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Was aus Corona folgt: Matthias Horx zieht acht Lehren aus der Pandemie

  • Ärger, Zorn und Erschöpfung haben die Menschen nach einem Jahr unter den Einschränkungen der Pandemie erfasst.
  • Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx sieht jedoch klare Chancen und Möglichkeiten, wie die Corona-Krise die Welt zum Positiven verändern könnte.
  • Die Vergangenheit biete Beispiele genug, dass Pandemien in vielerlei Hinsicht menschlichen Fortschritt bewirkten, schreibt er in einem Gastbeitrag für das RND, ein Jahr nachdem er sich bereits schon einmal zur Corona-Krise geäußert hatte.
Matthias Horx
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„Dunklen Zorn“ stellte der Polarforscher Ernest Henry Shackleton fest, nachdem die Mannschaft der Endurance-Expedition 1916 ein Jahr in der Eishölle der Antarktis gefangen war. Folgt heute Ähnliches im Globalen nach einem Jahr Corona? Acht Vermutungen äußert Matthias Horx zu diesem Thema in seinem Gastbeitrag für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Trend- und Zukunftsforscher sieht Positives und Chancen, gewachsen und wachsend aus der großen Krise zu kommen. Eine seiner Schlussfolgerungen: Corona war wie ein lautes Klopfen an die Tür zu einer ökologisch besseren Welt, es könnte der Ausgangspunkt sein für eine ernsthaft betriebene „Blaue Revolution“.

1. Wandel entscheidet sich in der dritten (Krisen-)Phase

Jede große Expedition, jedes gefährliche Abenteuer, verläuft in vier Phasen, wovon die dritte die gefährlichste ist. Von dieser Regel erzählen Astronauten, die ein Jahr lang im Orbit zubrachten. Arktis-Forscher, die Monate im Dunklen auf einsamen Stationen aushalten, wenn der Wind heult. Selbst weltumfahrende Einhandsegler. Der Polarforscher Shackleton, der auf seinen Schiffen 625 Tage im Eis gefangen war, berichtete vom „dunklen Zorn“, der nach einem Jahr Expedition im Eismeer seine Mannschaft überfiel. Es häuften sich Streitigkeiten, Trunkenheit, Unfälle, Verluste von Armen, Beinen, Vorräten und Menschenleben. Die Disziplin versank in einem Sumpf aus Selbstmitleid und Meutereibereitschaft.

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Dieser Dritte-Phase-Effekt hat etwas mit unserem Dopaminsystem zu tun. An der Startrampe zum Raumschiff, beim Auslaufen des Schiffes aus dem Hafen sind wir euphorisiert angesichts der Herausforderung der Gefahr. In der zweiten Phase bilden sich Routinen der Gewöhnung aus. Es entsteht der Eindruck, alles sei schon vorbei. Wie im Sommer 2020.

Die vier Phasen sind:

  1. Anfangseuphorie: Ready to fight!
  2. Gewöhnungsphase: Routinen setzen sich durch.
  3. Erschöpfung und Bezichtigung: Die Nerven gehen verloren.
  4. Heimkehr und Hoffnung: Entstehen des „neuen Normal“.

Zum Jahreswechsel 2021 kippte unser mediales System wieder in den Zustand des Competitive Complaining – jenes Beklagungs- und Bezichtigungswettbewerbs, in dem nur noch das Negative zählt, das man sich gegenseitig um die Ohren haut. Die Abrechnungs- und Erregungskultur, die uns im alten Normal schon zur Gewohnheit geworden war, kehrte zurück.

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In diesem Zustand der Selbst- und Fremdabwertung verliert man den Respekt vor dem Erreichten, vor der gemeinsamen Leistung. War es nicht erstaunlich? Wie Unternehmen, Kreative/Künstler sich mitten im Lockdown neu erfanden? Wie Familien durchhielten, zusammenhielten, sich wiederfanden? Wie manche Städte als Bürgergemeinschaft zusammenfanden? Wie Schulen sich veränderten?

