Wo, bitte, geht’s zurück ins Kino?

  • James Bond wartet auf seinen Einsatz, die fertigen Filme stapeln sich – und dann gibt es da noch einen gewissen James Cameron.
  • Hat die gute, alte Lichtspielkunst nach der Pandemie vielleicht doch noch ein wenig Zukunft?
  • Ein Blick auf das Kino im Jahr 2021 und darüber hinaus.
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Um die Bedeutung der Entscheidung zu verstehen, lohnt ein kurzer Blick zurück: Ganze drei Mal wurde der 1929 erfundene Oscar bislang verschoben – und nie länger als eine Woche. 1938 hatte eine Flutkatastrophe Los Angeles heimgesucht. 1968 wartete die Academy pietätvoll, bis der ermordete Bürgerrechtler Martin Luther King beigesetzt worden war. Und nach dem Attentat auf Ronald Reagan 1981 ging man mit einem Tag Verzögerung wieder in den Showmodus über. Da war klar, dass der damalige US-Präsident überleben würde.

Und jetzt? Findet die Oscargala wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant Ende Februar 2021, sondern erst am 25. April statt. Die Golden Globes haben sich sogleich an ihrem fleißig nachgeeiferten und nie erreichten Vorbild orientiert und ihrerseits von Januar auf den 28. Februar umgebucht, den ursprünglichen Oscartermin.

Noch ist ungewiss, ob die Stars mit Mund-Nasen-Schutz über den roten Teppich spazieren oder gar per Video zugeschaltet werden müssen. Und wird überhaupt Publikum im Saal Platz nehmen?

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Womöglich haben sich die Privilegierten der Show- und Filmbranche bis dahin aber auch schon den Impfschutz gesichert, und Hollywood genießt im April längst Herdenimmunität – was auch das Drehen unter schwierigen Corona-Bedingungen erleichtern würde, unter denen die Branche ächzt.

Streaming-Hits als Oscargewinner?

Klar ist jedenfalls, dass bei den Oscars erstmals auch Filme gemeldet werden dürfen, die nie auf einer Leinwand zu sehen waren. Viele Kinos auf diesem Planeten waren allzu lange geschlossen – oder sind es immer noch so wie hierzulande ja auch. Die Oscaracademy sah sich gezwungen, ihre heilige Regel auszusetzen – für ein Jahr und keinesfalls länger, wie sie beteuert.

Die Unterscheidung von Streaming und Kino ist damit einstweilen aufgehoben: Das, wonach sich Netflix und Co. so sehr sehnen, könnte nun endgültig wahr werden: Die Plattformen könnten sich 2021 im Glanz der – trotz aller Aborekorde – immer noch beneideten Kinokunst sonnen. Die Streaming-Außenseiter rücken womöglich ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Bislang schrammten sie zumindest an der Auszeichnung für den besten Film vorbei – siehe Alfonso Cuaróns „Roma“ oder zuletzt Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“, beides Leuchttürme im mittlerweile mit so viel Durchschnittsware gefüllten Netflix-Portfolio. Diese Filme aber waren im Kino zumindest pflichtschuldig vorgezeigt und danach erst auf die Fernsehmonitore verbannt worden.

„Es wird sicherlich nicht wieder so werden wie vor der Pandemie“

Die Auflösung der Trennung zwischen den beiden Welten treibt nicht nur den deutschen Kinobetreibern Sorgenfalten auf die Stirn: Werden die Abonnenten von Amazon, Disney+ und Co. 2021 nach der Pandemie zurück in ihre Häuser finden? Oder haben es sich die Zuschauer womöglich auf dem Sofa allzu bequem gemacht und vermissen das konzentrierte Gemeinschaftserlebnis im dunklen Saal gar nicht mehr?

