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Wenn der Kopf zum Gefängnis wird: Javier Bardem irrt durch die “Wege des Lebens”

  • Regisseurin Sally Potter erzählt in „Wege des Lebens“ von einem Demenzkranken.
  • Die Gratwanderung zwischen Liebe und Selbstaufopferung ist berührend.
  • Das Bild des reuevollen Künstlers wird allerdings arg stereotyp gezeichnet.
Martin Schwickert
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Javier Bardem liegt im Bett, sein Blick geht ins Leere. Unweigerlich erinnert das Bild an den Oscargewinnerfilm “Das Meer in mir” (2005), in dem der spanische Schauspieler einen vom Hals abwärts gelähmten Mann spielte, dessen freier Geist in seinem reglosen Körper eingesperrt war.

In Sally Potters “Wege des Lebens” wird nicht der Körper, sondern der Kopf zum Gefängnis. Der Schriftsteller Leo (Bardem) leidet an einer frühen Form von Demenz. Tochter Molly (Elle Fanning) kümmert sich liebevoll um ihn. Sie will ihn nicht aufgeben – anders als ihre Mutter Rita (Laura Linney) oder die Ärzte, die in Leos Beisein reden, als befinde er sich gar nicht im Raum. “Aber ist er hier?”, fragt Rita, die sich vor Jahren von Leo getrennt hat.

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Eine rhetorische Frage, auf welche die britische Filmemacherin Sally Potter (gefeiert 2017 für “The Party”) eine Antwort verweigert. Im Gegensatz zu Molly kann das Publikum den Abschweifungen des Demenzkranken folgen, der die eigene Vergangenheit als dramatische Möglichkeitsform neu durchlebt. Leo reist zurück nach Mexiko zu seiner Jugendliebe Dolores (Selma Hayek), die er vor 30 Jahren verließ, um sich eine Existenz in den USA aufzubauen. Auf einer weiteren Erzählebene lebt Leo in Griechenland: Er hat sich von Rita und Kind getrennt, weil er in der Abgeschiedenheit seinen Roman schreiben will. Wo die Erinnerung aufhört und die alternative Wirklichkeit beginnt, ist nicht klar auszumachen.

Das Umschreiben der Vergangenheit führt jedenfalls auch in der Fantasie des Demenzkranken nicht zu größerem Lebensglück: “Sie haben Ihre Tochter für ein Buch verlassen?”, fragt eine junge Frau in Griechenland ungläubig, als Leo ihr von seinem Exil berichtet.

Molly gerät an ihre Grenzen

Währenddessen gerät Molly in der New Yorker Realität an die Grenzen. Ein Zahnarzttermin endet mit eingenässten Hosen, beim Optiker kommt es zum Eklat. Langsam schwindet Mollys Engelsgeduld, während ihr beruflich die Felle davonschwimmen.

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Berührend zeigt der Film die Gratwanderung zwischen Liebe, Verzweiflung und ungesunder Selbstaufopferung, die mit der Betreuung dementer Verwandter einhergeht. Potter, deren jüngerer Bruder 2013 an Alzheimer starb, erzählt aus eigener Erfahrung.

Die Mauer der Demenz

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Irgendwann muss sich Molly eingestehen, dass sie keine Ahnung hat, was im Kopf ihres Vaters vorgeht. “Wege des Lebens” ist durchdrungen von dem Verlangen, diese Vorgänge im Kopf eines Demenzkranken sichtbar zu machen – ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Auch Potters Film kann über das Geschehen hinter der Mauer der Demenz nur spekulieren.

Die Regisseurin entwirft das stereotype Bild eines Künstlers, der voller Reue zurückschaut. Dass der Blick zurück im Zustand der Demenz widersprüchlicher ausfällt, ist selbstverständlich auch nur eine Vermutung – aber eine, aus der man einen interessanteren Film hätte machen können.

“Wege des Lebens – The Roads Not Taken”, Regie: Sally Potter, mit Javier Bardem, Elle Fanning, Salma Hayek, 85 Minuten, FSK 0

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