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Sozialkino über Ausbeutung

„Wie im echten Leben“ – Juliette Binoche als Autorin auf harter Recherche

Drei von der Putzstelle: Helene Lambert (links) als Christèle, Juliette Binoche (rechts) als Marianne Winckler und Léa Carne als Marilou in einer Szene des Films „Wie im echten Leben“.

Es gibt Projekte, bei denen sie nicht lockerlässt. Juliette Binoche brauchte einige Jahre, bis sie die Journalistin und Autorin Florence Aubenas überzeugte, deren Bestseller „Le Quai de Ouistreham“ (der marktschreierische deutsche Titel: „Putze. Mein Leben im Dreck“) mit ihr in der Hauptrolle verfilmen zu lassen.

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Eine Schriftstellerin taucht in die Welt der Ausbeutung ein

Binoche spielt die renommierte Schriftstellerin Marianne Winckler (Aubenas’ Alter Ego), die ihre Komfortzone in der Pariser Kulturelite verlässt, um in der nordfranzösischen Hafenstadt Caen investigativ über den harten Berufsalltag von Frauen zu recherchieren. Tief taucht sie in eine ihr unbekannte Welt von Armut und Ausbeutung ein. Nach einem Hürdenlauf im Jobcenter findet sie mit einem fingierten Lebenslauf Arbeit in einer Putzkolonne auf der Fähre nach England und freundet sich mit ihren Mitstreiterinnen an, vor allem mit Christèle (Hélène Lambert), einer alleinerziehenden Mutter von drei Söhnen.

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Starkes Sozialkino mit Humor und Solidarität

Wie lange kann Marianne diese Doppelidentität durchhalten? In der Tradition von Ken Loach bietet Regisseur Emmanuel Carrière statt Larmoyanz über kapitalistische Auswüchse starkes und emotionales Sozialkino mit Humor und Solidarität. Präzise zeichnet er die innere Zerrissenheit einer Intellektuellen, die tagsüber im Eiltempo Toiletten schrubbt und abends am Laptop ihre Eindrücke ordnet, ständig ihre Entlarvung befürchtet beim Aufeinanderprallen von Lüge und Wahrheit. Was auch passieren wird, als Marianne auf dem Schiff Pariser Freunde über den Weg laufen.

Bis dahin amüsiert sie sich mit ihren neuen Freundinnen auf der Bowlingbahn oder schlürft auf dem staubigen Parkplatz Mojito aus Plastikflaschen. In intimen Momenten lauscht sie den Wünschen und Hoffnungen der anderen. In der Nacht scheint es, als ließen die magisch blinkenden Lichter der Fähre die Erfüllung von Träumen zu. Im kalten Morgenlicht bleibt ein schwimmendes Monstrum, das Putzfrauen in Arbeitsschichten verschleißt.

In diesem Film werden die Unsichtbaren sichtbar

Trotz einiger konstruiert wirkender Szenen bleibt die Geschichte glaubhaft, was nicht nur an Binoche liegt, sondern auch an der zurückhaltenden Inszenierung – und an den hinreißenden Laiendarstellerinnen, die Hungerlohn und mangelnde Wertschätzung kennen, auch entwürdigende Behandlung durch den Chef. In diesem Film werden die Unsichtbaren sichtbar. Die im Dunkeln sieht man doch.

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Auf der anderen Seite steht die moralische Frage, inwieweit man Vertrauen für ein gutes Ziel „missbrauchen“ darf. „Wie im echten Leben“ liefert ein ergreifendes Porträt über eine Gesellschaft in der Krise. Dieses Drama bewegt sich zwischen zwei Welten. Die Distanz lässt sich nicht aufheben zwischen sozialen Milieus, zwischen den am Existenzminimum Lavierenden und den Saturierten, zwischen der bourgeoisen Blase der Schriftsteller und der Realität der Reinigungskräfte, zwischen oben und unten.

Ganz wie im echten Leben.

„Wie im echten Leben“, Regie: Emmanuel Carrère, mit Juliette Binoche, Hélène Lambert, 106 Minuten, FSK 6

 

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