Das Geschäftsmodell der Kinos scheint ähnlich gefährdet wie das von Lufthansa oder Reisekonzernen, die auch nicht wissen, ob es nach der Pandemie wieder so in Schwung kommen wird wie zuvor. Nur öffnet der Staat weit weniger bereitwillig die Schatullen für Kinos, wie Branchengrößen wie Hans-Joachim Flebbe mit zunehmend unverhüllter Wut anprangern. Wozu all die Hygienekonzepte, Luftaustauschsysteme und leeren Sitzplätze, wenn die Kinos dann doch bei nächster Gelegenheit mit Saunen und Bordellen gleichgesetzt und dichtgemacht wurden?

Flebbe beklagt Millionenverluste und vergleichsweise lächerliche Kompensationen. „Es wird sicherlich nicht wieder so werden, wie es vor der Pandemie war. Es werden nicht alle überleben“, sagt Flebbe, der einst die Cinemaxx-Gruppe gründete und heute bundesweit schicke Astor-Kinos mit bequemen Sesseln und Service am Platz unterhält.

Manche Beobachter gehen sogar davon aus, dass jedes fünfte bis vierte Kino in Deutschland Opfer des Virus werden könnte. International sieht es jetzt schon verheerend aus: Cineworld beispielsweise, die zweitgrößte Kette weltweit, schloss Anfang Oktober ihre Häuser in Großbritannien und den USA. Nach Angaben des Unternehmens waren davon 45.000 Beschäftigte betroffen.

Die Berlinale soll stattfinden – irgendwie

Doch es formt sich auch Widerstand im Namen des Kinos. Die Berlinale hält daran fest, auch 2021 irgendwie stattzufinden. Klar ist allerdings, dass es mit der geplanten Sause Mitte Februar nichts wird. Die 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin, bislang Pflichttermin im globalen Kinozirkus, basteln an Alternativplänen. Ein Sommerfestival soll es jetzt ausnahmsweise werden.

Die Leichtigkeit des Kinobesuchs ist bei der – bislang – größten Publikumsveranstaltung hierzulande mit rund einer halben Million Gästen jedoch dahin. Klar war für die Berlinale vor allem eines: Komplett ins Internet abwandern wie beispielsweise die 42. Max-Ophüls-Ausgabe in Saarbrücken vom 17. bis 24. Januar würde sie auf keinen Fall.

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Im Februar des Vorjahres war die Berlinale das bislang letzte Großereignis, das in gewohnter Form mit Fangedränge und Schlangestehen über die Bühne ging. Das Virus war schon auf dem Vormarsch. Doch wer damals am Potsdamer Platz den einen oder anderen Maskenträger sah, schüttelte noch amüsiert den Kopf. Lange ist’s her.

Cannes musste im Mai komplett abgeblasen werden – was im cinephilen Frankreich einer nationalen Katastrophe gleichkam. Venedig nutzte eine Pandemielücke und trotzte dem Virus im September in stark abgespeckter Form.

Aus Hollywood schaute allerdings kaum jemand vorbei. Die verbliebenen Stars spazierten hinter einer Art Bauzaun in die Kinos – die größten Attraktionen mussten versteckt werden, um die größten Fans zu schützen. Venedig hatte immerhin den unschätzbaren Vorteil, dem Virus mit sommerlichen Temperaturen zu trotzen.

Disney-Hits nur auf Streaming-Plattform

Die Kinobranche hat im Vorjahr schmerzlich erleben müssen, wie sie im Digitalen allmählich unsichtbar wird. Blockbuster wie „Mulan“ oder „Soul“ zeigt Disney ausschließlich auf der hauseigenen Streaming-Plattform – im Fall der chinesischen Schwertkämpferin in den ersten Monaten versehen mit einem deftigen Aufpreis von mehr als 20 Euro auch für Abonnenten.

Disney rechnete so: Eine Familie mit vier Personen muss allein für den Kinobesuch rund 30 Euro bezahlen – und da sind Popcorn, Getränke und Anfahrt noch gar nicht drin. Doch hielt sich die Begeisterung dem Vernehmen nach bei den Abonnenten in Grenzen. Kino ist ja vielleicht doch noch was Besonderes.

