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Weltfrauentag

Was können Ost- und Westfrauen heute voneinander lernen?

Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg (links) und Journalistin Mareice Kaiser.

Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg (links) und Journalistin Mareice Kaiser.

Frau Kaiser, Frau Domscheit-Berg, Sie sind noch in den unterschiedlichen Systemen Deutschlands, DDR und Bundesrepublik, groß geworden. Was bedeutet der Frauentag für Sie?

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Anke Domscheit-Berg: Ich glaube, völlig unabhängig davon, in welcher Hälfte Deutschlands man sich befindet, ist klar, dass jeder Tag Frauentag sein müsste. Es braucht zwar einen Tag, der auf bestehende Geschlechterungerechtigkeiten hinweist, aber das reicht nicht aus. Ich zum Beispiel mag es nicht, wenn man einzelne Blümchen geschenkt bekommt, wie es in der DDR üblich war. Da bekam man an allen möglichen Stellen rote Nelken überreicht. Blumen schaffen aber keine Gerechtigkeit. Sollte man den Frauentag deshalb abschaffen? Nein. Ich finde gut, dass er in Berlin Feiertag ist. Das sollte überall so sein. Es ist ein Tag, an dem Frauen nicht arbeiten müssen, Männer auch nicht, und das ist schön.

Mareice Kaiser: Ich merke im Vorfeld an Mails und Anfragen alljährlich, dass dieser Tag bevorsteht. Ich nenne ihn allerdings nicht Frauentag, sondern feministischen Kampftag. Ich wünsche mir, dass die Aufmerksamkeit für Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit sich über das Jahr verteilt, und nicht auf einen Tag. Vielleicht noch auf den Muttertag. Aber das war‘s dann auch. In meinem alltäglichen Leben hat dieser Tag nie eine große Rolle gespielt.

Anke Domscheit-Berg (54) ist Publizistin, Netzaktivistin, seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages für die Linke und dort Obfrau im Digitalausschuss. In der DDR studierte sie Textilkunst, nach der Wende in Hessen und in England Internationale Betriebswirtschaft. Nach fast 15 Jahren bei Unternehmensberatungen und Microsoft war sie seit 2011 selbstständig. 2015 erschien ihr Buch: „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“ (Heyne-Verlag). Ehrenamtlich engagiert sie sich für Geflüchtete und für digitale Bildung, unter anderem im „Verstehbahnhof“ in ihrem Wohnort Fürstenberg/Havel. Sie befasst sich mit der Rolle der Digitalisierung mit Blick auf die Klimakrise und generell mit der Frage, wie Digitalisierung gemeinwohlorientiert gestaltet werden kann.

Anke Domscheit-Berg (54) ist Publizistin, Netzaktivistin, seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages für die Linke und dort Obfrau im Digitalausschuss. In der DDR studierte sie Textilkunst, nach der Wende in Hessen und in England Internationale Betriebswirtschaft. Nach fast 15 Jahren bei Unternehmensberatungen und Microsoft war sie seit 2011 selbstständig. 2015 erschien ihr Buch: „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“ (Heyne-Verlag). Ehrenamtlich engagiert sie sich für Geflüchtete und für digitale Bildung, unter anderem im „Verstehbahnhof“ in ihrem Wohnort Fürstenberg/Havel. Sie befasst sich mit der Rolle der Digitalisierung mit Blick auf die Klimakrise und generell mit der Frage, wie Digitalisierung gemeinwohlorientiert gestaltet werden kann.

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„Für mich war meine Mutter die erste Vorbildrolle“

Beide Länder, beide Systeme, haben die Frauen, die in ihnen groß geworden sind, geprägt. Was war prägend an der Bundesrepublik beziehungsweise der DDR für Sie?

Mareice Kaiser: Für mich war meine Mutter die erste Vorbildrolle. Wie das meistens so ist bei Kindern: Man nimmt die Rolle der Mutter unhinterfragt hin und denkt, das ist die Normalität. Man merkt erst viel später, dass das nicht so ist. Ich bin aufgewachsen in einer klassischen, heteronormativen, westdeutschen Familie. Die Mutter ist für die Kinder und den Haushalt da. Der Vater geht mehr als Vollzeit arbeiten – und das Geld reicht trotzdem nicht. Vervollständigt wurde das Bild durch „Bibi Blocksberg“-Geschichten, die genauso funktionierten. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe: Die Hausfrauenehe muss nicht unbedingt mein Lebensentwurf sein. Zum Glück gab es Karla Kolumna in „Bibi Blocksberg“, und ich dachte: Hey, die ist ja ganz cool. Vielleicht könnte ich ja später mal so werden.

