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Wallejoppen und Schimanski-Jacken: über das Elend von sommerlicher Männermode

  • Gar nicht so leicht, sich als Mann zweckmäßig einzukleiden.
  • RND-Kolumnist Imre Grimm macht nicht jede Mode mit. Wer will schon aussehen wie aus Fimo gebastelt?
  • In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ geht es diesmal um Lust und Leid der Männermode.
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Ich trage gern normale Hosen, normale Schuhe und normale Hemden. Früher hieß das „normal“. Heute heißt das Normcore. Das setzt sich zusammen aus normal und Hardcore. Es bedeutet also extrem normal. Einfach normal ist ja heute unnormal. Normcore heißt, dass für deine Bekleidung keine Duschvorhänge sterben mussten. Normcore-Extremisten wie ich wählen Kleidung so, dass meiner angesichtige Mitmenschen nicht erblinden. Ich bin sozusagen der Volkswagen Golf der Mode. Meine Hemden sind schwarz wie meine Seele. Sie sind nicht körpernah geschnitten, dafür bin ich hemdnah gebaut. Normcore ist unisex. Unisex ist nicht studentischer Geschlechtsverkehr, sondern bedeutet, dass Männlein und Weiblein diesem schillernden, elektrisierenden Fashionstatement gleichermaßen verfallen sind.

Ich sage mal so: lieber Normcore als diese konsequente Sackverhüllung, die in Modeblogs und Innenstädten derzeit praktiziert wird. Oben XL-Schlabberbluse, unten Hochwasserhose. Im Grunde ist es einfach, modemäßig vorne mit dabei zu sein. Erster Schritt: Achten Sie einfach darauf, dass Ihnen die Klamotten auf keinen Fall passen. Wenn es spannt, ist es spannend. Zweitens: Wählen Sie als Kerl Farben aus dem Tuschkasten eines LSD-süchtigen Impressionisten. Türkisfarbenes Jackett zur mauvefarbenen Hose? Man wird Sie feiern! Drittens: Kombinieren Sie Unkombinierbares. Gummistiefel zum kleinen Schwarzen. Bikerjacke zu Leopardenleggings. Aber Vorsicht: Vieles, was Männern modemäßig obenrum gelingt, machen sie durch die Socken wieder kaputt.

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Türkisfarbenes Jackett zur mauvefarbenen Hose? Man wird Sie feiern! Aktuelle Männermodeentwürfe des Designers Aaron Potts (von links) sowie von Salvatore Ferragamo, Louis Vuitton und Dries van Noten. © Quelle: Fotos: picture alliance / Photoshot,, Ik Aldama/picture alliance, PASCAL LE SEGRETAIN/Getty Images,, FashionPPS/picture alliance/ZUMAPRESS.

Schuhe wie eingeschmolzene Hubba Bubbas

Neulich war ich Schuhe kaufen. Das war auch nicht schön. Schuhe kaufen kommt in der Liste meiner Leidenschaften ziemlich weit hinten, kurz hinter Mir-mit-dem-Hammer-kräftig-auf-den-Kopf-Hauen. Die Schuhe sollten GANZ NORMALE SCHUHE sein. So Schuhe halt. Schuh-Schuhe. Aber so etwas haben sie da nicht. Sie haben Schuhe, die aussehen wie eingeschmolzene Hubba Bubbas. Als habe Indiana Jones seine Latschen drei Tage lang in einem Topf Bohnensuppe mitgekocht. Sie haben Schuhe, die aussehen, als wurden sie aus den Stoffschnipseln auf dem Boden eines Sweatshops in Taiwan zusammengelötet. Sie haben Schuhe, auf denen „Denim Wear established Weißdergeierwann“ steht. Sie haben Schuhe für Katamaransegler und Personalchefs, für Polospieler und RTL-Formel-1-Reporter.

„Ich suche ganz normale Schuhe“: Angebot in einem Schuhladen. © Quelle: Getty Images
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„Ich suche ganz normale Schuhe“, sagte ich zum Verkäufer. Er sah mich lange an. Es ist ja schön, wenn man einen Kopf hat und die Ohren nicht in die Hosentasche tun muss. Aber seine nächste Frage verstand ich nicht ganz. „Wofür brauchen Sie die denn?“, fragte er. – „Äh – für die ... Füße?!“, sagte ich. „Zum Anziehen. Schuhe halt.“ Er runzelte die Stirn. Dann ging er weg. Nach 20 Minuten kam er wieder – mit einem Schuh, der aussah, als hätte er damit eben noch schnell ein Nashorn totgetreten. „Der hier ist normal“, log er. „Wir haben aber nur noch die Größen 38, 39, 48 und 51.“ Ich ging nach Hause. Wer braucht schon Schuhe. Der Sommer ist nah.

