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Was bleibt, wenn die Pandemie geht? Über die neue alte Welt nach Corona

  • Vorsichtig atmen wir auf: Langsam macht sich das Gefühl wieder breit, Mensch unter Menschen zu sein.
  • Doch nach langen Corona-Monaten hat sich einiges geändert – nicht nur unsere Arbeitswelt.
  • Und viele fragen sich, wie sie künftig eigentlich leben und konsumieren wollen.
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Ein Cappuccino steht auf dem Tisch, in einer schweren, weißen Tasse. Ein Herz ziert seinen schlotzig-dicken Schaum. Die Kellnerin hat die Speisekarte gebracht. Menschen murmeln, lachen, essen. Ein verschüttetes Gefühl macht sich breit. Es ist das Gefühl, Mensch unter Menschen zu sein. Sekundenglück im Straßencafé. Inneres Auftauen.

Zaghaft tasten wir uns hinaus in die neue alte Welt. Wir haben keine Apokalypse hinter uns. Wir blinzeln nicht ins Sonnenlicht wie Überlebende, die nach Monaten aus dem feuchten Bunker klettern. Aber wir spüren: Überschwang ist fehl am Platz. Wir bleiben wachsam. Denn wer weiß schon, was Corona alles verändert hat auf Dauer? Und wer weiß schon, ob es wirklich schon Zeit ist, die Masken abzunehmen und sich wieder näher zu kommen? Und war es nicht auch ganz schön, mit Maske einzukaufen und Monate frei von Erkältung und Grippe zu sein?

Nach einer Krise sortiert sich der Mensch neu

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Uns umweht eine Ahnung: Ja, die Welt nach Corona wird Züge des alten, vertrauten Lebens tragen. Aber es wird nicht einfach weitergehen beim Status quo ante, dem Zustand vor der Krise. Dazu war der Einschnitt zu massiv. Nach einer schweren Krankheit sortiert sich der Mensch oft neu, überprüft seine Prioritäten, nutzt die heilende Kraft eines Bewältigungserlebnisses. Die Welt wird dasselbe im Großen tun.

„Lassen wir die Welt vor Corona ziehen. Ihre Fortschreibung ist nicht unsere Zukunft“: Ein Demonstrant legt ein Herz mit dem Namen eines Corona-Verstorbenen neben anderen Herzen vor dem Kongress ab, um gegen die hohe Zahl der Todesopfer der Corona-Pandemie in Brasilien zu protestieren. Nach über 500.000 coronabedingten Todesfällen in Brasilien prüft ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss das Krisenmanagement des Staatschefs. © Quelle: Eraldo Peres/AP/dpa

Was nehmen wir mit aus der Krise? Welche Prinzipien hat sie dauerhaft verändert? Welche Trends hat Corona beschleunigt? Was bleibt? Das erfühlen und erforschen derzeit Wissenschaftler und Soziologen. Sie alle eint schon jetzt, da die Corona-Krise Teile der Erde noch fest im Griff hat und auch in Deutschland noch nicht vorbei ist, die Erkenntnis: Die Erfahrung der kollektiven Verletzlichkeit und die gemeinsame Anstrengung gegen die Pandemie haben das Leben unumkehrbar verändert. In manchen Bereichen hat Corona innerhalb eines Jahres in einer Art sozialem Zeitraffer zehn Jahre Entwicklung vorweggenommen. „Let it go – lassen wir die Welt vor Corona ziehen“, schreibt der Frankfurter Trend- und Zukunftsforscher Harry Gatterer. „Ihre Fortschreibung ist nicht unsere Zukunft.“

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Spektakuläre Renaissance der Wissenschaft

Wir haben eine spektakuläre Renaissance der Wissenschaft erlebt und ihren unschätzbaren Wert als faktenbasierte Zunft der Sachlichkeit und Gegenmittel gegen überhitzte Emotionalität. Wir haben gespürt, wie eine kleine, laute Minderheit den öffentlichen Diskurs kapern und beherrschen kann. Wir haben erlebt, wie Politik im Ernstfall zwischen Anpackimpulsen, Ohnmacht und Skrupellosigkeit schwankt. Wir haben gespürt, wie sehr Kultur fehlt, wenn sie fehlt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen Krisen am eigenen Leib spüren müssen, bevor sie zum Handeln bereit sind – ein Phänomen, das in der Klimadebatte noch eine gewaltige Rolle spielen wird.

