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Wichtigster deutscher Film der Nullerjahre: „Das Leben der Anderen“ kam vor 15 Jahren ins Kino

  • Vor 15 Jahren, am 23. März 2006, kam das Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ in die Kinos.
  • Mit seinem Regiedebüt gewann Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck sogar den Oscar.
  • Der Film nahm sich des Themas DDR, das zuvor vor allem Kinokomödien hervorgebracht hatte, auf ernste Weise an.
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Berlin. Die DDR kam dem Kinopublikum nach den Kinospäßen der Nullerjahre recht komisch vor. Da gab’s lustige Vopos, depperte Stasis und Jugendliche, die der Sonne beim Verschwinden im Westen nachweinten und Vinylbetrügern aufsaßen, die ihnen russische Musik mit gelben Aufklebern als Rolling-Stones-Platten verkauften. „Sonnenallee“, „Good Bye, Lenin!“ und „NVA“ erfüllten das wiedervereinigte Land in wirtschaftswunden Zeiten mit Ostalgie. Die DDR als Schmunzel- und Lachnummer.

Mit „Das Leben der Anderen“ kam vor 15 Jahren, am 23. März 2006, der Film ins Kino, der den Arbeiter-und-Bauern-Staat als möchtegernbessere Welt zeigte, die – sozialistisch beflaggt – in Sachen Polizeigewalt ein wenig von Nazi-Traditionen zehrte. Eine Republik der Spitzel und Bespitzelten. In einer Weltklasse-Darstellerriege überzeugte Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann mit der Verwandlung eines eigentlich Unbelehrbaren. Der Film gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter einen Oscar.

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Schmallippig bedient Mühe unterm Dach die Apparaturen der Angst

Das Drama, Regiedebüt von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, spielt in Ost-Berlin, im Jahr 1984. Ulrich Mühe ist Gerd Wiesler, Stasi-Hauptmann, einer von den unerbittlichen Menschenquälern. Jeder ist diesem kleinen, kalten Spion und galligen Sozialisten verdächtig, die Kulturschaffenden mit ihrer spöttischen Durchdringung der Macht sowieso. Den Auftrag, dem systemkonformen Dramatiker Gregor Dreymann (Sebastian Koch) die Wohnung zu verwanzen, nimmt er gern an. Und wenn Mühe schmallippig unterm Dach die Apparaturen der Angst bedient, erinnert er an Jürgen Vogel als Vergewaltiger in „Der freie Wille“. Es ist die Penetration des Privaten: „Packen Geschenke aus“, hackt er böse in seine Schreibmaschine, „danach vermutlich Geschlechtsverkehr“.

Wiesler soll seine Einstellung im Verlauf der 137 Minuten des Films verändern. Er entdeckt in den eigenen Reihen korrumpierte Ideale, während er in den Räumen seiner Opfer neben Sex auch noch Vorstellungen belauscht, die auf seinen eigenen alten Utopien einer besseren Welt gründen. Sein Stasi-Vorgesetzter (Ulrich Tukur) will mit Wieslers Arbeit beim Kulturminister (Thomas Thieme) seine Karriere beflügeln. Der Minister wiederum hofft, eine Affäre mit Dreymanns Freundin, dem Theaterstar Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), erzwingen und durch eine Verhaftung des Dichters ungeniert ausleben zu können.

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Ein moralischer Spitzel beginnt, seine Opfer zu schützen

Und so beginnt der moralische Spitzel, seine Opfer zu schützen. Was immer riskanter wird, als Dreymann einen kritischen Text über die Selbstmordrate in der DDR für den „Spiegel“ schreibt. Aus Drama wird Thriller – nicht alle, die zu retten wären, kommen davon.

„Das Leben der Anderen“ war Henckel von Donnersmarcks Donnerschlag im Kino. Eine große Komposition, vielleicht der wichtigste deutsche Film der Nullerjahre – das definitive Drama zur DDR, das unverständlicherweise damals nicht zur Berlinale eingeladen worden war. Wo es sich die Bären in Serie geholt hätte: für den Regisseur, den exakten Vermesser seiner Charaktere, den peniblen Chronisten der DDR-Verhältnisse und sensiblen Dramatiker. Für Gedeck, die bleiche Lilie der DDR-Bühnen, die nur ihrer Schönheit, nicht aber ihrer Kunst traut.

Und vor allem für Mühe, den bösen, mutigen Büttel, dem am Ende die Kälte abhandenkommt und dem nur der Widerstand bleibt. Für den er schließlich sogar selbst zum Künstler wird.

Die Berlinale hatte den wichtigsten deutschen Film der Dekade verpennt

Dafür holte es sich dann sieben Deutsche Filmpreise, drei Europäische Filmpreise und im Jahr darauf den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Erst zum dritten Mal war dies – nach Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“ im Jahr 1980 und Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ im Jahr 2003 – einem deutschen Film gelungen. Die Berliner Filmfestspiele waren blamiert, hatten den wichtigsten Film der Dekade verpennt.

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Ein bisschen blamierte sich aber auch auch von Donnersmarck selbst, der feist wirkte, als er bei der Verleihung verkündete, dass er die Wortfolge „I can’t“ aus seinem Vokabular gestrichen habe, was er – niemand klatschte da – „von Schwarzenegger“ gelernt habe.

Kein Wort verlor er über seine Hauptdarstellerin Martina Gedeck, die die – nach Meinungsverschiedenheiten über ihre Filmfigur – viel zu spät doch noch besorgte fünfte Karte für die 79. Oscars im Kodak Theatre schließlich mit dem schnippischen Hinweis abgelehnt hatte, sie sei „in den Ferien“.

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