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„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Christiane F. gibt’s jetzt als etwas mutlose Serie

  • Christiane F. ist wieder auf Droge: Bei Amazon startet die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.
  • Doch hätte man diese Geschichte nicht viel mutiger in unsere Gegenwart katapultieren sollen?
  • Merke: Jeder Filmstoff kann zur Serie ausgebaut werden, nicht jeder muss.
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Der Werbetext klang reißerisch: „Alkohol und Hasch mit zwölf, Heroin mit 13, mit 14 auf dem Straßenstrich.“ So wurde der Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ 1981 angepriesen. Das dazugehörige Buch hatten drei Jahre zuvor zwei „Stern“-Reporter nach langen Gesprächen mit ihrer Protagonistin Christiane F. verfasst.

Ursprünglich wollte Regisseur Roland Klick die Geschichte verfilmen. Ein Werk wie „Taxi Driver“ hatte er sich vorgenommen, eine Höllenfahrt, schmutzig, verkommen, schmerzhaft. Klick wurde gefeuert. Stattdessen machte sich Ulrich Edel im Auftrag von Produzent Bernd Eichinger ans Werk. Keineswegs durfte er all die Eltern verschrecken, die schon die Lektüre in Angst versetzt hatte. Könnte ihren Kindern womöglich ein ähnliches Drogen-Stricher-Schicksal zustoßen wie Christiane F.?

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Drei Millionen Mal hatte sich das 1978 erschienene Sachbuch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ verkauft, 95 Wochen lang führte es die „Spiegel“-Bestsellerliste an. Der Film sollte knapp fünf Millionen Zuschauer in die Kinos bringen – bester Schulstoff zur Abschreckung von Generationen Heranwachsender mit garantiertem Gruselfaktor.

Niemand musste sich trotz der damaligen Aufregung fürchten – auch wenn einzelne Szenen mit kotzenden, schwitzenden, delirierenden Teenagern auf Entzug schwer zu ertragen waren. Mit gebührendem Respekt verhandelte Regisseur Edel den Leidensweg von Christiane F., die mit Nachnamen Felscherinow hieß.

Und jetzt ist Christiane F. mitsamt Clique wieder da und schiebt sich die Heroinnadel in den Arm – nicht im Kino, sondern bei Amazon. Gleich eine achtteilige Serie hat Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) inszeniert, Annette Hess („Weissensee“) war Chefautorin.

Gekachelte Vorhölle

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Wieder steigen Jugendliche in die gekachelten Katakomben am Bahnhof Zoo und damit in ihre persönliche Vorhölle (nachgebaut in Prag). Die genauso legendäre wie verrufene Diskothek Sound lockt als Heroinumschlagplatz ins Verderben. Auch David Bowie hat einen Gastauftritt – dieses Mal gespielt von Alexander Scheer, einst wurde Material mit dem echten Bowie in den Film hineingeschnitten.

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Die Frage ist nur, wie nahe einem das Schicksal von Christiane F. dieses Mal rückt. Auch wenn der Film einige irritierende Aktualisierungen bereithält, treten einem die Bilder doch wie aus einer untergegangenen Ära entgegen: röhrende Rothirsche als Wohnzimmerschmuck, Streifenpolizisten mit grünen Bügelfaltenhosen und weißen Hemden, Nazi-Spießer in allen Ecken.

Hätte man die Geschichte der Christiane F. nicht viel mutiger in unsere Gegenwart katapultieren sollen? So ähnlich hat es Regisseur Burhan Qurbani mit seinem wuchtigen Kinofilm „Berlin Alexanderplatz“ im Vorjahr getan, als er Franz/Francis als Flüchtling aus Guinea-Bissau im heutigen Berlin stranden ließ. Oder gibt es in der Hauptstadt keinen Babydrogenstrich mehr?

Teenager voller Sehnsüchte

Gewiss, Teenager hoffen, träumen und stecken voller Sehnsüchte – damals wie heute. Und damit sind keineswegs nur Drogen gemeint. Enttäuschungen erleiden sie sowieso. Diese Jugendlichen hier besonders.

Ein soziales Kaleidoskop entfaltet sich vor den Augen der Zuschauer: Christiane (Jana McKinnon) fühlt sich verloren zwischen ihren in Trennungsstreitigkeiten verbissenen, erstaunlich jungen Eltern. Die toughe Stella (Lena Urzendowsky) muss den Platz ihrer alkoholkranken Kneipiersmutter ausfüllen und einen hohen Preis dafür zahlen. Babsi (Lea Drinda) kommt daher wie ein blondes Püppchen aus ihrer frostigen Villa-in-Dahlem-Welt. Und dann sind da noch der scheinbar so lässige Benno (Michelangelo Fortuzzi), der sanfte Loser Axel (Jeremias Meyer) und der aggressive Michi (Bruno Alexander).

Der Originalfilm konzentrierte sich allein auf Christiane. Aber acht Serienepisoden wollen gefüllt werden. Viel Zeit bleibt da, um die Herkunft der anderen Figuren zu ergründen.

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Ermüdend wirken auf Dauer dabei die emotionalen Höhenflüge mit garantiert folgenden Drogenabstürzen, die hier geradezu systematisch durchdekliniert werden. Zusammen fungiert diese Außenseiterbande als Ersatzfamilie. Mittendrin Christiane F., die sich aus ihrer Rolle als Opfer tapfer herauskämpft. Hauptdarstellerin McKinnon, 1999 geboren, wirkt fraulicher als ihre kindliche Vorgängerin Natja Brunckhorst, damals kaum 15 Jahre alt.

Den ultimativen Drogenfilm hat immer noch Danny Boyle mit „Trainspotting“ (1996) gedreht. Auch Regisseur Kadelbach lässt Heroin plus Blut im Innern von Venen schäumen und seine halluzinierenden Helden in tiefblaue Wasserbecken abtauchen – konterkariert die Faszination des Rausches aber auch mit Elendsbildern. Für die mit Melancholie unterfütterte Romantik sorgt der sanfte Soundtrack, bei dem David Bowie Pate stand. Merke: Jeder Filmstoff kann zur Serie ausgebaut werden, nicht jeder muss.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, acht Episoden bei Amazon Prime ab 19. Februar, von Philipp Kadelbach, mit Jana McKinnon, Lena Urzendowsky, FSK 16.

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