Wie wird man Himmler wieder los, Ulrich Noethen?

  • In seinem neuen Film „Deutschstunde“ spielt Ulrich Noethen einen Dorfpolizisten.
  • Im Interview erzählt er, warum der Stoff auch heute noch aktuell ist.
  • Und er sucht nach einer Erklärung für den aktuellen Rechtsruck.
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Herr Noethen, haben Sie zu den Generationen von Schülern gehört, die mit Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ gequält wurden?

Ich war tatsächlich noch Schüler, vielleicht 16 Jahre alt, als ich auf den Roman stieß. Aber bei mir lief die Begegnung ganz anders ab.

Wie war es bei Ihnen?

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Meine Mutter hatte mir die gesammelten Kurzgeschichten „So zärtlich war Suleyken“ gegeben, die allesamt in Masuren spielen – Siegfried Lenz stammte ja aus Ostpreußen. Von diesem eher humoristisch-anekdotischen Lenz bin ich zum Roman gewechselt und war beeindruckt von der Art, Personen und Landschaften zu schildern. Diese Form der Auseinandersetzung eines Ich-Erzählers mit den eigenen Erlebnissen in nationalsozialistischen Zeiten war mir neu.

Das war dann ja eine gelungene Annäherung an einen der wichtigsten deutschsprachigen Nachkriegsautoren.

Ja, und so etwas ist leider bis heute alles andere als selbstverständlich. Eines unserer Kinder kam einmal nach Hause und teilte mir mit, dass es ein ganz langweiliges Buch lesen müsse. Ich habe nachgefragt und rausgefunden, dass es von Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ sprach. Und das ist doch eine wunderbare Lektüre!

Zumal ein Kind im Hause Noethen gewiss schon früh Literaturempfehlungen bekommen hat.

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Da sage ich jetzt einfach mal: Ja.

Jetzt spielen Sie in der Verfilmung der „Deutschstunde“ den pflichtbesessenen Polizisten Jens Ole Jepsen, der seinen Malerfreund daran hindert, weiter zu malen, weil die Nazis dessen Kunst als „entartet“ gebrandmarkt haben. Wozu brauchen wir heute diesen Film?

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Stimmt, die Geschichte erzählt vom Nationalsozialismus. Aber für mich steckt darin eine zeitlose Parabel über eine Freundschaft, die zerbricht. Menschliche Beziehungen werden zerrüttet, gespalten, vergiftet durch eine pervertierte Auffassung von dem, was der Polizist für seine Pflicht hält und über die Freundschaft zum Maler stellt. Man kann auch unmenschlich handeln, obwohl man es gut meint.

Sie sind 1959 geboren: Welche Nachwirkungen des Nationalsozialismus haben Sie in Ihrer Kindheit zu spüren bekommen?

Da muss ich gar nicht groß überlegen. Ich lebte inmitten von Menschen, die im Nationalsozialismus groß geworden sind. Ziemlich genau erinnere ich mich an manchen Lehrer an meiner Grundschule. Als Kind hat man nicht unbedingt wahrgenommen, wie prägend die NS-Vergangenheit für diese Menschen war. In der Rückschau werden einem die Machtstrukturen klarer.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Da waren Erziehungsmethoden an der Tagesordnung, die heute unvorstellbar wären. Nickte jemand weg im Unterricht, wurde er kurzerhand am Kragen gepackt, durchs Klassenzimmer geschleift, und dann wurde der Kopf des Bemitleidenswerten unter den kalten Wasserhahn gesteckt. Und das ist noch eines der harmloseren Beispiele. Schüler wurden geschlagen und gedemütigt.

Ist Ihnen diese fanatische Pflichtauffassung untergekommen, die im Lenz-Roman eine so zentrale Rolle spielt?

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Bei dieser Bewertung sollte man vorsichtig sein, das sind ja oft nur subjektive Empfindungen. So erinnere ich mich an einen Lehrer an dem humanistischen Gymnasium, an das ich nach dem Umzug meiner Familie nach Augsburg gekommen war. Die Klasse hatte schon einen gehörigen Vorsprung in griechischer Schrift – und mein Vater war der Meinung, ich müsse jetzt auch Altgriechisch lernen. Dabei hatte ich genug damit zu tun, mich überhaupt an der Schule zurechtzufinden. Und dann wurde ich mit einem Lehrer konfrontiert, der mich regelrecht auf dem Kieker hatte – ein Hauptmann der Reserve, ein richtig harter Knochen. Für mich war der Mann das Paradebeispiel für einen Menschen, der nach oben buckelt und nach unten tritt.

Waren Sie später bei der Bundeswehr?

Ja, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass dort irgendjemand mir gegenüber seine Macht missbraucht hätte.

Handelt es sich bei dem pervertierten Pflichtbegriff im Roman womöglich um etwas spezifisch Deutsches?