All das ist vergessen, nur das Negative wird vor die Kameras gezerrt. Ebenso verliert man aus dem Blick, welche Befürchtungen NICHT eintraten: Es gab keinen Bürgerkrieg. Europa ist nicht auseinandergefallen. Die Pandemie wurde nicht – oder selten – ethnisch gedeutet, also Minderheiten in die Schuhe geschoben. Die Weltwirtschaft ist nicht zusammengebrochen. Der bösartige Populismus konnte in der Krise nicht triumphieren. Trump wurde nicht wiedergewählt. Bolsonaro wird fallen.

Paradoxerweise ist es immer auch die dritte Phase, in der sich die Lösungen abzeichnen. Die Expedition hat in schwierigen Zeiten viel gelernt. Jetzt fügen sich die einzelnen Erkenntnisse und Irrtümer zu einem Wirkungssystem zusammen. Das Ende der Krise ist auf dem Weg, aber unser Hirn hat sich in Erschöpfung und Beleidigung verirrt.

In Phase vier könnten wir glücklich aus dem All zur Erde zurückkehren. Oder mit unserem Schiff in den Hafen einlaufen, wo am Ufer Menschen warten, die begeistert klatschen. Allerdings kann man diesen Applaus nur erleben, wenn man sich unterwegs verwandelt hat.

„Nach einem erschöpfenden Jahr ist es schwer für jeden – einschließlich Wissenschaftler, Journalisten und Gesundheitsexperten –, ein Ende zu imaginieren, Hoffnung zu haben. Wir passen uns an neue Bedingungen ziemlich schnell an, auch an schreckliche Bedingungen. Während dieser Pandemie haben wir uns an Dinge gewöhnt, die wir nie für möglich gehalten hätten. Milliarden von Menschen haben dramatisch ihr Dasein geändert, haben kleinere, eingeschränktere Leben gelebt, mit geschlossenen Schulen, der Unmöglichkeit, die Liebsten zu treffen, dem Verlust der Arbeit, dazu immer auch die Bedrohung von Krankheit und Tod.“ (Zeynep Tufekci, „The Atlantic“)

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2. Das „alte Normal“ war gar nicht normal

Wenn Sie mit einem Zauberstrich das „alte Normal“ – den Zustand „vor“ Corona – exakt wiederherstellen könnten, würden Sie das tun? Natürlich, werden die meisten spontan sagen: „Sofort! Unbedingt!“ Aber damit meinen wir womöglich weniger den alten Zustand selbst als die Unschuld des Gefühls. Die Sorglosigkeit vor der Krise. Das Jederzeit-alles-Können.

Waren wir im „alten Normal“ wirklich sorglos? Und fühlte sich das Alleskönnen wirklich gut an? Können Sie sich noch an die verstopften Businesslounges erinnern, voll von übernervösen Businessmännern? An die endlosen Staus um München? Den überboomenden Tourismus? An die unendlichen Partys, Festivals, Messen, die von Jahr zu Jahr größer, bedeutender, schräger, schriller wurden? Und irgendwie – öder? An das ungute Gefühl, dass es so irgendwie nicht weitergehen kann?

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Corona hat uns drastisch darauf hingewiesen, dass wir uns längst in einer Wohlstandskrise befanden. Wir lebten im „alten Normal“ in einem „Über-Normal“, das sich Stück für Stück in einen Mangel verwandelte.

  • Über-Tourismus: Jedes Jahr mehr Flüge zu immer billigeren Preisen.
  • Über-Meat: Jedes Jahr immer mehr Schweine in den Ställen und Schlachthöfen, unter fürchterlichen Bedingungen.
  • Über-Vergnügen: Jedes Jahr fuhren mehr Menschen in die Saufparadiese Ballermann, Ischgl und so fort. Venedig war so voll von Menschen, dass es kurz vor der Versenkung stand.
  • Über-Konnektivität: Immer mehr rasende Echtzeitinformationen, fieberhaftes Anschreien, Erregungsspiralen und Untergangshysterien.
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Wir waren in die hedonistische Tretmühle geraten. Die Sättigungskrise eines Wohlstands, der keine Richtung mehr hatte als das ständige „Mehr“. Da jede Steigerung von Genuss einen abnehmenden Grenznutzen hat – jedes weitere Schnitzel und noch mehr Champagner wird irgendwann fad –, macht sich eine tiefe innere Leere, eine rasende Unzufriedenheit breit. Corona enthüllte die Abwesenheit einer plausiblen Zukunft.

