Was bedeutet Ihnen Weihnachten, Jamie Cullum?

  • Für viele Menschen wird Weihnachten in diesem Jahr anders als gewohnt.
  • Der britische Sänger Jamie Cullum erzählt im RND-Interview, wie in seiner Familie gefeiert wird und warum er an dem Tag Abend nicht musiziert
  • Außerdem spricht er über sein neues Album.
Steffen Rüth
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Im Garten seines Hauses steht sein Tonstudio, dort sitzt Jamie Cullum (“Don’t stop the Music“) beim Videointerview. Einer der aktuell erfolgreichsten britischen Musiker erzählt von der Arbeit an seiner neuen Platte. Und davon, wie bei den Cullums Weihnachten gefeiert wird: mit gutem Essen, Filmen, Kaminfeuer. Einen Weihnachtspulli trägt der Hausherr aber nicht.

Jamie Cullum, jedes Jahr veröffentlichen unzählige Künstler und Künstlerinnen ein Weihnachtsalbum. Warum braucht die Welt jetzt auch noch eins von Ihnen?

Weil es besonders gelungen ist. (lacht) Ich verspreche Ihnen, in fünfzig Jahren werden Sie diese Platte zum Fest hervorholen, vielleicht kurz abstauben und dann ein weiteres Mal wieder auflegen. Gute Weihnachtsalben sind wie alte Freunde. Alle Jahre wieder trifft man sich und ist sich sofort wieder vertraut. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf „The Pianoman at Christmas“. Ich habe diese Musik wirklich mit dem allergrößten Genuss und allergrößten Respekt aufgenommen.

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Mit welchen Weihnachtsalben sind Sie selbst denn befreundet?

Zum Beispiel mit „The Spirit of Christmas“ von Ray Charles oder „Songs for Christmas“ von Sufjan Stevens. Mit diesen Platten holst du dir Wärme und Schönheit ins Haus. Sie werden ein liebgewonnener Teil deiner Weihnachtstradition. So einen Klassiker, ja, einen treuen Lebensbegleiter, habe ich auch erschaffen wollen.

„Ich habe versucht, die Klassiker zu imitieren“

Haben Sie deshalb auf Coverversionen verzichtet und stattdessen zehn neue Weihnachtssongs komponiert?

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Die Idee stammt ursprünglich von meiner Frau. Ich saß bei uns im Wohnzimmer am Klavier, wo ich praktisch das ganze Frühjahr verbracht habe und probierte für das Weihnachtsprojekt alles mögliche aus. Irgendwann strich Sophie so ganz beiläufig an mit vorbei und meinte nur „Versuch‘ es doch mal mit Originalen“. Das war der Durchbruch.

Dennoch klingen Ihre Lieder angenehm vertraut. Wie geht das: Neue Sachen komponieren, die sich wie aus der Zeit gefallen anhören?

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Ich habe tatsächlich versucht, die Klassiker zu imitieren. Ich wollte ein Stück wie „Santa Claus Is Coming to Town“ schreiben, und daraus wurde dann „The Jolly Fat Man“. Überhaupt habe ich versucht, innerhalb eines gewissen Rahmens zu schreiben. Im Unterschied zu einem herkömmlichen Album sind die Themen und die musikalische Umsetzung ja viel stärker vorgegeben. Innerhalb dieses Weihnachtskorsetts etwas Originelles zu finden, das war das Schwierige an dieser Arbeit und zugleich das, was Spaß gemacht hat. Es ist natürlich echt hart, gegen die George Gershwins und Cole Porters dieser Welt anzustinken. Aber es war eine Freude, mich dieser Herausforderung zu stellen. Die Lieder sollten klingen wie alte Weihnachtspullis. Nur frisch gewaschen.

Sind Sie ein Freund von Weihnachtspullis?

Geht so. Meine Pullis sind ehrlich gesagt alle ganz hübsch. So ein hässliches Ding mit Schlitten oder so drauf besitze ich nicht. Bin wohl nicht so der Weihnachtspullityp. Aber ein paar meiner Pullover sind schon echt fusselig, die ziehe ich an, wenn ich mit dem Hund rausgehe.

Was haben Sie für einen Hund?

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Eine Hündin. Wir haben sie aus Griechenland gerettet, sie lebte auf der Straße. Jojo ist ihr Name. Zu uns und überhaupt zu Menschen ist sie lieb und süß und nett, zu anderen Hunden dagegen ist sie nicht immer so freundlich. Als Straßenhündin hat sie bestimmt einige schlimme Erfahrungen gemacht.

Sie haben das Album in den legendären Abbey Road Studios in London aufgenommen. Wie war das?

