkauft.

Es könnte aus diesen Tagen stammen, in denen wir nahezu dauerhaft die Nachrichten verfolgen oder Politikern und Virologen live bei ihren Pressekonferenzen zuhören. Der Satz stammt aber aus dem Jahr 1926, als der Verleger Samuel Fischer angesichts von Film, Radio und Sport das Buch im Hintertreffen sah – und sich Deutschland in einer anderen großen Krise befand, der Krise von Depression und Inflation.

Der Welttag des Buches steht im Schatten von Corona

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Der diesjährige Welttag des Buches, der seit 1995 jährlich am 23. April – dem Todestag Shakespeares – gefeiert wird, steht ganz im Zeichen der Corona-Krise. Seit diesem Montag dürfen immerhin die Buchläden wieder öffnen. Doch die Leipziger Buchmesse fand ebenso wenig statt wie die Lit.Cologne, das große Lesefestival in Köln.

Verlage verschieben ihre Neuerscheinungen, weil sie die Auslage in Buchläden so nötig haben, weil die ganzen verkaufsfördernden Lesungen ausfallen, weil die geringere Kaufkraft durch Kurzarbeit und Co. sich auch im Buchgeschäft niederschlägt. Die Zeiten sind alles andere als rosig für die Buchbranche.

Bücher können in andere Welten entführen

Doch ein Blick in die Geschichte kann zu erkennen helfen, dass jeder Krise bislang auch wieder ein Aufschwung folgte. Das Buch stirbt nicht aus, es begleitet uns seit Jahrtausenden. Welche unterschiedlichen Rollen es spielte, zeigen auf wundervolle Weise zwei neue Kunstbände. Sie verbreiten Lust, sich vielleicht gerade in diesen bedrückenden Zeiten mal wieder ein Buch vorzunehmen, um in eine andere, coronafreie Welt einzutauchen.

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Jamie Camplin und Maria Renauro haben für ihren Band “Von Büchern in Bildern” (Hatje Cantz, 256 Seiten, 32 Euro) die Kunstgeschichte nach Lesestoff in Gemälden durchforstet. Bereits die christliche Gemäldekunst kennt das Buch als Zeichen und Ausdrucksmittel. So wird die Jungfrau Maria häufig mit Buch dargestellt, wie in Botticellis “Madonna mit dem Buch”. Das Buch ist hier die Bibel, die im Alten Testament Marias Rolle vorhersagt. Jesu Mutter liest auf diesen Bildern also im Buch ihres kommenden Lebens.

Auch sie liest: Botticellis “Madonna mit dem Buch”. © Quelle: Poldi Pezzoli, Mailand
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Ausgehend von diesen frühen Motiven begegnen wir zahllosen Lesern und vor allem Leserinnen. Kein Wunder, sickerte das Buch im Laufe der Jahrhunderte doch immer mehr in den Alltag der Menschen. Im von Wissensdurst gezeichneten Zeitalter der Aufklärung schrieb etwa die Gesellschaftsdame der Gräfin von Stolberg in Holstein an einen Freund: “Man stopft hier die Menschen mit Lektüre, wie man Gänse mit Nudeln stopft.”

In ihrer eigenen Welt: Albert Bartholomés “Die Frau des Künstlers, lesend” von 1883. © Quelle: Metropolitan Museum of Art

Wir begegnen fliegenden Bücherhändlern, Gelehrten und Bürgern, die dank ihrer Bücher gelehrt erscheinen wollten, wir sehen gelangweilte Kinder und in Jean Siméon Chardins “Der Affe als Antiquar” sogar ein wissbegieriges Tier.

Dank ihrer einleitenden Texte und mit vier themenbezogenen Galerien etwa zur “Bücherliebe und dem trauten Heim” bringt uns dieses reiche Werk das Verhältnis zwischen Buch und Kunst, zwischen Büchern und Künstlern näher. Denn, wie es bei Camplin und Renauro heißt: “Der ‘Fußabdruck’ des Buches ist in der Geschichte allerorten zu finden, und seine bildliche Darstellung – still, aber nachdrücklich – überall in der Kunst.”

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Unterbrochene Lektüre und der Finger im Buch

Einen noch etwas spezielleren, ebenfalls sehr charmanten Ansatz hat Ulrich Johannes Schneider gewählt. Der Philosophieprofessor und Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig befasst sich in “Der Finger im Buch” (Piet Meyer Verlag, 150 Seiten, 28,40 Euro) mit Lektüre, die unterbrochen wurde.

Nicht für längere Zeit, denn dafür gibt es ja Lesezeichen, oder das Buch wird umgedreht auf den aktuellen Seiten abgelegt. Nein, die Unterbrechung ist nur kurz, und deshalb klappt der Büchermensch sein Buch zu, lässt aber einen Finger zwischen den beiden Seiten, auf denen er beim Lesen gerade war.

Auch er hat den Finger im Buch: Hans Pleydenwurffs “Domherr Georg Graf von Löwenstein” von 1457. © Quelle: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg,

Diese Unterbrechung kann eine Störung von außen sein, ein Mensch, der den Raum betritt und die Stille stört. Oder der Lesende unterbricht selbst die Lektüre, um nachzudenken, nachzusinnen, das Gelesene mit der eigenen Welt in Einklang zu bringen. “Die Vorstellungskraft wird beim Lesen angeregt, den Text in Bilder zu übersetzen, nicht nur solche aus anderen Teilen der Literatur, sondern auch dem Leben selbst”, schreibt Schneider.

Der Autor stellt 30 Kunstwerke vor

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Zu seinen 30 ausgewählten Bildern, Skulpturen und Fotografien schreibt Schneider kleine Beobachtungen, Deutungen, er nimmt uns mit auf seine Gedankengänge. Auch hier finden sich die ersten Beispiele in christlichen Motiven, etwa auf Raffaels berühmter “Madonna Alba”, der Darstellung von Maria mit den beiden Kindern Jesus und Johannes (dem Täufer).

Bronzino, der Hofmaler der Medici, wiederum präsentiert ein eitel posierendes Mitglied der Florentiner Gesellschaft. Er zeige “eine Haltung mit Anspruch”, schreibt Schneider. “Und das Buch, in dem der Finger steckt und damit vorangegangene Lektüre anzeigt, gehört offenbar zu diesem Anspruch, der möglicherweise ein literarischer war.”

Agnolo Bronzino malte um 1535 das Bild “Junger Mann mit Buch”. © Quelle: The Metropolitan Museum of Art

Schneider hat auch Fotografien gefunden, auf denen Menschen während ihrer unterbrochenen Lektüre zu sehen sind, etwa Alexander Bassanos Abbildung von Matthew Arnold. Mal sind die Abbildungen in diesem Band Bilder voller Ruhe, mal voller Vorfreude auf die fortzusetzende Lektüre.

Lesen ist ein körperliches Erlebnis

Vor allem aber erinnern all die gezeigten Finger im Buch daran, dass Lesen ein haptisches Erlebnis ist. “In solchen Augenblicken der Unterbrechung ist das Lesen ganz bei sich, gewissermaßen auf dem Höhepunkt einer körperlich gewordenen Verbindung von Text und Individuum”, heißt es bei Schneider.

So wird in diesen beiden sehr schönen Bänden deutlich, dass Lesen vieles kann. Es kann berühren und entführen, beschäftigen und bilden, verändern und verbinden. Und es kann ablenken und aufbauen in Zeiten wie diesen.

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