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Wer klickt, hat schon verloren: Halbzeit bei der digitalen Berlinale

  • Schlendern durchs Weltkino: Der Wettbewerb der Berlinale ist zur Hälfte rum.
  • Die Ausbeute bei diesem rein digitalen Festival ist bislang durchwachsen.
  • Am Freitag werden die Preise bekannt gegeben, auch Deutsche dürften Chancen haben.
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Im Kino gewesen. Vorgespult. Das geht nicht? Bei dieser digitalen Berlinale irgendwie schon, bei der man die Filme zu Hause auf dem Computermonitor schaut. Unten rechts lässt sich auf einer Leiste ein Button anklicken. Die Filmgeschwindigkeit verdoppelt, vervierfacht, ja, sogar verachtfacht sich, ganz nach Wunsch.

Die Versuchung ist da, beim dritten Berlinale-Film des Tages die Sichtung ein wenig zu beschleunigen. Auch wenn man es dann doch nicht tut, verändert allein diese Möglichkeit die Art des Schauens.

Gefahr der Ablenkung

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Im Kino lässt man sich voll und ganz auf einen Film ein. Zu Hause ist die Gefahr der Ablenkung in jedem Moment gegeben. Die Konzentration ist nicht mehr dieselbe, wenn der Postmann zweimal klingelt.

So gut es geht, begegnet man also dieser Filmfestspiel-Notgeburt. Schließlich sind beim Schlendern durchs Weltkino Entdeckungen jederzeit möglich.

Die französische Regisseurin Céline Sciamma wurde mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen” vor zwei Jahren in Cannes gefeiert. Nun ist sie in Berlin am Start. Wie viele Anfragen von erstklassigen Autorenfilmern hat die Nummer eins unter den Festivals in Südfrankreich wohl vorliegen, wenn es Sciamma zur Konkurrenz ziehen lässt?

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit

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Eine einfache Geschichte steckt in „Petite Maman” – und zugleich eine geheimnisvolle. Nellys geliebte Großmutter ist gestorben. Nun ist die Achtjährige mit ihren Eltern in dem düsteren Haus im Wald, um es leer zu räumen. Auch ihre Mutter Marion wuchs hier auf und baute Hütten aus Ästen. Und dann trifft Nelly im Wald auf eine Marion in ihrem Alter. Seltsamer Zufall?

Die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit lösen sich auf. Trauer und Verlustangst verwandeln sich in Nellys Kopf. Wir wandeln mit ihr durch die Zeit, ganz unprätentiös und ohne jedes Technikbrimborium, wie es Zeitreisefilmen oft anhaftet. Eine Tochter trifft auf eine Mutter, die vom Alter her ihre Schwester sein könnte (gespielt von Geschwistern: Joséphine und Gabrielle Sanz).

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Die Erwachsenen bleiben Randfiguren. Die Regisseurin versteht ihren Film auch als indirekten Kommentar zur Corona-Zeit: Nach ihren Sorgen und Nöten seien Kinder kaum gefragt worden.

Ruhiges Drama, raue Küste

Im zweiten französischen Wettbewerbsbeitrag „Albatros” von Xavier Beauvois („Von Menschen und Göttern”) treffen wir auf den Polizisten Laurent (Jérémie Renier). Er führt ein beschauliches Familienleben in der Bretagne, will endlich seine Freundin heiraten und erfüllt seinen Job vorbildlich – bis durch seine Kugel ein Mann stirbt. Die Tragödie wirft Laurent aus der Bahn.

Der Regisseur entfaltet ein ruhiges Drama vor rauer Küste. Möwen kreischen, der Wind pfeift, der Horizont ist weit. Wie gern würde man in diese majestätischen Meeresbilder vor einer großen Leinwand versinken.

Dass der Rumäne Radu Jude viel von seinen Landsleuten hält, lässt sich nach „Bad Luck Banging or Loony Porn“ schwerlich behaupten. Verrohte Zeitgenossen bevölkern ein Bukarest, in dem SUV die Bürgersteige versperren und kaum jemand noch seine Corona-Maske über der Nase trägt.

Und nun geilen sich die Eltern einer Schulklasse an dem privaten Sexvideo einer Lehrerin auf, das irgendwie im Netz gelandet ist. Wacker wehrt sich die „Pornolehrerin“ in dieser wilden Satire gegen die Meute.

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Regisseur Jude erlaubt sich eine ketzerische, alles andere als feinsinnige Abrechnung – und dürfte als „Pornofilmer“ in die Annalen der Berlinale 2021 eingehen, denn auch der Festivalzuschauer wird Augenzeuge expliziter Aufnahmen.

Erinnerungen an den Libanon im Bürgerkrieg, gespickt mit originalen Tonbandaufnahmen, Fotos, Dias, Zeichnungen und Eintrittskarten: Das Beiruter Künstler- und Filmemacherduo Joana Hadjithomas und Khalil Joreige hat bei seinem Drama „Memory Box“ eigenes Archivmaterial genutzt und in jene titelgebende Box gepackt.

Dieses üppige Paket, verschickt von der Familie einer gestorbenen Freundin, trifft in verschneiten Wintertagen in Montreal ein. Dort lebt die alleinerziehende Maia (Rim Turki) mit ihrer Teenagertochter Alex (Paloma Vauthier). Gegen den Willen der Mutter vertieft sich Alex in die Schatztruhe – und entdeckt Maias verdrängte Vergangenheit im libanesischen Bürgerkrieg.

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Kunstvoll erwecken die Multimediaregisseure die Devotionalien zum Leben. „Memory Box“ ist eine nicht immer stimmige, aber dafür sinnliche Hommage an ein versehrtes Land.

Die filmische Schatztruhe dieser Not-Berlinale ist zur Hälfte ausgepackt. Wenn am Freitag die Preise bekannt gegeben werden, dürften auch deutsche Filmschaffende gute Bären-Aussichten haben.

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