Warum halten Sie nie zu Deutschland, Daniel Cohn-Bendit?

  • Als Daniel Cohn-Bendit 1954 neun Jahre alt war, wurde Deutschland Fußballweltmeister. Gefreut hat er sich darüber nicht.
  • Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben.
  • Im Interview erzählt der ehemalige Studentenführer, was ihm 1968 bedeutet, wie Fußball und Politik zusammenhängen – und was er an Joschka Fischer widersprüchlich findet.
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Wenn man Ihren Namen hört, denkt man automatisch immer an Paris, Mai 1968. Stört Sie das eigentlich?

Das gehört zu meinem Leben, genauso wie ich als Kind rote Haare hatte. Dagegen kann man nichts machen. Aber das ist auch gut so. Ich habe daran gute, ja, sehr schöne Erinnerungen.

Aber es hat ja auch Probleme mit sich gebracht.

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Natürlich hat es Probleme mit sich gebracht. Kennen Sie einen Abschnitt in Ihrem Leben, in dem es keine Probleme gab? Damit sage ich ja nicht, dass ich keine Probleme hatte, sondern es war eine aufrührerische Zeit. In dieser Zeit und auch danach haben wir vieles versucht. Einiges war sehr sinnvoll, einiges war nicht so sinnvoll. Aber es hat mein Leben im Alter zwischen 22 und 30 Jahren bestimmt.

Aber Sie haben nach 1968 ja vieles anders gemacht, Sie waren unter anderem bei den Grünen und im Europaparlament aktiv. Fühlen Sie sich nicht auf diesen einen Lebensabschnitt reduziert?

Doch. Ich versuche dem auch auszuweichen. Nur will ich nicht, wenn ich auf 68 angesprochen werde, erst mal negativ antworten. Aber natürlich reduziert sich mein Leben nicht auf mein 22. bis 30. Lebensjahr. Das wäre ja furchtbar. Doch wenn man Schlagzeilen in der ganzen Welt gemacht hat, will ich mich nicht wundern, wenn ich darauf angesprochen werde. Ich sag nur den Leuten irgendwann: „Ist ja gut jetzt.“ Und deswegen habe ich 50 Jahre nach 1968 nicht ein Buch über 68 geschrieben, sondern über Fußball.

Keine klassische Autobiografie

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Ihr Buch „Unter den Stollen der Strand“ ist 2018 in Frankreich erschienen, jetzt kommt es in Deutschland auf den Markt. Es ist keine klassische Autobiografie, sondern Sie erzählen Ihr Leben entlang des Fußballs. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?

Fußball gestaltet mein ganzes Leben. Seitdem ich sieben Jahre alt bin, bin ich mit Fußball groß, reif und alt geworden. Fußball, in all seinen Facetten. Deswegen war es eine Chance, meine Lebensgeschichte, gesellschaftspolitische Interpretation und Fußball zusammenzubringen. Das hat Spaß gemacht, mal diese Verbindung durchzuhalten.

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Wenn wir noch mal auf die politisch umkämpften Sechziger und Siebziger schauen. War es damals nicht ein Problem, als Linker Begeisterung für den Fußball zu zeigen?

Das war mir völlig egal, was die anderen gedacht haben. Ich war ja ein Sponti, ein Hedonist, und zu meiner hedonistischen Lebensvorstellung gehörte die Faszination Fußball. Ich habe weder damals noch später eingesehen, dass ich mich legitimieren soll, nur weil ich so fasziniert bin von diesem runden Ball und was damit geschieht.

Aber Fußball war ja in den Sechziger-, Siebzigerjahren noch kein gesellschaftlicher Konsens und noch nicht so in der Politik und bei Intellektuellen angekommen, wie es heute der Fall ist.

Aber wie gesagt, das war nicht mein Problem. Ich war fasziniert von Fußball. Für mich sind Politik, Fußball und Liebe die drei Säulen meines Lebens.

Wenn Sie zurückschauen: Fällt Ihnen ein besonders schlimmes Fußballerlebnis ein?

Was heißt schlimm? Natürlich ist das Halbfinale 1982 zwischen Frankreich und Deutschland in Sevilla etwas, was ich genauso wie viele andere in Frankreich nie vergessen werde.

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Meinen Sie speziell das brutale Foul des damaligen deutschen Nationaltorhüters Toni Schumacher an dem Franzosen Patrick Battiston, der dabei zwei Zähne verlor und eine Gehirnerschütterung davontrug?

