Wie spielt man Todesangst, Lars Eidinger?

  • Lars Eidinger spielt im Kino einen Stasioffizier, der noch 1981 als Spion in der DDR hingerichtet wurde.
  • Westliche Überlegenheitsgefühle beim Blick auf die DDR hält Eidinger für eine Anmaßung.
  • Warum er eine Aldi-Tasche für 550 Euro designt hat, hat er Stefan Stosch auch erklärt.
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Wenn er etwas tut, dann voller Lust und Leidenschaft: Mit vollem Körpereinsatz und gern auch mal nackt agiert Lars Eidinger auf der Theaterbühne und beim Film. An der Berliner Schaubühne wurde er zum Star als rappender „Hamlet“ oder auch als Superschurke „Richard III“.

Im Kino machte Eidinger zuerst in Maren Ades feinem Beziehungsdrama „Alle anderen“ (2009) auf sich aufmerksam. Wenn der 45-Jährige in einem TV-Krimi auftaucht, dann bevorzugt als Mörder. Zuletzt war er im Kino in „Persischstunden“ (2020) als SS-Offizier und in „Schwesterlein“ als krebskranker Schauspieler zusammen mit Nina Hoss zu sehen. Legendär sind seine Auftritte als DJ oder auch als Vermarkter einer Designertasche, die einem Aldi-Produkt nachempfunden ist und 550 Euro kostet.

Nun hat sich Eidinger wieder eine herausfordernde Rolle gesucht: In Franziska Stünkels Drama „Nahschuss“ (Kinostart 12. August) spielt er einen Stasioffizier, der als Spion zum Tod verurteilt wird – angelehnt an das Leben von Werner Teske, der noch 1981 in der DDR hingerichtet wurde.

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Herr Eidinger, Sie sind in West-Berlin aufgewachsen: Welche Erinnerungen haben Sie an die DDR?

Als die Mauer fiel, war ich immerhin schon 13. Gemessen daran habe ich allerdings erstaunlich schwache Erinnerungen. Ich bin am Stadtrand in Berlin-Marienfelde groß geworden. Aus meinem Klassenfenster habe ich über die Mauer schauen können. Bis heute wundere ich mich, dass ich zum Beispiel den Fernsehturm am Alexanderplatz damals nie wahrgenommen habe. Wenn man heute in Mitte oder Tiergarten herumläuft, ist der Fernsehturm unheimlich präsent. Damals habe ich den nie registriert. Die Mauer dazwischen war einfach zu selbstverständlich. Man hat sie nicht hinterfragt.

Wissen Sie noch, was Sie in der Nacht der Nächte am 9. November 1989 gemacht haben?

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Nein, leider nicht. Verrückt, oder? Ich glaube, ich war gar nicht in Berlin, sondern mit meinem Fußballverein in Pottenstein in der Fränkischen Schweiz. Woran ich mich aber gut erinnere: Mein Bruder und ich haben uns als sogenannte Mauerspechte betätigt. Wir haben kleine Stückchen aus der bemalten Mauer herausgehackt und verkauft. Ein paar Steinchen stehen noch immer bei meinen Eltern im Setzkasten.

Haben Sie den Ostteil der Stadt mit Ihrer Familie erkundet?

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Auch nicht. Bis heute werfe ich meinen Eltern ein bisschen vor, dass sie nach der Wende nicht mit mir nach Ost-Berlin gefahren sind. Wir haben uns nur das Umland angeschaut. Mein Vater hatte einen BMW-Geschäftswagen, mit dem sind wir im Schritttempo durch die Dörfer gefahren. Mein Bruder und ich saßen hinten drin und wurden immer kleiner. Ich fühlte mich furchtbar – wie ein Besatzer: Die ehemaligen DDR-Bürger standen in ihren Vorgärten und sahen in die dicken Autos hinein. Nach meinem Empfinden rühren aus solchen Begegnungen die immer noch existierenden Komplexe zwischen Ost und West.

Welche Komplexe meinen Sie?

Viele Konflikte rühren daher, dass der Westen den Osten okkupiert hat. Der Westen hat dem Osten das vermeintlich bessere System übergestülpt. So haben wir die Chance verpasst, das Beste aus beiden Systemen zusammenzuführen. Die Idee des Sozialismus hätten wir nicht aus den Augen verlieren sollen. Wie wir heute wissen, ist der Kapitalismus auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Welche Rolle spielt der Osten Berlins überhaupt in Ihrer Biografie?

Mein Werdegang hätte ohne die Wende ganz anders ausgesehen. Studiert habe ich in der Schauspielschule Ernst Busch in Niederschöneweide, dann war ich am Deutschen Theater in Mitte. Ich bin wahnsinnig geprägt durch die Einflüsse der DDR.

