Wuhan: So war das Leben in der gesperrten Stadt

  • 76 Tage lang stand die chinesische Stadt Wuhan wegen des Coronavirus unter Quarantäne.
  • Die Schriftstellerin Fang Fang hat ein Tagebuch über diese Zeit geführt. Es ist offen und ehrlich.
  • Nun erscheint das Tagebuch weltweit als Erstes in Deutschland. Chinesische Nationalisten feinden die Autorin wegen ihres Deals mit ausländischen Buchverlagen an.
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Wir haben uns mittlerweile ja an den Gedanken gewöhnt, dass Altenheime abgeriegelt werden, dass Kontaktsperren herrschen und unser Alltag eingeschränkt ist. Doch nahezu unvorstellbar ist, dass eine Millionenstadt komplett unter Quarantäne gestellt wird. Die chinesische Metropole Wuhan aber hat genau das erlebt. Ab dem 23. Januar wurde die Stadt, in der das Coronavirus wohl vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, von der Außenwelt abgeriegelt, der Flughafen und die Bahnhöfe wurden geschlossen, der Nahverkehr eingestellt und Ausgangssperren verhängt. Die Einwohner durften ihre Stadt nicht mehr verlassen.

Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang hat kurz nach der Stadtquarantäne begonnen, im Netz ein Tagebuch zu führen. Am 25. Januar begann sie mit den Worten “Ich habe keine Ahnung, ob dieser Eintrag die Leser erreichen wird”. Und wie er seine Leser erreichte. Jeden Tag warteten Millionen Chinesinnen und Chinesen sehnlichst auf den nächsten Beitrag der 64-Jährigen. Auch wenn kritische Beiträge von den Zensurbehörden gelöscht wurden. “Viele, sehr viele haben mir berichtet, dass sie erst nach der Lektüre beruhigt einschlafen konnten”, schreibt Fang Fang im Vorwort der deutschen Übersetzung, die heute als weltweit erste Buchveröffentlichung des Wuhan-Tagebuchs erscheint. Die amerikanische Ausgabe folgt in wenigen Tagen.

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Fang Fang wird als “Marionette des Westens” beschimpft

In China ist bislang keine Buchausgabe geplant. Denn nach der anfänglichen kollektiven Begeisterung für Fang Fangs mitreißende, mutige und kritische Beschreibung der Zustände ist in China und unter Chinesen mittlerweile jede Menge Wut und Verachtung hinzugekommen. Seitdem publik geworden ist, dass Fang Fangs Wuhan-Tagebuch als Buch in den USA und Deutschland erscheinen soll, wittern chinesische Nationalisten ein antichinesisches Komplott. Wie könne es sein, dass so schnell Verträge mit ausländischen Verlagen abgeschlossen wurden, fragen aufgebrachte Menschen im Netz. Ist Fang Fang nur eine “Marionette des Westens”, ist sie eine “Verräterin”?

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Im Vorwort geht Fang Fang auf diese Beschimpfungen kurz ein. So dankt sie dem deutschen Übersetzer. “Ich bin gegenwärtig den Angriffen chinesischer Linksextremisten ausgesetzt”, schreibt sie “Dass er mich häufig anruft, um sich nach meinem Befinden und meiner Sicherheit zu erkundigen, rührt mich sehr.” Man ahnt, unter welchem Druck sich die Autorin momentan befinden muss. Sie betont, dass sämtliche Honorare für das Buch, das in Deutschland erscheint, zu Spendenzwecken verwendet werden. “Sie sollen denjenigen zugutekommen, die Hilfe benötigen."

Fang Fang lässt den Leser an ihrer Gefühlslage teilhaben. Sie ist Diabetikerin und hatte große Angst, sich zu infizieren. Das Neujahrsfest feierte sie aus Sicherheitsgründen von ihrer Tochter getrennt. “Am nächsten Tag ging ich raus, um Schutzmasken und Lebensmittel zu kaufen. Es herrschte eine Eiseskälte. Noch nie hatte Wuhan einen so leer gefegten Eindruck gemacht. Angesichts dieser Eiseskälte überkam mich eine tiefe Trauer, die Leere der Straßen kroch in mein Innerstes. Es war ein Gefühl, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Die Ungewissheit über das Schicksal der Stadt, die Ungewissheit, ob meine Familienangehörigen und ich uns infiziert hatten, und die ungewisse Zukunft erfüllten mich mit schwer zu beschreibenden Gefühlen von Angst und Anspannung.”

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Was haben die Chinesen aus der Sars-Epidemie gelernt?

Befreundete Ärzte versorgten die Schriftstellerin mit Informationen zum aktuellen Stand der gesundheitlichen Lage. “Die Situation in Wuhan gebe keinerlei Anlass zu Optimismus, die Lage sei nach wie vor äußerst ernst. Das medizinische Material befinde sich im Zustand ‘knapper Balance’”, heißt es in dem Eintrag am 3. Februar. Die Autorin fragt, was die Chinesen aus der Sars-Epidemie 2003 gelernt haben. Und sie findet deutliche Worte in Richtung der Verantwortlichen: “Hört man sich um, kommt erst jetzt vielen Leuten zu Bewusstsein, dass es nichts bringt, Tag für Tag nur die Stärke unserer Nation zu bejubeln, und dass Kader, die nur in politischen Schulungen herumsitzen und leere Phrasen dreschen, aber unfähig sind, konkrete Arbeit zu leisten (früher nannte man solche Leute ‘Maulwerktätige’), völlig nutzlos sind. Erst jetzt ist vielen bewusst geworden, dass in einer Gesellschaft, der es an gesundem Menschenverstand mangelt und in der man die Wahrheit nicht in den Tatsachen sucht, die Tötung von Menschen kein Gerede bleibt, sondern Realität wird – und zwar die Tötung vieler Menschen.”

Chronistin des Lockdowns in Wuhan: Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang. © Quelle: Getty Images

Eindrucksvoll beschreibt sie, wie kranke Menschen angstvoll durch die Stadt irren. “Das Neujahrsfest ist die Zeit, wo sich die Familien versammeln und allgemeine Feierstimmung herrscht. Doch nun irrten unzählige Erkrankte in eisiger Kälte durch Sturm und Regen in der Stadt herum, auf der vergeblichen Suche nach medizinischer Behandlung. Nach der Abriegelung der Stadt war der gesamte öffentliche Verkehr eingestellt worden, und die Mehrzahl der Wuhaner besitzt kein Privatauto. Also liefen die Menschen zu Fuß von einem Krankenhaus zum anderen. Die Schwierigkeiten, die sie dabei zu überwinden hatten, sind mit Worten kaum zu beschreiben”, schreibt Fang Fang. Und: “Im Netz tauchten zahlreiche Videos auf, die verzweifelte Hilferufe zeigen, die langen Schlangen vor den Krankenhäusern, Menschen, die dort die ganze Nacht hindurch anstehen, und Krankenhauspersonal, das vor Überanstrengung kurz vor dem Kollaps steht.”

Fang Fangs Tagebuch erlaubt tiefe Einblicke in die Situation einer Stadt, die 76 Tage unter Quarantäne stand. Ihr Tagebuch endet mit dem Tag, an dem die Beschränkungen aufgehoben wurden. Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, so Fang Fang, war es, Zeugnis abzulegen. Das ist ihr eindrucksvoll gelungen.

© Quelle: HoCa
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Fang Fang: “Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt”. Hoffmann und Campe. 352 Seiten, 25 Euro.

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