Auf drastische Weise hat das Coronavirus unsere Sättigungskrise in eine Sehnsuchtskrise verwandelt. Heute sehnen wir uns schrecklich nach allem, was wir früher im Überfluss hatten – Party, Urlaub, Lärm, Genuss, Sinnlichkeit, Verfügbarkeit. Sogar Stress. Aber gleichzeitig zwingt uns die Sehnsucht dazu, unsere eigenen Wünsche aus neuer Perspektive zu betrachten.

Sehnsucht enthüllt, was wir wirklich vermissen. Wollen wir wirklich, was wir wollen? Oder fehlt da noch etwas anderes?

3. Epidemien können Fortschrittsschübe erzeugen

Um die Zukunft zu verstehen, lohnt es sich manchmal in die Vergangenheit zu reisen. Wie haben Pandemien, Seuchen, Epidemien in der Vergangenheit die menschliche Kultur verändert? Die spanische Grippe vor 100 Jahren führte im kriegsgeschwächten Europa zur Vertiefung des Kriegselends, trug aber auch zu den modernistischen Aufbrüchen der 20er-Jahre bei.

Der Architekt Norman Foster schrieb: „Die letzte große Pandemie von 1918/20 erzeugte verlassene Stadtzentren, Gesichtsmasken, Lockdowns und Quarantänen. Aber sie verkündete auch die soziale und kulturelle Revolution der 1920er und eine neue Architektur der Versammlungsräume, Warenhäuser, Kinos, große Theater und Sportstadien.“

Aus den Cholera-Wellen des 19. Jahrhunderts erwuchs die mondäne Urbanität des Fin de Siècle: In den großen Städten wurden Slums abgerissen, Sanitärnetze und Krankenhäuser errichtet, Boulevards und Parks gestaltet. Trinkwasser wurde zu einem kontrollierten öffentlichen Gut.

Die Pest des Mittelalters hatte zunächst Pogrome und Hexenverbrennungen zur Folge. Aber an ihrem Ende stand die Renaissance. Der Historiker Frank Snowdon dazu: „Die Beulenpest führte zur Erfindung der öffentlichen Gesundheit, zu enormen Transformationen in Kultur und Wirtschaft, sie trug dazu bei, dass sich ein zentralisiertes Staatswesen herausbildete. (…) Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass sie zur industriellen Revolution führte, aber sie war eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass die industrielle Revolution stattfinden konnte.“

Venedig und andere Stadtstaaten entwickelten in den Pest-Wellen um 1630 ihr Bankenwesen und ihr Steuer- und Sozialsystem. Damit entstanden langfristige Strategien der Investition – in Künste, Architektur, aber auch scholastische Bildung. Die Gesellschaft wurde mobiler, weil überall Arbeitskräfte gesucht wurden. Sklavenähnliche Arbeit verminderte sich. Gilden kamen auf. Städte wie Brügge und Mailand, die koordiniert gegen die Seuche handelten und weitgehend von der Seuche verschont wurden, erlebten danach eine lange Blütezeit. Menschen entfernten sich von alten religiösen Dogmen, revolutionäre Denker wie Petrarca und Boccaccio stellten nun das menschliche Empfinden, die humanitas in den Mittelpunkt.

Wie all diese Faktoren exakt zusammenwirken, werden wir vielleicht nie völlig ergründen. Vieles ist vielleicht Zufall, Reflex, spontane Resilienz. Aber ist es nicht wahrscheinlich, dass auch die Corona-Epidemie solche Wandlungen erzeugt, wie wir sie aus der Geschichte des menschlichen Leidens kennen?

„Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und alles fühlt sich zerbrechlich an – wie feines Porzellan, dünnes Glas, seidener Faden. Alles fühlt sich fragil an, und so schockierend rettungswert. Am Ende wird es keine Schlächterei sein. Stattdessen Bäckerei – weil jeder anscheinend entschieden hat, dass es das Beste ist, Brot backen zu lernen, wenn die Welt ins Schlingern gerät.“ (Laurie Penny in „Wired“)

4. Pandemien erzeugen glokale Strukturen

Für manche Länder (Städte/Regionen) bedeutete die Corona-Krise die Wiederentdeckung eines erstaunlichen Wirgefühls, weil ihnen eine Erfahrung des Zusammenhalts gelang. Das gilt natürlich zuallererst für China, diese riesige, sich aber aus historischen Gründen auch verletzt fühlende Nation, die in der Pandemie ihren Stolz steigern konnte. Es gilt aber auch für plurale Gesellschaften, die einen ganz eigenen Weg entwickeln konnten.

Nehmen wir Neuseeland, diese ferne und leicht verspottete Down-Under-Märcheninsel. Dort führte die Premierministerin Jacinda Ardern das Land durch einen schrecklichen Terroranschlag und die Epidemie in einen neuen Zusammenhalt. Oder der kleine, buddhistisch geprägte Staat Bhutan, Heimat des Glücksnettoprodukts: Bhutan hatte nie mehr als 150 Infektionsfälle pro Tag und einen einzigen Todesfall in der gesamten Corona-Zeit. Wie konnte dies erreicht werden? Durch ein Gefüge von Eigenverantwortung und Fürsorge (auf lokaler Ebene: Das „System Rostock“). Taiwan und Island mit ihren High-Test-High-Trust-Strategien. Costa Rica mit seiner ökologischen Bürgerkultur. Der Senegal mit einer erstaunlich effizienten staatlichen Planung. Israel mit der Vitalität einer Dauerkrise.

Italien und Belgien, zwei innerlich gespaltene und verunsicherte Länder, erlebten durch Corona einen kathartischen Wandlungsprozess, der das politische System umkrempelte – in Richtung auf innere Versöhnung und Integration. Die „Sieger“ in der Krisenbekämpfung waren kleine Länder mit starker Bürgerkultur, die von Frauen geführt wurden, die auf männlichen Heroismus verzichteten. Oder von Männern, die pragmatische Fürsorge verkörperten (Rebelo de Sousa in Portugal).

Gegenbeispiele sind Tschechien und Brasilien, die zeigen, was passiert, wenn die Gesellschaft in männliche Deutungs- und Vertrauenskämpfe verstrickt ist. Der Populismus versagt dann im Moment seiner Anrufung.

Solche Resilienzerfahrungen erzeugen eine Art „Corona-Patriotismus“. Aber das ist eben kein Nationalismus. Man kann das Virus nur auf der lokalen Ebene bewältigen – aber alles, was man dort tut, hat immer auch Resonanzen auf dem ganzen Planeten. Hier scheint das glokale Prinzip auf, das Zukunftsprinzip einer vernetzten Weltgesellschaft, die nur entstehen kann, wenn das Eigene und das Universelle neu verbunden werden.

Wenn wir voneinander lernen, über alle vorübergehend geschlossenen Grenzen hinweg. Wenn wir die rasende Globalisierung durch das selbstbewusste Lokale zähmen.

5. Epidemien machen den Wahn sichtbar. Aber sie dämmen ihn auch

Was aber ist mit dem ganzen Wahn, dem Irrsinn der Verschwörungen und Verleugnungen? Den Attila Hildmanns, den eitlen Wunderdoktoren, die Scharen von Adepten um sich versammeln? Den „Corcells“, den Corona-Einzelgängern, die aus ihren Bildschirmkellern Hass und Verschwörungskonstrukte verbreiten? Den harmlosen Hippies, die auf Anti-Corona-Demos Geschichten von Neurochips in die Kameras erzählen, die Bill Gates in unsere Hirne pflanzen will? Dem ganzen Getobe und Gewüte des Irrationalismus auf den „Anti-Corona-Demos“.