Nein. Der Begriff Pflicht scheint mir sowieso zu Unrecht in Verruf geraten zu sein. Eine Pflicht ist etwas, das von außen an mich herangetragen wird, oder was ich mir selbst auferlege. Für diese Verpflichtung stehe ich ein. Und das muss nichts Negatives sein. Die Pflicht ist ja nur die Hülle. Die Frage ist, womit die Hülle gefüllt wird. Man kann allerdings auch ein KZ mit Pflichtgefühl betreiben. So ungefähr hat das Oskar Lafontaine mal böse mit Blick auf die von Helmut Schmidt gelobten Sekundärtugenden gesagt.

Sie haben so viele historische Rollen gespielt: Fühlen Sie sich als Experte für deutsche Geschichte?

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Ich fühle mich weder als Experte für deutsche Geschichte noch für irgendwelche ethischen Fragen. Ich versuche einfach, in der Gegenwart die Augen offenzuhalten und mit meinen Mitteln mitzuhelfen, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. Das empfinde ich als meine Pflicht. Meine Aufgabe als Künstler ist es aber genauso zu unterhalten. Zwischen beiden Polen muss man die richtige Balance finden.

Aber kann man durch Einfühlung in eine Rolle womöglich besser verstehen, „wie geschehen konnte, was geschehen ist in diesem Land“? So wie es Siegfried Lenz formuliert hat?

Ja, das habe ich schon auf der Schauspielschule gelernt: Zunächst geht es gar nicht so sehr darum, dass das Publikum etwas lernt. Die Schauspieler, die sich mit einer Rolle auseinandersetzen, müssen etwas über die Figur begreifen.

Autor der „Deutschstunde“: Siegfried Lenz. © Quelle: imago/teutopress

Was haben Sie begriffen?

Ich lerne durch meine Arbeit immer wieder, zu welchen Dingen Menschen fähig sind – und diese Dinge liegen einem näher, als man von außen betrachtet denkt. Der Firnis der Kultur ist denkbar dünn. Wir bewegen uns auf dünnem Eis und brechen schneller ein, als wir uns das vorstellen mögen. Ob wir uns hinreißen lassen, das Falsche zu tun, hängt wiederum mit Lebensumständen und der Gestricktheit des Einzelnen zusammen. Niemand sollte sich für unfehlbar halten.

Sie haben zweimal Heinrich Himmler gespielt: Kostet so eine Rolle eine besondere Überwindung, oder ist sie besonders reizvoll?

Weder noch. Entscheidend ist der Film. Ich habe Himmler ein zweites Mal gespielt, um mich von der grässlichen Figur zu befreien, die ich in „Der Untergang“ verkörpert hatte. Diese Figur hatte etwas mit mir gemacht. Um das auszugleichen, brauchte ich den eher komödiantischen Zugang von Dani Levys Groteske „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“.

Passiert es Ihnen häufiger, dass Sie Rollen nicht wieder loswerden?

Im Fall von Himmler war es extrem. Aber so etwas passiert immer wieder. In jüngster Zeit habe ich mich dabei ertappt, dass ich vor mir selbst zu behaupten versuchte, alles im Griff zu haben. Ich müsse die Rolle nur technisch umsetzen. Aber das stimmt nicht. Man nimmt diese Sachen mit nach Hause. Gleichzeitig gibt es gewisse Routinen, um sich von den unangenehmen Aspekten einer Figur wieder zu trennen.

Wird das manchmal gefährlich für die psychische Gesundheit?

Man muss aufpassen, dass die Identifikation mit einer Figur nicht dazu führt, den eigenen Persönlichkeitskern anzutasten. Man braucht einen inneren Halt, um sich zu schützen.

Sie haben mit Lust den Herrn Taschenbier in den „Sams“-Kinofilmen gespielt: Ist das eine Anti-Himmler-Befreiungsrolle für Sie?

Wenn Sie wollen, können Sie sogar das Pflichtthema auf diesen Film anwenden: Das Sams lässt sich begreifen als das Alter Ego von Herrn Taschenbier. Der Mann leidet sehr unter fremden Autoritäten und traut sich nicht zu sagen und zu tun, wohin sein Herz ihn führen möchte. Dann taucht das anarchische Sams auf und weist ihm den Weg – wodurch er lernt, seinen Wünschen zu vertrauen.

Gab es Filme, die Sie bei der Vorbereitung auf die „Deutschstunde“ zurate gezogen haben?

Mir kam „Die Blechtrommel“ in den Sinn, aber der passte dann doch nicht so ganz. Volker Schlöndorffs Film ist anders: Da steckt richtiges Volkstheater drin, Komödienstadel. Denken Sie nur mal daran, welche Show Mario Adorf als Alfred Matzerath abzieht: Saukomisch und überzeichnet sind die Schauspieler hier bei der Sache.

