Interview mit Navid Kermani: Warum reden Sie so gern?

  • Er spricht von der Magie des Wortes – und weiß doch, dass der Weg von dort zur Demagogie nicht weit ist.
  • In ausgefeilten Reden will der Kölner Schriftsteller Navid Kermani „den Brüchen Raum geben“, sagt er im Gespräch.
  • Und die Unduldsamen herausfordern.
Carsten Fiedler
Joachim Frank
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Herr Kermani, Sie haben eine Sammlung Ihrer Reden als Buch herausgegeben. Was reizt Sie am Genre der Rede?

Zunächst einmal gar nichts. Es sind Anlässe, die an mich herangetragen werden: ein Gedenktag, eine Totenfeier, eine Preisverleihung und so weiter, und manchmal kann ich mich entziehen, aber oft eben auch nicht. Anders als in meinen Büchern oder Reportagen suche ich mir das Thema also so gut wie nie aus. Ein weiterer Unterschied ist, dass ich bei meinen Büchern nie genau weiß, an wen ich mich wende. Die sogenannte Leserschaft ist für einen Autor, der tagein, tagaus allein an seinem Schreibtisch sitzt, ja etwas höchst Mysteriöses, aber eben aus diesem Mysterium, dieser Vagheit und Offenheit, bezieht er auch Freiheit.

Diese Freiheit gibt es bei Reden nicht?

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Bei einer Rede sitzen die Zuhörer direkt vor mir, und sie haben Erwartungen, die sich aus dem Anlass ergeben. Im besten Fall ergibt sich aus dem Umgang mit ebendiesen klaren Vorgaben eine unerwartete Dynamik, wenn man sie zugleich aufnimmt und bricht. Im langweiligsten Fall hingegen sagt man, was bei einer Trauerfeier, einem Gedenktag, einer Preisverleihung eben so gesagt wird.

Alle Ansprachen, die Ihr neues Buch „Morgen ist da“ versammelt, sind genau vorformuliert. Ist das dann nicht doch mehr eine Schreibe als eine Rede?

Verschriftlichte Sprache ist ein eigenes literarisches Genre. Ich arbeite in der Rede viel stärker mit Elementen wie Kadenz, Rhythmus, Refrain, mit einer bestimmten Musikalität bis hin zu Lautmalereien. Die ausgearbeitete Formulierung erzwingt und erlaubt zugleich die Präzision, aber auch die Komplexität, die Abschweifungen, die langen Gedankenbögen, die in der frei gehaltenen Rede gar nicht möglich sind. Das heißt, die schriftliche Rede ist kein Manko, sondern für manche und besonders rituelle Anlässe geboten. Im Bundestag, wo es ja um eine lebendige Debatte gehen soll, würde ich mir wünschen, dass mehr Redner den Mut hätten, ohne Manuskript zu sprechen. Hingegen bei einer Rede, sagen wir, zum Holocaust-Gedenken muss jedes Wort und jede Metapher präzise sein.

Ihr Buch kann der Leser zuklappen. Ihrer Rede kann er nicht entkommen – es sei denn, er geht. Verstehen Sie das als Gunst der Stunde?

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Ja, klar, es ist ein seltenes Format in unserer Zeit, dass man 30 oder 60 Minuten konzentriert auf das gesprochene Wort eines Einzelnen hört. Aber es ist eben auch eine Verpflichtung, und wenn man nichts zu sagen hat, werden die 30 oder 60 Minuten ganz schnell auch quälend. Eine Rede, die nur das enthält, was der Zuhörer ohnehin schon weiß, kann man sich sparen. Das Moment der Überraschung, der Reibung, der präzisen Provokation gehört zu einer Rede dazu. Selbst in Trauerreden versuche ich, den Brüchen Raum zu geben. Natürlich viel, viel vorsichtiger als bei anderen Gelegenheiten, weil es ja auch um Pietät geht, um Rücksicht auf die Gefühle der Angehörigen. Aber ich bin sicher: Der mögliche Trost einer Trauerrede wäre nicht so echt, wenn sie nicht wenigstens eine Ahnung von dem gäbe, was im Leben des Verstorbenen schwierig, schmerzlich war.

Was war in Ihrem Rednerdasein der heikelste Moment?

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Als ich am Ende meiner Friedenspreisrede 2015 die Zuhörer in der Frankfurter Paulskirche aufgefordert habe, aufzustehen und mit Wünschen oder Gebeten bei den in Syrien entführten Christen zu sein, da war ich natürlich aufs Äußerste angespannt. Was wäre passiert, wenn das Publikum einfach sitzen geblieben wäre? So etwas kann man nicht proben. Aber genau solche Unsicherheiten machen ja das Lebendige einer Rede aus.

„Wir leben in einer Plapperkultur“

Ist der Macht der Rede noch zu trauen?

Das gesprochene Wort wird unterschätzt, weil wir in einer Plapperkultur leben und selbst die Schriftsprache durch die Internetkommunikation immer näher an das flüchtige Geplapper heranrückt. Dadurch geht das Gefühl für die Magie des gesprochenen Worts mehr und mehr verloren.

