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Vorsicht bei Tanzchallenges: Nutzer sollten Videos besser löschen

  • Weil sie zum Erfolgshit „Jerusalema“ tanzten, fordert der Musikkonzern Warner Music Lizenzgebühren von Behörden und Organisationen.
  • Der Schritt der Plattenfirma ist ungewöhnlich, aber gerechtfertigt.
  • Droht jetzt eine Abmahnwelle gegen Hobbytänzer?
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Köln. Auf der ganzen Welt tanzen Menschen zu dem Song „Jerusalema“ von Master KG. Auch in Deutschland haben Polizisten, Feuerwehrleute und Pflegekräfte in den vergangenen Monaten an der Challenge teilgenommen und unzählige Videos dazu im Netz veröffentlicht.

Für einige dieser Gruppen hat der Tanzspaß nun allerdings unangenehme Folgen: Der Musikkonzern Warner Music hat den Organisationen Schreiben zukommen lassen, in denen er nachträglich Lizenzgebühren für die Nutzung des Songs fordert.

Die Begründung der Plattenfirma: „Wir lieben die Tatsache, dass die Fans hinter ‚Jerusalema‘ stehen. Aber wenn Organisationen in Deutschland den Song nutzen, um sich selbst zu promoten, sollten sie sich unserer Meinung nach eine Synchronisationslizenz sichern“, wird ein Warner-Sprecher bei „Focus Online“ zitiert. In diesen „schwierigen Zeiten“ sei es „wichtiger denn je, dass Künstler und Künstlerinnen für ihre Musik bezahlt werden, wenn sie von Dritten genutzt wird, um ihre Reputation zu steigern.“

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Müssen auch Privatpersonen zahlen?

Betroffen von den Forderungen sind allem Anschein nach nur Unternehmen, Behörden und Verbände. Doch wie sieht es bei Privatpersonen aus? Müssen sie nun Abmahnungen durch Musikkonzerne fürchten, wenn sie Tanzvideos auf Plattformen wie Youtube, Instagram oder Facebook hochladen?

Der Kölner Medienrechtsanwalt Christian Solmecke zumindest rät dazu, derartige Videos aus dem Netz zu entfernen: „Da der Song urheberrechtlich geschützt ist und Warner Music die Rechte an dem Stück hält, stellt die unberechtigte Verbreitung des Stückes über das Internet einen Verstoß gegen das Urheberrecht dar“, erklärt Solmecke die Rechtslage im aktuellen Fall auf RND-Anfrage. Das gelte auch für Privatpersonen.

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„Wer ein Video veröffentlicht, in dem das Lied zu hören ist und dazu getanzt wird, hätte vorher eine entsprechende Lizenz für die Nutzung erwerben müssen.“ Die Plattenfirma dürfte nachträglich also Lizenzgebühren in Rechnung stellen.

„Abmahnwelle unwahrscheinlich“

Eine Ausnahme bestehe nur, wenn es sich bei dem Tanz um eine Parodie handele, etwa wenn der Tanz überspitzt dargestellt würde. „Dann wäre ein Urheberrechtsverstoß zu verneinen“, so der Medienrechtsanwalt. Das sei bei den Tanzvideos zur „Jerusalema-Challenge“ jedoch nicht gegeben.

Eine Abmahnwelle gegen private Tänzer hält der Anwalt grundsätzlich für unwahrscheinlich: „Vermutlich wird Warner Music kein Interesse daran haben, reihenweise Privatpersonen abzumahnen. Bei diesen ist nämlich der Gegenstandswert für den urheberrechtlichen Unterlassungsanspruch begrenzt, sodass cirka maximal 150 Euro Abmahnkosten geltend gemacht werden können.“

Dennoch sei eine Abmahnung für solche Tanzvideos theoretisch denkbar. „Auch Privatpersonen sollten daher ihre Videos möglichst von den Internetplattformen entfernen“, rät der Medienanwalt.

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Was Warner zum Fall sagt

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Der Musikkonzern selbst erklärt auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), man plane nicht, private Tänzer für die Songnutzung zur Kasse zu bitten. „In Deutschland, Österreich und der Schweiz müssen Privatpersonen keine Erlaubnis für die Nutzung unserer Musik im Rahmen der ‚Jerusalema Dance Challenge‘ einholen oder kostenpflichtig eine Lizenz erwerben, wenn sie Videos mit unserer Musik in sozialen Medien oder auf Videoplattformen veröffentlichen“, so ein Sprecher von Warner Music.

„Wenn jedoch Institutionen, Unternehmen oder Organisationen Videos mit Musik unserer Künstler veröffentlichen, ist es üblich, dass sie sich Synchronisationslizenzen sichern“, heißt es weiter. „Und wir bitten dort um die Aufnahme von Lizenzverhandlungen, wo im Rahmen der betreffenden Videos, die mit unserer Musik veröffentlicht werden, ein werblicher oder imagefördernder Effekt zugunsten einer Institution, Organisation oder Firma gegeben ist.“

„Abmahnungen“ habe der Konzern im Übrigen nicht an die Institutionen verschickt, betont der Sprecher. „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass unsere Künstler eine faire Vergütung für die Nutzung ihrer Musik erhalten.“ Zur Lizenzierung des Songs biete man unterschiedliche Preiskategorien an, zum Teil auch „rein symbolische Beträge“. „Keinesfalls verschicken wir Abmahnungen für die typischen ‚Jerusalema Dance Challenge‘-Videos oder fordern ‚Strafzahlungen‘, wie zum Teil behauptet wurde.“

Tanzchallenges werden zum Trend

Von den Forderungen der Plattenfirma betroffen war mitunter die Polizei im Märkischen Kreis. Die Beamten hatten im Dezember ein aufwendig produziertes Tanzvideo veröffentlicht, in dem Streifenpolizisten und die Spurensicherung zu dem Popsong aus Südafrika tanzten. Das NRW-Innenministerium bestätigte, man habe die Rechnung des Musikkonzerns beglichen – das Video steht weiter online.