Was wollten Sie Ihrer Figur des fanatischen Polizisten Jens Ole Jepsen mitgeben?

Mir war vor allem wichtig, diese Figur an mich heranzuholen – und sie nicht mit „interessanten Äußerlichkeiten“ auszustatten. Sie sollte nicht hinken, stottern oder irgendwelche Macken haben. Da war ich mir mit meinem Regisseur Christian Schwochow einig.

Hätte sich dieser Polizist irgendwann auch von seinem Fanatismus verabschieden und auf die Seite seines Malerfreunds schlagen können?

Immer wieder hätte er das tun können. Interessanterweise habe ich zurzeit noch einen anderen Film am Start, und das ist das Dokudrama „Die Irrfahrt der St. Louis“ über ein Schiff, das 1939 Hamburg mit 900 jüdischen Flüchtlingen verließ, die vor den Nazis nach Kuba zu entkommen versuchten. Auf Kuba durfte der Dampfer dann aber nicht anlegen. Die Flüchtlinge durften nicht von Bord. Kein Land wollte sie aufnehmen. Sie sollten zurück nach Deutschland, und das bedeutete ins KZ. Ich spiele den Kapitän, der NSDAP-Parteimitglied ist – und der trotzdem die Juden retten will. Er widersetzt sich der NS-Ideologie und damit seiner angeblichen Pflicht.

Was lernen wir daraus?

Der Kapitän hat sich daran erinnert, dass er es mit Menschen zu tun hat. So viel wird ja oft gar nicht von einem verlangt. Man sollte nur wach sein und mitdenken. Die Gelegenheiten, das Richtige zu tun, ergeben sich immer wieder.

Kamen Ihnen bei der „Deutschstunde“-Verfilmung Zweifel, als die Debatte um Emil Nolde und dessen nationalsozialistische Vergangenheit noch einmal hochkochte? Immerhin diente der Maler Nolde dem Autor als literarische Vorlage.

Überhaupt nicht. Wir waren uns Noldes Vergangenheit von Anfang an bewusst. Siegfried Lenz dagegen, als er seinen Roman in den Sechzigerjahren schrieb, wusste nicht von dessen Antisemitismus, was wir heute wissen. Lenz hat auch nur Teile aus Noldes Biografie benutzt, um eine fiktive Figur zu kreieren. Man sollte jetzt nicht anfangen, Lenz zu desavouieren, weil er Nolde in ein allzu freundliches Licht gesetzt hat. Im Nachkriegsdeutschland wurde Nolde nun mal als verfolgter Künstler gesehen. Das war wohl für alle bequemer.

Ist die „Deutschstunde“ heute vielleicht sogar besonders wichtig, weil in diesem Land autoritäre Tendenzen wieder zunehmen?

Dieser Stoff war immer aktuell – auch wenn er noch ein wenig aktueller geworden sein mag. Aber es ist ja nicht so, dass man sich den Film anschaut und dann alle Antworten hat. Das wäre wohl auch ein bisschen viel verlangt von einem Film.

Haben Sie als Beobachter unserer Gegenwart eine Erklärung dafür, woher der aktuelle Rechtsruck kommt?

Da stellen Sie eine große Frage. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich glücklich schätzen darf, keine Kriege mehr zu kennen. Uns geht es so gut wie keiner anderen Generation zuvor. Wir bewegen uns in einer relativ gefestigten Demokratie. Hier darf jeder sagen, was er will. Das Internet hat dazu geführt, dass der Berg an Meinungen immens angewachsen ist – an begründeten Meinungen, aber leider auch an bekloppten Meinungen.

Seine Paraderolle ist die des Herrn Taschenbier, der dank des Sams zum lebensfrohen Menschen wird. Oder wie es Ulrich Noethen selbst ausdrückt: Er habe als Schauspieler die Chance, ab und an das Sams in sich herauslassen zu dürfen.

Geradezu abonniert ist der fast 60-Jährige auf Figuren aus der deutschen Geschichte: Er sang bei den „Comedian Harmonists“ (1997) als deren Gründer Harry Frommermann, verkörperte Kurt Tucholsky in der sommerleichten Liebesgeschichte „Gripsholm“ (2000) und übernahm gleich zweimal die Rolle von Heinrich Himmler – in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ und in Dani Levys „Mein Führer“. Genauso spielte Noethen den Vater von Anne Frank, und jüngst erst operierte er als Chirurg Ferdinand Sauerbruch in der Fernseh-„Charité“.

Längst zählt Noethen zu den bekanntesten deutschen Schauspielern. Nur fällt das nicht gleich so auf, weil er gern als Durchschnittstyp besetzt wird. Manche würden auch sagen: als Spießer. In der Neuverfilmung von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ ist er nun vom 3. Oktober an als Polizist Jens Ole Jepsen zu sehen, der in seiner Pflichtbesessenheit keine Grenze kennt.