Zunächst sollten wir uns eingestehen, dass in allen Gesellschaften der Wahn wohnt. Epidemien bilden einen gewaltigen Echoraum für das innerlich Unerlöste, eine Bühne für hysterische Narrative aller Art. Gleichzeitig war aber zu beobachten, dass der Wahn im Verlauf der Pandemie nie zu echter Bewegungsdynamik anwuchs. Die Anti-Corona-Demonstrationen hatten eher einen abstoßenden Effekt. Die schrille Allianz zwischen Neonazis, Reichsbürgern, Verschwörungspredigern und radikalisierten Esoterikern wirkte nie zukunftsfähig. Das mentale Immunsystem der Gesellschaft funktionierte.

Deutlich sichtbar geworden ist durch Corona allerdings ein weit verbreiteter Zynismus, der tief in die Gesellschaft hineinreicht. Ein aggressives „Egal“. Ich bin jung, was geht mich Corona an! Die Politik betrügt uns doch sowieso! Gerade weil diese Haltung überdeutlich sichtbar wurde, erzeugte sie jedoch eine Gegenreaktion des Zusammenhalts. Politik und Gesellschaft sind sich in der Krise nähergekommen.

Um das wahrzunehmen, muss man allerdings einmal alle Talkshows abstellen, die Hassforen ignorieren, das Geschrei auf allen Meinungskanälen ausschalten. Es lohnt sich, damit aufzuhören, die Welt mit ihrer medialen Repräsentation zu verwechseln. Gerade jetzt.

6. Epidemien „enden“ nicht, sondern erzeugen irgendwann ein Gleichgewicht der Wahrnehmung

Nehmen wir ein anderes Szenario: Corona wird kein wirkliches Ende haben, sondern nahtlos in ein neues pandemisches Zeitalter übergehen. Vor uns läge dann eine Ära der immer neuen Mutationen, der ewigen Alarme und Lockdowns – ein Leben im Seuchenmodus. Wird das so sein? Es könnte so kommen – aber womöglich würden wir es ganz anders erleben, als wir es befürchten.

Krankheiten und Todesopfer transportieren immer eine gesellschaftliche Narration. Eine Story, die mit den Memen, den Wahrnehmungsmustern der Kultur zusammenhängen. Je nach Zeitgeist werden Todesfälle sehr unterschiedlich bewertet.

Nehmen wir Autounfälle. Anfang der 70er-Jahre gab es allein in Deutschland (West) 23.000 Todesopfer durch Automobile. Das wären, auf die heutigen Verkehrsverhältnisse gerechnet, mehr als 100.000. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an zahlreiche Fahrten mit dem Ford 17 M meines Vaters, bei denen rechts und links der Straße die Autowracks lichterloh brannten. Das war normal, und es gab dem Autofahren sogar eine bestimmte Würze, einen Kick der Gefahr.

Autofahren war männlich und heroisch (und ist es teilweise bis heute geblieben). Das begründet auch den anhaltenden Widerstand gegen Lösungen: Als der Sicherheitsgurt 1974 verpflichtend eingeführt wurde, gab es Proteste wegen „Freiheitsberaubung“. Das Diskussionsniveau stand der Corona-Verschwörungsdebatte in nichts nach. Ähnliche lobbyverseuchte Diskussionen folgten bei Airbag, Katalysator, E-Mobilität und Geschwindigkeitsbegrenzung.

Krankheiten, die Jahrhunderte alltäglich waren, existieren heute immer noch – aber außerhalb unseres Wahrnehmungsfeldes. Die Tuberkulose, die als elegische „Schwindsucht“ die Dichter des 19. Jahrhunderts faszinierte, bringt pro Jahr immer noch rund zehn Millionen Menschen um. Malaria verursacht jährlich 300 Millionen Erkrankungen und eine Million Todesfälle. Diabetes und Adipositas, klassische Zivilisationskrankheiten, fordern schon ohne Corona Zigtausende von Todesopfern – und erhöhen die Mortalität bei Corona massiv. Man hat noch kein Fast-Food-Restaurant deshalb geschlossen.