Von der Magie ist es nur ein kurzer Weg zur Demagogie.

Das ist das Gefährliche. Aber sollten wir deswegen die heilsame, bewegende Kraft der Sprache preisgeben, die uns anrührt, uns das Herz öffnet und uns anstiftet zu großartigen Dingen? Ich meine, gerade in Deutschland sind wir – aus gutem Grund – ohnehin sehr vorsichtig mit dem hohen Ton. Es gibt eine bleibende Aversion gegen pathetisches Reden, weil alle wissen, wie schändlich es von den nationalsozialistischen Demagogen missbraucht worden ist.

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Ist in Deutschland die Freiheit der Rede bedroht?

Ich sehe in der Tat zwei Gefahren, die aber völlig unsinnigerweise auf einer Ebene, parallel zueinander, diskutiert werden. Die erste Gefahr ist ein zunehmender Druck durch Konventionen, wie „man“ angeblich zu denken und zu reden hat, ob nun über Migranten, Geschlechterfragen oder Homosexualität. Auch wenn ich die Haltungen überwiegend teile, die sich in Deutschland zu diesen Fragen in den letzten zwei Jahrzehnten durchgesetzt haben, stößt mir das völlige Unverständnis auf, wenn jemand in diesen Fragen auch nur drei Millimeter anders denkt. Und in Bezug auf andere Länder, in Osteuropa etwa, bekommt unsere Haltung oft eine ganz unangenehme koloniale Arroganz: Die sollen schleunigst mal werden wie wir, sonst …

Sind wir denn besserwisserisch?

Also ja, es fehlt eine Bereitschaft, Andersdenkenden wenigstens einmal zuzuhören, nicht zuletzt auch an den Universitäten, im Theater, im Kulturbetrieb. Aber ist diese Unduldsamkeit so neu? Selbst Theodor W. Adorno wurde in der Universität am Reden gehindert von Studenten, die auf den Millimeter genau zu wissen glaubten, was progressiv ist und was nicht. Ich finde das nicht gut, aber ich finde es völlig ungehörig, etwa die Störung einer Rede oder auch bestimmte Sprachregelungen, die mich stören und an die ich mich nicht halte, auf eine Stufe zu stellen mit der zweiten, weitaus größeren Gefahr.

Welche ist das?

Konkrete körperliche Drohungen oder gar tätliche Angriffe. Wir leben in Köln in einer Stadt, deren Oberbürgermeisterin fast ermordet worden wäre, weil jemand anderer Meinung war als sie. Und spätestens der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sollte deutlich gemacht haben, dass es einen abgrundtiefen Unterschied gibt zu Störungen einer Rede durch – oftmals idealistisch gesinnte – Aktivisten. Die Bedrohung von Leib und Leben zerstört die Meinungsfreiheit. Die Bundeskanzlerin, ein Minister, ein Partei- oder Verbandschef, ja selbst prominente Intellektuelle mögen von der Polizei geschützt werden. Nicht aber der Landrat, der örtliche Bürgermeister, der Lokaljournalist. Die werden sich dreimal überlegen, ob sie durch ein offenes Wort sich selbst oder ihre Familien in Gefahr bringen wollen.

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Was schlagen Sie als Gegenmaßnahmen vor?

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein. Es ist Öffentlichkeit, und es müssen die gleichen Regeln gelten wie anderswo im öffentlichen Raum. Was Nutzer des Internets sich im Schutz der Anonymität an Beleidigungen, Verunglimpfungen und Bedrohungen herausnehmen, das ließe kein vernünftiger Mensch unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen. Und jeder, der so etwas in einer Zeitung schreiben oder anderweitig veröffentlichen würde, würde dafür zu Recht belangt. Ich bin dezidiert nicht für schärfere Gesetze, ich will nicht, dass die Meinungsfreiheit enger ausgelegt wird, eher im Gegenteil. Ich fange auch gar nicht an, von Herzensbildung, von Anstandsregeln, von Höflichkeit zu reden, das hat man oder man hat es zum eigenen Schaden nicht. Ich plädiere nur dafür, dass die geltenden Gesetze endlich auch dort durchgesetzt werden, wo billionenschwere Internetkonzerne ein Geschäftsmodell aus den niedersten Instinkten des Menschen gemacht haben. Ansonsten machen wir unsere Demokratie kaputt, die auf eine freie, also auch angstfreie, sachorientierte Öffentlichkeit angewiesen ist, in der noch zwischen wahr und unwahr unterschieden wird. Siehe Brexit, siehe die USA, siehe Brasilien.

Die Autorin Christine Brückner hat einmal ein Buch mit „ungehaltenen Reden“ veröffentlicht. Welche „ungehaltene Rede“ haben Sie im Kopf?

