Von Netflix lernen heißt „Binge Watching“

Ganze Staffeln am Stück zu schauen ist in Mode. Darin orientieren sich neben den Streamingdiensten zunehmend auch die Fernsehsender. Das Phänomen hat was mit Faust zu tun, erklärt uns ein Medienwissenschaftler.

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Berlin. Als das „Erste“ im Januar die ziemlich spannende Weltkriegserie „Saboteure im Eis“ gezeigt hat, waren viele Zuschauer sauer: Wer eine der im Spätprogramm ausgestrahlten Folgen verpasst hatte, konnte sie nicht wie gewohnt am nächsten Tag in der Mediathek aufrufen. Die entsprechenden Rechte standen der ARD nicht zur Verfügung. Die norwegisch-britische Koproduktion handelt von den Bemühungen der Nazis, eine Atombombe zu entwickeln, und dem Kampf der Alliierten, dies zu verhindern. Nun wiederholt der RBB die Serie an diesem Sonnabend, und zwar am Stück; und das auch nicht erst mitten in der Nacht, sondern bereits um 20.15 Uhr.

Weil Klappern zum Handwerk gehört, macht der Sender clever eine große Nummer draus. In einer Ankündigung wird Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus mit den Worten zitiert, dass man den Trend „Binge Watching“ (zu deutsch: Dauerglotzen) nicht den Streamingdiensten überlassen wolle.

Die Pressemitteilung klingt, als hätte der RBB diese Art der Programmierung erfunden. Ganze Serienstaffeln am Stück gab’s allerdings auch früher schon. Das NDR zum Beispiel zeigt schon seit vielen Jahren regelmäßig mehrere Folgen von „Neues aus Büttenwarder“ oder „Der Tatortreiniger“ am Stück. Bei ARD und ZDF werden zur TV-Premiere einer Serie oft bereits sämtliche Folgen in der Mediathek angeboten. Das „Zweite“ will mit solchen Angeboten „auf die Sehbedürfnisse der meist jüngeren Zuschauer eingehen“. Jüngstes Beispiel ist „Bad Banks“. Die Serie ist zehn Tage vor der Ausstrahlung bei Arte und im ZDF online außerordentlich erfolgreich gestartet; die sechs Folgen erzielten in der ersten Woche insgesamt rund 1,3 Millionen Sichtungen.

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Laut ZDF sei die Möglichkeit, im Anschluss an die erste TV-Folge in der Mediathek umgehend auch die Fortsetzungen sehen zu können, „grundsätzlich stark gefragt“. All das erklärt aber noch nicht den Reiz eines derartigen TV-Marathons. Der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger zitiert zur Erklärung des Phänomens aus Goethes „Faust“: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön!“ „Binge Watching“ sei nichts anderes als der Versuch, „den schönen Augenblick in die Länge zu ziehen.“

Es ist wie bei Faust: Der Augenblick soll ewig währen

Genuss beim Fernsehen, erläutert der Experte für TV-Unterhaltung, entstehe durch Immersion: „Der Zuschauer taucht in eine Geschichte ein, indem er sich in die Figuren hineinversetzt. Dafür ist aber ein bestimmter zeitlicher und emotionaler Aufwand nötig. Dieser Aufwand will belohnt werden, und ‚Binge Watching’ verspricht besonders viel Belohnung.“ Außerdem handele es sich keineswegs um ein Phänomen des DVD- oder Streamingzeitalters: „Die kulturhistorischen Wurzeln liegen im Lieferungsroman des 19. Jahrhunderts, als Romane den Lesern in wöchentlicher Fortsetzungsform nach Hause gebracht wurden. Man hatte nun die Wahl, jede Woche ein Kapitel zu konsumieren oder sämtliche Lieferungen zu sammeln und das Buch am Stück zu lesen.“

Selbst wenn der RBB diese Art der Programmierung nicht erfunden hat, so äußert Hallenberger doch Respekt vor der Idee, „Saboteure im Eis“ am Stück und zudem zu einer attraktiven Sendezeit zu zeigen: „Wir alle kennen unverbindliche Verabredungen. Man trifft auf der Straße zufällig einen Bekannten, plaudert ein bisschen und versichert sich zum Abschied, man müsse sich unbedingt noch mal treffen. Daraus wird in der Regel nie etwas: weil die Verabredung unverbindlich ist.“ Mit der Programmierung der kompletten Serie habe der RBB jedoch eine verbindliche Verabredung geschaffen. In der Mediathek wird sie allerdings auch diesmal nicht angeboten.

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Von Tilmann P. Gangloff