In Europa infizieren sich jährlich rund neun Millionen Menschen mit gefährlichen Krankenhauskeimen. Zigtausende sterben daran. Offensichtlich haben wir uns daran gewöhnt. Es gibt versteckte und skandalisierte Krankheiten – wie Corona. Aber jede Krankheit erreicht irgendwann ein Wahrnehmungsgleichgewicht. Die vier Parameter dafür sind:

- Aggressivität der Krankheit (Zahl der Todesopfer)

- Akzeptanz von Opfern (Empathiestärke der Gesellschaft)

- Adaptivität (Verhaltensmöglichkeiten zur Vermeidung)

- Effizienz der Gegenmittel (Impfungen, Medikamente etc.)

Es ist abzusehen, dass Corona in den nächsten Monaten in den Zustand des pandemischen Equilibriums – der neuen Normalität – übertritt. Unsere Anpassungsmöglichkeiten haben sich weitgehend erschöpft – Lockdowns sind ausgereizt. Die Todesraten gehen zurück. Das Virus ist teilweise aggressiver geworden, aber die Gegenmittel wirken. Damit wird Corona von einer skandalisierten zu einer integrierten Krankheit.

Gleichzeitig wird der alltägliche Umgang mit Keimen wieder normal, nachdem wir uns 50, 60 Jahre eingebildet haben, wir hätten mit der Natur, die uns umgibt und durchdringt, nichts mehr zu tun. Wir arrangieren uns neu mit der Mikrobiologie – aus einer nicht mehr ganz so aussichtslosen Position wie unsere Vorfahren.

7. Corona erzeugt den Durchbruch der ökologischen Wende

Das Verblüffendste an der Corona-Krise ist womöglich, dass sie uns der ökologischen Wende viel näher gebracht hat. Noch nie haben Politik, Unternehmen und Gesellschaft die Erderhitzung so intensiv wahrgenommen wie jetzt. Noch nie haben sich so viele Manager und Führungskräfte, Konzerne und Institutionen, Regierungen und Politiker zu klaren CO₂-Zielen bekannt. Plötzlich geht, was auch mit Greta Thunberg nicht funktionierte: eine Richtungsänderung. Noch nie wurden mehr Entscheidungen in Richtung auf eine postfossile Welt gefällt. Nur einige Beispiele:

  • Amerika hat sich nach dem Trump-Abenteuer auf einen neuen CO₂-Reduzierungs-Pfad begeben.
  • Viele große Finanzagenturen verändern ihre Portfolios gerade in Richtung Ausstieg aus den fossilen Rohstoffen.
  • Die größte Containerschiffslinie Maersk hat angekündigt, ihre Schiffe bis 2030 mit neuen postfossilen Antrieben zu betreiben.
  • China hat das ehrgeizigste Nachhaltige-Energie-Programm der Welt aufgesetzt und allein im Jahr 2020 so viel Windenergie installiert wie Deutschland in den letzten 20 Jahren.
  • Die Autobranche treibt inzwischen die Elektromobilität voran – ein Strategiewechsel. Viele Autokonzerne haben das Ende des Verbrenners bis 2030 oder 2035 angekündigt.
  • Industrieverbände fordern heute bisweilen strengere CO₂-Auflagen vom Staat.
  • Die Flugbranche gesteht inzwischen ein, dass sie in den nächsten Jahren nicht mehr dieselbe Dynamik erreichen wird – und dringend einen neuen Antriebsstoff jenseits des Kerosins braucht.

