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Wenn Superhelden menscheln ... – Chloé Zhao bringt mit „Eternals“ Sensibilität ins Marvel-Universum

  • Regisseurin Chloé Zhao bringt mit „Eternals“ (Kinostart am 4. November) Sensibilität wie nie in Marvels Superheldenuniversum.
  • Es geht um gottähnliche Lebewesen, die zum Schutz der Menschheit antreten.
  • Einer vielversprechenden, aber weitgehend unerfahrenen Nachwuchsregisseurin wie Zhao ein 200 Millionen Dollar schweres Projekt anzuvertrauen ist ein sichtbares Zeichen für die neue Risikobereitschaft des Comic-Film-Konzerns.
Martin Schwickert
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Als Marvel-Chef Kevin Feige im September 2018 Chloé Zhao für das neue Superhelden-Franchise „Eternals“ unter Vertrag nahm, hatten die Dreharbeiten zu „Nomadland“, der in diesem Jahr als bester Film und mit zwei weiteren Oscars ausgezeichnet wurde, noch gar nicht begonnen. Bis dahin hatte die chinesische Filmemacherin mit „Songs My Brother Taught Me“ (2015) und „The Rider“ (2017) zwei halb dokumentarische Independent-Filme vorgelegt, die mit schmalem Budget und einer Handvoll Laiendarstellerinnen realisiert wurden.

Einer vielversprechenden, aber weitgehend unerfahrenen Nachwuchsregisseurin wie Zhao ein 200 Millionen Dollar schweres Projekt anzuvertrauen ist ein sichtbares Zeichen für die neue Risikobereitschaft des Comic-Film-Konzerns, der sein viel beschworenes „Marvel Cinematic Universe“ (MCU) ein wenig durchlüften will. Ungewöhnlich schräge TV-Formate wie „WandaVision“ und „Loki“ machten den Anfang. Auf der Leinwand folgten das längst überfällige Frauenpowerspektakel „Black Widow“ und zuletzt das Kampfkunst-Fantasy-Märchen „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, das asiatische Filmtraditionen ins MCU einarbeitete.

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Gleich zehn neue Charaktere werden eingeführt

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Chloé Zhaos „Eternals“ ist das größte und ambitionierteste Projekt in der neuen Kollektion – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Gleich zehn funkelnagelneue Charaktere werden hier eingeführt. Die Zeitspanne der Erzählung erstreckt sich über schlappe 7000 Jahre Menschheitsgeschichte. Munter hopst der umtriebige Handlungsverlauf von London nach Mumbai, South Dakota, in die australischen Outbacks, den Amazonas und auf die Kanarischen Inseln.

Solche Reisetätigkeiten werden von den Hauptfiguren im klimaneutralen Teleportmodus erledigt. Schließlich sind diese Eternals nicht irgendwelche Superhelden, sondern gottähnliche Kreaturen, die von den Herrschern des Universums zum Schutz der Erdenmenschheit ausgesandt wurden.

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Die Beschützer dürfen nicht in menschliche Zwiste eingreifen

Allerdings sind die Beschützer mit unbegrenzter Lebenszeit allein für die Bekämpfung der sogenannten Deviants zuständig – eine Ungeheuergattung mit ungezügeltem Appetit auf Menschenfleisch. Aus den Kriegen, Pogromen und Genoziden, welche die Erdlinge selbst entfachen, müssen sich die intergalaktischen Blauhelme raushalten.

Darüber wacht mit matriarchalem Charisma ihre Anführerin Ajak (Salma Hayek), die über einen direkten Draht zum sechsäugigen Universumsvorsitzenden Arishem verfügt. Nachdem der letzte Deviant getötet ist, entlässt sie die Mitglieder ihres Kompetenzteams, die sich als Schläfer unters Volk mischen.

Sersi trommelt die „Eternals“-Gang zusammen

Als im London der Gegenwart ein Erdbeben wütet, ahnt Sersi (Gemma Chan), dass ihre sorglosen Tage unter den geliebten Menschen vorbei sind. Mit ihrem Ex-Geliebten Ikaris (Richard Madden) macht sie sich auf die Suche nach den Mitstreitern, die sich auf sehr unterschiedliche Weise ins irdische Sein integriert haben.

Der Technikexperte Phastos (Brian Tyree Henry) führt mit Mann und Sohn eine friedliche Vorstadtexistenz. Kingo (Kumail Nanjiani) hat als Bollywoodstar Karriere gemacht. Gedankenkontrolleur Druig (Barry Keoghan) lebt mit einer Kommune im Regenwald. Gilgamesh (Don Lee) kümmert sich im australischen Niemandsland um die Kriegsgöttin Thena (Angelina Jolie), die von ihren Jahrtausende währenden Erinnerungen zunehmend in den Wahnsinn getrieben wird. Wieder vereint müssen die Ewiglebenden bald feststellen, dass sie Erfüllungsgehilfen eines göttlichen Plans sind, der die Zerstörung der Erde vorsieht.

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Was als klassischer Kampf Gut gegen Böse beginnt, mündet nun in einen kollektiven Selbstfindungsprozess, in dem die Superheldinnen und -helden ihr eigenverantwortliches Sein neu definieren müssen. Anders als in „Avengers“ oder „Guardians of the Galaxy“ lässt Zhao ihre Figuren wirklich in Beziehung zueinander treten. Mit der Selbstfindung des Teams stehen auch Liebesbeziehungen zur Disposition, werden Autoritäten hinterfragt und Loyalitäten aufgekündigt.

Gruppendynamik wie nie in einem Marvel-Blockbuster

So viel Gruppendynamik und aufwühlende Emotionen gab es noch nie in einem Marvel-Film. Sogar eine (jugendfreie) Sexszene und ein echter Kuss von Mann zu Mann sind hier zu sehen – ein Novum im MCU, in dem die Figuren zwar sexy in hautenger Trikotage herumturnen, aber zu Keuschheit verdammt sind.

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Sicherlich erfindet Zhao das Superheldengenre nicht neu. Aber sie bringt jene zwischenmenschliche Sensibilität, die Filme wie „Nomadland“ auszeichneten, auch in diese Blockbuster-Produktion mit ein, begreift Diversität nicht als politisch korrekte Pflichterfüllung, sondern als kreative Bereicherung, lässt weibliche und männliche Charaktere in größtmöglicher Selbstverständlichkeit auf Augenhöhe miteinander agieren. Das sind unmerkliche, aber einschneidende Veränderungen in der Statik des Marvel-Universums, das als machtvolles Franchise-Imperium die globale Popkultur entscheidend prägt.

„Eternals“, Regie: Chloé Zhao, mit Salma Hayek, Gemma Chan, Angelina Jolie, Richard Madden, Kit Harington, 167 Minuten, FSK 12

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