Ich meine das ganze Spiel. Das Foul gehört zu der Dramatik dieser Partie. Deutschland führt, Frankreich gleicht aus, dann diese Attacke von Schumacher auf Battiston, ohne Freistoß, ohne Rote Karte. Heute wäre das undenkbar. Schumacher wäre weg gewesen, Deutschland hätte zu zehnt gespielt. Und in der Verlängerung führt Frankreich 3:1 gegen Deutschland, aber kassiert noch den Ausgleich und verliert im Elfmeterschießen. Der damalige französische Kapitän Michel Platini hat mal zu mir gesagt: „Weißt du, Dany, deshalb spielen wir Fußball, für solche Erlebnisse, auch wenn sie schmerzhaft sind. Solche Spiele will man nicht missen.“

Brutales Foul: Der deutsche Nationaltorwart Harald (Toni) Schumacher springt während des Halbfinalspiels am 8. Juli 1982 im Sánchez-Pizjuán-Stadion in Sevilla aus vollem Lauf den französischen Spieler Patrick Battiston (3) an. Battiston verliert bei diesem Foul drei Zähne und erleidet eine Gehirnerschütterung. © Quelle: picture-alliance/ dpa

Sie betonen in Ihrem Buch des Öfteren, dass Sie im Fußball wie im Sport allgemein immer gegen die deutsche Nationalmannschaft sind. Aus Prinzip. Warum?

Das hat natürlich damit zu tun, dass meine Eltern 1933 aus politischen Gründen aus Deutschland fliehen mussten. Mein Vater war politischer Rechtsanwalt. Sie wurden im Krieg verfolgt, mussten sich zum Teil im Wald verstecken. Mein Bruder war unter falschem Namen von einer anderen Familie aufgenommen worden. Ein Teil meiner Großeltern ist umgekommen. Trotz meiner Versöhnungsaktivitäten zwischen Frankreich und Deutschland bleibt so eine Verletzung. Diese Verletzung hat sich bei mir einen Weg gebahnt, indem sie sich irrational im Sport ausdrückt. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Widerspruch in meinen Emotionen und in meinem Charakter.

Also ist es eine Form der Verarbeitung Ihrer Vergangenheit?

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Ja, es ist eine Form der Verarbeitung. Oder man kann auch sagen, der Nichtverarbeitung meiner Vergangenheit oder besser: der Geschichte meiner Eltern.

Äußert sich das heute noch?

Ich bin überhaupt kein Nationalist, nun wirklich nicht. Und ich lobe auch vieles, was es in Deutschland gibt, aber nicht in Frankreich. Aber im Sport bin ich immer für Frankreich.

Wirklich immer?

Immer – mit Ausnahmen: Ich kann auch für Brasilien sein, wenn sie groß gespielt haben. Oder ich war im Viertelfinale der Frauen-Fußballweltmeisterschaft im Spiel Vereinigte Staaten gegen Frankreich für die USA. Obwohl ich natürlich eigentlich zu Frankreich hätte halten müssen.

Also können Ihre Sympathien schwanken.

Sie können wandern, aber zunächst einmal sind sie tief verankert. Als Kind habe ich in Frankreich gelebt und bin mit dem französischen Fußball aufgewachsen. Das sind meine fußballerischen Wurzeln.

Welche Beziehung haben Fußball und Politik zueinander?

Es gibt schon politische Fußballer. Der Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft bei der WM 1982 in Spanien, Sokrates, etwa war einer derjenigen, die damals sehr engagiert gegen die brasilianische Diktatur gekämpft und somit Fußball und Politik zusammengebracht haben. Ich habe 1983 ein Fußballspiel in Brasilien gesehen, wo die Spieler von Corinthians mit einem Transparent aufs Fußballfeld gekommen sind mit dem Spruch „Gewinnen oder verlieren. Aber immer für die Demokratie.“ Das war schon faszinierend. Egal, wie sich die Fußballer artikulieren – manchmal auch blöd wie in meinen Augen Özil vor der jüngsten WM –, sie müssen das Recht haben, sich zu artikulieren.

Sie haben doch das Recht, aber es macht ja niemand.

Es gibt Ausnahmen.

Wen denn?

Mats Hummels, zum Beispiel. Bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Prag, bei dem deutsche Fans rechtsradikale Parolen gerufen hatten, hat er nach dem Spiel seine Mannschaftskollegen zurückgehalten und gesagt, zu denen gehen wir jetzt nicht in die Kurve. Das fand ich standhaft. Das fand ich eine große Geste.

Sie sagen, die Zukunft des Fußballs sind die Frauen. Wie meinen Sie das?

Frauen wie der US-Fußballstar Megan Rapinoe haben eine ganz andere Selbstverständlichkeit, sie äußern sich auch politisch. Und Frauen stehen ganz selbstverständlich zu ihrer Homosexualität. Das ist bei den verklemmten Männern undenkbar.

Warum finden Sie die Männer verklemmt?

Es ist doch so: Es muss ungefähr genauso viele Schwule unter Fußballern geben wie Schwule unter Männern in der Gesamtgesellschaft. Es kann doch nicht sein, dass die einzige Domäne, in der es keine Homosexuellen gibt, der Fußball ist.

Ist der Fußball ein Spiegel der Gesellschaft?

In der Frage der Homosexualität ist die Gesellschaft weiter, da hängt der Männerfußball hinterher. Wenn ich irgendwann mal die Schlagzeile lese „Diese beiden Fußballer haben geheiratet“, dann sage ich: Okay, jetzt ist der Fußball auch so weit.

„Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts hat dem Fußball gutgetan“

Aber die Multikulturalität der Gesellschaft spiegelt sich mittlerweile doch auch in der Nationalmannschaft wider.

Richtig. Und das ist Rot-Grün hoch anzurechnen, dass sie das Staatsbürgerschaftsrecht so verändert haben, dass Fußballer, die anders als ihre Eltern hier geboren wurden, für die deutsche Nationalmannschaft spielen dürfen. Das hat dem Fußball gutgetan.

Sie zitieren in Ihrem Buch Michel Platini, der gesagt hat: „Fußball hat einen kulturellen und gesellschaftlichen Mehrwert.“ Worin liegt der?

Fußball kann integrieren. Es gibt viele Auseinandersetzungen auf dem Fußballplatz, es gibt Rassismus und Antisemitismus. Aber der Fußball schafft auch unheimlich viele Möglichkeiten, diese schlimmen Dinge zu überwinden. Da sind dann unter anderem die Fußballlehrer gefragt. Der Sport ist wichtig, weil die jungen Menschen, die da spielen, mit dem Fußball anders pädagogisch begleitet werden können, damit diese furchtbaren Emotionen wie Rassismus und Antisemitismus überwunden werden können.

Sie entstammen einer jüdischen Familie. Merken Sie den anwachsenden Antisemitismus?

Ich persönlich nicht. Aber ich höre oft, dass es schlimmer wird. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Antisemitismus nie verschwinden wird. Es ist nur so: Entweder mobilisiert sich die Mehrheitsgesellschaft und sagt, das wollen wir nicht so. Dann sind Antisemiten zum Schweigen verurteilt, weil sie merken, der überwiegende Teil der Mehrheit will das nicht hören.

Und wenn nicht?

Wenn die überwiegende Mehrheit dieses nicht vermittelt, dann gewinnen Sätze wie „Man wird doch wohl mal sagen dürfen ...“ die Oberhand. Und wenn Sätze beginnen mit „Man wird doch wohl mal sagen dürfen ...“, dann wissen Sie, jetzt kommt es knüppeldick. Es ist das Los der Juden, dass sich immer wieder Menschen gegen sie verbünden, aus welchen Gründen auch immer. Und da darf die Mehrheitsgesellschaft nicht schweigen.

Noch einmal zurück zum Fußball: Sie erzählen, dass Joschka Fischer Fan von Eintracht Frankfurt und Bayern München ist. Wie geht denn so etwas?

Das sind die Widersprüche von Joschka Fischer. Man kann nicht Frankfurt-Fan und Bayern-Fan sein. Jeder Mensch hat Widersprüche, und das ist einer der großen Widersprüche von Joschka Fischer.

Uns steht ja eine besondere EM bevor, in verschiedenen Ländern. Wie finden Sie die Idee?

Ich finde es okay. Ich finde es zwar organisatorisch unfair, wenn etwa die Schweiz in der Vorrunde quer durch Europa reisen muss, während Deutschland drei Spiele in München hat, aber ansonsten finde ich die Idee gut.

Wird da wirklich die europäische Einigung gefeiert, oder ist es nur Show?

Es ist egal, ob sie eine EM in vielen Ländern oder nur in einem austragen, es ist immer Show. Und Leuten, die jetzt argumentieren, es muss so viel gereist werden, kann man nur sagen: Wenn Sie eine WM in einem Riesenland wie Brasilien oder in den Vereinigten Staaten austragen, müssen Sie da auch viel reisen. Diese Länder sind ja allein fast so groß wie Europa. Das sind keine Argumente.

Wer wird Europameister?

Frankreich, Italien oder die Niederlande. Und Spanien darf man auch nie unterschätzen. An Deutschland glaube ich noch nicht, die Mannschaft muss noch reifen.

1968 probten Frankreichs Studenten den Aufstand. Ihr charismatischer Anführer war der deutschstämmige Daniel Cohn-Bendit. Nach einer Rede in West-Berlin verwehrte die französische Regierung unter Charles de Gaulle ihm am 22. Mai 1968 die Wiedereinreise nach Frankreich. Cohn-Bendit gehörte danach zunächst zur Frankfurter Sponti-Szene. Seit Ende der Siebzigerjahre wirkte er bei den Grünen mit. Während er sich lange Zeit in der Frankfurter Kommunalpolitik engagierte, wechselte er 1994 in die Europapolitik und zog ins Europaparlament ein. Für Kritik sorgten um die Jahrtausendwende seine Äußerungen über die Sexualität von Kindern, über die er Mitte der Siebzigerjahre in einem Buch geschrieben hatte. Cohn-Bendit bedauerte diesen Text mehrmals als Fehler und „grobe Dummheit“. Mit „Unter den Stollen der Strand: Fußball und Politik – mein Leben“ (KiWi, 272 Seiten, 22 Euro, erscheint am 13. Februar) veröffentlicht Cohn-Bendit nun seine Memoiren. Der deutsch-französische Politiker und Publizist, der am 4. April 75 Jahre alt wird, erzählt sein Leben entlang von Fußballspielen und Fußballtragödien.

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