Die Zeiten ändern sich: Was ist noch normal?

  • In der Arbeitswelt, in der Freizeit, im politischen Raum: Irgendwie fühlt sich alles anders an. Das Gewohnte gilt nicht mehr, das Vertraute verschwindet.
  • Das macht vielen Angst – und führt zu Ausgrenzung, Hass und Unsicherheit.
  • Normalität ist kein Empfinden mehr. Sondern ein gesellschaftlicher Streitfall.
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Fieber messen kann etwas sehr Beruhigendes haben. Es ist ein verlässlicher Abgleich mit dem Normalzustand. Zeigt das Thermometer eine Körpertemperatur von etwa 37 Grad Celsius, ist alles in Ordnung. Steigt die Temperatur nur um wenige Grad, hat der Patient ein Problem. Die Körpertemperatur ist eine objektiv messbare Größe. Weltweit.

Auch Analysten, Medien und Politiker messen Fieber am laufenden Band. Sie nehmen die Temperatur der Gesellschaft. Doch ihre Befunde bleiben allzu oft uneindeutig. Die Herausforderungen der Welt sind komplexer als das Fiebermanagement des Menschen. Es gibt keinen objektiven Maßstab für den Normbereich – und immer seltener so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens.

Die Grundfrage in vielen Debatten lautet: Was ist noch normal?

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Ist es noch normal, wenn ein Mann Vollzeit arbeiten geht und die Organisation des Familienlebens seiner ebenfalls arbeitenden Frau überlässt? Oder ist es normal, wenn zwei Partner sich alle Aufgaben teilen? Ist Auto fahren normal? Ist ein US-Präsident Donald Trump normal? Sind Negativzinsen unnormal? War der vergangene Sommer ein normaler? Sind die AfD-Erfolge Ausdruck von Normalität? Ist die Demokratie selbst überhaupt der Normalzustand?

Die Normalität ist zum politischen Streitfall geworden

Es fällt vielen Menschen schwer, diese und ähnliche Fragen noch einigermaßen allgemeingültig zu beantworten. Fremdenhasser, Klimawandelleugner, Gender-Gegner, Putin-Fans – all jenen geht es oft genug darum, ihre Welt zu bewahren, wie sie sie kennen. Was gewohnt ist, vertraut ist, das ist normal. Über dieses Empfinden jedoch herrscht immer weniger Einigkeit. Mehr noch: Die Normalität ist zum politischen Streitfall geworden.

Das hat mehrere Gründe. Die Arbeitswelt verändert sich rapide – angetrieben durch Digitalisierung und einen neuen Globalisierungsschub. Alte Berufsbilder verschwinden, neue etablieren sich, Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte gut funktionierten, verlieren an Bedeutung. Und damit auch viele alte Gewissheiten. Gleichzeitig steckt auch unser Miteinander in großen Umbrüchen. Durch Zuwanderung verändert sich die Gesellschaft, die Rollenbilder von Männern und Frauen verwischen sich. Der Klimawandel zwingt zu drastischen Verhaltensänderungen – oder legt sie zumindest moralisch und politisch nah.

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Man kann es als Fortschritt oder auch nur als Wandel begreifen. Für viele aber ist dieser Wandel ein Angriff auf ihr „normales“ Leben. Wenn Realität und gefühlte Normalität nicht mehr zusammenpassen, dann lauten die gängigen Reaktionen: Verunsicherung, Wut, Leugnen und Ignorieren. Mit zum Teil verzweifelten Aktionen. In kürzester Zeit haben sich Hunderttausende vor wenigen Wochen einer Facebook-Gruppe mit dem selten infantilen Namen „Hubraum for Future“ angeschlossen. Ein so unsinniger wie trotziger Protest.

Die wachsende Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Normalität wird längst von der Politik adressiert. Viele traditionelle SPD-Wähler, aber auch die Konservativen in der CDU wünschen sich das alte Links-rechts-Schema früherer Tage zurück – und stellen ihre Parteien damit vor immer neue Zerreißproben.

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Hamburger Politologe: AfD ist die „Verteidigerin der Normalität“

Rechte Gruppen wie die AfD arbeiten hoch professionell daran, die Enttäuschten und Verunsicherten nostalgisch zu umarmen. Der Hamburger Politologe Leo Roepert beschreibt die AfD deshalb als „Verteidigerin der Normalität“. Tatsächlich stemmt sich die Partei, die sich gern als einzig wahre „bürgerliche Kraft“ bezeichnet, gegen jeden Einbruch der Realität in das sorgsam gepflegte Bild von einer längst überkommenen Normalität. Und zündet stattdessen das Lagerfeuer des „Alles kann bleiben, wie es mal war“ an: Dieselverbote? Die AfD startet eine Kampagne mit dem Slogan „Ja zum Diesel“. Klimawandel? Die AfD zweifelt alle wissenschaftlichen Befunde rigoros an. Asylbewerber? Die AfD behauptet, es handele sich bei den Menschen aus Syrien, Libyen und anderen Krisenstaaten zuvorderst um „Wirtschaftsflüchtlinge“ – und deshalb seien all jene, die helfen wollen, „Romantiker“. Geschlechterneutrale Sprache? Nennt AfD-Rechtsaußen Björn Höcke schlicht „Gender-Gaga“.