Der ewige Zyniker wird das alles wieder abwinken: Es ist nie genug. Doch durch Corona ist in den Tiefenschichten der Gesellschaft, im Herzen der Kultur, etwas in Bewegung geraten. In der Krise tauchte plötzlich eine tiefe Sehnsucht nach Wald, Landschaft, Horizont auf, ein tiefer Hunger nach Moos und Sternen. Noch nie waren so viele Menschen bereit, auf neue Weise miteinander zu kooperieren, die Welt neu zu erfinden. Noch nie gab es so viele wunderbare Initiativen, Aktivisten, Netzwerke für eine bessere Welt.

Corona wirkte wie ein lautes Klopfen an der Tür. Ein Sinnfenster öffnete sich im Ökologischen, das vorher verschlossen blieb. Zum ersten Mal verbindet sich mit einer ökologischen Wende nicht nur Verzicht und Mangel, sondern eine Vision höherer Lebensqualität.

Die Kanäle von Venedig, in denen plötzlich wieder klarstes Wasser floss, erinnerten uns daran, wie schnell die Natur sich mit unserer Hilfe erholen könnte. Die „Blaue Revolution“, wie ich die große technische-öko-soziale Wende nenne, die nun vor uns liegt, ist möglicher und wahrscheinlicher geworden. Wenn wir das wahrnehmen und anerkennen, hätte die Krise ihren transformatorischen Sinn erfüllt.

8. Wandel entsteht nicht durch moralische Läuterung, sondern durch Adaption

Aids war die letzte große weltweite Seuche. Ich kann mich erinnern, wie wir – die in den Achtzigerjahren noch jung waren – schaudernd und frierend aufwachten aus einem Traum von erotischer Selbstentfaltung. In der Zeitschrift „Tempo“ schrieb ich damals einen Artikel, in dem ich das Zeitalter des jugendlichen Aufbruchs für beendet erklärte. Schluss mit lustig, auch für uns Heteros: Aids würde eine neue Ära der Prüderie erzeugen, die zaghaften Ansätze der Toleranz zerstören, die Homosexuellen in ein Getto stecken, wenn nicht Schlimmeres. Und ein neues erzkonservatives Biedermeier hervorbringen.

Was wirklich passierte, war eher das Gegenteil: Heute können in vielen Ländern Homosexuelle heiraten. Gay Culture hat sich überall ausgebreitet und codiert unsere Kultur wie andere Lebensweisen auch. Wie entspannt wir heute in (fast) der gesamten Gesellschaft mit dem Schwulsein umgehen, kann einen bisweilen zum Staunen bringen. Selten hat sich eine kulturelle Codierung so radikal geändert (dass dieser Prozess nicht vollendet und immer wieder gefährdet ist, bleibt trotzdem wahr.).

Aids ist nicht mit Corona zu vergleichen, sagen jetzt viele. Aids betraf ja nur ganz wenige. Darf ich Sie fragen, wie viele Menschenleben Aids bis heute gefordert hat? (Corona: 2,5 Millionen bis März 2021). Die Antwort: 38 Millionen! Viele Autoren und Soziologen haben sich inzwischen Gedanken darüber gemacht, wie es zu diesem „progressiven Paradox“ kam. Es waren wahrscheinlich zwei Faktoren:

  • Das schwule Milieu musste zur Selbstverteidigung aus seinem Nischendasein herauskommen und sich organisieren. Dadurch wurde es sichtbar und wirkmächtig – auch weil es sich mit anderen Emanzipationsbewegungen verbündete.
  • Durch das schreckliche Sterben wurde der „Normalgesellschaft“ vor Augen geführt, dass Schwulsein in jeder Familie, in jedem Unternehmen, überall im Kulturbereich existierte. Man konnte nun schlecht Menschen verdammen, die man bewunderte, oder mit denen man verwandt war. Es kam zu einer emotionalen Dissonanz. Letztlich siegte das Mitgefühl über die kulturelle Norm. Die Empathie über das Ressentiment.

