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Zum Tod der Diva Milva: „La Rossa“ war stets kämpferisch

  • Die italienische Diva und Diseuse Milva ist am Freitag (23. April) im Alter von 81 Jahren gestorben.
  • Sie war stets kämpferisch und hatte ihren Durchbruch als Bertolt Brechts Seeräuberjenny.
  • Deutsch wurde ihre „zweite Muttersprache“, 2006 bekam sie das Bundesverdienstkreuz.
Rainer Wagner
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Sie war „La Rossa“, die Rote – Milva, die jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Und das bezog sich nicht nur auf ihre Haarfarbe, sondern auch auf ihre Haltung, denn die Sängerin und Schauspielerin Milva war eine überzeugte Sozialistin.

Sie schmetterte die Partisanenhymne „Bella ciao“, als noch niemand ahnen konnte, dass die auch mal zum Discohit verhunzt würde. Sie war parteiisch und politisch, aber mit der Parteienpolitik wollte sie nichts zu tun haben. Vielleicht kein Wunder, wenn man Italienerin ist.

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Geboren wurde Maria-Ilva Biolcati, die ihre beiden Vornamen später zum Markenzeichen Milva zusammenführte, am 17. Juli 1939 in Goro, einer norditalienischen Kleinstadt an der Adriaküste. Die Tochter einer Schneiderin und eines Fischers, der früh verarmte, wollte eigentlich Schneiderin werden und „tolle Kleider nähen“.

Die trug sie dann später auf der Bühne. Zunächst tingelte sie unter dem Künstlernamen Sabrina durch Nachtlokale und wurde bald auch als Schlagersängerin populär. Mit neunzehn wurde die eigentlich Dunkelhaarige durch einen Besuch beim Friseur zur Rothaarigen. Auch wenn dessen Ton manchmal changierte, dominant blieb er bis zum Ende der öffentlichen Karriere.

Sie nahm an Gesangswettbewerben teil, auch wenn Musikproduzenten damals „keine Intellektuellen, sondern ordinäre Arschlecker waren. Ich wurde aggressiv, um mich gegen sie zu wehren“. Und wehrhaft blieb sie. Zwischen 1961 und 2007 nahm sie am namhaften San-Remo-Festival teil, ohne jemals zu siegen, womit sie immerhin den Rekord mit den meisten Teilnahmen ohne Sieg in San Remo hält.

Bei ihrem Debüt mit „Il mare nel cassetto“ wurde sie immerhin Dritte – und klang schon ganz wie die spätere Milva. Im Jahr darauf, als sie mit „Un tango italiano“ Zweite wurde, spielte sie stimmlich ihre Tiefe theatralischer aus.

Mit dem Tango hat sie sich später ernsthafter auseinandergesetzt: in der Zusammenarbeit mit Astor Piazzolla. Entscheidend für sie, die auch in Spielfilmen mitwirkte, war die künstlerische Begegnung mit dem legendären italienischen Theatermacher Giorgio Strehler, der sie 1965 an sein „Teatro Piccolo“ in Mailand holte. Er brachte ihr die Songs von Bertolt Brecht und Kurt Weill nahe. Und die Seeräuberjenny in der „Dreigroschenoper“ wurde zum Durchbruch, der sie auch in der Theaterwelt zum Star werden ließ.

Mit ihren Brecht-Weill-Auftritten eroberte sie die Bühnen

Wer einmal ihre Ballade von „Jenny dei pirati“ hört, der weiß warum. Wie sie verführerisch gurrt und herrisch auftritt. Mit ihren Brecht-Weill-Auftritten eroberte sie die Bühnen. Als sie 2006 bei der Gedenkveranstaltung zum 50. Todestag von Brecht die Bühne des Berliner Ensembles betrat, war das wie ein Nachhausekommen, entsprechend gefeiert wurde sie.

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Deutsch war nach und nach zu ihren „zweiten Muttersprache“ geworden, aber sie sang auch französische Chansons nicht nur von Edith Piaf und war musikalisch in vielen Welten zu Hause. Sie liebte das, was sie „gute Unterhaltungsmusik“ nannte, aber das waren dann schon Lieder von Mikis Theodorakis, Vangelis oder Ennio Morricone.

Ihre erste Langspielplatte mit deutschsprachigen Chansons und Schlagern präsentierte Titel von Friedrich Hollaender und von Peter Kreuder, sehr viel weiter konnte die Spanne kaum sein. Auch Zarah-Leander-Hits waren kein Tabu für sie. Sie sang von der „Freiheit in meiner Sprache“ und schmetterte „Hurra, wir leben noch“ (zu Klängen von Klaus Doldinger).

Milva bekam das Bundesverdienstkreuz

Aber das Bundesverdienstkreuz, das sie 2006 vom damaligen Bundes­präsidenten Horst Köhler überreicht bekam, galt dann doch den hervor­ragenden Aufnahmen von Brecht-Weill-Titeln.

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Ihr Timbre war unverwechselbar, das gerne gerollte „Rrrr“, die sorgsam dosierte Theatralik, das Spiel mit der erotischen Ausstrahlung, die für sie auch „eine Frage der Eleganz“ war. 2010 gab sie bekannt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auftreten werde, weil ihr Gedächtnis schwächer werde. Aber so ganz hielt sie sich nicht daran und war etwa im März 2012 ausgerechnet im „Musikantenstadl“ noch einmal zu sehen und zu hören.

Am Freitag ist Milva nach Angaben ihrer Tochter Martina Corgnati in Mailand gestorben. Die Erinnerung lebt bei vielen weiter.

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