Kurz gesagt lautet die Botschaft: Die anderen mögen die Macht haben, sie sind aber nicht ganz bei sich. Wir sind die Normalität.

Dieses Normalitätspostulat ist umso verlockender, je stärker die Furcht davor ist, den Anschluss an die kulturelle Mitte zu verlieren. Es ist für viele Menschen ein Wert an sich, ein gutes Gefühl, in politischen und gesellschaftlichen Fragen zur Mehrheit zu gehören – und damit eine Normalitätswahrnehmung mit der Mehrheit zu teilen. Das geht so weit, dass manche Wähler ihre Überzeugungen hintanstellen, um nicht auf der falschen Seite zu stehen. In der Meinungsforschung spricht man vom Bandwagon-Effekt, wenn sich Menschen bei Wahlen im letzten Moment für jene Partei entscheiden, von der sie denken, sie werde gewinnen.

Vorher jedoch sind sie empfänglich für Aufrufe zum Kampf. In ihren oft tausendfach geteilten und gut orchestrierten Social-Media-Kampa­gnen zeichnen rechte Gruppen das Zerrbild von messerstechenden und vergewaltigenden Asylbewerbern, von angeblich unkontrolliert offenen Grenzen und einem Land, in dem Meinungsfreiheit durch politische Eliten unterdrückt wird. Ihre Botschaft: Die Normalität ist in Gefahr – von innen und von außen. Nicht selten folgt ein Aufruf zum politischen Kampf.

„The New Normal“ steht für die ständige Umwälzung der Gesellschaft

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In der Finanzkrise 2009 wurde der Begriff „New Normal“ erfunden. Damals sollte damit beschrieben werden, dass der Crash derart umfassend sei, dass die Krise eine neue Normalität zur Folge haben werde. Seitdem hat sich der Begriff von der Finanzwelt emanzipiert. „The New Normal“ steht für die ständige Umwälzung der Gesellschaft. Es soll ausdrücken, dass es keinen Urzustand gibt, auf den alles zurückfällt, wenn nur die störenden gesellschaftlichen Kräfte still wären. Eine gleichnamige US-Serie über eine Familie mit zwei homosexuellen Vätern führte schon vor Jahren zu lauten und empörten Protesten. Statt einfach nicht einzuschalten, äußerten Tausende ihre Angst davor, dass die Serie schlechten Einfluss auf ihre Kinder haben könne. Sie wollten das Postulat von der neuen Normalität nicht akzeptieren.

Ist der Kampf um den gesellschaftlichen Grundkonsens erst einmal im Gange, spitzt er sich fast unweigerlich zu. Wer Angst hat, nicht mehr länger dazuzugehören, neigt seinerseits zu Ausgrenzung und Lagerbildung. Von dem früheren Bundespräsidenten Karl Carstens stammt der treffliche Ausspruch: „Nur wer sich sicher fühlt, ist tolerant.“

Dabei ist die Rückbesinnung auf frühere Zeiten bei Lichte betrachtet kaum mehr als ein wohliges Gefühl, das einen auch beim Blick auf alte Kinderfotos beschleichen kann. In Wahrheit war Normalität nie viel mehr als ein gut gepflegtes Klischee. Der Otto Normalverbraucher existiert immer nur als statistisches Mittel. Das Unnormale war schon immer normaler, als wir dachten. Nur reden wir heute mehr darüber. Das Internet mit all seinen Gleichzeitigkeiten und Paralleldiskursen schafft Teilgesellschaften, die sich im schlimmsten Fall nur noch über feindseligen Schlagabtausch begegnen. Und dann als Bedrohung wahrgenommen werden. Die nächste Normalität ist immer nur einen Klick entfernt. Im nächsten Forum, in der nächsten Timeline, in der nächsten Blase aus Gleichgesinnten.

Dabei läge in der Offenlegung all der unterschiedlichen Ansichten und Werte eigentlich eine Chance – wenn man sich denn die Mühe machte, sie übereinanderzulegen. Denn nur, weil das Spektrum des Normalen größer und tendenziell unübersichtlicher wird, muss das das eigene Leben nicht angreifen. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben diesen Konflikt bereits erkannt und frei nach Immanuel Kant den Artikel 2 formuliert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt.“ Es wäre an der Zeit, diesem juristischen und philosophischen Grundsatz zu mehr Normalität zu verhelfen. Damit ließe sich das aktuelle Fieber senken.

“Staat, Sex, Amen”
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