Den nächsten Tiefschlag versetzte Warner Bros. im Dezember allen Kinogläubigen: Das Filmstudio kündigte an, seine Filme 2021 zeitgleich in den US-Kinos und beim konzerneigenen Streaming-Dienst HBO Max zu präsentieren.

Nach diesem Modell sollen 17 Filme zeitgleich sowohl hier wie dort zu sehen sein – darunter potenzielle Kassenknüller wie „Godzilla vs. Kong“, „The Suicide Squad“, „Dune“ und „Matrix 4“. Die Filme sind demnach einen Monat lang bei HBO Max im Programm. Danach sollen sie weltweit nur noch in den Kinos laufen. Bislang hatten die Kinos ein erstes Zugriffsrecht – und ein paar Monate Vorsprung.

Warner Bros. erzürnt mit Plänen

„Wir leben in beispiellosen Zeiten, die kreative Lösungen notwendig machen“, ließ sich Warner-Bros.-Chefin Ann Sarnoff vernehmen. „Niemand will Filme dringender auf die Leinwand zurückbringen als wir.“ Aber man müsse sich den Realitäten stellen. „Unsere Inhalte sind außerordentlich wertvoll – außer sie stehen im Regal und können von niemandem gesehen werden.“

Warner betont, dass es sich um einen „einzigartigen Einjahresplan“ handele. Aber werden die Studios danach wirklich zu den alten Standards zurückkehren und ihre verwöhnten Abonnenten verprellen?

Im vorigen Sommer noch wagte Warner das Unerhörte und brachte Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller „Tenet“ unter Corona-Bedingungen ins Kino – auf Wunsch des sich der großen Leinwand verpflichtet fühlenden Regisseurs. Der Blockbuster spielte mehr als 350 Millionen Dollar ein, doch war das für Warner immer noch ein Verlustgeschäft – zumal in den USA nur magere 57 Millionen hängen blieben.

Dennoch ist Nolan erbost wie kein Zweiter über die Entscheidung seines Studios, dem er Kassenknüller wie „The Dark Knight“ über „Inception“ geliefert hat: „Einige der größten Filmemacher und wichtigsten Stars in unserer Branche gingen neulich abends mit dem Gefühl ins Bett, für das großartigste aller Filmstudios zu arbeiten. Stattdessen arbeiten sie nun, wie sie beim Aufwachen feststellen mussten, für den schlechtesten Streaming-Service“, ließ er verlauten. Er fühlte sich als „Lockvogel“ und „Köder“ für eben jenen Streaming-Service. „Es ist sehr, sehr, sehr schmutzig“, so Nolan.

Viele heiß ersehnte Filme stecken in der Pipeline

Andere Lieblinge wie der texanische Sonderling Wes Anderson bunkern einstweilen ihre Werke und warten auf bessere Tage. Andersons Film „The French Dispatch“ hätte bereits im vorigen Mai beim Filmfestival in Cannes Premiere haben sollen – mit Stars wie Bill Murray, Tilda Swinton und Timothée Chalamet. Wer weiß, vielleicht tauchen sie genau dort ja ein Jahr später wieder auf, als wäre nie etwas gewesen?

Vielleicht meldet sich das Kino ja mit Macht zurück. So viele heiß ersehnte Filme stecken in der Pipeline – Blockbuster für die Multiplex-Kinos genauso wie Arthouse-Filme für alle anderen.

Irgendwann müssen all diese Werke in die Welt, vorneweg das James-Bond-Abenteuer „Keine Zeit zu sterben“. Dessen Deutschland-Start ist nun vorläufig endgültig auf den 31. März terminiert. Die Bond-Produzenten scheinen entschlossen: Streaming First ist für sie keine Option. Schließlich geht es um rund eine Milliarde Dollar an den Kinokassen.