Der Internationale Frauentag im Wandel der Zeit

Seit 1911 feiern Frauen den „Internationalen Tag der Frauen“. Damit soll auf die Gleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht werden.

Ihre Mutter war überzeugt von ihrem Lebensentwurf als Vollzeithausfrau und Mutter. Was hat das für einen Einfluss auf Sie gehabt? Sie sind Mutter und Vollzeit berufstätig als Journalistin und Autorin.

Mareice Kaiser: Ich weiß gar nicht, ob die Frage nach der Traumrollenerfüllung an dieser Stelle sinnvoll ist. Eine Frage wäre ja, ob meine Mutter eine lebbare Alternative zu ihrem Lebens­entwurf hatte. Da müssten Sie dann meine Mutter fragen. Für mich steht fest: Viele Diskurse, die wir heute führen, wurden damals nicht geführt. Mich hat es später auch ein bisschen erleichtert, zu wissen: Der Lebensentwurf meiner Mutter ist einer, den ich erlebt habe. Aber ich muss es nicht unbedingt auch so machen.

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„So etwas wie eine maximale Bemutterung gab es nicht“

Frau Domscheit-Berg, die auch aus dem Osten stammende Journalistin Anja Reich hat einmal gesagt, dass in der DDR Frauen, die für ihre Kinder zu Hause blieben, als seltsam, ja fast als asozial galten. Wie war das bei Ihnen?

Anke Domscheit-Berg: Meine Mama hat gearbeitet, und die Arbeit war für sie extrem wichtig. Aber sie hat vor allem Bücher geschrieben – und das hat sie zu Hause gemacht. Sie war also im Prinzip immer da. Das hat aber eben nicht bedeutet, dass sie sich ständig um uns kümmert. Sie hat immer gesagt, wir sind so nebenbei groß geworden. Wir haben uns morgens unsere Brote selber geschmiert, wir haben tagsüber viel alleine draußen gespielt. So etwas wie eine maximale Bemutterung gab es nicht.

Ich nenne den 8. März nicht Frauentag, sondern femi­nistischen Kampftag.

Mareice Kaiser, Autorin

Ihre Mutter war Kunsthistorikerin.

Anke Domscheit-Berg: Sie hat sich auf frühe Kulturen spezialisiert, hat Matriarchate erforscht und mich sehr früh sehr feministisch erzogen. Sie hat auch Germanistik studiert und Wert auf feministische Sprache gelegt. Sie hat es mir in die Wiege gelegt, auf diese Dinge zu achten.

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Wie war das in der Schule, in anderen Familien in der DDR?

Anke Domscheit-Berg: Die Norm, die von allen Seiten vermittelt wurde – in der Praxis, in Filmen, Büchern – waren arbeitende Vollzeiteltern. Es gab in meiner Klasse mit mehr als 20 Kindern vielleicht zwei Mütter, die Hausfrauen waren. Beide waren aus einem kirchlichen Kontext, eine hatte sechs Kinder, eine Apfelplantage und viele Bienen. Sie hat total viel gearbeitet, nur eben nicht als bezahlte Erwerbstätigkeit. Die andere war klassische Hausfrau, die besonders schöne Kindergeburtstage ausrichtete. Aber bewertet haben wir das nicht. Was mich sehr in meiner DDR-Kindheit geprägt hat, war noch etwas ganz anderes.

Weltfrauentag – Wo steht die Gleichstellung heute?

Zum Weltfrauentag werfen wir einen Blick auf die aktuellen Zahlen zur Gleichstellung in Deutschland.

„Ein durchschnittlicher DDR-Spielzeugladen war nicht nach Männlein und Weiblein sortiert“

Was denn?