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Wir haben nach Jahrzehnten der ichgesteuerten Bedürfniserfüllung erlebt, dass kollektives Verhalten Leben retten kann. Wir haben gespürt, wie tief der Konflikt zwischen den Interessen des Individuums und denen der Gemeinschaft sitzt, wie schwer es in einer saturierten Industrienation fällt, sich ohne sofortigen eigenen Nutzen in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Und wir haben unsere Macht als Kunden in einem fragilen globalen Wirtschaftssystem neu erfahren.

„Aus einem massiven Kontrollverlust wird ein Rausch des Positiven“

„Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert“, schrieb der Zukunftsforscher Matthias Horx schon im Frühjahr 2020 in einem viel beachteten Essay über das Leben nach Corona, den er im Herbst aktualisierte. „Diese Zeiten sind jetzt.“ Damals war er noch zuversichtlich, dass „die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten“, dass „der ganze Trivialtrash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Fernsehkanäle“ ströme, „rasend an Wert verlieren“ und „Bücherlesen zum Kult“ werden würde. Er sah sogar ein Ende der „Kulturkriege“ um Political Correctness, weil das Virus alles überlagere.

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Corona hat viele Entwicklungen rasant beschleunigt – etwa das bargeldlose Bezahlen. © Quelle: imago images/Westend61

Mehr als ein Jahr später ist nicht alles davon eingetreten – in einem Punkt aber irrte Horx nicht: „Aus einem massiven Kontrollverlust wird ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft“ – durch das „Gefühl der geglückten Angstüberwindung“, das die „körpereigene Zukunftsdroge Dopamin“ freisetzt.

Weg vom Schneller, Mehr, Lauter, Teurer, Dichter, Öfter

In der Tat kann man das Virus als „Sendboten aus der Zukunft“ lesen, der Trends beschleunigt und die Welt in eine Richtung gestoßen hat, in die sie unbewusst ohnehin drängte. Weg vom Schneller, Mehr, Lauter, Teurer, Dichter, Öfter. Hin zum bewussteren Leben. Denn nicht wenige fragen sich beim ersten Cappuccino in der Sonne jetzt: Bin ich noch der- oder dieselbe? Bin ich noch bereit zu der Flut an Terminen, die nun wieder zu drängen beginnen? Und ist das, was der Wirtschaft nützt, eigentlich deckungsgleich mit dem, was mir als Mensch nützt?

Viele Entwicklungen hat Corona massiv beschleunigt. Bargeldloses Bezahlen wird die Norm bleiben, Händeschütteln wird auf Jahre hinaus keine Selbstverständlichkeit werden. Arbeiten im Home­of­fice dürfte in vielen modern denkenden Firmen weiter eine große Rolle spielen – weil sich gezeigt hat: Sinnlos verplemperte Zeit auf Pendlerwegen fällt weg, Beruf und Familie sind besser vereinbar, und die Produktivität leidet auch nicht – im Gegenteil: Homeofficemitarbeiter arbeiten 30 Prozent länger als im Büro, meldet der „Economist“ (solange sie nicht nebenbei noch Kinder beschulen müssen).

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Das Primat der Wirtschaft steht zur Disposition

Das wird ganze Städte verändern, denn zentral gelegene Büroburgen verlieren in der Post-Corona-Realität an Bedeutung. 20 bis 25 Prozent der Arbeitskräfte in entwickelten Volkswirtschaften können auch nach der Krise von zu Hause arbeiten, schätzt das Beratungsunternehmen McKinsey – zumindest zum Teil. 43 Prozent von 5000 Befragten planen dauerhaft weniger Geschäftsreisen.

