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Vier neue Popalben: Céline Dion, Tindersticks, Pumarosa, Ronnie Wood

  • Die Tindersticks schwelgen auf ihrem Album „No Treasure but Hope“ im Gefühl und haben dabei ihren ersten Lovesong im Angebot.
  • Céline Dion und die Londoner Indieband Pumarosa gehen auf ihren neuen Platten unterschiedlich mit Schicksalsschlägen um.
  • Und Rolling-Stones-Gitarrist Ronnie Wood feiert mit seinen Wild Cats auf „Mad Lad“ einfach mal sein Idol Chuck Berry richtig.
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Die zitternde Stimme von Stuart Staples gehört zu denen, die man sich niemals zu „Fiesta Mexicana“ oder „Ob-la-di, Ob-la-da“ vorstellen könnte. Mal erinnert sie ein wenig mehr an den swingenden Bryan Ferry, dann wieder mehr an das Dunkelgrau im Bariton von Nick Cave. Und jedes Wort auf dem neuen Album der Tindersticks mit dem absolut auf Zeitenhöhe befindlichen Titel „No Treasure but Hope“ – dem ersten richtigen der Nottingham-Band seit nunmehr drei Jahren – ist ein Tropfen Traurigkeit, der sich auf des Hörers Seele wundersamerweise in Balsam verwandelt.

In nur sechs Tagen – so jedenfalls will es die Legende – haben sie ihr zwölftes Werk in Paris eingespielt, dann noch ein Tag in London für die Orchesteraufnahmen – et voilà! Überhaupt: Nur fünf Wochen habe der gesamte Kreativprozess inklusive Songwriting gebraucht. Mit bitteren Verlassenheitsgeschichten wie „The Amputees“ und einem grandiosen (für Staples ungewohnten) Liebesgesang namens „Pinky in the Daylight“, das mit seiner betörenden Melodie und seinen schwelgerischen wiewohl dezenten Streichern eine Nummer-eins-Ballade für die Charts einer besseren Welt wäre, empfiehlt die 1992 gegründete Band unserem geneigten Ohr eine ihrer besten Platten überhaupt. Burt Bacharach lässt nicht nur beim zarten Latinbeat von „Take Care in Your Dreams“ grüßen. Völlig unangestrengt fließt diese Musik aus den Boxen und versetzt den Hörer in einen Zustand unbändiger Entspanntheit, in dem er es gerade noch so schafft, die Repeat-Taste zu drücken.

Tindersticks: „No Treasure but Hope“ (City Slang)

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Sechs Jahre und einigen Mut hat Céline Dion für ihr neues Album „Courage“ gebraucht. Nur kurz nach Erscheinen des Vorgängers „Loved Me Back to Life“ war bei ihrem Ehemann und Manager René Angélil Kehlkopfkrebs festgestellt worden. 2016 starb Angélil, das neue Werk des 51-jährigen Weltstars ist darob sowohl von Trauer geprägt („For the Lover I Have Lost“) als auch von Aufbruch. Denn mit „Flying on My Own“ beginnt das Album nur scheinbar mit einer Kraftpopballade der Marke Dion. Im Verlauf wird der Song rhythmisch, eine veritable Elektrotanznummer und nicht das letzte Stück dieser Sorte – siehe „Nobody’s Watching“ und „Imperfections“.

Quebecs Popqueen hat auch Sia und David Guetta unter ihren Autoren und erinnert im Song „Lying Down“ frappierend an die australische Kollegin, während „Baby“ wie ein verlorenes Midtempojuwel der Bee Gees klingt. All das Tempo steht Dion besser als die popmusikalischen Langsamkeiten, die man mit ihrem Namen gemeinhin in Verbindung bringt. Beim nächsten Mal hätten wir gern mehr davon!

Céline Dion: „Courage“ (Columbia)

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Auch das Londoner Quartett Pumarosa ging seit seinem Debüt „The Witch“ (2017) durch dunkle Zeiten. Sein als „Industrial Spiritual“ bezeichneter Sound, in dem die Gitarren regierten, wird auf dem spannenden Zweitling „Devastation“ verändert zugunsten von Synthieklängen, die schon beim Junglebeat des Openers „Fall Apart“ nach vorne drängen. Bei Sängerin Isabel Munoz-Newsome wurde Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert – wer jetzt aber ein Album erwartet, in dem Schmerz und Verzweiflung regieren, der sieht sich getäuscht. Die Sängerin, die ihre Krankheit bezwungen hat, bringt Songs, in denen die Lust aufs Leben („Adam’s Song“), der Kitzel der Libido („Lost in Her“) und die Freude am Spiel mit der Musik („Virtue“, „Factory“) spürbar sind.

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Die Bristoler Triphopper Portishead gehören dabei ebenso zum Genpool dieses Albums wie U2 in ihren besten, nämlich den „Achtung, Baby!“-Tagen. Zuweilen singt Munoz-Newson so neonwavig wie Debbie Harry in Blondies Hochzeiten, dann wieder wie Beth Gibbons, bei deren stimmlichen Schweben die Gänsehaut nie ausblieb. Nie sind diese Tanzbarkeiten dabei gefällig und glatt, immer gibt es Störmanöver. Manchmal sind die Hommagen offensichtlich: „Heaven“ erinnert vom Rhythmus her an Achtzigerjahrepop von Jimmy Somervilles Communards, im gewaltigen expressiven „Into the Woods“ gründelt Bowies beunruhigendes spätes Songmonster „Blackstar“. Viele Teile – trotzdem ein Guss. „Wann lernen wir auseinanderzufallen? Denn in Stücken bist du so, wie du sein musst“, weiß Munoz-Newsome.

Pumarosa: „Devastation“ (Caroline)

Die Rolling Stones haben seit jeher eine enge Beziehung zu Chuck Berry. Schon ihre erste Single „Come On“ war ein Cover des Rock-’n’-Roll-Granden aus Missouri. Damals war Ronnie Wood noch nicht bei den „Dienstältesten“, aber natürlich gehörte Berry auch zu seinen Helden und der seiner ersten Band The Birds und später der Faces. Und so macht diese kleine Livescheibe „Mad Lad“ aus dem Tivoli Theatre in Wimborne durchaus Sinn. Der 72-Jährige startet die Chose mit einem recht dünnen eigenen Werk namens „Tribute to Chuck Berry“ und arbeitet sich dann mit seiner Band Wild Five durch Rock-’n’-Roll- und Bluesklassiker aus den Berry-Fabriken.

Weniger bekanntes Material wie der Titelsong oder „Blue Feeling“ stehen neben Unvergänglichem wie „Almost Grown“ und „Rock’n’Roll Music“ (beide Male singt die Irin Imelda May) sowie „Little Queenie“ und „Johnny B. Goode“. Natürlich hat diese Truppe im Tivoli nicht nur die hier aufgereihten elf Nummern gespielt, sonst wäre das Konzert nach einer halben Stunde vorbei gewesen. Nein, sie haben auch „Bye Bye Johnny“ abgefackelt, „Run Rudolph Run“, „No Particular Place to Go“, „Around and Around“, „Nadine“ und „Roll over Beethoven“ (eigentlich fehlten von Berrys Bestem nur „Sweet Little 16“ und „You Never Can Tell“). Warum sie den Rest nicht draufgepackt haben – die Laufzeit einer CD wäre auch dann nicht überschritten worden –, weiß der Himmel (also der Ort, an dem Chuck Berry derzeit musiziert).

Ronnie Wood With His Wild Five: „Mad Lad - A Live Tribute to Chuck Berry“ (BMG)

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