Stille Dramen vor dem Kleiderschrank

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Sommer aber verunsichert den Mann. Das stand so nicht im Vertrag. Darauf ist er nicht eingestellt. Da muss er kleidungstechnisch auf Notlösungen zurückgreifen, und das kann verheerende Auswirkungen haben, auch auf die Beziehung. Denn Männer, denen zu heiß ist, verzichten grundsätzlich an ungeeigneten Körperstellen auf Bekleidung. Merke: Ungünstig hervorquellendes Bonusgewebe ist auch im Hochsommer mit leichtem Tuch zu verhüllen.

Manche Männer schleppen sich in Wollanzügen durch schwüle Büroflure wie der Yeti durch die Wüste, „mehr Omelette als Mensch“ (Nietzsche). Frauen dagegen werfen sich rasch was Leichtes über und federn durchs Leben, als gehe es zur Bademeisterbebalzung nach Rimini. Das öffentliche Leben legt in diesen Tagen Zeugnis ab vom stillen Drama, das sich bei knapp 30 Grad vor Männerkleiderschränken abspielt: Sind Diddl-Maus-Socken in Trekkingsandalen schlimmer oder besser als weiße? Geht das braunbeige Bowlingshirt von Roswithas silberner Hochzeit 1976 noch? Sind Radlerhosen zulässig, wenn mein Körper breiter ist als hoch? Und nein: Eine 7/8-Hose ist kein tragbarer Kompromiss, sondern ein Fashion-Unglück. Selige Zeiten, als wir noch Fell hatten.

Was Kim Kardashian trägt, passt mir nicht

Man kann sich ja fertige Outfits zusenden lassen. Ich habe das mal ausprobiert. Am Ende sah ich aus wie André Agassi in den Achtzigern. Wie aus Fimo gebastelt. Wenn ich so auf die Straße gegangen wäre, hätten mich Polizeibeamte behutsam in eine betreute Wohneinrichtung geführt. Da wird Mode zum verzweifelten Versuch des Menschen, an der Evolution aktiv mitzuwirken. Ich habe mich dann für ein schwarzes Hemd und Jeans entschieden. Als kleines neckisches Accessoire wählte ich ein graues T-Shirt. Ich nenne es Normcore royal.

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Auch habe ich es bisher abgelehnt, mich nach dem Vorbild prominenter Menschen zu kleiden. Influencer interessieren mich nicht, und was Kim Kardashian trägt, passt mir nicht. Ich habe nur 2005 einmal kurz gegoogelt, welche Jacke Heath Ledger in „Brokeback Mountain“ trug. (Irgendwas von Carhartt. Zu teuer.) Jüngst aber habe ich mir eine M65-Army-Jacke bestellt.

Meine Harthundigkeit ist beklagenswert

Erst hinterher stellte ich fest, dass ich versehentlich eine TV-Kultjoppe erworben hatte. Die M65, seit 1965 hunderttausendfach für den Vietnam-Krieg genäht, wurde bei uns in Beige durch einen der am wenigsten reputierlichen und genau deshalb formidabelsten Motzköppe der deutschen Fernsehgeschichte bekannt: Horst Schimanski.

Nur, weil du dreimal täglich „Scheiße!“ brüllst, jagst du einem Hafenmafioso noch lange keine Angst ein: Schauspieler Götz George 1998 in seiner Paraderolle als Schimanski – in seiner typischen M65-Military-Jacke in Beige. © Quelle: picture-alliance / dpa

Nun habe ich die Hoffnung, dass Eigenschaften der Figur auf mich abfärben. Denn meine Harthundigkeit ist beklagenswert. Schimanski? Ich bin kein einsamer Wolf, eher ein verzagter Waschbär. Das letzte Mal, dass ich einen Typen so richtig verhauen habe, war noch nie. Und nur, weil du dreimal täglich „Scheiße!“ brüllst, jagst du einem Hafenmafioso noch lange keine Angst ein.

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Rentnerbeige ist eine „abwartende“ Farbe

Ich habe versucht, mehr Klaus Lage zu hören, aber dann las ich, dass die Schimi-Hymne „Faust auf Faust“ von Diether Dehm mitkomponiert wurde, dem Linken-Politiker. Und jetzt habe ich einen Knoten im Kopf, denn von Dehm sind auch die deutschen Texte zu den Bots-Hits „Was wollen wir trinken sieben Tage lang“ und „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Und da frage ich: Was denn nun? Auf die Fresse oder weiches Wasser?

Es ist übrigens empirisch erwiesen, dass viele Rentner gern Beige tragen. Das hat sozialpsychologische Gründe. Sie bleiben im Trend gern unauffällig und wählen daher „abwartende“ Farben. Es war Schimi, der das Beige vom Nimbus des Zaudernden befreit hat. Denn wenn der Mann etwas nicht war, dann abwartend. Meine M65 ist trotzdem schwarz, nicht beige. In Beige sähe ich endgültig aus wie Robin Williams in „One Hour Photo“. Oder wie ein Farbumkehrbild von Diether Dehm. Und das kann niemand wollen.

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag – dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

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