Anfangs echt einschüchternd. Lange war auch nicht klar, ob wir wegen Corona überhaupt aufnehmen können. Ende Juni ging es dann. Wir haben mit einem wundervollen Orchester gearbeitet, alle Musiker waren mit Trennwänden und Masken in einem Raum, für alle war die Produktion sehr schön und auch befreiend. Die Monate davor durfte das Orchester nicht spielen und auch kein Geld verdienen. Mein Album war das erste, für das diese tollen Musiker wieder Honorar bekamen. Ich finde, man kann die Erleichterung in einem großen, fröhlichen Song richtig raushören.

„Ich halte in diesem Song voll drauf auf meine Emotionen“

Sie singen „Hang Your Lights on Me“. An welchen Körperstellen möchten Sie mit Lämpchen behängt werden?

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(lacht) Diese Frage gebe ich an Sie und Ihre Frau zurück. Der Text sollte ein bisschen frech und kess sein, hoffentlich ist er niemandem zu unheimlich. Als ich diesen Song am Piano schrieb, konnte ich mir alle Instrumente schon beim Komponieren vorstellen – Streicher, Bläser, Percussion. Ich wusste, die Nummer muss krass swingen.

Worum geht es in dem romantisch und ein bisschen traurig klingenden „How Do You Fly“?

Um Kinder, die ganz langsam, aber unaufhaltsam zu Erwachsenen werden. Und ums Loslassen. Unsere Töchter sind neun und sieben Jahre alt, sie wachsen sehr geliebt und behütet auf, doch so langsam sickert das Leben da draußen zu ihnen durch. Sie verlieren gerade ihre Unschuld und lernen, dass diese Welt kein sicherer Ort ist, und dass es nicht möglich sein wird, sein Leben ganz frei von Sorgen und Ängsten verbringen zu können. Wenn wir unseren Job als Eltern vernünftig machen, dann bringen wir den Kindern alles bei, was sie brauchen, um uns eines Tages zu verlassen. Und um fliegen zu können. Ich halte in diesem Song voll drauf auf meine Emotionen, es ist mir der liebste auf dem ganzen Album.

Vor Kurzem haben Sie für das Stück „The Age of Anxiety“ (Das Zeitalter der Angst) von Ihrem 2019 erschienenen Album „Taller“ den Songschreiberpreis Ivor-Novello-Award bekommen. Ihre Sorgen in Musik zu verwandeln, liegt Ihnen offenbar.

„The Age of Anxiety“ war alles andere als ein Hit, aber er bedeutet mir und den Menschen eine Menge. Das macht mich stolz und glücklich. Ich denke, es gelingt mir ganz gut, verwirrende, auch unbequeme Gefühle und die ganzen Komplexitäten unseres Daseins in Liedern festzuhalten. Manchmal sind Songs schon verdammt gut darin, die Zukunft vorherzusagen. Wer hätte denn geglaubt, dass 2020 so ein Jahr des Undenkbaren werden würde?

„Ich glaube selbstverständlich immer noch an den Weihnachtsmann“

Spielen Ihre Töchter auch Klavier?

Das Piano im Haus ist ein Angebot an die Mädchen. Sie nehmen es bislang eher zögernd an, besondere musikalische Talente scheinen wir nicht großzuziehen. Aber das macht nichts. Die beiden haben genug damit zu tun, miteinander zu balgen.

Haben Sie, als Sie im Alter Ihrer Töchter waren, noch an den Weihnachtsmann geglaubt?

Die Frage verstehe ich nicht. Wie meinen Sie das? Ich glaube selbstverständlich immer noch an den Weihnachtsmann.

Also werden Sie sich am Heiligabend keinen Bart umschnallen und Bauch umhängen?

Nein, das muss ich nicht. Schließlich kommt ja der echte Weihnachtsmann zu uns. Danach gibt es die Bescherung, Süßigkeiten, gutes Essen und ein Feuerchen im Kamin.

Jamie Cullum gruselt sich gern an Weihnachten

Haben Sie irgendwelche Familientraditionen?

Wir haben seit einem Jahr ein neues Ritual: Meine Frau und ich zeigen den Kindern unsere liebsten Weihnachtsfilme. Sie hat sich für dieses Jahr „Kevin allein zu Haus“ ausgesucht und ich mir die „Gremlins“.

Ist der Film nicht ein bisschen zu gruselig für kleine Kinder?

Och, nö. Ich war auch nicht älter, als ich den zum ersten Mal gesehen habe. Ich liebe es sowieso, wenn es gruselt. Sobald am Weihnachtsabend Frau und Kinder im Bett sind, kommt das Jamie-Ritual: Ich kuschele mich aufs Sofa unter die Decke, gönne mir ein Glas Whiskey und lese eine Geistergeschichte.

Spielen Sie auch Weihnachtslieder am Klavier und singen?

