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Was bleibt und was vergeht: Der Netflix-Film „Die Ausgrabung”

  • Was bleibt und was vergeht: Der Historienfilm „Die Ausgrabung” startet bei Netflix.
  • Das Drama mit Ralph Fiennes und Carey Mulligan ist von Melancholie durchzogen.
  • Ein wunderbar altmodischer Film wie dieser ist im Kino kaum mehr zu finden.
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Besonders pietätvoll klingen die Worte nicht: „Wir stehen wohl auf dem Friedhof von jemandem”, sagt Basil Brown so bedächtig wie bestimmt. Und dann setzt er seinen Spaten an und beginnt, den ungewöhnlichen Friedhof im Örtchen Sutton Hoo im ostenglischen Suffolk umzugraben – im Auftrag der jungen Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan).

Pretty gehört das Land, auf dem die seltsamen Hügel zu finden sind. Schon lange vermutet sie darunter Außergewöhnliches. Nun will sie endlich wissen, was es ist. Denn ihre Lebenszeit läuft ab.

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Basil Brown (Ralph Fiennes) wird auf ein Holzschiff stoßen, 27 Meter lang und 4,5 Meter breit, wunderbar erhalten im englischen Sand. Der Fund, gemacht im Jahr 1939, wird nicht nur Fachleuten Freudentränen in die Augen treiben.

Es handelt sich um eine archäologische Sensation – um ein angelsächsisches Bootsgrab aus dem siebten Jahrhundert, dessen königlicher Besitzer mit vielen kostbaren Beigaben auf seine letzte Reise geschickt wurde. Schilde, Helme, Waffen, Münzen: All diese bis dahin gänzlich unberührten Schätze fördert Brown zutage.

Es geht um die Lebenden

Aber natürlich geht es in Simon Stones Historiendrama „Die Ausgrabung” (Drehbuch: Moira Buffini, die 2011 schon das Skript zu „Jane Eyre” lieferte) nicht nur darum, Silber und Gold auszugraben oder all jene zu widerlegen, die das frühe Mittelalter für eine rein düstere Angelegenheit halten. Tatsächlich waren die Menschen damals wohl viel stärker auf ausgedehnten Handelsrouten vernetzt, als dies die Forscher bis dahin für möglich gehalten hatten.

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Im Netflix-Film „Die Ausgrabung” nach dem gleichnamigen Roman des britischen Autors John Preston geht es zuallererst um die Lebenden – und darum, was bleibt und was vergeht, was im Rückblick zählt und was vielleicht gar nicht so wichtig war. Hat man die richtigen Entscheidungen getroffen oder doch die falschen? Oder vielleicht noch wichtiger: Hatte man überhaupt den Mut, Chancen zu ergreifen?

Von Melancholie durchzogen

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Unverkennbar kündigt sich im Hintergrund dieses Films der heraufziehende Krieg gegen Nazi-Deutschland und damit das Ende der Welt an, wie Pretty und Brown sie kennen: Immer wieder ziehen Flugzeuge der Royal Air Force in Formationen über die Ausgrabungsstätte hinweg. Und dann ist da auch noch die Krankheit der jungen Landbesitzerin und das Unglück der noch jüngeren Ausgräberin Peggy Preston (Lily James) in Browns Amateurarchäologenteam, die feststellen muss, dass sie mit dem falschen Mann zusammen ist.

Ein melancholischer Ton weht von Anfang bis Ende durch diesen Film. Und weil Ralph Fiennes so viele Szenen gehören, wird man unwillkürlich an einen seiner früheren Filme erinnert – an den „Englischen Patienten” (1997). In jenem Liebesfilm war der von Fiennes verkörperte Graf László Almásy ja auch als eine Art Archäologe unterwegs, allerdings in der ägyptischen Wüste, wo er die „Höhle der Schwimmer“ entdeckte – Malereien von schwimmenden Figuren, von denen man annimmt, dass sie mindestens 4000 Jahre alt sind. Seine verunfallte Geliebte musste der Graf in der Höhle zurücklassen und konnte dann nicht rechtzeitig zu ihr zurückfliegen, um sie zu retten.

Alles andere als ein Indiana Jones

Zu einer solchen Liebestragik schwingt sich „Die Ausgrabung“ nicht auf, die Traurigkeit wird sanft heruntergedimmt. Große Dramatik ist vielleicht auch fehl am Platz, wenn die Beteiligten einen lieben langen Film lang um ein schlammiges Loch im Boden herumstehen.

Dem schweigsamen Ausgräber Basil Brown, alles andere als ein Indiana-Jones-Typ (wenn auch zwischendurch mit breitkrempigem Hut auftretend), ist nur ein zartes Lächeln seiner Chefin vergönnt. Aber Poetisch-Romantisches findet sich auch in diesem Drama – und eine andere Liebesgeschichte entwickelt sich ganz nebenbei. Brown versteht es qua Beruf, die menschliche Existenz in einen größeren Rahmen einzubetten: Er fühle sich verbunden mit dem ersten menschlichen Handabdruck in einer Höhle, sagt er. Womit wir gewissermaßen wieder in der „Höhle der Schwimmer” wären.

Oder um es mit den Worten seiner Frau auszudrücken, die irgendwann auch vorbeischaut: Während der Rest Englands sich auf den Krieg vorbereite, buddele ihr Mann im Sand, weil er es für bedeutsam halte, mehr über die Geschichte der Menschheit zu lernen.

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Nicht immer aber mag die Nachwelt anerkennen, wie bedeutsam die Tat eines Menschen ist. Basil Brown wurde beinahe vergessen, ist am Ende von „Die Ausgrabung“ zu lesen. Andere Archäologen mit dick aufgetragenem akademischen Standesdünkel tauchten bald schon in Sutton Hoo auf, um sich die Meriten zu sichern.

Dieser wunderbar altmodische Film von einer Art, wie er im Kino kaum mehr zu finden ist, holt den Ausgräber Basil Brown in die Erinnerung zurück. Und das ist in diesem Fall, was zählt.

„Die Ausgrabung”, ab 29. Januar bei Netflix, Regie: Simon Stone, mit Ralph Fiennes, Carey Mulligan

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