Anke Domscheit-Berg: Das Fehlen von dem, was man heute Rosa-Hellblau-Falle nennt. Das gab es in meiner Kindheit – ich bin 1968 geboren – nicht. Als ich aufgewachsen bin, waren Mädchen auf der Verpackung „Der kleine Schwachstromelektriker“ abgebildet und elektri­fizierten ihre Puppenstuben. Ein durchschnittlicher DDR-Spielzeugladen war nicht nach Männlein und Weiblein, sondern nach Alter sortiert. Mein Papa schenkte mir einen Astronomiebaukasten und studierte mit mir den Mond und die Sterne, das war normal. Kinder waren einfach nicht so eingeschränkt in ihrer Entwicklung. Auch was man heute allein durch das Geschlecht von Lehrkräften in bestimmten Lehrfächern suggeriert bekommt, gab es nicht. In den Naturwissenschaften lehrten viele Frauen. Die Top 4 in meiner Klasse in den Naturwissenschaften waren Mädchen. Hätte uns damals jemand erzählt, dass Jungs das besser können: Wir hätten lachend am Boden gelegen. Wir hätten es einfach nicht geglaubt.

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Mareice Kaiser, Jahrgang 1981, lebt in Berlin und schreibt Essays, Bücher und Tweets zu Inklusion, Familie, Bildung und Politik. Sie ist Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Blogs „Kaiserinnenreich“ und twittert als @mareicares. Von Anfang 2020 bis Anfang 2022 arbeitete sie als Chefredakteurin des Onlinemagazins „Edition F“. Mit ihrem Essay „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ war sie für den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. Ihr gleichnamiges Buch (erschienen 2021 bei Rowohlt/Polaris) stieg direkt auf der „Spiegel“-Bestsellerliste ein. Aktuell schreibt sie ihr drittes Sachbuch, in dem es um die sozioökonomischen Auswirkungen von sozialer Herkunft geht.

Mareice Kaiser, Jahrgang 1981, lebt in Berlin und schreibt Essays, Bücher und Tweets zu Inklusion, Familie, Bildung und Politik. Sie ist Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Blogs „Kaiserinnenreich“ und twittert als @mareicares. Von Anfang 2020 bis Anfang 2022 arbeitete sie als Chefredakteurin des Onlinemagazins „Edition F“. Mit ihrem Essay „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ war sie für den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. Ihr gleichnamiges Buch (erschienen 2021 bei Rowohlt/Polaris) stieg direkt auf der „Spiegel“-Bestsellerliste ein. Aktuell schreibt sie ihr drittes Sachbuch, in dem es um die sozioökonomischen Auswirkungen von sozialer Herkunft geht.

Ganz umgesetzt war Geschlechtergerechtigkeit aber auch in der DDR nicht. Den Haushalt erledigten auch dort vornehmlich die Frauen: nach dem Vollzeitjob.

Anke Domscheit-Berg: Natürlich gab es manifestierte Doppelbelastungen von Frauen. Es war vor allem ihre Aufgabe, sich nach der Arbeit um allen möglichen anderen Kram zu kümmern. Es gab dafür sogar einen Haushaltstag im Monat, nur für verheiratete Frauen, Frauen über vierzig und Alleinerziehende. An diesem Tag wurden sie für ihre Arbeit zu Hause wenigstens bezahlt.

Mareice Kaiser: Ich finde total spannend, was Sie von Ihrer Mutter mitbekommen haben: den Sinn für feministische Sprache, das Wissen um die Rosa-Hellblau-Falle, um Unterschiede in der Erziehung von Mädchen und Jungen. Das sind alles Dinge, die ich mir bestimmt zehn Jahre lang erarbeiten musste. Das hat bestimmt etwas mit der Herkunft aus verschiedenen Teilen Deutschlands zu tun. Aber die soziale Herkunft, die Klassenherkunft, spielt auch eine Rolle.

Inwiefern?

Mareice Kaiser: Ich komme aus einer Arbeitendenfamilie. Da gab es keine feministische Sprache. Da war ich mit 16, 17 Jahren diejenige, die gesagt hat, hier stimmt doch etwas nicht. Das ist ein Punkt, der mir in der Ost-West-Debatte wichtig ist – und der oft hinten rüber fällt, gerade wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Das Thema soziale Herkunft ist gekreuzt mit sehr vielen unterschiedlichen Erfahrungen. Die ost- oder westdeutsche Herkunft ist ein Teil, aber es gibt noch andere Aspekte, die beeinflussen, wie so ein Leben verläuft.