Anfragen für Reden auf Parteitagen und Ähnlichem habe ich bislang immer abgelehnt, bei allen Parteien. Nicht weil das unwichtige Foren sind, aber ich glaube, dort wäre nicht mein Platz. Um die Gesellschaft zu beobachten, brauche ich die Distanz zum politischen Betrieb, auch die Einsamkeit. Nur zur AfD wäre ich vor ein paar Jahren einmal gegangen, wenn sie mich eingeladen hätten. Aber mein Gesprächspartner dort hat auf mein Angebot nicht reagiert.

Warum ausgerechnet zur AfD?

Weil es wichtiger ist, mit denen zu sprechen, die nicht der gleichen Meinung sind. Aber es setzt eben auch deren Bereitschaft voraus. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums ist sie allerdings auch nicht eben ausgeprägt.

Worüber müsste generell einmal eine Rede gehalten werden?

Es gibt ein Themenfeld, das in absurder Weise zu kurz kommt: die immer größere Abhängigkeit unseres Landes von dem, was in der Welt passiert – politisch wie ökonomisch und auch ökologisch. Am Bedeutungsverlust des Außenministers lässt sich das gut beobachten, das war früher faktisch das zweitwichtigste Amt im Staat. Und jetzt ist es Heiko Maas. Meine Generation ist noch groß geworden mit dem Internationalismus, mit Stichworten wie „Nord-Süd-Dialog“, mit der Verantwortung für die sogenannte Dritte Welt, mit Fairtrade-Kaffee aus Guatemala und Solidaritätskundgebungen für Nicaragua. Seitdem ist die Globalisierung in ungeahnter Weise vorangeschritten, aber ich habe das Gefühl: Je enger die Vernetzung wird, je weiter sich die Alltagserfahrungen und Lebensstile angleichen, desto größer wird die Tendenz zur Ignoranz und auch zum Nationalismus oder Fundamentalismus. Alles in dem krampfhaften Bemühen, irgendwie noch etwas Eigenes zu retten. Dagegen müsste vielleicht tatsächlich mal eine große Rede gehalten werden.

Einspruch! Es gibt doch eine Gegenrednerin: Greta Thunberg.

Das stimmt. Ich finde, ihre Rede vor den UN in New York war eine große Rede – sehr emotional, sehr einseitig, sehr anstößig im besten Sinne. Man hat es ja an den aufgeregten und teilweise verächtlichen, unter die Gürtellinie zielenden Reaktionen gemerkt – sie sei krank und so weiter. Dabei war die Wirkung auch deshalb so stark, weil sie in ihren Auftritten normalerweise betont sachlich, geradezu aufreizend nüchtern redet. Daran hatten sich viele ja auch schon wieder gestört: Sie soll mal nicht so altklug sein. In New York hat sie dann einmalig, punktgenau die Fassung verloren und die Erwartungen gebrochen.

Und sie schafft es mit ihren Reden, dass viele Menschen ins Nachdenken über ihren Lebensstil kommen.

Die Fridays-for-Future-Bewegung mit der weltweiten Solidarisierung der jungen Generation ist fantastisch, und ich finde, das Aufrütteln ist schon Erfolg genug. Welche politische Bewegung der letzten Jahre hatte eine so durchschlagende Wirkung? Die Jungen müssen den Älteren nicht auch noch die Antworten liefern, dafür sind sie nicht zuständig. Allerdings würde ich schon kritisch einwenden, dass der Protest allzu einseitig auf das Thema Klima geht. Armut, Unfreiheit, Krieg – all das bleibt eher unterhalb der Empörungsschwelle. Es gab – um nur ein Beispiel zu nennen – keinen auch nur annähernd vergleichbaren Aufschrei wegen des Kriegs in Syrien. Ich habe aber schon die Hoffnung, dass aus der Klimabewegung ein Bewusstsein für so etwas wie „Weltinnenpolitik“ entsteht. Unserer Generation ist das verloren gegangen.

Als Schüler schrieb Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, für die dortige Lokalzeitung. Mittlerweile ist die Liste seiner Veröffentlichungen umfangreich. Der Sohn iranischer Eltern, der Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaften studierte, hat mehrere Bücher über den Koran wie „Gott ist schön“, über west-östliche Begegnungen („Zwischen Koran und Kafka“) und auch Romane geschrieben – darunter das autobiografisch grundierte Buch „Dein Name“, das rund 1200 Seiten hat. Seine jüngste Veröffentlichung „Morgen ist da“ ist im Verlag C. H. Beck erschienen.

Mehrmals ist der vielfach ausgezeichnete Kermani – 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – als Reporter unterwegs gewesen, hat etwa über die Situation im Irak berichtet. 2015 legte er die Flüchtlingsroute von der Türkei nach Budapest in umgekehrter Richtung zurück.

Mit Frau und zwei Töchtern lebt Kermani in Köln, ist Anhänger des dortigen FC. Glühender Fan ist er ebenso von Musiker Neil Young. Am Hamburger Thalia-Theater hatte vor wenigen Wochen „Die Nacht der von Neil Young Getöteten“ Premiere, die Adaption eines seiner Texte.

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