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Zug um Zug in den Wahnsinn: Stefan Zweigs „Schachnovelle“ im Kino

  • Stefan Zweigs „Schachnovelle" handelt von den psychischen Folgen perfider Isolationsfolter.
  • Noch viel stärker als im Buch vermischen sich im Film die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit.
  • Ein wenig mehr Vertrauen in die Vorlage hätte man den Filmemachern allerdings gewünscht.
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Ein gerade einmal rund 100 Seiten dünnes Büchlein, ein einziger Handlungsort auf einem Ozeandampfer, eine Geschichte, die zu großen Teilen im Kopf eines Mannes spielt, der von den Folgen perfider Isolationsfolter erzählt: Stefan Zweigs „Schachnovelle“ schreit nicht gerade danach, verfilmt zu werden. Und doch wurde die Novelle 1960 schon einmal mit Curd Jürgens und Hansjörg Felmy ins Kino gebracht, am Theater gespielt, und in Kiel wurde sie sogar mal zur Oper.

Warum die Novelle fasziniert, ist dagegen nachvollziehbar: Stefan Zweigs „Schachnovelle“ gibt prägnant Einblicke in die Grenzen der geistigen Widerstandkraft des Menschen gegen den Terror. Das Manuskript brachte der Autor einen Tag vor seinem Selbstmord im Februar 1942 in Brasilien auf die Post. Es handelt sich um sein Vermächtnis. Die „Schachnovelle“ steht bis heute als Lektüre auf Schulplänen.

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Zweig hatte Österreich bereits 1934 auf der Flucht vor den auch dort erstarkenden Nationalsozialisten verlassen. In Deutschland durfte er als Jude ohnehin nicht mehr veröffentlichen.

Regisseur Philipp Stölzl („Nordwand“, „Der Medicus“, „Ich war noch niemals in New York“) holt die Geschichte gewissermaßen aus dem Kopf der Hauptfigur heraus und bettet sie konsequent in die Historie ein. Zusammen mit seinem Co-Drehbuchautor Eldar Grigorian geht Stölzl bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich zurück. Das gibt seinem Film erst einmal einen geradezu enttäuschend konventionellen Anstrich.

Der Notar Josef Bartok (Oliver Masucci) will partout nicht an das heraufziehende politische Unheil glauben. Er tanzt noch in jener Nacht mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) auf einem Ball, als Österreich aufhört, als eigenständiger Staat zu existieren. Einen Spruch gegen die Beinahe-schon-Machthaber hat er stets auf den Lippen.

Abgeschottet von der Außenwelt

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Noch in derselben Nacht wird Bartok verhaftet und ins mondäne Hotel Métropole gebracht, das gerade zur Wiener Gestapo-Zentrale umfunktioniert wird. Bartok soll die Zugangscodes zu den Reichtümern von Klöstern im Ausland preisgeben, die seine Kanzlei verwaltet. Gelassen trotzt Bartok seinem Widersacher Franz-Josef Böhm – einer Figur, die es im Buch gar nicht gibt und die Albrecht Schuch mit einer beklemmenden Zuvorkommenheit ausstattet.

Bartok wird in ein von der Außenwelt abgeschottetes Zimmer gesperrt. Für Tage, Wochen, Monate muss er dort ausharren. Bartok geht das Zeitgefühl verloren. Jede Ablenkung, jede Lektüre und jeder Kontakt werden ihm verwehrt. Bartok spürt, wie er die Kontrolle über sich selbst verliert.

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Dann gelingt es ihm, ein Schachbuch ins Zimmer zu schmuggeln. Erst spielt er die darin dokumentierten Partien mit aus Brot gekneteten Figuren auf einer gemusterten Bettdecke nach. Dann fängt er an, Partien gegen sich selbst zu imaginieren. Seine Persönlichkeit ist dabei, sich in einen „weißen Spieler“ und einen „schwarzen Spieler“ aufzuspalten. Die „Schachvergiftung“, wie es in der Novelle heißt, hat ihn ergriffen. Die Verhöre Böhms sind ihm nurmehr lästig.

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Der Regisseur findet klaustrophobische Bilder für diese Extremsituation. Eine nackte Glühbirne flackert gefährlich, die Kamera (Thomas Kiennast) verkantet sich förmlich im Zimmer. Derweil dringen aus anderen Räumen Foltergeräusche – und dann wird Bartok, anders als im Buch, auch körperliche Gewalt angetan, als würde die psychische nicht genügen. Misstrauen die Filmemacher so sehr ihrer erzählerischen Überzeugungskraft?

Hauptdarsteller Oliver Masucci gelingt es, seinen eben noch so beherrschten Bartok langsam in eine innere Raserei zu versetzen. In seiner Physiognomie zieht eine gehetzte Besessenheit ein. Masucci liefert eine starke Vorstellung ab.

Die im Buch zentralen Geschehnisse auf der Schiffspassage, angesiedelt ein paar Jahre nach Bartoks überstandenen Qualen, geraten dabei aus dem Fokus des Films. Sie werden in einer Art Parallelerzählung einmontiert. Eher gegen seinen Willen soll Bartok gelangweilte Upperclass-Passagiere in der Partie gegen einen Schachweltmeister vertreten, der sich ebenfalls an Bord befindet. Stellvertretend soll Bartok den überheblichen, unzivilisierten Meister matt setzen.

Noch viel stärker als im Buch vermischen sich die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. Und wer sich wundert, wieso der Dampfer auf dem Ozean wie eine schlecht digitalisierte schwimmende Nussschale in der Badewanne schlingert, bekommt am Ende eine überraschende Aufklärung nachgereicht, die hier keinesfalls verraten werden soll.

Doch löst sich der Film am Ende endgültig vom Buch – und zwar weiter, als es der Geschichte dienlich ist. Stölzls Verfilmung der „Schachnovelle“ ist ein Zitat Zweigs nachgestellt: „Es ist an uns heute, den Glauben an die Unbesiegbarkeit des Geistes unerschütterlich aufrechtzuerhalten.“ Die Filmemacher tun dies nicht.

„Schachnovelle“, Regie: Philipp Stölzl, mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, 112 Minuten, FSK 12

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