Wir stellen uns Wandel gerne als einen heroischen Akt vor, als Läuterung zu einer höheren Moral. Das ist ein gefährliches Missverständnis. Menschen ändern sich nicht, vor allem dann nicht, wenn man sie anschreit. In gewisser Weise ändern sich Menschen tatsächlich nie – wir bleiben immer widersprüchliche, „egoistische“, aber zugleich sozialbedürftige Wesen. Die moralische Panik, die heute viele Debatten durchtränkt – man denke an political correctness –, hat toxische Wirkungen, weil sie das Toleranzprinzip durch moralischen Änderungszwang ersetzen will.

Und trotzdem können sich Menschen wandeln – indem sie ihr Verhalten an veränderte Bedingungen anpassen. Wandel entsteht letztlich aus Akzeptanz: Wir realisieren, dass es in der alten Weise nicht mehr weitergeht. Wenn unser übergroßes neuroflexibles Hirn neue Muster entwickelt – durch Übung, Rückkopplung und ein bisschen Zwang –, entstehen neue Wege des Miteinanders, des kreativen Umgangs mit Selbst und Welt. Krisen sind dabei Katalysatoren. Sie zeigen uns nicht direkt, wohin es geht. Aber deutlich, wo es nicht mehr weitergeht.

Heimkehr: Das unendliche Spiel

Wie werden wir uns in zehn oder oder 20 Jahren, 2030 oder 2040, an die Corona-Krise erinnern?

Als eine unbedeutende Unterbrechung – ein Jahr des Schreckens, dann ging alles wieder seinen gewohnten Gang? Als Beginn einer pandemischen Ära? Als „clusterfuck“, als Zusammentreffen aller Katastrophen und Wohlstandsverlust? Oder als Beginn einer neuen Ära der Kooperation und Integration, die unsere Zivilisation in eine neue Richtung führte?

Ich vermute, dass alle diese Interpretationen nebeneinander existieren werden. Wenn wir in dieser Krise verzweifelt erstarrt sind, ist alles nur Verlust. Auch aus der Sicht der Zukunft. Wenn unsere Idee von „Wohlstand“ auf dem Prinzip des ewigen „Mehr“ basiert, dem ständigen Gasgeben, dann bleibt die Corona-Zeit eine schreckliche Niederlage.

Wandel heißt, die innere Nostalgie zu überwinden, die uns an der Vergangenheit, am „alten Normal“ kleben lässt. Wandel heißt, Erwartungen zu verändern – und dadurch zu einer neuen Zukunftsbeziehung zu kommen. Das ist das, was ich die Regnose nenne.

Zukunft ist eine „Entscheidung“. Die Entscheidung, dem unendlichen Spiel neu beizutreten. In seinem Buch „The Infinite Game“ unterschiedet der Religionsprofessor James P. Carse zwischen zwei Arten von „Spielen“. Fußball, Wahlen und große Teile des Business sind endliche Spiele: Win/Lose-Spiele, in denen es immer Verlierer und Sieger geben muss. Familie, Gärtnern, Lachen (unzynisch), die Liebe, die Kunst und das Kochen, auch sinnhaftes (Purpose-)Business, sind unendliche Spiele. Wir spielen sie immer wieder neu, in immer weiteren Kreisen, mit ständigen Verbesserungen und ewigem Lernen.

Es ist sicher kein Zufall, dass in der Corona-Krise das Kochen, das Gärtnern, die Liebe, die Familie und sogar im Stillen die Kunst einen Boom erlebten. Auch Fußball wurde noch gespielt, aber irgendwie fade. (Es gibt auch ewiges Fußballspiel, davon bin ich überzeugt!)

„Infinite Game“ von Steward Brand: „Der Sinn ist es, das Spiel zu verbessern / Verbessern durch die Evolution des Spiels / Sieger lehren den Verlierern bessere Züge / Gewinnen wird geteilt / Ziele sind divers / Relative Komplexität / Regeln ändern sich nach Übereinkunft / Und nehmen den Tonfall höherer Aussagen an / Neue Märkte wachsen / Auf lange Sicht.“ (aus Steward Brand, „The Clock of the Long Now“ – nach „Mastering the Infinite Game“ von Charles Hapten-Truner und Fons Trompenaar)

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