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Weltfrauentag am 8. März: Frauen als Ausnahme – Männer als Standard?

Frauen leben in einer datenbasierten Männerwelt. Als Standard gilt der Mann und nicht die Frau - in der Medizin, im Alltag und in vielen anderen Bereichen.

Was für Konsequenzen hatte Ihre Herkunft für Ihre Ausbildung?

Mareice Kaiser: Ich habe nicht studiert – sehr zur Überraschung von 99,9 Prozent aller Menschen, die mit mir zu tun haben. Ein Studium war für mich finanziell nicht leistbar. Also machte ich eine Ausbildung, was Solides. Aber auch was mit wenig Geld und nur wenig Aussicht auf mehr Geld. Anschließend Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, dann viele Jobs und Nebenjobs, schließlich ein Volontariat, um dann endlich so arbeiten zu können, wie ich es wollte, seit ich schreiben konnte. Als Autorin und Journalistin.

Anke Domscheit-Berg: Ich hatte eine Art zweite feministische Erweckung in dem Moment, als ich schwanger wurde. Ich war nach der Wende in einer Unternehmensberatung in Hessen tätig, meine Karriere schritt gut voran, besser als bei vielen männlichen Kollegen – bis zu dem Moment, als ich ein Kind bekam. Die wenigen Frauen im Betrieb, die überhaupt ein Kind bekamen, blieben lange zu Hause, wechselten dann in den sogenannten Backoffice-Bereich oder kamen überhaupt nicht zurück. Ich wollte schnell nach der Geburt meines Sohnes in den Beruf zurückkehren, schnell Vollzeit arbeiten. So wie ich das aus der DDR kannte.

Und?

Anke Domscheit-Berg: Ich hatte absurde Gespräche mit Vorgesetzten, weil sie der festen Überzeugung waren, dass berufliches Vorankommen mit Kindern unmöglich ist. Einer hat mir ins Gesicht gesagt, dass Karriere für Mütter komplett unwichtig sei. Das Wichtigste für Mütter seien Kinder. Außerdem würde mein Kind im Kindergarten „asozial“. Ich müsse mich um ein Zweitkind kümmern, denn Einzelkinder seien auch gestört. Mit meiner Ossi-Sozialisation fand ich das alles völlig irre. Diese Sozialisation hat mich davor geschützt, mir das zu Herzen zu nehmen. Ich habe das Ossi-Teflon genannt. Ich habe mich oft gefragt: Was machen die armen Westfrauen, die sich den gleichen Müll anhören müssen und das nicht aufgrund ihrer Sozialisierung als Unfug abtun können?

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„Meine Mutterschaft hat auch mich radikalisiert“

Frau Kaiser, was machen die armen Westfrauen, wie Frau Domscheit-Berg sie nennt?

Mareice Kaiser: Meine Mutterschaft hat auch mich radikalisiert. Und ich weiß, dass es vielen so geht, dass sie strukturelle Ungleichheiten erst spüren, wenn sie Mütter werden. Ich schreibe ja häufig über diese Themen und bin so eine Art öffentliche Ansprechperson dafür. Ich kann gar nicht zählen, wie viele erwerbstätige Mütter mit Problemen sich an mich wenden. Es gibt sie immer noch, diese Ansicht, dass ein Kind zu bekommen der Karriereknick ist. Und das Schlimme ist: Es ist ja auch oft so. Die Strukturen, in denen wir arbeiten, sind immer noch für heterosexuelle Männer ohne Kinder gemacht. Am besten macht zu Hause für sie noch jemand die Care-Arbeit.

Anke Domscheit-Berg: Und wenn die Mutter arbeiten geht, wird sie Rabenmutter genannt. Den Begriff gab es in der DDR gar nicht. Wir Ostfrauen mussten nach der Wende erst lernen, was das ist. Gott sei Dank wird er mittlerweile nicht mehr so inflationär gebraucht.