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der DDR spielen Sie nun in dem Film „Nahschuss“, der von den Unterdrückungsmechanismen in eben jenem Staat erzählt: Wozu brauchen wir heute so einen Film?

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Wussten Sie etwa, dass es noch 1981 in der DDR eine Hinrichtung nach einem verhängten Todesurteil wegen Spionagevorwürfen und geplanter Republikflucht gab? Ich nicht. Die Geschichte orientiert sich am Leben des Stasi-Hauptmanns Werner Teske, der durch einen solchen „Nahschuss“ ermordet wurde. Der Henker stand versteckt mit seiner Pistole hinter der Tür. Man schoss dem Verurteilten dabei aus nächster Nähe und ohne Vorwarnung in den Hinterkopf. Das hielt man für human.

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Wie historisch genau ist der Film?

Er ist keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm. Und doch versucht er genau zu sein: Wir haben auch im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen gedreht. Die Leute, die da heute die Führungen machen, sind ehemalige Insassen. Sie haben mir von den täglichen Schikanen erzählt. Das fing damit an, dass man ihnen zu große oder zu kleine Häftlingskleidung gegeben hat. Oder man hat sie in Transportern durch die Stadt gefahren und sie glauben lassen, sie befänden sich auf dem Weg zur Hinrichtung, nur um sie danach wieder abzuliefern. Und alle Texte, die ich vor Gericht spreche, sind aus den Originalmitschnitten des Prozesses um Werner Teske. Es gibt Tonaufnahmen. Es handelte sich um einen Schauprozess. Das Todesurteil stand von vornherein fest – dabei war es Werner Teske gar nicht gelungen, dem „Feind“ geheimes Material zu überbringen.

Wird die DDR in „Nahschuss“ anders gezeichnet, als wir das üblicherweise kennen?

In vielen Filmen über die DDR erscheinen Polizisten und Beamte ein bisschen vertrottelt. Ihnen wird damit der Schrecken genommen, zum Beispiel in Steven Spielbergs „Bridge of Spies“. Damit degradiert man aber auch die Opfer. Ich finde es wichtig, die Abgründe und das Menschenverachtende dieses Systems in all seiner Drastik zu zeigen.

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Haben Sie ein Beispiel aus Ihrem Film?

Für mich gibt es da eine Schlüsselszene: Der Stasi-Offizier, den ich spiele, sträubt sich, das Leben eines anderen zu zerstören. Sein Vorgesetzter erwidert: Dann wird es schwierig mit der Operation deiner Mutter. Wer von uns könnte von sich behaupten, er würde in diesem Moment an seinen Idealen und Moralvorstellungen festhalten?

Was wäre die wahrscheinlichere Reaktion?

Man macht sich schuldig. Deshalb kann ich westliche Überlegenheitsgefühle schwer nachvollziehen – so nach dem Motto: „Was, der war in der Stasi?“ Die Menschen in der DDR sind in diesem System sozialisiert worden. Dagegen aufzubegehren oder Widerstand zu leisten, stellt sich aus einem Abstand heraus immer leichter dar.

„In einem solchen Moment gebe ich mich der Situation hin“

Wie hätten Sie wohl selbst gehandelt?

Ich fände es anmaßend zu behaupten, ich hätte widerstehen können.

Ihre Filmfigur wird von einem Moment auf den anderen mit dem Todesurteil konfrontiert: Wie spielt man Todesangst?

Ich habe in Hohenschönhausen die Tonaufnahme einer Frau gehört, die zum Tod verurteilt wurde. Ihre unmittelbare Reaktion war ein markerschütternder Schrei. So hätte ich es nie gespielt. Ich hätte gedacht, dass es ein eher introvertierter Moment ist, da sich die Bedeutung des Urteils nicht direkt erfassen lässt.

Was war die Konsequenz für Sie?

Ich habe versucht, die Reaktion dieser Frau in mein Spiel einfließen zu lassen. Wobei sich meine Spielweise mittlerweile auch verändert hat: Ich gehe in solche Szenen mit viel weniger Gestaltungswillen als früher. Ich konzentriere mich auf den Moment und schaue, was passiert.

Und was passiert mit Ihnen, wenn die Kamera läuft?

Mein Körper reagiert. In einem solchen Moment stelle ich nichts technisch her, sondern gebe mich der Situation hin. Wenn ich den Einschlag zulasse und mich öffne, kann ich darauf vertrauen, dass mein Körper adäquat reagiert. Das ist ein Schock. Ich habe mal einen Mann beobachtet, der Augenzeuge war, wie jemand auf dem Berliner Hauptbahnhof beinahe von einem ICE überrollt wurde. Der Mann ist geradezu theatralisch von hysterischen Weinkrämpfen immer wieder in sich zusammengefallen. Die Erkenntnis, wie expressiv so etwas in der Realität sein kann, prägt mein Spiel.