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Auch die Düsseldorfer Universitätsklinik hatte laut einem dpa-Bericht Post von Warner Music bekommen. Tatsächlich hatte die Klinik das Tanzvideo ihrer Belegschaft kurz nach dem Erscheinen aber schon wieder offline genommen – was man dem Musikkonzern auch als Antwort mitteilte. Eine Geldforderung habe es seitdem nicht gegeben, hieß es von der Uniklinik.

Tanzhypes wie die „Jerusalema-Challenge“ haben in den vergangenen Monaten verstärkt zugenommen. Dass Plattformen wie etwa Youtube den Upload solcher Videos duldeten, mache sie aber noch lange nicht legal, warnt Medienanwalt Solmecke. Zwar gebe es Lizenzvereinbarungen zwischen Youtube und der Gema – das bedeute aber nicht im Umkehrschluss, dass Youtube-Nutzer auch beliebig Musik auf der Plattform hochladen dürften.

Auch Tiktok-Tänze bergen Abmahnpotenzial

Bei solchen Videos gehe es „nicht lediglich um das Hochladen einer Tonaufnahme von dem Song“, erklärt Solmecke. „Hier wird die Tonaufnahme mit einer eigenen Bildaufnahme verknüpft. Die Nutzer stellen dadurch im Grunde ein eigenes Musikvideo her. Ein Recht, ein solches Musikvideo herzustellen, vergibt die Gema jedoch so oder so nicht.“

Auch Tänze auf der Plattform Tiktok hält Solmecke für kritisch. Hier ist das Nachtanzen von bekannten Hits ganz besonders populär, häufig werden vormals unbekannte Songs durch die zahlreichen Choreografien von Hobbytänzern überhaupt erst bekannt. „Die Rechte an der Musik, die man auf Tiktok einbinden kann, stehen in der Regel nicht Tiktok, sondern weiterhin allein ihren Urhebern zu. Auch dem Nutzer stellt Tiktok keinesfalls Rechte an der Musik zur Verfügung. Das stellt die Plattform in ihren Nutzungsbedingungen klar“, weiß der Anwalt.

Eine Klagewelle hält Solmecke jedoch auch hier für unwahrscheinlich. „Die Rechteinhaber bzw. Verwertungsgesellschaften werden kein Interesse daran haben. Schließlich stellt die App für die Rechteinhaber eine große Chance dar, ihre Werke noch populärer zu machen. Für die Urheberrechtsinhaber wäre es kontraproduktiv, gegen die Nutzer zu klagen oder Tiktok zu ‚eliminieren‘. Vielmehr muss man versuchen, dass man von dem Topf, den Tiktok da neu geschaffen hat, einen angemessenen Teil abbekommt.“ Mit einigen Rechteinhabern stehe Tiktok daher bereits in Verhandlungen.

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„Jerusalema-Challenge“: Klinikpersonal dreht Musikvideo
2:26 min
Inspiriert von der „Jerusalema-Challenge“ drehte nun das medizinische Personal der Universitätsklinik Schleswig-Holstein ein eigenes Tanzvideo.  © Reuters

„Besser den Urheber um Erlaubnis fragen“

Auf der Facebook-Seite von „Warner Music“ häuften sich am Montag kritische Kommentare, in denen dem Konzern oft „schäbiges Verhalten“ vorgeworfen wird. Eine Nutzerin schreibt: „Ihr solltet die zusätzlich generierten Einnahmen, die ihr nun erhaltet (Jerusalema), spenden. Jedenfalls das Geld, welches ihr von den Feuerwehren, Polizeistationen usw. erhaltet!“

Medienanwalt Solmecke hält die Forderungen von Warner Music zwar für gerechtfertigt, jedoch für ungewöhnlich. „Für mich ist völlig unverständlich, warum Warner Music nicht die Funktion der Einnahmenübernahme auf Youtube nutzt. Davon haben die Plattenfirmen in der Vergangenheit in der Regel Gebrauch gemacht, wenn ihre Inhalte ohne Genehmigung verwendet worden sind“, so der Anwalt.

Der Song „Jerusalema“ wurde von dem 25-jährigen Südafrikaner Kgaogelo Moagi alias Master KG produziert. Warner Music bewirbt den Hit sogar mit den Tanzvideos im Netz: „Es gibt in der jüngeren Musikgeschichte wenige Songs, deren begleitender Tanz eine weltweite Begeisterung quer durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen auslöste“, heißt es in einem Promo-Text. Man müsse fast bis zu „Macarena“ in den Neunzigerjahren zurückdenken.

Grundsätzlich verzichten müsse man auf derartige Tanzchallenges künftig übrigens nicht, erklärt Solmecke. „Auf der sicheren Seite ist man aber, wenn man erst mal mit dem Urheber der Musik in Kontakt tritt.“

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