Wenn das Gehirn lügt: Die Krimiserie „8 Zeugen“

  • Alexandra Maria Lara spielt in „8 Zeugen“ eine Psychologin bei der Gedächtnisarbeit.
  • Die Krimiserie geht von einer klaren Prämisse aus: Jede Erinnerung ist falsch.
  • Die Wissenschaftsfloskeln nerven, aber spannend ist die TV-Now-Serie allemal.
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Dass sich Zeugen nicht erinnern wollen, erleben wir in jedem zweiten Fernsehkrimi. Dass sie sich nicht erinnern können, ist schon eine diffizilere Übung, kommt aber zum Beispiel nach einem Trauma vor. Alfred Hitchcock hat diese Idee zu seinem Thriller „Ich kämpfe um dich“ angeregt. 1945 war das einer der ersten Filme überhaupt, die mit Sigmund Freuds Psychoanalyse spielten.

Dass wir vermeintlich noch so überzeugend vorgetragenen Erinnerungen keinesfalls trauen sollten, erfahren wir in der Serie „8 Zeugen“. Auf diesem Grundzweifel beruht die Geschichte des krimierprobten Autors und Regisseurs Jörg Lühdorff (Co-Autor: Janosch Kosack). Inspiriert wurde die Serie von der Rechtspsychologin Julia Shaw. Ihr Ansatz: „Die Frage ist nicht, ob eine Erinnerung falsch ist, sondern wie falsch sie ist.“

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In den acht zunehmend spannenden Episoden – zwischen 20 und 25 Minuten kurz – nähern wir uns dieser Erkenntnis mit wissenschaftlicher Akribie. Das erfordert eine gewisse Toleranz gegenüber der Hauptfigur, der Gedächtnisforscherin Dr. Jasmin Braun (Alexandra Maria Lara).

Bei der Polizei ist Braun nicht gut gelitten. Im Prolog erleben wir, warum: Vor Gericht müssen die Beamten zusehen, wie die Psychologin vermeintlich solide Ermittlungsergebnisse zum Einsturz bringt. Mit Suggestivfragen herausgekitzelte Zeugenaussagen halten ihrem Gutachten nicht stand.

Auch für den Fernsehzuschauer ist das Auftreten dieser Frau gewöhnungsbedürftig. Braun sieht in weißer Bluse und mit imposantem Brillengestell aus, als sei sie aus einer Fielmann-Werbung ausgebüxt. Zudem pflegt Braun eine Wissenschaftssprache, die nicht nur die Polizisten zur Weißglut bringt. Begriffe wie „multisensorisch“ beherrschen wir bald ebenso gut wie in Pandemiezeiten „Inzidenzwert“.

Komplizierte Doktorarbeit

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Gleich die erste Zeugin lässt Braun mal eben den Titel ihrer Doktorarbeit wissen: „Kognitive Prozesse und Verzerrungen bei multisensorischen autobiografischen Erinnerungen“. Das musste mal gesagt werden.

Erst nach und nach lernen wir Brauns Fachwissen zu schätzen. Allerdings muss man ihr zugestehen, dass sie sich diese verregnete Nacht anders vorgestellt hatte: Braun saß in einer Kneipe zur Aussprache mit ihrem Bruder – und wurde dort von der Polizei aufgespürt: Der ihr gänzlich unbekannte Berliner Innensenator habe per SMS darum gebeten, dass sie bei der Suche nach seiner gekidnappten Tochter helfe. Entführt wurde das Mädchen im Naturkundemuseum. Das zuckerkranke Kind braucht dringend Insulin. Der Wettlauf gegen die Zeit in diesem Krimikammerspiel kann also beginnen.

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Die Handlung aller acht Episoden spielt in dieser einen Nacht in der sanft ausgeleuchteten Museumsbibliothek. In einer Vitrine wacht ein ausgestopfter Adler mit ausgebreiteten Flügeln über das Geschehen. Bücher reihen sich wandhoch in den Regalen. Bloß gemütlich wird es nicht.

Immer neue Hinweise

Was draußen in der Welt geschieht, nehmen wir allein über die Kopfhörer von Einsatzleiter Robert Dietz (Ralph Herforth) wahr – egal, ob Verdächtige gestellt oder Hochhäuser durchsucht werden. Wer Action mag, ist fehl am Platz. In jeder Episode befragt Braun einen anderen Zeugen – zunächst das misstrauische Kindermädchen der Zehnjährigen, dann einen verdächtigen Museumswärter, eine spleenige Dauerbesucherin und so fort. Immer neue Hinweise schälen sich heraus.

Den Kameraleuten Philipp Timme und Julien Wintermeier gelingt es erstaunlich gut, die stereotype Versuchsanordnung aufzubrechen. Elegant bewegen sie sich zwischen Glastüren und Aufzeichnungskameras. Klar wird von Beginn an, dass Braun sich unter diesen Bedingungen nicht auf eine unangreifbare Position als Forscherin zurückziehen kann. Normalerweise wertet sie Protokolle aus und vermeidet tunlichst jeden Kontakt zu Zeugen. Nun sitzt sie ihnen gegenüber. Allein schon durch ihre Fragen beeinflusst sie deren Gedächtnisarbeit.

Und mehr als das: Unter größtem Zeitdruck muss Braun ihre ethischen Prinzipien missachten. Erinnerungen lassen sich auch einpflanzen, Gehirne lassen sich mit ein paar Ticks hacken, wie wir lernen. Sie wolle niemanden verdächtigen, sondern einzig und allein Erinnerungen bewerten, beteuert Braun gebetsmühlenartig – und steckt doch schon mittendrin in der Tätersuche.

Je länger die Nacht dauert, desto klarer wird, dass dieser Fall der Gedächtnisforscherin näher kommen wird, als ihr lieb ist. Genau wie jeder andere in der Bibliothek ist sie den Streichen ausgeliefert, die ihr eigenes Gedächtnis ihr spielt.

Die Lösung mag konstruiert daherkommen, aber das war in der klassischen Detektivgeschichte auch so, wenn Hercule Poirot seine grauen Zellen anstrengte. Raffiniert ist dieser Krimi allemal. Und der in der letzten Episode herbeigeeilte Bruder sagt Braun endlich, was ihr schon viel früher jemand hätte sagen sollen: „Okay, wie wäre es, du benutzt einfache Worte für deinen einfachen Bruder.“ Geht doch.

„8 Zeugen“, acht Episoden bei TV Now, von Jörg Lühdorff, mit Alexandra Maria Lara, Ralph Herforth

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