Da kommt es auf ein paar Monate mehr oder weniger und eine weitere abgebrochene globale Werbekampagne schon beinahe nicht mehr an. Der ursprüngliche Starttermin war Oktober 2019. Erst gab es Streitereien während der Produktion, dann kam Corona.

„Wir wollen, dass die Leute den Film auf die richtige Art und auf sichere Weise sehen können“

Tatsächlich scheint die Vorfreude auf diesen Film ins Unermessliche zu wachsen: Im Internet initiierten Hardcore-Fans im Vorjahr eine abgedrehte Crowdfunding-Kampagne. Ziel des „Teams Bond“: Es wollte das nötige Kleingeld zusammenbringen, um sich die Rechte an „Keine Zeit zu sterben“ zu sichern und den Film für alle zugänglich machen. Das Studio MGM hatte angeblich eine Summe von 600 Millionen Dollar ins Spiel gebracht.

An einem solchen Deal wären die Bond-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson wohl auch dann nicht interessiert gewesen, wenn das Geld tatsächlich zusammengekommen wäre. „Der Film steht nicht zum Verkauf“, stellte MGM wenig später klar.

Hauptdarsteller Daniel Craig, an dem die inzwischen verhasste 007-Rolle zu kleben scheint, sekundierte: „Wir wollen, dass die Leute den Film auf die richtige Art und auf sichere Weise sehen können. Auf der ganzen Welt sind gerade Kinos geschlossen. Aber wir wollen den Film weltweit zur selben Zeit veröffentlichen. Und jetzt ist nicht die richtige Zeit.“

Bloß wann ist die richtige Zeit gekommen? Beinahe im Wochenrhythmus sind ab Frühsommer 2021 potenzielle Blockbuster angekündigt – bei denen allerdings wohl niemand wetten würde, ob sie nicht vielleicht doch noch komplett bei Streaming-Diensten verschwinden. Zum Beispiel wären da: „Black Widow“, „Fast and Furious 9“, „Top Gun 2 – Maverick“, „Minions 2“. „Mission Impossible 7“, „Sherlock Holmes 3“, „Ghostbusters 3: Legacy“…

Das Gerangel dürfte groß werden. Manche Filme sind auch gleich ins Jahr 2022 geschoben worden, etwa Robert Pattinsons „The Batman“ oder „Indiana Jones 5“.

Es geht um nicht weniger als um die Rettung der Kinos

Beginnt also womöglich bald das große Kinofeuerwerk? Oder kannibalisieren sich all diese vermeintlichen oder tatsächlichen Sensationen gegenseitig? Vielleicht ist es auch höchste Zeit für Hollywood, endlich nicht mehr Variationen des Immergleichen zu produzieren und diese mit Seriennummern zu versehen, als wären es neue Automodelle.

Oder man braucht ganz einfach einen langen Atem, so wie Regisseur James Cameron. Die Landung von „Avatar 2“ auf dem Planeten Pandora hatte er ursprünglich für 2014 geplant, inzwischen visiert er sie für Dezember 2022 an und bastelt weiter an bislang noch nie gesehenen Effekten, wie es heißt.

Cameron ist der Mann für Kassenweltrekorde, erst 1997 mit „Titanic“, dann mit seiner Saga um die blauen Riesenmenschen in einem fernen Universum. Im ersten „Avatar“-Film von 2009 ging es um die Rettung der wundersamen Wesen vor den ausbeuterischen Menschen, nun geht es zuerst um die Rettung der Kinos.

Insgesamt vier „Avatar“-Filme hat Cameron parallel in Arbeit, mit denen er das Kino auf ein neues Level heben möchte. Im Zweijahresrhythmus will er seine Fans nach Pandora entführen. Ein wenig Zukunft hat die gute, alte Lichtspielkunst vielleicht doch noch.

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