Mareice Kaiser: Aber es gibt ihn noch. Eine Frau in Deutschland kann es einfach niemandem recht machen. Bekommt man Kinder, kümmert man sich entweder zu viel oder zu wenig um sie. Bekommt man keine Kinder, ist es auch nicht richtig. Macht man Karriere im Job, ist man karrieregeil, macht man keine Karriere, stimmt auch etwas nicht. Das Schlimme ist: Man kann es auch sich selbst nicht recht machen, weil die Strukturen nicht so sind, dass man sich als Mutter gut fühlt, egal, ob man berufstätig ist oder nicht. Es gibt nicht genügend Kita-Plätze, keine ausreichenden Betreuungszeiten, Frauen in Altersarmut und, und, und. Das Resultat ist, dass Menschen sich weniger wert fühlen. Es wichtig, dass man sich klarmacht, das ist nicht meine Schuld. Informationen sind wichtig, Bücher, Studien. Dadurch erfährt man: Das geht anderen Müttern genauso. Aber das kostet Zeit und Ressourcen, und die haben viele Mütter nicht. Am Ende kann man festhalten: Wie eine Frau es macht, es ist immer falsch.

Weltfrauentag: „Es ist noch ein langer Weg bis zur Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt“

Zum Weltfrauentag am 8. März haben wir nachgefragt: Wie steht es um die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt?

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Ich hatte eine Art zweite feministische Erweckung in dem Moment, als ich schwanger wurde.

Anke Domscheit-Berg, Politikerin

Wenn es in Ostdeutschland zumindest in Teilen mehr Geschlechtergerechtigkeit, mehr Emanzipation gab, warum hat sich die ostdeutsche Perspektive nach der Wende so wenig durchgesetzt?

Anke Domscheit-Berg: Die Veränderungen sind doch gar nicht so klein. Nach der Wende wunderten sich mal Wissenschaftler auf einer Konferenz darüber, dass die „überhöhte“ Erwerbsneigung der Ostfrauen sich immer noch nicht dem Verhalten westdeutscher Frauen angepasst hätte und seltsam ungebrochen sei. Das werde wohl noch ein paar Jahre dauern. Tatsächlich passierte aber das Gegenteil, also ein erheblicher Anstieg der Erwerbsquote der Westfrauen, auch in Vollzeit. Selbst die Familienpolitik hat sich eingeostdeutscht, was vor allem im Westen mehr und längere Kinderbetreuungsmöglichkeiten ermöglichte. Aber die Unterschiede bei der Erwerbstätigenquote oder der Teilzeitquote sind immer noch groß.

Mareice Kaiser: Wichtig finde ich, dass sich die Bedingungen für Mütter in der Pandemie verschlechtert haben. Mehrheitlich Mütter sind zu Hause geblieben und haben sich um die Kinder gekümmert. Es gibt neue Studien, die zeigen, dass Väter sich im ersten Lockdown noch mit gekümmert haben. Aber mit zunehmender Dauer der Pandemie sind es nur noch die Mütter, die weniger arbeiten, weniger Geld bekommen, deren Gefahr der Altersmut steigt. Das ganze alte Spiel, das wir seit Jahrzehnten kennen, ist verschärft. Das Schlimmste ist: Es gab gar nicht so eine große Debatte darum. Es war einfach so.

„Es ist Zeit für politische und strukturelle Veränderung“

Was kann man tun?

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Mareice Kaiser: Es ist Zeit für politische und strukturelle Veränderung: Abschaffung des Ehegattensplittings, bessere Kinderbetreuung, gerechtere Verteilung der Care-Arbeit, Kindergrundsicherung. Das erreichen wir nicht durch Appelle am feministischen Kampftag, sondern indem die Politik die Rahmenbedingungen dafür schafft. Es gibt doch diese Zahl: Wir brauchen noch 135 Jahre, bis wir Geschlechtergerechtigkeit erleben. So lange will ich nicht warten.

Anke Domscheit-Berg: Ich denke, gerade am Frauentag sollte man das Brennglas darauf richten, wie weit wir von Geschlechtergerechtigkeit noch entfernt sind. Es ist schließlich ein Frauenkampftag. Wo gibt es denn Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland: in Führungs­positionen, in der Politik, in Bezug auf Care-Arbeit? Und ich wünschte mir, dass der Westen sich öfter am Osten orientiert: Der Gehaltsunterschied in einigen ostdeutschen Ländern beträgt nur 5 statt wie im Westen über 20 Prozent, in einzelnen Oststädten verdienen Frauen mehr als Männer. Veränderung ist möglich, wenn man den Rahmen dafür schafft.

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