Ist eigentlich nicht üblich. Meistens habe ich bis Weihnachten so viele Konzerte absolviert, dass ich mir mal ein paar spielfreie Tage erlaube. Aber dieses Jahr war ja nichts. Vielleicht stimme ich dann doch mal ein paar Lieder an, mal gucken.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten? Wie war Weihnachten bei Cullums früher?

Wundervoll und kulturell chaotisch. Bei uns kommt einiges zusammen. Die jüdische Seite meines Vaters, von denen einige Verwandte Weihnachten sehr lieben und andere so tun, als hätten sie nur zufällig zum Essen bei uns reingeschaut. Und dazu meine Mutter mit ihren indischen und burmesischen Wurzeln plus der entsprechenden Verwandtschaft. Auf dem Tisch standen indische Leckereien und ein Truthahn, es war jedes Jahr ein superlustiges und komisches Durcheinander.

„Ich fände es traurig, meine Eltern nicht sehen zu können“

Wie viele Leute kamen zusammen?

Einmal waren es 28. Meistens so um die 20.

Kommen die jetzt alle zu Ihnen? In Ihrem großen Haus in Buckinghamshire dürfte ja Platz genug sein.

Ich fände es traurig, meine und Sophies Eltern nicht sehen zu können. Und die Mädchen würden sich natürlich freuen, wenn die Großeltern zu Besuch kämen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht besser, wenn man sie nicht dem Risiko einer Corona-Ansteckung aussetzt. Irgendwie sind beide Alternativen ziemlich unschön.

Wie hat Ihnen denn das Kulturchaos damals bei Ihnen zu Hause gefallen?

Das war supercool. Einmal im Jahr, an Weihnachten, zelebrierten meine Eltern ihre jeweiligen Kulturen ohne jegliche Hemmungen.

War das sonst nicht so?

Leider nicht. Die Eltern meiner Mutter sind aus Burma und aus Indien. Mein Vater ist Jude, er kam in Jerusalem zur Welt. Beiden wurde in Großbritannien eingebläut, ihre Wurzeln möglichst zu verstecken, um in die britische Kultur hineinzupassen. Das war in den Fünfzigern. Je älter ich wurde, desto mehr Fragen stellte ich. Nach und nach lernte ich den Hintergrund meiner Eltern kennen. Als Kind willst du ja auch verstehen, wo du herkommst.

Das ist ein bisschen traurig.

Ja, das ist es. Meine Großmutter stammt aus Deutschland. Sie konnte vor den Nazis fliehen. Nach dem Krieg, als sie in England heimisch wurde, hatte sie Angst, Deutsch zu sprechen. Sie wollte aber auch nicht jüdisch wirken. Also tat sie so, als sei sie eine Hausfrau aus der britischen Arbeiterklasse. In Wirklichkeit war sie eine sehr clevere Lady aus Preußen. Auch meine Mum hat sich lange versteckt. Wenn sie auf ihre etwas dunklere Hautfarbe angesprochen wurde, hat sie immer behauptet, das käme von der Sonne. Ihr Bruder hatte diese Option nicht, denn er sieht wirklich sehr indisch aus. Von meiner Mutter hieß es dagegen immer, ihr Look sei exotisch.

Sind Sie selbst je mit Rassismus in Kontakt gekommen?

Nein. Ich weiß, dass mein Onkel sehr darunter litt. Aber meine Familie sprach nicht groß über diese Dinge, als ich ein Kind war. Das wurde alles vor mir ferngehalten.

Ich schätze, Sie gehen mit Ihren Töchtern offener mit dem Thema um?

Ja, total. Lyra und Margot sind sowas von fasziniert davon, wo ihre Großeltern herkommen. Nicht nur meine, auch Sophies Familie ist ja sehr spannend. Die Mädchen wollen alles genau wissen. Ich finde, es ist ein großes Glück und ein Luxus, in einer Zeit aufzuwachsen, in der wir ermutigt werden, über unsere Gefühle und unsere Vergangenheit zu sprechen. Auch mit meinen Eltern rede ich schon lange sehr viel über ihre Kindheit als Immigranten und ihre Nachkriegstraumata.

Noch einmal zur Musik. Der Titel „The Pianoman at Christmas“ ist eine Anspielung an den „Piano Man“ Billy Joel. Das Album wurde arrangiert von Greg Wells, der den Soundtrack zu „The Great Showman“ produziert hat. Sehen Sie sich nach zwanzig Jahren Karriere auf Augenhöhe mit den ganz Großen?

Oh Gott, ich habe noch einen langen Weg vor mir, um auch nur in die Nähe von jemandem wie Billy Joel zu kommen. Ich durfte vier, fünf Mal für ihn das Konzert im Madison Square Garden eröffnen, dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Und gerade vor Kurzem habe ich Elvis Costello für meine Radioshow in der BBC interviewt. Mein Lieber, das sind die wahren Großmeister. Ich selbst fühle mich in deren Gegenwart noch immer wie ein neugieriger Student.

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