Doch die Folgen gehen noch tiefer: „Wir begegnen der Welt nun mit einem erhöhten Bewusstsein für globale Zusammenhänge und Abhängigkeiten“, schreibt der Zukunftsforscher Gatterer. „Der Mensch und seine Gesundheit werden in die ökonomische Gleichung eingesetzt – vor Corona war das kaum vorstellbar.“

Das Land muss den Hintern hochkriegen

Corona diente als Spiegel für eine Welt, die ohnehin mit sich im Unreinen war. Und als Laudanum für eine überhitzte Weltwirtschaft und Kühlmittel für den Turbokapitalismus. Tatsächlich wollen 94 Prozent aller Deutschen auch nach Ende der Pandemie verstärkt lokal einkaufen. Horx spricht nach der Globalisierung jetzt von der „Glokalisierung“.

Das Bewusstsein für die Absurdität des Warenwirtschaftssystems ist gewachsen. Fairtrade wird wichtiger, soziale Erwägungen bestimmen Kaufentscheidungen. Und: Statt um immer produktivere Maschinen gehe es jetzt „um besser zusammenarbeitende Menschen“, glaubt der Wirtschaftsjournalist Erik Händeler. Dafür ist unerlässlich, was Corona bitter aufgezeigt hat: Deutschland muss seine Digitalisierung beschleunigen, massiv in Bildung investieren und nicht nur iPads verteilen. Man muss das so drastisch sagen: Das Land muss den Hintern hochkriegen.

Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir leben? Ein zweijähriges Kind spielt im Wohnzimmer, während seine Mutter zu Hause im Homeoffice an einem Laptop arbeitet. © Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Soziologen beobachten auch eine Sympathieverlagerung auf dem Arbeitsmarkt – weg von lauten Selbstvermarktern mit pompösen Jobtiteln hin zu klassischen, pflegenden, schützenden und helfenden Berufen. Eine der Lehren, die bleiben könnten: Das Primat des Profits hat Grenzen. Es lässt sich schlicht nicht jede Branche auf maximalen Ertrag zurechtoptimieren. Ein ungeregelter Turbokapitalismus hat auf Krisen dieser Art keine Antwort. Wie auch der politische Populismus keinen Beitrag zur Bewältigung geleistet hat. Die AfD profitierte nicht, Donald Trump verlor die Wahl. Warum? Auch, weil es radikalen Kräften nicht gelang, jemandem die Schuld an Corona in die Schuhe zu schieben. Feste Feindbilder aber sind ein Muss auf dem Marktplatz der Hetzer.

Was kommt nach „mütend“?

Und was kommt nach „mütend“? Neben all den hitzigen Debatten hat sich, wenn man genau hinsieht, eine neue solidarische Nettigkeit breitgemacht. Sie ist geboren aus der gemeinsamen Erfahrung, dass die Menschheit einer solchen Krise nicht hilflos ausgeliefert ist. Nur ein Indiz dafür: 44 Prozent aller Kunden waren im vergangenen Jahr deutlich freundlicher zu Mitarbeitern an Firmenhotlines als zuvor. Das zeigt eine globale Studie des Softwaredienstleisters Freshworks. Das Bewusstsein für die Nöte der anderen scheint – von grellen Ausnahmen abgesehen – gestiegen zu sein. Auch das ist ein emotionales Erbe von Corona: Kein Mensch ist eine Insel.

Corona hat der Welt gezeigt, dass Gesellschaftssysteme und Machtverhältnisse nicht in Stein gemeißelt sind. Die wichtigste Erkenntnis der Krise ist eine beruhigende Botschaft an das Individuum: Manches, was sich unabänderlich anfühlte, ist in Wahrheit doch verhandelbar. Etwas ist aufgebrochen. Es liegt am Einzelnen selbst, sein Verhältnis zur Welt neu zu definieren. Wir sind die Steuerleute unserer Seele.

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