Wird man dem Film vorwerfen, dass sich hier eine vornehmlich westliche Crew mit der DDR beschäftigt?

Bestimmt. Den Vorwurf gab es schon bei „Das Leben der Anderen“. Die Reaktion ist nachvollziehbar von denen, die in der DDR gelebt haben und nun sagen: So war das aber gar nicht. Da kommen Westdeutsche und erzählen ostdeutsche Geschichte nach. Das hat etwas von kultureller Aneignung.

Wie wappnen Sie sich dagegen?

Der Film ist Fiktion. Als Schauspieler will ich ja gerade die Beschränkungen der Realität aufheben. Was wäre anderenfalls die Konsequenz? Dass man nur noch sich selber spielen kann? Ich glaube, dass man alles spielen kann – nur nicht sich selbst. Man selbst kann man nur sein.

Ihre Figur in „Nahschuss“ ordnet der eigenen Karriere alles andere zunächst ganz unbedarft unter: Kennen Sie das aus Ihrem eigenen Leben?

Spielen Sie auf meine Tasche an?

Genau. Sie haben sich vor einem Obdachlosenlager mit einer 550 Euro teuren Ledertasche fotografieren lassen, die der von Günter Fruhtrunk designten Aldi-Tüte nachempfunden war. Wie kam es dazu?

Ein befreundeter Fotograf wollte meinen Weg von der Haustür zum Discounter dokumentieren. Er begleitete mich gewissermaßen zum Einkaufen. Unterwegs haben wir Fotos gemacht. Das Obdachlosenlager war eine Station unter vielen.

„Ich sehe mich nicht als Missionar“

Aber Sie haben die Not der Menschen für Ihre Zwecke instrumentalisiert.

Ich behaupte, dass Hochglanzbilder viel menschenverachtender sind, wenn sie Armut ausblenden. Zynisch ist es, seinen Kindern Nike-Turnschuhe zu kaufen in dem Wissen, dass diese von Kindern zusammengenäht werden. Unser Überfluss gründet auf der Ausbeutung anderer. In Brechts „Heiliger Johanna der Schlachthöfe“ heißt es, unser System ist ein Schaukelbrett mit zwei Enden, die voneinander abhängen: Wir sind nur oben, weil andere unten sind. Die Frage unserer Zeit lautet: Sind wir bereit, von unseren Privilegien etwas abzugeben und somit abzusteigen? Auf der Schaukel können nicht alle oben sein.

Wo kommt da Ihre Tasche ins Spiel?

Die ursprüngliche Idee war, etwas Nachhaltiges zu produzieren. Als Reaktion auf die Masse an Plastiktüten, die wir in den vergangenen Jahrzehnten verbraucht haben. Die Ledertasche sollte eine Alternative sein, die im besten Fall ein Leben lang hält. Wir haben sie komplett fair in Europa produzieren lassen und das hat seinen Preis. 20 Prozent der Einnahmen gingen auch an das Werk von Günter Fruhtrunk. Klar kann sich nicht jeder so eine Tasche leisten, aber es war ein gerechtfertigter Preis, kein Luxus. Es ging nicht darum, sich zu bereichern. Man kann sich nicht gegen Fast Fashion aussprechen und erwarten, dass eine Ledertasche 30 Euro bei Zara kostet. Das ist bigott.

Sehen Sie es als Prominenter als Ihre Aufgabe, andere auf solche Zusammenhänge aufmerksam zu machen?

Nein, ich will mich zuerst selbst damit konfrontieren. Ich sehe mich nicht als Missionar. Ich spiegele mich in den Zuschauern und bin deren Spiegel.

Würden Sie sich als einen schauspielerischen Extremisten beschreiben?

Das ist kein Anspruch von mir. Das ist eine Konsequenz meiner Art, meinen Beruf zu begreifen. Ich versuche, mich keinen Begrenzungen zu unterwerfen. Ich will Neues erfahren. Und das erfährt man nur, wenn man sich über Konventionen hinwegsetzt.

Sie stehen gerade als „Jedermann“ in Salzburg auf der Bühne: Was können Sie einem mehr als 100 Jahre alten Spiel Neues hinzufügen?

Das Neueste daran ist, dass ich die Rolle spiele. Wenn ich mich als Persönlichkeit auf der Bühne zeige, kann ich davon ausgehen, dass das etwas Neues ist. Mich als Person gibt es ja nur einmal. Ich habe noch im Ohr, was die älteren Kollegen sagten, als ich am Deutschen Theater anfing: Dein privater Scheiß interessiert hier nicht. Heute glaube ich, dass das Gegenteil zutrifft: Wenn irgendwas interessiert, ist es mein privater Scheiß.

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